Marga Broil an ihren Mann August, 6. Januar 1945

23. Reinstorf, den 6. Januar 1945,
Fest der Erscheinung des Herrn.

Mein lieber August,

nun bin ich wieder gut in der Heide gelandet. Zum Glück bin ich über Hamburg gefahren, so habe ich außer 2 Std. Bunkersitzen von dem Großangriff auf Berlin nichts mitbekommen. Es war so ein herrlicher Tag gestern und ich habe von meinem Fensterplatz aus die Bilder der pommerschen und mecklenburgischen Landschaft tief in mich aufnehmen können wie sie an meinem Auge vorüberzog. Die Räder der alten Windmühlen ragten wir letzte Boten einer alten, friedvollen Zeit hoch im Blau des Himmels, wo sich kein Lüftchen regte. Die vielen Seen waren mit einer weißen Eisdecke bedeckt; die verstreut liegenden Höfe, die umgepflügten Felder, alles schien wie im Schlaf zu liegen. Auf freier Strecke war kaum ein lebendes Wesen zu sehen, aus einem nahen Wald kam ein ganzes Rudel Rehe hervor, die auf der Wiese dicht an der Bahnstrecke ihre spärliche Nahrung suchten. Als dann die Dämmerung leise ihre Schleier vor die Bilder der Landschaft zog, gingen die Gedanken zurück in die schönen Tage an der See. Ich bin mit schwerem Herzen wieder gefahren, denn Hanni ist doch noch garnicht gut dabei, wenn auch die Gefahr für Lungenentzündung überwunden ist. So gerne habe ich sie in den Tagen versorgt, Packungen gemacht und mit dem Rest meiner Marken der KLV-Verpflegung etwas nachgeholfen. Solches Sorgen für die Lieben ist doch das einzige Tun, das dem Wesen der Frau entspricht und indem sie Befriedigung finden kann. Ich begreife heute

garnicht mehr, wie mir diese Dinge früher so fremd sein konnten. Erst die Liebe zu Dir hat mir Herz und Hände dafür bereit gemacht und die Sehnsucht, dieses in der Ehe erblühte Frausein im Kreis der Familie wirken lassen zu können, ist darum besonders groß. Für Hanni und Rosemi, die in dem Lagerbetrieb, wo es ziemlich militärisch hergeht, nur auf sich selbst gestellt sind, war es so ein heimatliches Gefühl daß jemand da war, der für sie sorgte. Gerne hätte ich es noch länger getan, aber mein Markenvorrat war zu Ende und so mußte ich schon wieder zurück.

Als mich der Zug in der Nacht von Hamburg aus nach Ülzen brachte, mußte ich daran denken, wie wir zum ersten Mal zusammen dort ankamen. Ach, hättest Du doch auch diesmal, wie schon so oft, das Ziel meiner Reise sein können! Die Nacht habe ich im Wartesaal inmitten schlafender Soldaten zugebracht und dann am Morgen das Fest der Erscheinung des Herrn in Uelzen in der Kirche gefeiert. Ich war die Einzige, die dem hl. Opfer beiwohnte. Weißt Du noch, wie wir voriges Jahr den Tag in Gladbach gemeinsam begangen haben? Heute drängt sich uns so stark die Bitte der Komplet auf: Ach Herr, enthülle uns, das Leuchten deines Angesichts! Daß Er auch den Menschen unserer Tage den Stern der Erkenntnis leuchten lasse und sie aus der Wüste des Irrtums heimführe, wie Er die Weisen aus dem Morgenland als Erstlinge der Heidenwelt zu Seiner Krippe geführt hat.

Meine Ankunft in Reinstorf war eine richtige Heimkehr. Am Bahnhof traf ich gleich einen Bauern, der mir anbot meinen Koffer auf dem Rad wegzubringen, und bei Meyers war die Freude groß, daß ich kam. Sie erzählten, daß sie die letzten Tage jeden Abend Essen für mich warm gestellt hätten, weil sie mich noch erwarteten. Am meisten bedauerten sie, daß ich um das gute Festtagsessen gekommen bin und um das nachzuholen wurde gleich eine Pute geschlachtet. Mit meinem Weihnachtstisch habe ich ihnen doch eine große Freude gemacht, denn das war das Erste, was sie erwähnten. Die Kinder erzählten mit glänzenden Augen von all den schönen Dingen, die der Weihnachtsmann gebracht hatte. Und die größte Freude, die mich erwartete, war ein ganzer Stoß Post. Das hat mir den Tag erst richtig zum Festtag gemacht. Zuerst habe ich die anderen Briefe gelesen, von Finni, Elis. Mucher, Frl. Feuser, Herr Raskop u. a. und dann, als die KInder mir gerade ein wenig Ruhe gönnten, - Du weißt es ja aus eigener Erfahrung wie selten das ist – kam das Beste für mich, Deine Briefe vom 28.11. 18.12 und 26.12. Ach Liebster, es ist jedesmal wie ein Begegnen, wie ein geistiges Wiedersehen, wenn ich einen Brief von Dir in Händen halte. Der erste, so ganz unmittelbar nach dem Erleben unseres gemeinsamen Lebens heraus geschrieben, bringt mir so viele feine Gedanken über die Tage unseres Zusammenseins. Die Post spielt uns ja manchen Schabernack, indem sie uns manche Briefe so lange vorenthält. Aber ich wußte, daß Du diesen

