Marga Broil an ihren Mann August, 1. Januar 1945
21. Bansin, am 1. Januar 1945.
Mein lieber August,
der Beginn des Neuen Jahres ruft so stark die Erinnerung wach an all die Geschehnisse und Erlebnisse, die mit dem Anfang unseres gemeinsamen Lebens verbunden sind. Die Feier des hl. Opfers am Neujahrstage in der hl. Kapelle auf der Marienburg, die feine Stunde unseres Brautunterrichtes im Dom, das Kränzchenwinden im Kreise der Mädchen und all die letzten feinen Vorbereitungen auf das Hochfest unserer Liebe. Ich weiß noch gut, welche Gedanken mich bewegten, als wir am Tage vorher im Dom nebeneinander vor dem Altare gekniet haben, auf dem uns das Kind in der Krippe seine kleinen Arme entgegenstreckte. So standen wir, die wir uns anschickten den Bund fürs Leben zu schließen und wünschten mit dem Segen des Herrn Familie zu werden, dem Bild der heiligen Familie gegenüber. In Gestalt, Ausdruck und Gebärde der Gottesmutter lag so Vieles, das ich mir im Hinblick auf meine neue Berufung tief einprägte und beim Anblick des göttlichen Kindes durchfuhr mich der Gedanke wie ein freudiger Schauer, daß es möglich sei, daß ich übers Jahr auch schon ein Kindlein, unser Kindlein in den Armen halten würde. Ich malte mir dabei aus, wie es wäre, wenn ich es zum ersten Mal vor die Darstellung der Krippe brächte und ihm vom Gotteskind
erzählen würde. Aber der Gottessohn hat sich unserem Winfried tiefer offenbaren wollen, als es das arme Menschenwort seiner Mutter vermocht hätte. Was wir mit unserem Verstand und unserem Herzen nur ahnend ertasten können, ist für unser Kindlein durch die Gnade der Anschauung und die Gemeinschaft des Ewigen Lebens schon ein heiliges Begreifen und Erfahren. Müssen wir uns dieser Begnadung nicht freuen!
Liebster, wieviel gute Gedanken ergeben sich immer aus der Erinnerung an Stunden, die uns einmal in Gemeinsamkeit geschenkt worden sind. Immer wieder wollen wir sie aus den Tiefen unseres Herzens hervorholen, daß sie uns helfen die Trennung und das Alleinsein recht zu bestehen. – Der erste Tag des Neuen Jahres war ein recht guter, froher Tag für mich hier. Die Wege durch den tiefverschneiten Wald zur kleinen Kirche hätten mir schon allein das Hiersein lieb gemacht, dazu das Erleben der See, die jeden Tag ein anderes Gesicht trägt. Abends sitze ich mit Hanni, Rosi und einer Freundin von ihnen zusammen, wir singen und ich lese ihnen vor. Eigentlich hatte ich ja vor am Tag nach Weihnachten wieder zurückzufahren, aber da Hannis Krankheit immer noch keine Besserung zeigt, ist es wohl nötig, daß ich noch etwas hier bleibe, ich denke bis Ende der Woche.
Hast Du von den Eltern aus Amelunxen schon etwas gehört? Ich habe schon so oft geschrieben, aber noch keine Antwort bekommen. Ob Else ihr Kindchen hat? ich denke so oft daran, wie es ihr wohl gehen mag. Glaubst Du, daß ich gerade jetzt in der Zeit des Alleinseins so stark empfunden habe, wie tief die Bindung an die Gemeinsamkeit in uns grundgelegt ist. Die Sehnsucht nach der innigsten Gemeinsamkeit mit Dir, Liebster, nimmt ja den größten Raum des Herzens ein. Wenn sie erfüllt werden könnte, würde ich vielleicht daneben nichts mehr verlangen. So aber entbehre ich auch das Gemeinschafthaben mit jenen, in deren Kreis wir früher hineingestellt waren, mit denen uns die Gemeinsamkeit des Blutes, der Heimat und die gleiche Ausrichtung des Geistes verband: Familie und Freunde. Gerade das Entbehren zeigt, wie tief der Mensch auf Gemeinschaft angelegt ist. Ich habe das früher nie wahr haben wollen, da ich so sehr aus mir und für mich gelebt habe. War es Hochmut und Überheblichkeit, wenn man glaubt, ohne die anderen fertig werden zu können? Die Verbindung mit den Menschen, das gegenseitige Geben und Nehmen des Geistes kann das Leben so ungeheuer bereichern. Humboldt hat sogar einmal gesagt: „Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben.“
So werden uns aus jeder Gegebenheit des Lebens neue Erkenntnisse geschenkt, die zu einer rechten Lebensführung beitragen können. Sieh‘ und ich muß Dir das einfach so schreiben, wie mir die Gedanken kommen, sie ergeben sich ganz von selbst aus dem Erzählen, diesmal nur aus der Frage nach unseren Lieben, und da kann ich sie nicht zurückdrängen. Wenn ich den Brief an Dich beginne, nur um zu plaudern und ein bißchen bei Dir zu sein, dann stürmen doch meist so viel Erwägungen und Gedanken auf mich ein, daß ich sie garnicht draußen lassen kann. So nimm sie hin, Liebster, wie sie von mir ausgegangen sind, ich kann mich Dir nur so geben wie ich bin, aus der Gegebenheit der Stunde heraus. Du darfst es nicht wie eine Klage verstehen. Nein, wir haben noch keinen Grund zur Klage, solange uns noch die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben bleibt, von dem wir unser „Glück“ d. i. die Erfüllung und Ausübung der vom Schöpfer in uns hineingelegten Fähigkeiten und Möglichkeiten, erwarten. Die Tage eilen dahin und wir hoffen, daß uns jeder neue Tag dem endgültigen Vereintwerden näher bringt. Liebster, komm, freue Dich ein wenig mit mir in diesen Tagen, die mir so viel Freude geschenkt haben. Meine liebsten Grüße schicke ich Dir über alle Weiten
Deine Marga.