Marga Broil an ihren Mann August, 17. Dezember 1944

12. Reinstorf, Sonntag Gaudete.
13/I.45

Mein lieber August,

„Gaudete: Freuet euch!“ ruft uns heute am dritten Adventsonntag die Kirche zu und dieser Ruf der Freude ist wie ein Hineinstrahlen der Freude des Weihnachtsfestes in den Ernst der Adventzeit. „Laßt alle Menschen Eure Güte erfahren, denn der Herr ist nahe!“ Paulus läßt das Wort werden, was dem Sehnen des eigenen Herzens entspringt: den Menschen um uns, vor allem denen, die uns am nächsten stehen, gut zu sein, ihnen Freude zu bereiten. Wie gerne habe ich das früher immer getan, und einmal haben wir es schon, ganz am Anfang unseres Weges, in der Arbeit für die Soldaten gemeinsam tun dürfen. Nun bist Du einer unter ihnen, und äußerlich ist mir jede Möglichkeit genommen, Dir gut zu sein; umso mehr will ich Dir die Güte dessen erflehen, der die Güte selbst ist. Die Aussicht auf die Wiederkehr Seines Kommens soll uns heute schon mit Freude erfüllen und wir wollen uns dieser Freude von Herzen hingeben. Und ich kann Dir ganz ehrlich sagen, daß mich die stille Freude, die so auf dem tiefsten Grund der Seele ruht, nie ganz verläßt, wenn auch hin und wieder mal eine Stunde kommt, in der die Traurigkeit mich

übermannen will. Auch in meinem Leben hier mit den Menschen auf dem Hof gibt es so manche Gelegenheit zur Freude, man muß sie nur sehen und zu erfassen suchen. So wird es auch Dir bei den Soldaten ergehen und wenn es uns gelingt auch in diesen düsteren Tagen uns die Fähigkeit zum Frohsein, zu jener echten, stillen Freude, die nichts mit dem lauten Vergnügen „dieser Welt“ zu tun hat, zu bewahren, dann kann es nie ganz dunkel in uns werden. Auch Gertrud von le Fort, deren seherisches Wort uns schon oft richtungweisend war, spricht uns in ihren Versen zum Advent von der Freude: von Engeln auf der Reises, den Sternen, die unterwegs sind nach dieser Erde; den Müttern ruft sie zu, zu wiegen, denn jedem Kindlein wird ihr Licht erscheinen; und alle Lichter würden angezündet, Freude an allen Enden der Menschheit, - aber es ist zu schade, nur so einiges aus dem Zusammenhang herauszureißen, lies es einmal selbst nach und gib Dich der Gewalt dieser Worte hin, so wirst Du etwas von diesem stillen Frohsinn spüren, so wie ich es heute, am Sonntag der Freude im Advent, erfahren habe. Aber gestern hat mich diese Freude schon erfüllt, als ich so unerwartet in Ülzen wieder eine Stunde vor dem Herrn verbringen konnte – ich bin mit Hertha hingefahren, um Herrn Meiers Radio abzuholen. In solchen Stunden wird man

so reich beschenkt und mir ist es dann so ein tiefes Bedürfnis, Dir von diesem reichen Beschenktsein mitzugeben. Überhaupt, alles Schöne und Gute, das ich erleben darf, möchte ich Dir mitgeben, ganz gleich auf welchem Gebiet es mir begegnen mag; und ich meine alles, was mir Freude gemacht hat, müsse auch Dich ein wenig froh machen.

Heute fand ich in Dillersbergers Stundenbuch ein feines Gebet von Bernhard von Clairvaux, das will ich Dir aufschreiben.

Komm, Erwartung der Völker, Herr Jesus und erfreue uns durch Deine göttliche Gegenwart! Wir bedürfen des Rates, der Hilfe, des Schutzes. Meinen wir aus uns selbst das Gute und Böse zu unterscheiden, fallen wir allzu leicht in Täuschung, lassen uns unvermerkt beschmeicheln. Wollen wir Gutes tun, fehlt uns die Kraft und Zuversicht. Mühen wir uns, dem Bösen zu widerstehen, machen wir allzu oft die traurige Erfahrung, daß wir schwach sind und zuletzt unterliegen wir. So komme denn und heile unsere Blindheit, komm zu Hilfe unserem schwachen, unzulänglichen Menschenwesen. Komm, Du Glanz der göttlichen Herrlichkeit! Komm, Gottes Kraft und Gottes Weisheit; wandle unsere Nacht zum Tag, schütze uns vor Gefahr, erleuchte die Blindheit, stärke den Mut in

uns, führe uns treu an der Hand und leite uns Deinem Willen gemäß auf dieser irdischen Pilgerschaft, bis Du zuletzt uns aufnimmst in die ewige Stadt, die Du selbst gegründet und aufgebaut hast. Amen.

Wir müssen dankbar sein, daß uns das Wort großer, gottnaher Menschen überkommen ist, die das auszusagen vermögen, wozu auch das eigene Herz drängt. Die Demut, unsere allein mögliche Haltung vor Gott, die Erkenntnis von Gottes Größe und unserer Unzulänglichkeit haben diese Worte geformt, die uns so ganz aus der Seele gesprochen sind. Sie haben unser Gespräch über „Siegen und Erliegen“, das wir im Anschluß an Rilkes Worte einmal miteinander geführt haben, mir wieder in Erinnerung gebracht.

Es ist Abend geworden. Eben komme ich mit Hertha von einem Gang durch den Busch heim, die Kinder drängen, ich soll noch mit ihnen singen, das ist ihnen jetzt noch lieber als das „Spelen“. So muß ich jetzt im Brief wieder Abschied von Dir nehmen, nur kurz konnte ich in ihm verweilen; aber wenn ich gleich alleine oben in der kleinen Kammer in meinem Bett bin, dann können meine Gedanken noch lange ungestört zu Dir hingehen bis der Schlaf mich in seine Arme nimmt. Das ist so ein seliges Einschlummern, das die Schwere des Alleinseins fast vergessen macht. Gute Nacht, Du mein Liebster,

Deine Marga.