Marga Broil an ihren Mann August, 22. Januar 1945
30. Reinstorf, den 22. Januar 1945.
Mein lieber August,
viel habe ich Dir zu erzählen von all den Nachrichten, die die Post mir gebracht; manches davon wird Dir vielleicht schon bekannt sein, aber da die Post uns so manches Wort von den Lieben und den Freunden vorenthält, will ich es Dir doch schreiben. Heinrich berichtete mir zum ersten Mal aus Amelunxen von den Eltern und allen Lieben. Obwohl es dort etwas beengt ist für die vielen Menschen, sind sie alle froh, dort in Ruhe leben zu können. Else hat am 18.12. ihr Kindchen zur Welt gebracht, dem sie in der Taufe den Namen Bruno gegeben haben. Ich bin so froh, daß sie nun alles gut überstanden hat. Der Kleine wird sicher viel Freude in den Kreis der Familie bringen, und Oma + Opa haben einen neuen Enkelsohn. Heinrich will sich für die Dauer des Krieges von der 3. G. beurlauben lassen, um ganz nach A. übersiedeln zu können. Bruno war im Nov. für 1 Nacht in A. danach kam die erste Nachricht von ihm am 8.1. aus Ungarn, wo er wieder eingesetzt ist. Leni M. haben in Köln auch alles verloren. – Nun wissen wir doch wenigstens etwas von den Lieben, deren Geschick uns so sehr am Herzen liegt. All meine Briefe sind in A. nicht angekommen, so daß sie mir nicht eher Nachricht geben konnten. – Finni schrieb ausführlich von der Feier des Weihnachtsfestes daheim und der Mitternachtsmette im Kapitol, ca. 150 Jugendliche aus der Umgebung Kölns zur festlichen Stunde inmitten der Trümmer vereint. – Therese ist es gelungen, ihre Mutter, Henny + Kinder aus Emmels herauszuholen und hat sie nach Sachsen gebracht. Sie hat mit ihrer Aktivität schon manches fertig
gebracht. Henny hat auch ein gerütteltes Maß in diesem Krieg zu tragen, lange fehlt von Hans jede Nachricht. Maria Weyerstr. schrieb aus Reelsiefen, Franz hat nach 3 Monaten aus dem Lazarett wieder geschrieben. Finni schrieb, daß die Südbrücke nun auch getroffen sei, Maternuskirche und Kloster ebenfalls, ob unsere Wohnung noch steht, weiß sie nicht, wir können froh sein, daß wir unsere Sachen auf dem Schickberg wissen und wollen hoffen, daß sie uns dort erhalten bleiben. – Georg schrieb, daß sie nun auch auf der Suche nach einem Ausweichquartier seien, da London schon unter Beschuß liegt. Elis. Mucher schrieb einen recht bedrückten Brief aus Ostpr. Wo mag die Arme nun stecken, da die Russen die Gegend schon besetzt haben? So weit mein „Nachrichtendienst“ von den Freunden.
Der Schulrat von Uelzen gab mir Vorbereitungskurse für Schulhelferinnen an und rät mir, einen solchen 3 Monate mitzumachen, um einer Anstellung sicher zu sein und einer anderen Dienstverpflichtung zu entgehen. Du weißt, welche Bedenken ich dagegen habe, aber vielleicht ist es von allen Übeln das kleinste. Ich werde in Höxter und Würzburg anfragen, wo die Kurse am 15.4. beginnen. Wenn etwas draus werden sollte, ginge ich am liebsten nach Höxter, dann ließe sich hie und da sicher ein Zusammensein mit den Eltern ermöglichen. Aber auf so weite Sicht wie 3 Monate – bis zum Beginn des Kurs am 15.4. – läßt sich ja in diesen Tagen kaum etwas planen, wir können nur nach besten Wissen unsere Entscheidungen treffen und den „guten Ausgang“ in die Hand des Herrn legen, der all unsere Schritte mit Seinem Segen begleiten möge.
