Marga Broil an ihren Mann August, 24. Dezember 1944
16. Bansin, am Vigiltag des Weihnachtsfestes 1944.
Mein lieber August,
so begann mir der Tag heute: durch die Stille der Stunde, da die Nacht dem kommenden Tag die Hand reicht, nahm ich meinen Weg durch den Kiefernwald. Kein Lüftchen regte sich, nur der weiße Dünensand unter meinen Füßen gab einen leisen Ton. Rauhreif liegt auf jedem Hälmchen, feiner tritt Form und Gestalt aller Dinge zu Tage und alles ist schön in diesem glitzernd weißen Kleid und ich meine, es könnte auch nicht anders als gut sein. Mein Auge ruht so wohlgefällig auf den Nadelbüschen der Kiefern – ach nein, das Tun geht nicht von mir aus, sie zeigen sich nur so, wie ich sie noch nie erschaut habe. Das Auge weiß garnicht wohin es sich zuerst wenden soll, welche von all den Schönheiten das Herz und die Sinne am meisten beschenkt. Da macht der Weg eine Biegung und ich halte fast erschrocken den Schritt an vor der Weite, die sich mir auftut: ich stehe am Meer. Und ich kann nur stehen und staunen, die Gedanken sind wie ausgelöscht. Lange schweift mein Blick über das Wasser, nirgends scheint ihm eine Grenze gesetzt, der Dunst läßt erst recht die ungeheuren Weiten erahnen und es befällt mich die bange Frage, was es um die Unendlichkeit von Raum und Zeit sein muß, die wir Ewigkeit nennen. – Der Himmel ist noch grau
verhangen, wie im Schlaf liegt noch alles, die Büsche des dürren im Frost starren Strandgrases scheinen wie tot. Doch meine Seele ist so seltsam wach in dieser Stunde vor Tag und alle Dinge, die ich erschaue, scheinen eigens auf mich ausgerichtet zu sein; auf mein Sein, das mir angesichts der Weite des Meeres so klein vorkommt, fast so unbedeutend wie ein Körnlein Sand zu meinen Füßen und doch wieder so viel mehr. Im Osten wird ein mattroter Streifen am Himmel sichtbar, der immer höher steigt, derweil ich langsam am Strand gen Westen gehe. Immer wieder muß ich verhalten und schauen, schauen. Bald steht der ganze Himmel wie in Flammen und ich warte frohbewegt wie die Dinge um mich her auf die Sonne, die sich so ankünden will. Mit majestätischer Ruhe steigt sie – so scheint es dem Auge – aus dem Wasser herauf. Wie sie höher und höher steigt wird der rote Ball golden leuchtend und küßt mit seinem Licht die See, den Himmel, den Sand, das Gras und die Bäume wach, eine neue Lebendigkeit geht in sie ein und der Rauhreif glitzert und glänzt auf allem, auch die See scheint langsam wach zu werden, sie liegt nicht mehr so unbeweglich still da, ruhig schlägt eine Welle nach der anderen an den Strand, daß die Eisstücke krachen.
Ach Liebster, wie herrlich ist solches Erleben, es hebt mich über alle Schwere hinweg und gerade heute geht es mit doppelter Gewalt in mich ein, da wir doch die Ankunft dessen erwarten, der unseren Herzen Sonne, Licht und Wärme ist. Alles Hohe, Schöne und Große, das wir in der Natur erleben, ist ja nur Abbild von Ihm.
Welche Freude bringt das Wiedersehen mit den Zwillingen, ihre junge Unbekümmertheit läßt nichts Schweres, Trauriges neben sich bestehen. Unter dem Singen der alten Adventslieder treffen wir die letzten Vorbereitungen, daß das kleine Mädchenzimmer ein weihnachtliches Gepräge erhält. Das kleine Bäumchen mit den 6 weißen Kerzen haben Hanni + Rosi selbst gehauen, darunter stelle ich ein feines Krippenbild auf, das Georg mir geschickt hat. So kommt der Abend, Heiliger Abend heißt er weit und breit, auch jene nennen ihn so, denen der Heilige selbst fremd geblieben ist. Heute aber geht allen, auch jenen, die Ihn nicht kennen wollten, ein Licht von Seinem Dasein auf. Daß es doch alle Finsternis aus den Herzen bannen möge!
Heilige Nacht! Weiß glänzend liegt die See im Licht des Mondes und wunderbar klar wölbt sich der Sternenhimmel darüber. Wir steigen vom Strand die Anhöhe hinauf in den Wald. Leise rauschen die hohen
Kronen der Kiefern über uns. Schweigend gehen wir miteinander, jeder geht den eigenen Gedanken nach. Auf der Höhe halten wir inne und schauen hinauf zu den Sternen. Ich suche das Sternbild des Orion, Du weißt, was ich dabei gedacht haben mag. Als wir dann weiter durch einen dichten Fichtenwald kamen leuchtete es von weitem hell durch die dunklen Stämme. Bald standen wir vor einer kleinen freistehenden Tanne, die mit vielen brennenden Kerzen geschmückt war, silbern glänzte der Rauhreif auf den grünen Zweigen. Die Kerzen brannten so still und es berührte mich tief, wie sich ihr warmes Licht mit dem Schein des Mondes vereinigte. Als die Flammen dann gegen den Wind ankämpfen mußten, der sie zu löschen drohte, schien mir das wie ein Sinnbild für die Freude, die mich in dieser Stunde erfüllte: obgleich sie gegen den Ernst des Krieges und seiner Erlebnisse ankämpfen muß, vermag sie sich doch zu behaupten. Lange standen wir schweigend um die kleine Tanne und mein Herz bereitete sich unter dem guten Licht der Sterne, im weiten Raum der Natur der tieferen, innerlichen Freude, die uns in der Feier der Geburt des Herrn geschenkt werden soll. Ja, nun beginnen die Glocken in meinem Herzen zu läuten, nun kann es Weihnachten werden.