Brief geschrieben hast und habe heimlich darauf gewartet. Am meisten habe ich mich über Deine Folgerung gefreut, daß Du aus all dem Erlebten nun die noch stärkere Gewißheit mitnehmen könntest, daß wir auf noch so einsamen und schweren Pfaden nie verlassen sein werden. Laß diese Überzeugung in Dir stark werden und Dich begleiten durch all die Geschehnisse, die Dir nun begegnen werden.

Und dann Deine Erwiderung auf den ersten Brief von mir, der Dich erreicht hat. Er enthielt fast ausschließlich ernste Erwägungen im Anschluß an unsere gemeinsamen Tage, hoffentlich haben Dich die drei ersten, die mehr ein Widerschein des Glückes und der Freude waren, inzwischen auch erreicht. Liebster, wie gut hast Du meine Gedanken aufgenommen, von denen ich fast befürchten konnte, daß sie im geschriebenen Wort hart klingen würden. Aber nun weiß ich, daß Du sie so verstanden hast, wie sie verstanden sein wollten. Es ist gut, daß wir uns die Gegebenheiten unseres jetzigen gemeinsamen Lebens in unseren Gedanken, Briefen und dem kostbaren, ach viel zu seltenen Zusammensein, mit allen Vorzügen und Schwierigkeiten so klar vor Augen halten. Es ist mir jedesmal neu ein glückhaftes Erfahren unseres innigen Einsseins, wenn ich aus Deinen Worten spüre, wie fein Du das, was ich vielleicht nur ahnend angedeutet habe, verstanden und in die rechten Worte zu kleiden vermagst. Das Bemühen, unsere Erkenntnis zum Wachsen und Reifen unserer Gemeinsamkeit fruchtbar zu machen, führt uns stets zum Ausschau-halten auf das so erhoffte und ersehnte, endgültige Leben unserer innigsten Gemeinsamkeit. Darauf ist ja all unser Denken

und Tun ausgerichtet. Deine Frage, wieweit es uns gelungen ist in unserem ersten gemeinsamen Jahr in allem Geschehen Sein Werk zu sehen, habe ich mir am Jahrestag unseres Hochfestes auch gestellt. Ja, wir müßten noch viel bewußter die Fingerzeige Seines Willens in unserem Leben erkennen und ihnen recht zu entsprechen suchen; nicht nur, daß wir uns in das Unabänderliche schicken, sondern mit der herrlichsten Fähigkeit, die uns eigen ist, unserer Freiheit, die Geschehnisse aufnehmen, uns ihnen beugen und Ja dazu sagen. Das Beugen, Dulden, Ergebensein fordert viel mehr innere Kraft als der aus freiem Entschluß eigene Vollzug, dem meist schon in einer stillen Freude die zuweilen in Selbstzufriedenheit ausarten kann, die eigentliche Schwere genommen ist. Wenn aber unser Ja zu dem uns auferlegten Geschick wirklich alle Tiefen unseres Seins erfaßt, wandelt es die Härte des „Du mußt“ in ein bereites „ich will“ um; damit wäre unser Wille dem großen Willen des Herrn gleichgeschaltet und unsere Freiheit, die Krone, die uns über alle Kreatur hinweghebt, hätte ihre schönste Frucht gebracht. Ob wir das je ganz erreichen werden, wissen wir nicht, wir werden vielleicht unser ganzes Leben lang auf dem Wege dorthin bleiben, aber wir wollen vorwärtsstreben auf dem Weg und dürfen von der Barmherzigkeit des Herrn hoffen, daß Er „den guten Willen für die Tat nehmen“ wird.