Gestern habe ich den Sonntag in feiner Weise gefeiert, d. h. so gut wie es mir hier in der Diaspora eben möglich ist. Nachdem ich in der Frühe die Texte der Liturgie gebetet hatte – ja, man muß sie nicht nur lesen, sondern sich erbeten, wwenn sie uns ihren tiefen Sinn offenbaren sollen – bin ich in die Heide hinausgegangen. „Seid auf das Gute bedacht“ so hat der Apostel uns in der Lesung gemahnt und „überwindet das Böse durch das Gute“. Als ich so still auf den hartgefrorenen Wegen durch die Heide ging, riefen die Worte der Liturgie so gute Gedanken in mir wach. So oft schon haben wir uns daran erinnert, daß wir das Böse in uns, unsere Fehler und Schwachheiten, besser bekämpfen, wenn wir ihnen das Gute entgegensetzen; dem Hochmut die Demut, der Selbstsucht die Nächstenliebe, der Schwachheit des Leibes die Kraft des Geistes, der Trägheit das unermüdliche Tun der Gedanken und der Hände, dem Verzagen das Vertrauen den Schatten früheren Versagens das Licht des guten Willens für das Künftige. Und das Gebot dieser Stunde schien mir zu sein, die Traurigkeit zu überwinden durch die Freude. Mein Gemüt war so wach, so empfindsam und verwundbar wie immer, wenn ich alleine hier draußen in der Natur. Alle Stimmen aus der Tiefe des Herzens erheben dann lauter ihren Glück und Leid bewirkenden Gesang, und ich gebe mich ihnen hin, auf daß sie ihr Werk an mir vollziehen. In diesen Tagen lösen sie meist recht ernste Empfindungen und Gedanken in mir aus. Aber diesmal konnten sie sich nicht behaupten gegenüber dem, was die Augen, die Fenster der Seele, in mich hineingelangen ließen. Es waren so viele gute Bilder,
die sich mir darboten, daß die Freude wie eine warme Woge mich überflutete. Die Sonne sandte vom klarblauen Himmel ihr weißes Licht auf die im Winterkleid erstarrte Erde. Die braunen Schollen des gepflügten Ackers, in dem die Last für den kommenden Sommer schlummert, schienen wie verklärt unter den tausend kleinen Eiskristallen, die das Licht durchstrahlen ließen. Die kahlen Birken am Weg, die mir ein andermal trostlos vorkamen, trugen den Rauhreif wie ein Sonntagskleid. Das Dunkel des Kiefernwaldes, das ich zuweilen drohend empfand, war vom Licht durchflutet, das jeden Baum so schön erkennen ließ. Die alten verwitterten Pfähle der Zäune, die die einzelnen Heidkoppel abgrenzen, kamen mir nicht so sehr als gesetzte Grenze vor, sondern als gewachsenes Maß. Eine Schneise, die meinen Weg kreuzte, gab den Blick frei auf die Weite der Heide, aus deren Ebene nur hie und da ein Baum seine kahlen Äste in das Blau des Himmels reckte. Die Bauernhäuser scheinen sich unter ihre tiefgezogenen Dächer verkriechen zu wollen, um dem Blick kein Hindernis zu sein. Wo der Wald dichter wird und der Wind nicht hingelangen kann, ist die Schneedecke noch so unberührt. In den tiefen Wagenrinnen, die die Kastenwagen in den weichen Waldboden gegraben haben, steht eine harte Eisschicht und ich muß den Blick zuweilen von den stillen feinen Dingen abwenden, um nicht hinzufallen, denn oft gleitet der Fuß ab. Ach, was kann solches Schauen und Erleben der Natur nicht alles im Menschenherzen bewirken, es hat mich so froh gemacht, daß ich die Melodie leise vor mich hinsang: Mein Gott, wie schön ist deine Welt … Und mir kamen ähnliche Gedanken, wie Dir in der Eifel, daß doch die Menschen sich der Schönheit der Natur mehr erfreuen
möchten und sich bemühten recht darin zu leben. Ja Liebster, wir beide wollen soviel an uns liegt dafür sorgen, daß wir darin leben können, und daß die Ordnung Gottes, der die Natur ohne ihr Zutun unterworfen ist, auch in unserem Leben so glückhaft walten möge wie dort.
Als ich mich zum Heimweg umwandte, war mein Schritt leichter geworden, fast beschwingt, und als ich einen Feldweg einschlug, ertappte ich mich dabei, wie ich spielerisch wie als Kind auf dem schmalen, durch die Wagenfurchen aufgeworfenen Damm balancierend eine Fuß vor den anderen setzte. Es war Mittag geworden, als ich im Dorf ankam, ein Hofhund lief bellend hinter mir her, sonst war alles still. Selbst das sonst immer schnatternde Federvieh schien Mittagsruhe zu halten. Meine Kopfschmerzen war ich draußen nicht losgeworden, aber ich hatte mir ein Herz voll Freude mitgebracht; das war noch mehr wert. Sieh‘ Liebster, so greifen die großen Geschehnisse des Krieges und die kleinen Erlebnisse meines stillen Lebens hier in mein Herz ein; gerade ihre Gegensätzlichkeit läßt das Gemüt reifen und die Fülle dessen erahnen, was ein Menschenleben alles in sich birgt. Wie magst Du nur diesen Sonntag begangen haben? Die Nachrichten, die in Kameradenbriefen ins Dorf kamen, sind nicht erfreulich. Liebster, wenn es Dir unter dem Druck der Verhältnisse schwer ums Herz sein mag, so brauchst Du nicht zu denken, es sei eine Belastung für mich, wenn Du es mir schreibst. Laß mich nur immer wissen, wie es Dir zu Mute ist, denn nur so ist es möglich, daß unser Leben jetzt in der Trennung auch ein gemeinsames sein kann.
Mein lieber August, gern möchte ich noch länger im Brief bei Dir sein, aber Herr Meier läßt mich mit seinen politischen Erörterungen nicht in Ruhe, so muß ich Dir heute wieder Lebewohl sagen. Gott behüte Dich, mein Liebster, meine Gedanken und Gebete begleiten Dich
Deine Marga.
Wie geht es Dir gesundheitlich, hast Du die Gewichtsabnahme wieder aufgeholt?
Am 1. Febr. werde ich für 2-3 Wochen nach Uelzen übersiedeln, um dort einen Nähkursus mitzumachen. Wer weiß, ob ich später nochmal die Möglichkeit habe meine Kenntnisse auf dem Gebiet etwas zu bereichern. Fam. Baruschke freut sich, wenn ich die Zeit wieder bei ihnen wohne.
Ist das Nachkommando inzwischen bei Euch gelandet und hast Du mein Päckchen erhalten?