Marga Broil an ihren Mann August, 2. Februar 1945

34. Amelunxen, den 2. Februar 1945.

Mein lieber August,

heute feiert die Kirche das Fest Mariä Lichtmeß. Maria trägt den Herrn, das Licht der Welt, aus der Verborgenheit des Stalles von Bethlehem in die Öffentlichkeit des Tempels. Dort wird es vom greisen Simeon begrüßt: „Licht zur Erleuchtung der Heiden und Herrlichkeit des Volkes Gottes!“ Wie herrlich ist uns dieses Licht aufgeleuchtet in den weihnachtlichen Tagen, die heute zu Ende gehen; zwar nicht nach außen hin in glänzender Feier, sondern still und verborgen in der Tiefe unseres Herzens. Aber wir haben seinen Glanz und sein wärmendes Wirken verspürt, stärker noch als je zuvor. – Wie oft habe ich in der glücklichen Zeit, da ich unseren Winfried unter meinem Herz trug, und auch nachher noch, das Geheimnis des heutigen Tages betend betrachtet: Den du o Jungrau im Tempel aufgeopfert hast. Aus dem Erleben des eigenen Mutterseins heraus konnte ich mich so gut in das Geschehen hineinversenken, wie die Gottesmutter ihr Kind, den Herrn allen Lebens, auf ihren Armen trägt; wie sie die Stufen des Tempels beschreitet, wie so der Allerheiligste das Heiligtum des Alten Bundes betritt und ihn damit erfüllt und vollendet. Maria aber stellt damit das Liebste, was sie besitzt, ihr Kind, an dessen Sendeweg und Größe sie glaubt, obschon es noch so klein und hilflos in ihren Armen ruht, dem Vater anheim. Sie legt es in Seine Hände zurück und vollzieht damit schon geistig jene ungeheure Verzichtleistung, die später unter dem Kreuze ihrer Vollendung findet. Mein August, so oft ich dies im Rosenkranz betrachtet habe ehe unser Kindlein geboren wurde, drängte sich mir dabei die Bitte auf, daß die Gottesmutter auch uns die Gnade erflehen

möge, das was unserem Herzen am nächsten ist, das Liebste, was wir besitzen, so bedingungslos in die Hand des Herrn zu legen wie sie es getan hat. Aber ich habe nicht daran gedacht, daß der Herrgott so bald den harten Vollzug dieser Bitte von uns fordern würde – nicht nur geistig indem wir unser Kind „besitzen als besäßen wir es nicht“ – sondern in der völligen Hingabe und Rückgabe an Ihn. Sicher ist dies Gebet, das ich damals so ahnungslos aus dem Unbewußten heraus gesprochen habe, nicht vergebens gewesen, und ich meine, wir wollen diese Bitte auch weiterhin zum Anliegen unseres Betens machen, sowohl im Hinblick auf das was war, wie auf das, was noch kommen wird. Das Einzige, was ich nun noch habe und besitze, woran ich mit allen Fasern meines Herzens hänge, das bist Du, Du mein Liebster, und es sind tausend Wünsche und Bitten, die ich für Dich zum Herrn hinaufsende und Er, von dem alle Liebe ausgeht, der die Herzen kennt, Er weiß, daß ich es noch nicht mit ganzem Herzen sagen kann, was von so vielen gefordert wurde: Herr, tue mit uns was Du willst! Zu stark ruft die Sehnsucht danach, daß Er es so oder so für uns fügen möge. Wir können ihre Bitten nicht verstummen lassen, wir wollen sie so, wie sie aus dem Herzen aufsteigen, vor den Herrn tragen und dann mit Seiner Hilfe die große Bitte der Ölbergstunde hinzufügen: „aber nicht mein, sondern Dein Wille geschehe!“

