Marga Broil an ihren Mann August, 12. Dezember 1944

9. Reinstorf, den 12. Dez. 1944.

Mein lieber August,

der Winter scheint nun mit Riesenschritten hier in der Heide Einzug halten zu wollen, es wird tüchtig kalt, der Wind rüttelt des Nachts an den Dachschindeln über meiner kleiner Kammer, (kennst Du diese Musik noch?) abends zittere ich mich bis zum Einschlafen warm und morgens geht es mit einem Ruck heraus. Wenn ich dann aus dem Fenster scheue, ist alles weiß, die Gärten, die Wiese, der Weg, die im Regen so öd und trostlos aussahen, sind so schön in ihrem weißen Kleid. Ich weiß noch, daß ich es voriges Jahr so tröstend empfand, als sich die Schneedecke über die Trümmer unserer lieben Heimatstadt breitete. Ach, daß doch der Herrgott auch all die geistigen Trümmer wie mit einer solchen Decke zudecken wolle, damit die Wunden der Herzen, die der Krieg geschlagen hat, darunter heilen könnten!

Hier auf dem Hof geht es mit Riesenschritten auf die Bereitung des Weihnachtsfestes zu. Zuerst rief das mir wehe Gefühle in mir wach, weil es mir in diesem Jahr garnicht möglich ist für Dich und die Lieben der Familie etwas zu tun. Aber nun schaffe ich emsig mit, denn mit dem Trauern um das, was nicht sein kann, ist ja nichts gewonnen. Ich bin nun einmal in die Gemein-

schaft der Menschen hier hineingestellt, so will ich auch den Platz ausfüllen, den ich hier einnehmen kann. Zumal man mir täglich neu zu erkennen gibt, daß ich nicht nur geduldet bin, sondern daß sie mich gerne an ihrem Leben teilnehmen lassen. So gebe ich mich denn auch gerne da hinein. Du weißt, daß mir das zuerst schwer fiel. Wenn wir abends zusammensaßen und die Zeit so über dem „Schnachen“ verstrich, dann saß ich wie auf heißen Kohlen und dachte an das, was ich soviel lieber in der Zeit getan hätte. Als Du noch hier warst, war das besonders schwer, ist ja auch die uns ohnehin so selten gewährte gemeinsame Zeit auch doppelt kostbar. Du kennst die Art, wie Herr Meier erzählt, es gehört manchmal wirklich Geduld dazu, ihm zu folgen, aber wenn ich von mir aus versuche das Gespräch von den bekannten unerquicklichen Themen abzulenken, kann oft sogar etwas Gutes dabei herauskommen. Ganz schlicht, frei von jederlei Überheblichkeit, muß sich die Begegnung von Mensch zu Mensch vollziehen, in der beide gleichzeitig Gebende und Nehmende sind. Die christliche Grundeinstellung bietet den besten Boden dazu. Mit den Kindern sitze ich an den dunklen Nachmittagen lange zusammen, erzähle ihnen Geschichten und übe Weihnachtslieder mit ihnen. Das Singen war ihnen vollkommen fremd und es gehört viel Geduld

dazu etwas herauszuholen. Aber ich habe schon einen ganz schönen Erfolg und Herr Meier ist abends recht stolz, wenn seine beiden „Derns“ ihm zeigen, was sie in Tante Margas Schule gelernt haben. Beim Essen ist der Platz neben mir auf dem Sofa sehr begehrt und wenn es etwas gibt, was Elisabeth nicht gerne mag, heißt es nur, ich habe es gekocht, dann schmeckt es trotzdem. Auch allerhand Christkindsarbeit habe ich übernommen: Bollchen werden gekocht, Plätzchen und Honigkuchen gebacken und wenn die Kinder zu Bett sind am laufenden Band Puppenkleider genäht. Auch sonst nehme ich an allen Ereignissen des Hofes regen Anteil. Vorige Woche hat sich das Leben im Schweinestall um sieben kleine Ferkel vermehrt, heute hat eine Kuh gekalbt, Sirup wird gekocht, heute gedroschen, morgen gewaschen, und nächste Woche werde ich zum ersten Mal ein Schlachtfest mitmachen. Die alte Mutter Meier ist seit ich aus Ülzen zurückkam wieder auf dem Hof. Sie meint es recht gut mit mir und wenn ich ihren Aufforderungen bei Tisch immer Folge leisten wollte, hättest Du gewiß bald noch mehr Berechtigung „bin dich nit“ zu mir zu sagen. Die Füße unter fremden Tisch setzen zu müssen, ist nicht leicht, nachdem ich ein halbes Jahr so frei habe schalten und walten können. Jetzt heißt es einfach, sich der bestehenden

Ordnung fügen, das Richten nach Lust und Laune in bezug auf das Maß wie auch auf das, was man ißt, ist nicht möglich und das ist gut so.

Wenn das Wetter es eben erlaubt, mache ich einen Gang in die Heide und den Wald. Das sind die Stunden, in denen ich Dir am nächsten bin, Liebster, denn dann können die Gedanken so gut und ungestört zu Dir Eingehen. Heute habe ich lange auf der kleinen Anhöhe gestanden, wo wir Herta beim Pflügen antrafen, und habe weit über das Land geschaut, wie Du es auch so gerne tust. Auch an dem Saatfeld kam ich wieder vorüber, wo die neue Saat schon ihre grünen Triebe zeigte, und so gute, trostvolle Gedanken knüpften sich an dieses Bild. Du, das Erleben der Natur, und mag sie sich uns in ihrem ernstesten Bild zeigen, ist doch immer im letzten ermutigend, und frohmachend. Es tut mir so recht wohl, hier so reichlich Gelegenheit zu diesem Erleben zu haben, und ich bin dankbar dafür. Du siehst, mein lieber August, daß Du Dich um mich nicht zu sorgen brauchst, daß es mir gut geht jetzt in meinem Leben hier; wüßte ich von Dir doch das Gleiche! Wir können jetzt nichts anderes tun, als jeden neuen Tag mit seinen Gegebenheiten ergreifen und ausrichten auf die ersehnte, künftige Zeit, in der es uns vergönnt sein mag, gemeinsam ein Neues zu bauen. Liebster, ich grüße Dich von Herzen froh

Deine Marga.