Marga Broil an ihren Mann August, 17. Januar 1945
28. Reinstorf, den 17. Januar 45.
Mein lieber August,
das Kriegsgeschehen nimmt mit jedem Tag furchtbare Ausmaße an; kaum daß die Offensive im Westen einen kleinen Hoffnungsstrahl aufleuchten ließ, drängen nun die Feinde von allen Seiten heftiger denn je gegen die Grenzen unseres Vaterlandes an und auch die tapferste Gegenwehr unserer Truppen mag sie nicht für immer aufhalten können. Es greift ans Herz, wenn man die Nachrichten hört, die sich von Tag zu Tag verdichten, wie unser Volk wie ein nackender Leib den Schwerthieben der Feinde ausgesetzt ist. „Leiden deiner Brüder“ nennt Gertrud v. l. Fort unser Volk und Land und wenn es je wahr geworden ist in der Geschichte, dann heute. Gerade in diesen ausweglosen Tagen spüren wir, wie sehr wir unser Land lieben, seine Berge, Wälder, Flüsse und Seen, die Verschiedenheit seiner Landschaften und der Menschen darin. Sein Geschick kann uns nicht gleichgültig sein, unser persönliches Schicksal ist zutiefst darin verankert; seine Schuld ist unsere Schuld, sein Leid unser Leid. Ob uns die Gnade zuteil wird, in diesem Meer von Blut und Tränen die Schuld abzuwaschen, die die Menschheit in diesen Tagen auf sich geladen hat? Nun Er, der schuldlos unsere Schuld getragen, kann unser Leid hineinnehmen in Sein göttliches Erlöserleiden, auf daß auch ihm die erlösende Kraft werde, der wir so sehr bedürfen.
Von all dem Schweren, das das Geschehen des Krieges uns auferlegt, ist mir der Gedanke am bedrückendsten, daß so viele Menschenleben dahingerafft werden, ohne ihr eigentliches Leben gelebt zu haben, ohne das Bild verwirklichen zu können, das ihnen bestimmt war. Wieviel Hoffnungen und unerfüllte Möglichkeiten
werden mit jedem jungen Menschen begraben, der durch den Krieg – nach unserem Ermessen – vorzeitig abberufen wird. Es dünkt uns wie das Abreißen eines blühenden Zweiges, der noch keine Frucht getragen hat. Die Zerstörung äußerer Werte, die uns schon so ans Herz greifen kann, versinkt in ein Nichts gegenüber dem, was da zerstört wird. Es ist schwer das zu denken, noch schwerer für das Herz, damit fertig zu werden.
Gerade in diesen Tagen, da der Krieg in neuer Schrecklichkeit entbrannt ist, haben mich diese Gedanken so sehr beschäftigt und ich wußte nicht recht, wie ich sie mit der Güte Gottes in Einklang bringen sollte. Da fand ich in Guardinis Buch Worte, die mir wie ein Wegweiser schienen. Laß mich sie Dir aufschreiben, denn das, was sie in uns vergegenwärtigen, muß jedem willkommen sein, der mit wachem Herzen im Geschehen dieser Tage steht.
