Marga Broil an ihren Mann August, 12. Januar 1945
25. Reinstorf, den 12.I.45.
30/1.44
Mein lieber August,
gestern habe ich in alle Gegenden des Reiches Briefe losgeschickt mit der Bitte, daß die Freunde, Therese in Sachsen, Fr. Mendler in Thüringen, Fr. Raskop in Schwaben, Lore in Westfalen mal nach einer Lehrerstelle Ausschau halten möchten. Ich will nichts unversucht lassen, wenn dann nichts draus wird, steht mir das Büro ja immer noch offen.
Zwei ganz feine, liebe Briefe von Dir sind wieder zu mir gekommen. In dem einen, vom 3. Adventsonntag, erzählst Du mir von Deiner Fahrt nach Köln, dem Zusammensein mit unseren Lieben und der Sicherstellung unserer Sachen auf dem Schickberg. Die Dinge sind jetzt umgekehrt worden, bisher warst Du ferne und alles äußere Tun lag an mir; nun bin ich in der Fremde und Du hast in der Heimat die Möglichkeit zu einem Wirken, das uns später vielleicht sehr zu Gute kommen wird. Wenn wir auch in diesen Tagen gelernt haben auf alles zu verzichten, was uns früher einmal lieb gewordene Gewohnheit war, so ist es doch ein schönes Gefühl zu wissen, daß noch etwas auf uns wartet, mit dem wir, wenn es uns erhalten bleibt, wieder einmal neu beginnen können. Ob wir dann wohl wieder die innige Beziehung zu den Dingen haben können wie früher? Es wäre zu wünschen, aber ich kann mir noch garnicht vorstellen, daß wir uns einmal ohne alle Bedrohung an den Dingen erfreuen dürfen und sie dann wirklich in Besitz nehmen können. All unser Tun im Hin-
blick auf unser künftiges gemeinsames Leben, geschieht ja noch wie in ein Dunkel hinein, aber wie wollen es so tun, wie wir es für richtig halten, in der vertrauenden Zuversicht, daß der Herrgott, der unser Geschick bis in alle Einzelheiten hinein lenkt, er auch das Rechte für uns sein läßt. So freue ich mich über die Nachrichten, die Du mir geschickt hast, und über alles, was Du für uns und unsere Lieben hast tun können. Wenn so etwas geschieht, meine ich immer dafür danken zu müssen. Es ist so etwas unerhört Neues für mich, daß mir von einem Menschen etwas widerfährt, was mir nicht eine Verpflichtung auferlegt, die ich nicht wie eine Dankesschuld empfinde. Und dennoch ist die Verpflichtung, die wir gegeneinander haben, die größte und stärkste, die es gibt, denn es ist die Pflicht der Liebe. Mit tausend Feuern brennt unser Herz danach, dieser Pflicht zu genügen. Ach Liebster, und ich meine unser ganzes Leben müßte ein einzig großes Danken gegeneinander sein, für all das, was wir uns in unserer Liebe schenken durften. Über allem aber soll jetzt und in unserem künftigen gemeinsamen Leben der Dank an den Herrn stehen, der uns einander gegeben und unser Leben gerade in diese Bahnen gelenkt hat.
Mehr noch als über die Geschehnisse und Erlebnisse, von denen mir Deine Briefe erzählen, freue ich mich über das, was mir Deine Briefe von Deinem Innern kundtun, auch dann, wenn kein Wort etwas darüber aussagt. Aber wenn ich das lese, was Du mir geschrieben hast, dann weht mir gleichsam
die geistige und seelische Athmosphäre entgegen, in der Du Dich befindest, das Klima Deines Herzens, das so manchem Sturm ausgesetzt ist. Und das verlangt mich doch am meisten zu wissen, ob Du froh oder traurig, zuversichtlich oder niedergeschlagen bist, ob es Dir wohl oder wehe ums Herz sein mag. Und darüber haben mir Deine Briefe viel Gutes erzählt. Du siehst, trotz der Härte Deiner Pflicht, die Schönheiten in der Natur um Dich her und tust Dein Herz allem Guten auf, das sich Dir dartut. Freilich darfst Du die Vorsicht den „gefährlichen Vögeln“ gegenüber darüber nicht vergessen. Sieh‘, ich meine so müßten wir es stets halten in unserem Leben, daß wir ausgerichtet seien auf das Gute, Wahre, Schöne und Frohe, und vor der Gefahr des Bösen dabei auf der Hut sind. Wenn wir uns diese Einstellung bewahren, kann es nie ganz dunkel in unserem Herzen werden.
Dein Brief vom Morgen des Weihnachtsfestes sagt mir etwas davon, wie Du die hohen Tage gefeiert hast. Besonders froh war ich darum, daß Du sie in der Feier der Geheimnisse des Herrn in der Gemeinschaft der Kirche begehen konntest. Alle anderen Entbehrungen vermögen wir zu tragen, solange uns solches Erleben noch gnadenhaft zuteil wird. Ja, Liebster, und wenn uns dann die innigste Gemeinschaft mit dem Herrn zuteil wird, dann fühlen wir uns einander auch so nahe. So hast Du am Morgen des hohen Festtages vielleicht zur gleichen Zeit vor dem Herrn gekniet wie ich. Und dann diese Stillen des Alleinseins, in denen unsere Herzen so schön zueinanderfinden, es sind doch die schönsten Feier-
stunden im Alltag des Getrenntseins. So wie ich, - Familie Meyer spricht fast täglich davon, wie ich sie mit meinen kl. Geschenken, die ich auf dem Tisch der früheren Schreibstube fein aufgebaut hatte, für jeden ein Zettelchen dabei, erfreut habe – hattest auch Du die Möglichkeit, anderen ein wenig Freude zu machen. Ich stelle mir vor, wie Du den kleinen Christbaum geschmückt hast, um die Kameraden damit zu erfreuen. Und mir kommt dabei der Gedanke, wie schön es sein wird, wenn Du diese „Christkindsarbeit“ einmal für uns tun kannst, zur Freude derer, die – so wollen wir es hoffen und erbitten, - der Herrgott uns beiden anvertrauen wird, wenn er uns Familie werden läßt. Mögen auch dann noch die Stürme um uns brausen, die der Orkan des Krieges hinter sich herzieht, so werden wir dennoch ein gutes Leben führen können, wenn wir nur zusammen sein dürfen. Wir werden uns dann gemeinsam bemühen, daß unsere Familie „Heimstatt sei der Liebe, der Sorge und der Hilfe“ und Segensstätte, in der der Herr unser Heil wirkt.
Liebster, was sind das alles für frohmachende Gedanken, ach, so gerne gebe ich mich ihnen hin, und wünsche nur, daß meine Briefe bald zu Dir hingelangen möchten und gleichviel in Dir bewirken, wie die Deinen in mir.
Recht tief und froh gedenke ich Deiner, mein lieber August, und bin so ganz
Deine Marga.
(Schade, daß mein Weihnachtsbrief nicht rechtzeitig ankam. Hast Du die Päckchen mit Zigarren inzwischen auch angek.?)