Mein lieber August, so vieles möchte ich in diesen Tagen zu Dir hintragen, aber die Pflicht an denen, die mir darum nahe sind, weil sie Dir die Nächsten waren, läßt mir jetzt wenig ezti an uns selbst zu denken. Aber auch das gehört ja in unsere Gemeinsamkeit hinein. Ich helfe ein wenig mit, Mutter den

neuen kleinen Hausstand einzurichten. Vieles hat sie noch aus Köln herausgebracht, sodaß sie sich einigermaßen helfen kann. Nachts schlafe ich in Vaters Bett und für Mutter ist es gut sich nicht allein zu wissen, wenn die schweren Stunden kommen. Morgens gehen wir zusammen zum Grab, wo Vater seine letzte Ruhe gefunden hat, und zur Kirche. Für mich ist es ein besonderes Geschenk hier täglich wieder am hl. Opfer teilnehmen zu dürfen, was ich in der Heide so lange entbehren mußte. Und was kann heilsamer sein für uns und alle, die die Belastungen dieser Tage zu tragen haben, als das erhabene Geschehen auf dem Altar, wenn der Herr sich dem Vater immer wieder für uns opfert. All unsere Sorgen, unsere Not und Beschwer wollen wir da hineinlegen, auf daß der Herr sie in Sein Opfer hineinnehme und segne. Auch Mutter holt sich im Gebet immer viel Kraft in ihrem schweren Leid. Sie hat Vater in den langen Jahren ihrer Ehe fast immer um sich gehabt, nun fehlt er ihr überall und jeder Schritt, den sie allein tut, geschieht in eine Leere hinein. Obschon sie im Zusammenleben mit Vater wohl mehr die Initiative in der Hand hielt, fällt ihr das Alleinsein sehr schwer; es ist gleichsam, als ob ihr Leben seinen ruhenden Pol verloren hätte.

Gerade an den Menschen, die eine lange Strecke ihres Lebensweges in Gemeinsamkeit zurückgelegt haben, werden die Früchte dieses Lebens und Wirkens so schön offenbar. Ach Liebster, daß es doch auch uns vergönnt sein möge, unseren Lebensweg in dieser innigen Gemeinsamkeit zu gehen, wie die Eltern ihn gehen durften, und daß auch wir darin unser Werk tun, unser Heil wirken so wie sie es vermocht haben. Wir wissen, daß das Leben gewiß auch für uns manch dunkle Stunde bereit hält,

wie die Eltern sie durchschreiten mußten, aber sind sie nicht gerade darin zu dem Menschen herangereift, wie wir sie heute kennen und achten? Vater hat nun seinen Weg hier beendet und wir wollen ihm mit unserem Gebet helfen, daß der Herr ihn zu der Herrlichkeit jenes Lebens berufen möge, das „Er denen bereitet hat, die Ihn lieben“. Und wir wollen auch versuchen, Mutter die Zeit des Alleinseins so viel an uns liegt zu erleichtern und so ein klein wenig der Dankesschuld abtragen, die wir ihr gegenüber haben. Das enge Zusammensein mit ihr in diesen Tagen wird auch gewiß für unsere Gemeinsamkeit von Bedeutung sein.

Nun sind uns schon zwei von unseren Lieben in jenes andere Leben vorausgegangen, das unser aller Ziel ist; vor 4 Monaten unser Kind und jetzt Dein Vater. Zwischen beiden stehen wir in der Kette der Generationen, und wir wünschen und hoffen, daß auch wir unser Leben hier so bestehen möchten, daß wir gewürdigt werden, dereinst mit ihnen zur Anschauung Gottes zu gelangen. –

Mein lieber August, wann mag wohl eine Nachricht von Dir hier hingelangen? Da Vater nicht mehr ist, klammert Mutter sich mit doppelter Sorge an ihre Jungens. Wie not täte ihr jetzt ein gutes Wort von Dir, wenn nicht aus Deinem Munde, dann doch wenigstens im Brief. Aber auch das geschriebene Wort braucht so lange, um den weiten Raum der Trennung zu überbrücken, und ich will solange alles tun, was ich kann, um Deine Stelle bei Mutter zu vertreten. Sie ist mir ja verbunden durch die Liebe zu Dir; ihre wärmende Kraft läßt keine Fremdheit mehr zu. – Ich grüße Dich von Herzen, Du mein Liebster, und wünsche Dir viel Gutes.

Deine Marga.