Marga Broil an ihren Mann August, 3. Januar 1945
22. Bansin, am 3. Januar 1945,
dem ersten Jahrestag unserer Hochzeit.
Mein lieber August,
das Leben unserer Gemeinsamkeit hat uns neue Gedenktage in den Kalender des Jahres eingezeichnet, Festtage, die nur uns beide angehen, Dich und mich, und die wir festlich begehen wollen in der Stille unserer Herzen. So jährt sich heute das Hochfest unserer Liebe; der Tag schenkt uns eine solche Fülle guter Gedanken, Erinnerungen, die so wach in uns sind, daß sie uns wie Gegenwart dünken. Und in ihnen bist auch Du mir so ganz gegenwärtig, Liebster; ja, komme zu mir und gehe mit mir durch alle Stunden dieses unseres Festtages, denn heute mußt Du mir näher sein als an allen anderen Tagen. Gemeinsam wollen wir mit unseren Gedanken zurückwandern durch dieses unser erstes gemeinsames Jahr, das sich heute vollendet. Der Reichtum des Erlebens, den es birgt, könnte ein ganzes Menschenleben füllen. Wenn ich bedenke, wie aus dem Erleben unseres Hohen Tages die Geschehnisse gewachsen sind, auf einem zeitlichen Raum, wie er enger garnicht möglich war, dann kommen mir die Worte des Liedes von der kleinen Spanne Zeit wieder
in den Sinn. Gestern abend habe ich sie ganz still vor mich hingesungen und die Gedanken fesselten mich so sehr, daß ich garnicht bemerkte, wie die Kinder von ihren Aufgaben aufhorchten um zu lauschen. Es war eine so feine Einstimmung in den heutigen Tag, den ich mir so recht als Fest gestalten kann. Ach Liebster, wenn ich Dir doch sagen könnte, wie beglückend schön all die Erlebnisse in mir wach wurden, die mit dem Beginn unseres gemeinsamen Lebens verwoben sind. Das Wort versagt den Dienst es auszusagen und wir bedürfen heute seiner auch nicht.
Nur ganz leise und zart möchte ich mit ehrfürchtigbebenden Händen in die Saiten Deines lieben Herzens greifen, denn ich weiß ja wie schön sie zu klingen vermögen. Und mag das Brausen des äußeren Sturmes es noch so sehr zu übertönen suchen, ihr stilles Lied wird über die Weite zu mir hinfinden, wie das Meine zu Dir.
Grau und verhangen, wie an unserem Hohen Tag voriges Jahr, war der Himmel, als ich heute früh den Weg zur kleinen Diasporakirche nahm. Wie sehr hätte ich gewünscht, daß Du die stille Stunde dort vor dem Altar mit mir teilen könntest. So aber habe ich in
der geistig-seelischen Gemeinschaft mit Dir – die uns ja immer noch bleibt und so trostreich die Trennung überwinden hilft – vor dem Angesichte des Herrn Rückschau gehalten auf unser erstes gemeinsames Jahr, das ein so denkwürdiges gewesen ist. Es hat uns die Fülle menschlichen Lebens geschenkt, Glück und Weh schien uns wie im Übermaß zuteil und wir waren versucht davor zu erschrecken, wenn nicht das Wissen darum, daß die Hand des Herrn beides wohl erwogen, uns gestärkt hätte. Wir dürfen wohl bei aller Erkenntnis unserer Unzulänglichkeit sagen, daß uns dieses Jahr ein gutes Stück weitergebracht hat auf dem Weg, der uns beiden zu gehen bestimmt ist. Aus der Heiligkeit der Stunde unseres ersten Einswerdens ist in steter Steigerung die Gemeinsamkeit unseres innigsten Lebens gewachsen und glückhaft durften wir inne werden, was die Macht der Liebe in uns bewirkte. Wie tief sind alle Einzelheiten dieses Erlebens in mich eingegangen, daß die Erinnerung sie so deutlich hervorzuholen vermg und die Wonne, die sie bereitet, mir das Herz höher schlagen läßt.
Wie sehr sind die Worte, Bilder und Segnungen der Brautmesse in diesem ersten Jahr unseres gemeinsamen
Lebens an uns Wirklichkeit geworden. Aus der Erfahrung, die uns zuteil geworden ist, haben wir sie tiefer verstehen gelernt. Wie in allen Dingen, so ist die Kirche auch in dem, was die Ehe betrifft, die beste Lehrmeisterin der Menschen. Wenn wir nach ihrem Wort, gemäß der Ordnung Gottes unser Leben gestalten, ist unser menschliches Glück am besten gewährleistet.
Wie gut habe ich es doch, daß ich mich hier in der Stille so ganz diesen guten Gedanken hingeben kann. Sie sind mir alle ein einzig großer Anruf zum Dank an den Herrn, der alles so für uns gefügt hat; denn wir glauben fest, daß er so wie es war, für uns am besten ist.
Liebster, wie magst Du wohl den ersten Jahrestag unserer Hochzeit zubringen müssen? Ob Du schon wieder im Einsatz bist? Schon deshalb hält es mich hier nicht länger, weil ich so sehr auf Nachricht von Dir warte. Hanni ist auch schon wieder etwas besser, sodaß ich es wohl wagen kann, morgen wieder nach Reinstorf zu fahren. Ich mache mir manchmal richtig Vorwürfe, daß ich es jetzt die ganze Zeit so gut habe, während andere täglich den stärksten seelischen und körperlichen Belastungen ausgesetzt sind. Wie Therese all ihre Erleb-
nisse der letzten Wochen erzählte, ist mir das so recht zum Bewußtsein gekommen. Und wie ist es erst Dir gegenüber! Aber ich will die Zeit nutzen, um wieder neue Kraft zu schöpfen für das, was nun wieder von mir gefordert werden wird. Ich sehe mit viel Zuversicht den Dingen entgegen und wenn sich unser Plan verwirklichen läßt, könnten wir uns gewiß freuen.
