Marga Broil an ihren Mann August, 23. Januar 1945
31. Reinstorf, den 23. Januar 1945.
Mein lieber August,
gestern kam Dein getippter Brief vom 22. Dezember; einen ganzen Monat hat es für die Reise von Dir zu mir gebraucht, aber er ist doch noch angekommen, das ist die Hauptsache. Und er hat mir Freude gemacht, wie alles was von Dir kommt.
Du schreibst, daß Dich einer meiner Briefe, der von einer gewissen Traurigkeit und Wehmut getragen war, eine neue Saite meines Gemütes erkennen ließ. Und Du hast Recht damit, Liebster. Das Leid, das mir mit dem Heimgang unseres Winfried auferlegt wurde, hat eine so große Traurigkeit in mir bewirkt, wie ich sie früher noch nie erfahren habe. Nicht so, als ob ich vor dem keine Traurigkeit empfunden hätte, wenn durch das eigene Geschick oder das anderer Menschen Hoffnungen zu nichte gemacht werden und Glaube getäuscht. Gewiß konnte ich dann auch traurig sein, aber diese Traurigkeit kam von den Geschehnissen auf mich zu und wenn ich dann tief in mich hineinhorchte, war das innerste Frohsein doch nicht getrübt und von ihm wurde mir Trost geschenkt. Nun aber stieg die Traurigkeit aus der Tiefe des eigenen Herzens auf und erfüllte seinen ganzen Raum, sodaß ich vergebens Ausschau nach der stillen, verborgenen Freude hielt, die mich zwar noch nie verlassen hatte. Dieser Traurigkeit konnte aus dem eigenen Herzen kein Trost werden, dazu bedurfte es der Gnade Dessen, den wir nicht umsonst im Pfingsthymnus anrufen: Tröster Du in jedem Leid! Ich empfand eine Hilflosigkeit wie nie zuvor und gerade sie befähigte mich zu einer so lauteren Hinwendung zu Gott, um die ich zwar vergebens gerungen
hatte. Da erst habe ich erkannt, was Demut ist: die wahre, wirkliche und alleiln mögliche Haltung des Menschen vor Gott, ganz langsam ergoß sich der göttliche Trost in mein vom Leid verwundetes Herz, aber nicht so, als ob die Traurigkeit dadurch mit einem Mal ausgelöscht sei; immer wieder neu muß sich das Herz dem Trost zuwenden, um seiner inne zu werden. Weil dieses Leid und die damit verknüpfte Traurigkeit etwas so ganz Neues für mich war, mußte ich mir auch meine Einstellung dazu erst suchen und erkämpfen. Sollte ich das Denken daran ausschalten, mich abzulenken versuchen und dadurch die innigsten Tiefen des Gemütes freizumachen von der Traurigkeit? Zunächst dünkt einen dieser Weg als der leichteste, und ich glaube, daß die meisten Menschen ihn auch gehen.
Wenn wir im Leid nur eine Belastung sehen, die ein unbarmherziges, kaltes Schicksal uns auferlegt, bleibt uns keine andere Möglichkeit, damit fertig zu werden. Aber wir sind doch davon überzeugt, daß nichts von ungefähr auf uns zukommt, daß alle Geschehnisse uns aus der Hand Gottes kommen, der darin Sein göttliches Liebeswerk an uns vollzieht, uns immer näher an Sich zu ziehen, und zugleich uns, unserer Freiheit die Möglichkeit gibt, unser Werk zu wirken. – So habe ich mich nicht gewehrt gegen die Traurigkeit, sondern mich ihr hingegeben, auf daß mir das geschehe, was nach dem Willen des Herrn in mir werden soll. Und ich spüre, daß ich dadurch irgendwie anders geworden bin, daß mein Gemüt wacher, empfindsamer, verwundbarer wurde; die Menschen und ihr Geschick sind mir näher als zuvor, ich fühle mich allen in einer besonderen Weise verbunden und
ihre Freuden und Traurigkeiten berühren mich irgendwie mit. Das Leben wird nicht leichter daruch, aber ich glaube es wird in dem Maße reicher, je mehr der Pendel der Empfindungen nach beiden Seiten ausschlägt.
Da ich Dir das schreibe, erinnere ich mich an die Worte Rilkes, die wir an der gleichen Stelle, wo ich Dir dies hier sage, gemeinsam gelesen haben. Es war so merkwürdig, daß uns gerade das in die Augen fiel an diesem Tag, womit wir uns auseinander zu setzen hatten, und mir war es eigentlich eine stille Genugtuung, das eigene Empfinden darin bestätigt zu sehen. Weil der Dichter so manches klar ausdrückt, was unser eigenes Wort nicht vermag, laß mich Dir etwas davon aufschreiben:
„Aber bitte, überlegen Sie, ob diese großen Traurigkeiten nicht mitten durch Sie hindurchgegangen sind? Ob nicht vieles in Ihnen sich verwandelt hat, während Sie traurig waren? Gefährlich und schlecht sind nur jene Traurigkeiten, die man unter die Leute trägt, um sie zu übertönen; wie Krankheiten, die oberflächlich behandelt werden, treten sie nur zurück und brechen nach einer Pause um so furchtbarer aus; und sammeln sich an im Innern und sind Leben, sind ungelebtes, verschmähtes, verlorenes Leben, an dem man sterben kann. Wäre es uns möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, und noch ein Wenig über die Vorwerke unserer Ahnen hinaus, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen als unsere Freuden.“ Soweit Rilke.
Mein lieber August, ich bin so froh darüber, daß Du meine Briefe so zu lesen verstehst, daß die armen Worte das zu Dir
hintragen, was sie gerne möchten: mich selbst, mein ganzes Wesen und Sein, so wie ich bin, so wie ich Dir gehöre.
Und wie Du es verstehst, wie Du es manchmal zwischen den Zeilen herauszulesen vermagst, wird auch mir selbst manches klar, was ich vorher nur erahnt habe. Ach, Liebster, das Leben ist so reich an Geschehnissen und das, was sie in uns bewirken ist so wunderbar, so zart und geheimnisvoll, das das eine Herze zu kleine ist, alles zu fassen. Wie schön ist es darum, daß wir einander gegeben sind, um das alles gemeinsam zu erleben, zu empfinden, zu ertragen, zu erleiden und uns dadurch immer fester, immer inniger miteinander zu verbinden, leiblich und geistig, und damit der ganze Mensch werden, den wir nach Gottes Willen sein sollen, der nur so in seiner Ganzheit vor Ihm bestehen kann. So wollen wir miteinander alle Höhen und Tiefen unseres Lebens und unserer Herzen durchschreiten, uns immer tiefer zu erkennen suchen, auf daß auch unsere Liebe, das Band unserer Gemeinsamkeit, daran erstarke und immer schöner und größer werde.
In herzlicher Liebe
Deine Marga.