Liebster, wenn Du wüßtest was solche Worte von Dir alles in mir bewirken, sie bringen in meinem Herzen die schönsten Saiten zum Klingen; das läßt sich im Brief garnicht alles sagen, zumal ich jetzt mit den gleichen

äußeren Schwierigkeiten fertig werden muß, die Dir in Deinem Soldatenleben schon lange begegnet sind. Bisher konnte sich unser geistiges Zusammensein im Brief in der Stille des äußeren Alleinseins vollziehen, während ich jetzt versuchen muß mit Dir allein zu sein, trotzdem mich viele Menschen umgeben und mich immer wieder in ihre Unterhaltung miteinbeziehen. Herr Meyer erkundigt sich zwar meist, ob der Brief an Dich sei und verspricht, dann mehr Rücksicht zu nehmen, aber Du weißt ja, daß das Schweigen nicht gerade seine Sache ist. So habe ich diesen Brief zum größten Teil geschrieben während um mich herum die Schwierigkeiten der Einschränkungen und Bestimmungen in der Landwirtschaft und die Fragen der großen Politik eifrig diskutiert wurden. Aber ich soll vielleicht einmal lernen auf das Alleinsein, das ich in seinen Höhen und Tiefen habe erfahren dürfen, zu verzichten. Es gehört mir zu den geistigen Verzichtleistungen, die diese Zeit von uns fordert, und die schwerer zu leisten sind als die körperlichen. Aber wie ich Dir das schreibe, habe ich mich an dem Verzicht vorbeigedrückt, indem ich mal wieder nach alter Gewohnheit die Nacht zum Tage mache, während die anderen schon schlafen. Wenn Du mich darüber ertappen würdest, müßtest Du sicher mit mir „schimpfen“ wobei Dir der Schalk in den Mundwinkeln zuckt. Wie ich mir das vorstelle, wird mir so warm und froh ums Herz. Ach, Liebster, es ist doch etwas Schönes, wie mich auch der leiseste Gedanke an Dich, der mich so eben anfliegt, froh machen kann.

Auf Deinen Brief vom zweiten Weihnachtsfesttag, der mir von der Feier unter den Soldaten erzählt und den ganzen Zwiespalt des Erlebens erkennen läßt, muß ich Dir ein ander Mal aufwarten, die Stunde ist schon weit in den neuen Tag vorgerückt.

Die Nachricht von Deiner Beförderung war mir eine Überraschung, nun bist Du also doch noch „was beim Militär beworden“. Du kennst meine Einstellung zu den Dingen und weißt, daß Du für mich das bleibst, was Du bist, als „Gemeiner“ sowohl wie als „hohes Tier“. Trotzdem habe ich mich über die Sache ehrlich gefreut, weil ich darin eine berechtigte Anerkennung Deiner Pflichterfüllung sehe. Gerade heute, wo auf krummen Wegen mehr erreicht wird als auf Geraden und einen die Methoden oft anwidern müssen, ist man doppelt erfreut zu erfahren, daß hin und wieder auch noch mit gerechtem Maß gemessen wird; daß auch noch etwas erreicht werden kann ohne besondere Bemühung, Beziehung, Vertuschung und Verstellung, sondern durch die selbstverständliche Erfüllung der Aufgabe, die gestellt ist. Das muß ja immer unser Bestreben sein, daß wir den Platz, auf den wir gestellt sind, ganz ausfüllen und zwar als Christen, d. h. aus der höheren Verpflichtung heraus. Das bedeutet oft gegen den Strom schwimmen zu müssen, sich freimachen von Verkennung u. Anerkennung, Lob und Tadel; ja es mag zuweilen gegen unsere Vernunft sein, wenn diese schon das harte Urteil der Sinnlosigkeit gefällt hat und wir trotzdem ausharren aus der höheren Verpflichtung heraus,

die die Gesetze der Vernunft überragt und auch dem Sinnlosen noch Sinn gibt. – So freue ich mich mit Dir über Deinen Erfolg, wir wollen uns nicht darüber erhaben dünken, sondern ihn zu würdigen wissen.

Das ist aber nun ein bunter Brief geworden, wie vielerei Blumen in einenn Strauß habe ich alles zusammengebunden und es geht mir wie beim Blumenpflücken, daß ich nie genug bekommen kann. Aber nachdem es ½ 3 geworden ist, will ich doch Vernunft walten lassen. Ich hoffe den Brief und noch ein paar Kleinigkeiten August mein mitgeben zu können. Liebster, so muß ich wieder Abschied von Dir nehmen und alles Liebe und Gute, das ich Dir beim wirklichen Abschiednehmen tun würde, geschieht dabei in meinen Gedanken. Ach, möchten sie es ganz fein und behutsam zu Dir hintragen und Dich ebenso beglücken wie mich.

Mein August, so laß Dich grüßen, herzlich und froh

Deine Marga.

Willst Du nicht auch Deine Briefe nummerieren? Ich weiß, daß Du es nicht gerne tust, aber unter den jetzigen Umständen wäre es wohl gut. Man setzt sonst manches beim anderen als bekannt voraus, das noch garnicht hingelangt ist. So aber läßt sich leichter feststellen, ob Post verlorengegangen ist oder ob man noch etwas zu erwarten hat.

Herzliche Grüße an Onkel Beck auch von Familie Meyer.