Vielleicht ergibt sich im Zusammenhang mit der Berufsfrage auch die Möglichkeit wieder ein bescheidenes Plätzchen zu finden, wo ich uns ein Heim bereiten kann, wo Du zu mir „nach Hause“ kommen kannst, wenn das grausame Kriegsgeschehen Dich wieder freigibt für die eigentlichen Aufgaben unseres Menschenlebens. Sieh‘, weil ich stets dieses Ziel vor Augen hatte, waren mir all die Dinge, die ich so nach und nach erworben hatte, so lieb, denn sie sollten mir ja dabei helfen. Nun, da wir sie hergeben mußten, war es vielleicht gut, daß sie Dir fremd geblieben sind. Es tat mir immer so leid um Dich, wenn Du von dem „Auf-Besuch-Sein“ sprachst; und wenn die Aussichten auch noch so dunkel sein mögen, unsere Hoffnung findet doch noch einen Weg hindurch zu dem endgültigen „Daheimsein“ unserer innigsten Gemeinsamkeit, worauf unser Sehnen gerichtet
ist. Alle Ansprüche auf die äußeren Bedingungen, die uns früher einmal unerläßlich erschienen, haben wir gelernt aufzugeben und das läßt mir unsere Hoffnung noch berechtigter erscheinen. Gerade heute mußte ich so daran denken, wie schön es sein mag, wenn wir solche Festtage in Gemeinsamkeit verbringen dürfen; der kleinste, bescheidenste Winkel wäre uns dann lieb und wenn die Entbehrung des Zusammenseins aufgehoben wäre, würden wir sicher alle anderen Entbehrungen kaum noch als solche empfinden. Ich könnte in den kleinen Dingen des täglichen Lebens für Dich sorgen – das hat mir die Woche in Bodenteich so lieb gemacht – und auch nach außen hin könnten wir dann die Festtage aus der Reihe der Alltage herausheben. Aber wo bringen mich die Gedanken wieder hin, ich baue uns Luftschlösser, derweil Dich die ernsteste Wirklichkeit umgibt. Aber sie redet ja täglich ihre unerbittliche Sprache zu Dir, so laß mich von den anderen, schöneren Dingen zu Dir sprechen, in deren Reich unser Wünschen und Hoffen uns immer wieder hineinversetzen kann. Und es ist gut, daß sie es vermag; es ist ja keine Flucht vor der Wirklichkeit, sondern die Ausschau nach jener besseren Wirklichkeit, die den Menschen anderer Zeiten eine Selbstverständlichkeit war.
Mein lieber August, der Tag, der mir so schön war mit all seinen Erinnerungen und Gedanken, hat heute abend noch einen so schönen Abschluß gefunden. Ich habe den Dreien aus dem „Singenden Pfeil“ vorgelesen und an die Gedanken der Briefe schloß sich ein gutes Gespräch. Dann haben wir wieder unsere lieben Hirtenweisen gesungen. Weißt Du, als ich im Advent an unser gutes Tun von früher dachte, glaubte ich nicht, daß ich in diesem Jahr fähig sei die Lieder wieder zu singen, mit denen so viele gute Erinnerungen verknüpft sind. Aber heute, am Jahrestag unseres Hochfestes, ist soviel Freude in mir, daß ich ihr gerne im Jubel dieser Weisen Ausdruck gebe. Es gehört wohl ein wenig „Einfältigwerden“ und „wie Kinder fromm und fröhlich sein“ dazu, um sie aus tiefstem Herzen singen zu können, aber ich glaube, das ist mir heute ein bißchen geglückt. Beim Singen war es mir, als hörte ich Deine liebe Stimme oder die Deiner Flöte immer mit klingen.
Liebster, der Tag hat schon längst sein Ende gefunden, die tiefen Atemzüge der Kinder – ach, es sind noch so richtige Kinder – verrät, daß sie schon schlafen. Ich aber möchte beim Schein der stillen, weißen Kerze noch ein wenig mit Dir verweilen, denn ich meine, ich
müßte Dir heute noch etwas ganz besonders Liebes tun. Wenn ich denke, was uns vor einem Jahr diese Nacht geschenkt hat .. Liebster, wie können schon allein die Gedanken daran glücklich machen! Wie ich hier sitze und über all das Gute nachsinne, das uns zuteil geworden ist, glänzt im Licht der Kerze der Ring an meiner Hand, Dein Ring, den Du mir zum Zeichen Deiner Liebe gabst. In dem Augenblick, da Du ihn mir schenktest, hast Du zugleich mein ganzes Sein in Besitz genommen, und wie er meine Hand schmückt, so soll unsere Liebe die Zierde unserer Seelen sein. Ja, unsere Liebe ist nicht unwirksam geblieben in diesem unserem ersten Jahr, neben der unsagbar seelischen Bereicherung hat uns der Segen des Herrn auch die schönste leibliche Frucht reifen lassen: Winfried, unser Kind. Möchte uns doch auch in den künftigen jahren unseres gemeinsamen Weges dieser doppelte Segen des Herrn begleiten.
August, mein Liebster, könnte ich Dir doch zeigen wie schön und tief die Sehnsucht in mir brennt! Ich glaube, es würde Dich ganz froh machen. Liebster, laß Dich heute mit dem Namen nennen, den die Menschen so oft im Munde führen, der aber nur der ganzen Liebe zusteht, der für uns letzte Wahrheit ist, mein Schatz, Du, laß Dich lieb haben ganz innig und fest heute und immer
Deine Marga.