„Der Glaube sagt uns, daß im Tode Gott dem Leben seine eigentliche Erfüllung gibt. – Wie immer das Leben eines Menschen sich gestalten mag, sein Maß ist ihm von Gott zugemessen, der „nicht den Tod will, sondern das Leben“. Was ihm gegeben ist, ist wirklich sein Maß. Und was ein Abreißen schien, war nur eine Form seines Maßes. Von Gott her gesehen, stirbt jeder Mensch seinen Tod; den Tod, der aus seinem Leben heraufkommt, und für es bestimmt ist. Der mag nun, menschlich gesehen, ein Vollenden sein oder ein Abreißen. Aber damit sind wir im Geheimnis des Gottesgewissens.“
Ist es nicht herrlich, wie unser Glaube uns auf alle Fragen unseres Herzens Antwort zu geben vermag! Es liegt nur an uns, daß wir diese Antworten nicht nur anhören, glauben, und unseren Ver-
stand ihnen beugen, da er sie nicht zu durchdringen vermag, sondern saß wir sie hineinnehmen in die Tiefe unseres Herzens, daß sie dort lebendig und unser innerstes Besitz werden. Wenn wir das vermögen, wird uns daraus die Kraft erwachsen, jeder Stunde und all den harten Situationen dieses Krieges gerecht zu werden. Wie hart und schwer müssen die Dinge erst für die Menschen sein, die sie mit gleich empfindsamem Gemüt aufnehmen aber der Kraft entbehren müssen, die uns aus dem Glauben geschenkt wird. Gerade in den Geschehnissen, die unser persönliches Leben in seinem Innersten trafen, haben wir erkannt, wie ohnmächtig die menschliche Kraft dem allen gegenübersteht, daß wir der „Hilfe von oben“ bedürfen.
Mein lieber August, es ist so unterschiedlich wie die Nachrichten über das große Geschehen des Krieges und die Kunde von der Härte so manchen Einzelschicksals auf mich wirken. Ich habe Tage, da bleibt das alles gleichsam an der Perepherie stehen und gelangt garnicht in das Innere hinein, da scheint mir alles so fern, die Dinge, die Menschen und sogar Gott. Ich muß mich richtig durchkämpfen durch solche Tage, in der eine Trostlosigkeit und Leere sich meiner bemächtigen will, die nirgendwo einen Sinn erahnen läßt. Dann aber kommen wieder Zeiten, in denen mein Gemüt allen Geschehnissen weit offenliegt, so zart, daß jede Berührung ein Empfinden auslöst, daß ein leiser Windhauch schon tiefen Wellengang verursacht, mag er nun Glück oder Schmerz,Freude oder Leid bewirken. Alles, was mir begegnet, ist mir zugewandt und fordert meine Beziehung und Stellungnahme. Auch die Sehnsucht zu Dir hat dann größere Gewalt
über mich, glückhaft und schmerzhaft. Dann ist das Leben um vieles reicher, seine Farben leuchtender und werter, und aus allem spüre ich den Sinn göttlichen Waltens, der mich Ihm zuwenden läßt. – Es ist dies wohl der Takt der Lebensmelodie in ihrem Auf- und Niedersteigen, von dem Du mir früher schon manches Mal geschrieben hast.
Gestern bekam ich einen Brief v. Herrn Raskop „es ist in allem Unglück noch ein unschätzbares Glück, vor der Bitterkeit des Herzens bewahrt zu bleiben..“ Es ist gut, daß wir einander helfen und aufrichten dürfen; zuweilen mag ein Wort der Freunde das auszusagen, wonach man selbst vielleicht lange gesucht hat. Hast Du Nachricht von Bruno? Ich habe in den letzten Tagen viel an ihn denken müssen. Von Amelunxen habe ich überhaupt noch nichts gehört, trotzdem ich wiederholt an die Eltern und auch an Else geschrieben habe. Wenn Du etwas von ihnen weißt, schreibe es mir doch bitte. – Hier hat der Winter mit Schnee und tüchtiger Kälte eingesetzt, doch in der gut geheizten Stube bei Meyers kann man ihn wohl ertragen. Wie mag es aber Dir ergehen? Ich weiß, wie hart der Winter gerade in der Eifel sein kann. Ob Du noch auf deutschem Boden bist, in direktem Kampfgeschehen oder weiter zurück? Wie es auch sei, überall bist Du in der Bedrohung, aber auch überall in der Hut des Herrn, dem ich Dich jeden Tag neu empfehle. Nimm das Zeichen des Kreuzes, das ich jeden Tag zu Dir hinsende, gläubigen Herzens entgegen. Ach, möchte doch all meine Liebe und die Gnadenfülle des Herrn in ihm zu Dir kommen, und aller Segen und alles Heil für Dich darin beschlossen sein. Liebster, ich denke so fest an Dich und bin so ganz
Deine Marga.