Marga Broil an ihren Mann August, 16. Dezember 1944

11. Reinstorf, den 16. Dez. 1944.
13/I.45

Mein lieber August,

nun scheint sich mein Wunsch, recht bald wieder ein Kindlein zu bekommen, doch nicht zu erfüllen, denn in diesen Tagen stellten sich bei mir wieder all die unangenehmen monatlichen Erscheinungen ein, wie ich sie früher gewöhnt war. Einen Tag mußte ich dabei liegen bleiben, nun scheine ich aber bald darüber weg zu sein. Zuerst hat es mich ganz traurig gemacht, die Zeit des Wartens auf Deine Heimkehr nun alleine zubringen zu müssen, die mir zuletzt durch das Wachsen und Werden unseres Winfried so glückhaft und dadurch um Vieles leichter war. Obgleich ich wußte, daß es diesmal nicht so sehr unser Wunsch, sondern der Meine war, hatte ich auf seine Erfüllung gehofft; auch die Erfahrung der Geburt mit all ihren Schmerzen hat ihn mir nicht zu beeinträchtigen vermocht. Aber haben wir unser Tun nicht ganz bewußt in den Willen Gottes hineingegeben und Ihm seine Erfüllung anheimgestellt? So wollen wir auch in dieser Beziehung alle Fügungen unseres Geschicks, das Seine Weisheit für uns erdacht und Seine Liebe geformt hat, in Bereitschaft aus Seinen Händen entgegennehmen. Glaubst Du, wenn wir aus Furcht vor den sich ergebenden Schwierigkeiten, vor den Belastungen, die so ein neues kleines Menschenleben mit sich bringt, oder aus Furcht vor der Größe der Verantwortung, die uns auferlegt ist, - die Berechtigung gerade

dieses letzten Grundes wollen wir nicht übersehen – uns in unserem Verhalten der Ordnung Gottes entgegengesetzt hätten, dann wäre es schwer und belastend für mich; so aber haben wir dem Herrn unser menschliches Tun, das Er zur Vorbedingung Seines Schöpfungswirkens macht, nicht vorenthalten, und wenn es diesmal nicht seine Erfüllung fand, so wollen wir auch darin Seinen Willen sehen, der stets das Rechte für uns fügt. Was uns heute nicht gewährt sein konnte, das wird uns gewiß nach Überstehung dieser Zeit der Trennung mit all ihrem Schweren geschenkt sein. Und daß für uns dann noch eine Zeit gemeinsamen Wirkens kommen wird, obwohl die Lebensumstände vielleicht noch so hart sein werden, das glaube ich sicher. Mein Liebster, meine Hoffnung darauf ist so groß und meine Zuversicht so fest und ich möchte so gerne, daß sie auch Dich beseelt. Was ich auch jetzt in der Zeit des Alleinseins tun muß und tun werde, es wird von dieser Hoffnung auf das gemeinsame Leben mit Dir getragen und darauf ausgerichtet sein. Wenn ich mir auch zuweilen Gedanken darüber mache, wie Dich die Gefahren des Soldatseins täglich bedrohen, und sie mich zu innigem Beten für Dich drängen, so bin ich doch nicht unruhig oder ängstlich besorgt um Dein Geschick. Ich will alles tun, was ich für Dich tun kann, wobei mir nichts genug erscheint und

mich erst der Gedanke zufrieden sein läßt, daß unser Winfried, dessen Wort vor dem Angesichte des Herrn so viel mehr gilt als das Meine, mir dabei helfen wird. Wie der Herrgott es dann für uns fügen mag, das wollen wir Ihm voll Vertrauen und ganz bereit anheimstellen.

Es ist doch etwas Großes und es macht mich fast froh, wenn ich es bedenke, wie nahe wir beide dem Herrn sein dürfen, da die Seele unseres Kindes vor Ihm steht. Denn nicht nur der Leib unseres kleinen Sohnes, den wir dem Schoß der Erde wieder zurückgegeben haben, ist durch unsere Liebe gebildet worden, sondern auch seine Seele hat von Dir und mir angenommen. Möchte sie dort droben als der erste Teil unseres Selbst stehen und auch uns das Heil erflehen, das ihr so gnadenhaft zuteil geworden ist.

Mein Liebster, morgen sind es schon drei Wochen, daß Du von mir weg bist und noch ist keine Nachricht von Dir gekommen; täglich halte ich Ausschau danach, aber ich will mich gedulden, denn aus dem Westen kommt fast garnichts nach hier durch. Von Mutter bekam ich gestern die erste Post, die sie dem Dr. aus Weiß Wohnung, der seine Frau u. seine kl. Tochter hier in der Heide besucht, mitgab. Den einzigen Brief, den sie von mir bekommen haben, hat 4 Wochen gebraucht, wie mag es mit denen an Dich gehen?

Du, es ist doch gut, daß wir die Zeit unseres Zusammenseins in jeder Weise so gut genutzt haben. Gestern abend dachte ich daran wie Du einmal sagtest, es seien die reinsten „Fl.-Wochen“ für uns. Das Wort hat einen üblen Beigeschmack, aber was Du damit sagen wolltest, ist auch mir bewußt geworden; daß ein normales, dauerndes gemeinsamen Leben anderes von uns fordern würde, als dieses gelegentliche Zusammensein, in dem sich uns das Leben auf engstem Raum zusammengedrängt, konzentrieren muß, damit wir die lange Zeit der Trennung davon zehren können. Wie liebevoll hat das Herz all die beglückenden Erlebnisse unserer Gemeinsamkeit bewahrt, und wenn sie darauf aufsteigen und ins Bewußtsein treten, dann ist es für mich jetzt in der Zeit der Entbehrung eine neue Beglückung und Grund des Dankes, daß alles so sein konnte. So tief und still, mein ganzes Wesen mit ihrer Glut umfassend, geht dann meine Sehnsucht zu Dir hin. Mir scheint, als ob sie jedesmal schöner und größer würde und Du sollst darum wissen, wie sie in mir lebt; denn in ihr bleibt mir auch jetzt noch die Möglichkeit, mich Dir ganz zu schenken, und zu bewahren bis zu dem ersehnten Tag, da wir uns wieder wirklich einander angehören dürfen, Du mein lieber August. Ob es dann wohl für immer sein kann? Heute aber, wenn meine Worte zu Dir kommen, nimm mein Gedenken und all meine Liebe in einem stillen Kuß

Deine Marga.