Marga Broil an ihren Mann August, 21. Dezember 1944
14. Reinstorf, den 21. Dez. 1944.
6/I.45
Mein lieber August,
während ich hier bei Wienecke auf das Gespräch warte, das ich nach Bansin angemeldet habe – Hanni telegraphiert ich solle kommen und da möchte ich erst rückfragen was los ist, ehe ich die Fahrt unternehme – bringt Elfriede mir Deine Briefe v. 1. + 11. Was ist es doch eine Freude für mich, wenn ich nach der Zeit des Wartens wieder die Worte vor mir sehe, die Deine liebe Hand für mich aufgeschrieben hat; sie haben mir ja so viel von Dir zu sagen und manchesmal konnten sie mir mehr aus Deinem Innern hervorholen als Dein Mund.
Beim Lesen Deiner Briefe habe ich Dich auf der Fahrt durch das heimatliche Land begleitet und all die Gedanken, die sich Dir dabei ergaben, nachgedacht – ob Du sie ausgesprochen hast oder auch nur ganz leise anklingen ließest. Wie wach ist Dein Empfinden für die zarten Gefühle, die mich so ganz in ihren Bann nehmen können. Ich weiß garnicht, daß ich in den Tagen unseres Zusammenseins so viel Sorge, ja fast Angst haben konnte, Du könntest unter dem Druck und der Schwere der Ereignisse das feine Gespür dafür verlieren. Aus Deinen Briefen aber leuchtete es mir immer wieder entgegen, Du, es hat mich so froh gemacht, denn ich weiß wie tief wir uns darin auch jetzt in der Trennung
zu begegnen vermögen. Und das ist doch jetzt unser größtes Verlange, daß wir einander nahe kommen können über alle Ferne hinweg.
Wie die Bilder des heimatlichen Landes Deine Gedanken zurückführen in die Stunden gemeinsamen Erlebens und schließlich das ganze, bald sich neigende jahr unserer vollen Gemeinsamkeit umfassen! Es ist mir wieder eine tiefe, beglückende Bestätigung für den innigen Zusammenklang unserer Herzen, daß Du gerade den Erlebnissen besonders Erwähnung tust, die auch mir in diesen vorweihnachtlichen Tagen am stärksten wieder zum Bewußtsein kamen. Ach Liebster, wie gehen Deine Worte in mich ein und wieviel gute Gedanken ergeben sich daraus, die uns beide und das Leben unserer Gemeinsamkeit umfassen. Sie lassen mich ganz froh und zuversichtlich sein, weil ich weiß, daß auch Du von dem Vertrauen beseelt bist, daß es gut sein wird, wie der Herrgott alles Kommende für uns fügt. Ja, es ist so wie Du schreibst, was Er uns genommen, um uns zu prüfen, kann Er uns wieder schenken und gewähren wenn es Seinem Willen entspricht.
Wenn ich an die Prüfung denke, die der Herrgott von uns forderte, fällt mir die Begebenheit der Schrift ein, wo Er ein Gleiches, die Opferung des Sohnes, von einem lieben-
den Vater fordert, dazu noch mit der besonderen Schwere des persönlichen Vollzugs; als Gott Abraham aus dieser furchtbaren Prüfung freigab, nannte er die Stätte „Gott sieht“. Ihn hat das Sehen Gottes, das in die Tiefe des Herzens dringt, der Prüfung enthoben; uns gab Er sie zu tragen, aber auch wir dürfen gewiß sein „Gott sieht“, Er durchschaut uns bis ins Letzte. Wie furchtbar ist der Gedanke so bis auf den Grund erschaut zu sein im Wissen um unsere menschliche Unzulänglichkeit; aber wenn wir ihn zu Ende denken, wie beglückend und trostreich gerade für uns, für Dich und mich in diesen Tagen. Weil Er sieht, weil Er uns erschaut bis in die letzte Kammer unseres Seins, die unserem Erkennen verschlossen sein mag, kann Er in Seiner Allmacht das Heil für uns wirken, wenn wir selbst es im Augenblick des Geschehens auch noch nicht als solches erkennen. Um die Verwirklichung dieses unseres Heils, das im Wissen Gottes beschlossen ist und in Seinem Willen, müßten wir beten und ich glaube, daß auf solchem Beten die ganze Fülle göttlicher Verheißung ruht „bittet und ihr werdet empfangen“.
Liebster, wenn ich Dir schreibe, drängen sich mir die Erwägungen des Herzens in die Feder und die Gedan-
ken werden Wort, eigentlich ohne daß mein Wille etwas dazu tut. Dann bleibt es selten beim Plaudern, das Erzählen greift ganz von selbst tiefer und umfaßt schließlich alle Fragen und Probleme, die mich beschäftigen. Dann denke ich manchmal, daß es nicht recht sei, Dir mit all dem zu kommen, da ich ja nicht weiß in welche äußere und innere Situation mein Brief bei Dir ankommt. Sieh‘, wenn dann auch nicht jedes Wort gleich zu Dir finden kann, nimm sie entgegen als Zeichen meiner Hingabe, die Du ja immer ganz haben sollst, und ich bin sicher, daß uns die ganze Gemeinsamkeit der Gedanken und Sinne, wenn nicht in der ersten, so gewiß in einer späteren Stunde geschenket sein wird. Es ist ja so schön dem inneren Drange zu folgen und alles Erleben des Herzens und der Gedanken hinzutragen zu Dir, so wie die Stunde es gerade eingibt. So hast Du es ja auch jetzt wieder getan und so wollen wir es weiterhin tun, daß wir immer wieder über die Ferne hinwweg zueinanderfinden und daraus die Freude schöpfen, die uns in diesen Tagen so not tut.
Leb‘ wohl, Du mein Liebster, und der Segen und Schutz des Herrn sei mit Dir
Deine Marga.
Ich bin froh, daß Du den schädlichen Schmarotzer endlich los bist, es war auch höchste Zeit. So gerne möchte ich zu der Zusatzkost noch etwas beisteuern u. will versuchen A. Meyer, der noch beim Nachbarn in Uelzen ist etwas mitzugeben.