Marga Broil an ihren Mann August, 18. Januar 1945
29. Reinstorf, den 18. Januar 45.
Mein lieber August,
heute war ein recht froher Tag für mich, denn die Post brachte mir so manches heimatliche Wort, das ein so schönes Begegnen vermittelt mit den Lieben, die es an mich gerichet haben. Finni schickte mir ein feines Liederheft und einen herzlichen Brief zum Weihnachtsfest. Über den Satz: „August gehört einfach zu uns“ unter dem Eindruck des Zusammenseins mit Dir geschrieben, habe ich mich besonders gefreut. Auch Mutter schrieb so froh und erzählte noch manche Einzelheit von dem Tag, da Du da warst. Kaplan Angenendt schrieb ein gutes Wort aus seiner Einsamkeit in Köln und schickte den Weihnachtsbrief an die Soldaten mit, den ersten, den er ohne meine Hilfe geschrieben hat. Die Komplet wird weitergesungen in der Krypta und die Zahl derer, die dabei sind, ist von 3 auf 30 gestiegen. Er läßt Dich grüßen, schicke Du ihm doch auch mal einen Gruß.
Als letzte und schönste Freude dieses Tages aber habe ich mir den Brief bewahrt, der die Züge Deiner lieben Hand trug. Deine Mutter schien doch recht zu haben, als sie meinte, solche Briefe – sie nannte sie Liebes-Briefe – würden schneller befördert, denn Dein Brief hat die Reise zu mir in 14 Tagen zurückgelegt, während die anderen, am 16.12. geschrieben, über 4 Wochen gebraucht haben. Nun weiß ich, daß auch Du den Jahrestag des Beginns unserer tiefen Gemeinsamkeit ein wenig wenigstens als Festtag begehen konntest, den ich so schön und still in Bansin gefeiert habe. Ja, an diesem Tage waren wir uns ganz besonders froh bewußt, daß unsere Gedanken zueinander hingehen und uns trotz aller Ferne so nahe sein läßt. Und wie froh war ich, aus Deinem lb. Brief zu erfahren, daß dich unser Festtag zu den gleichen Gedanken-
gängen veranlaßt hat wie mich und unser inniges Einssein darin so schönen Ausdruck findet. Es sind wahrhaft festliche Worte, die Du mir in diesem Brief geschenkt hast, Liebster, denn einen schöneren Ehrennamen gibt es nicht für mich, als Deine Frau zu sein und dadurch Mutter unserer Winfried. Du weißt, wie mein Herz danach verlangt, diese herrliche Aufgabe mit allen Kräften von Leib und Seele erfüllen zu dürfen, denn darin liegt die Erfüllung meines Daseins überhaupt. Wir hoffen so sehr darauf, daß uns nach diesen Tagen der Trennung wieder ein Leben in Gemeinsamkeit geschenkt werde und daß der Herr unsere Liebe wieder segnen möge, wie Er sie in Winfried gesegnet hat. Es werden wohl noch manche Stürme und Dunkelheiten über uns kommen, ehe uns das gewährt wird, was wir uns wünschen und ersehnen, aber sie sollen uns die Hoffnung darauf nicht nehmen können. Wenn ich abends in der kleinen Kammer mich zur Ruhe lege und der Sturm an den Bäumen zerrt und die Dachpfannen klappern läßt; wenn das alte morsche Holz ächzt, Türen und Fenster schlagen und der Kalk von den Wänden rieselt, dann scheint mir das gleichnishaft zu sein für die Stürme, die uns umtoben. Aber auch die aufgehende Sonne am Morgen, die feurig rot hinter dem schwarzen Wald aufgeht, ist mir sinnbildhaft für das neue Leben, das nach diesen Tagen unser wartet. Ihm wollen wir entgegengehen mit vertrauender Zuversicht. Du Liebster, Du bist ganz mein, heute mehr noch als am ersten Tage unseres Glücks und mit jedem neuen Tag will ich mehr und mehr Dir gehören und ganz sein
Deine Marga.