Marga Broil an ihren Mann August, 28. Dezember 1944

Am Fest der Unschuldigen Kinder.

Liebster, der heutige Tag, an dem die Kirche das Gedächtnis der Kinder feiert, die dazu ausersehen waren, ihr kleines Leben für den Herrn hinzugeben, hat uns beiden doch in diesem Jahr ganz besonders etwas zu sagen. Denn so wie die Mütter von Bethlehem das Leben ihrer Kinder in die Hand des Herrn zurücklegen mußten, weil es im Willen Gottes beschlossen war, haben auch wir unser Kindlein dem Herrn wiedergegeben. Die Kirche ist all ihren Kindern eine wirkliche Mutter, denn sie versteht so gut den Schmerz der betrübten Mütter um den Verlust ihrer Kinder, daß sie sogar inmitten der weihnachtlichen Freude das Kleid des Kummers u. der Betrübnis, das violette Gewand anlegt. So wird auch der Herrgott unseren menschlichen Schmerz verstehen, der sich nicht von heute auf morgen abtun läßt. Aber welch herrliche Worte findet die Liturgie, um unsere Trauer in Freude zu verwandeln. „Unsere Seele entwich wie das Vöglein aus der Schlinge des Jägers. Zerrissen ward die Schlinge und wir sind frei.“ „Aus dem Munde von Kindern und Säuglingen, o Gott, verschaffst du dir Lob, deinen Feinden zum Trotz. O Herr, unser Herr, wie wunderbar ist dein Name!“

Wir sehen nur zu sehr die Tragik des „Zerreißens“, das habe ich so sehr empfunden, als man mir den kleinen leblosen Leib unseres Kindleins aus den Armen nahm. Die Kirche aber läßt die Seelen der Kinder uns sagen, daß sie sich der Freiheit freuen, die sich ihnen durch das Zerreißen der Schlinge aufgetan hat.

Ich mußte heute so oft an die Redensart denken, daß wir uns hier in diesem Leben „den Himmel verdienen“ müssen. Das Gedächtnis der Unschuldigen Kinder gemahnt uns so eindringlich daran, daß es Gnade ist, was „Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“. An den Kindern von Bethlehem wie auch an unserem Winfried hat der Herr diese Gnade sogleich vollzogen, uns hat Er in der Prüfung dieses Lebens die Möglichkeit gegeben uns für diese Gnade zu entscheiden oder sie zu verwirken. Welch ungeheure Tragweite liegt in dieser Entscheidung. Möge die Unsrige ein klein wenig zu Seiner Verherrlichung beitragen und sich mit dem Lob vereinen, das Er sich in unserem Kindlein bereitet hat.

Wie froh war ich darum, diesen Tag, der so eng mit unserem persönlichen Erleben verwoben ist, in rechter Weise, in der Feier des hl. Opfers begehen zu können. Durch die winterliche Landschaft ging

ich allein nach Heringsdorf, der Mond erhellte noch meinen Weg mit seinem fahlen, silbernen Licht, in dem die hohen Kronen der Kiefern ganz gespenstiglich aussahen. Ach, es ist so etwas Schönes um solch stille einsame Wege durch die Natur, auf denen man schauend und sinnend all die Wunder und Herrlichkeiten in sich aufnehmen kann. Wenn Du bei mir gewesen wärest, Liebster, wärst Du gewiß immer wieder stehen geblieben und hättest die Augen in die Weite wandern lassen, wie Du das so gerne tust. Ja, das muß ich so oft denken, wenn mir in der Ferne von Dir etwas Gutes widerfährt, wie es sein würde wenn Du mit mir wärest, und wenn ich dann am Abend den Tag noch einmal überschaue, muß ich Dir mit meinen Gedanken alles erzählen; ja all mein Denken formt sich ganz von selbst zum Gespräch mit Dir, das mich Dir so nahe sein läßt, daß ich Deine liebe Gestalt ganz lebendig vor mir sehe und Deine Meinung zu meinem Erleben zu erraten suche. Dadurch ist auch das Leben in der Trennung zutiefst ein gemeinsames und das ist ja für uns, die wir uns zu der schönsten menschlichen Gemeinsamkeit geschenkt sind, das einzig mögliche. Laß Dich grüßen, Liebster, mit aller Liebe und Herzlichkeit

Deine Marga.