Marga Broil an ihren Mann August, 7. Februar 1945

36. Amelunxen, den 7. Januar 1945. [richtig: 7. Februar]

Mein lieber August,

vorgestern war das Fest der hl. Agatha, da mußte ich wieder an Deinen Kartengruß denken, den Du mir vor 2 Jahren an diesem Tag aus den Bergen geschickt hast. So bietet sich uns der Lauf des Jahres, die Festzeiten der Kirche und so manche kleine Begebenheit immer wieder die Möglichkeit, Rückschau zu halten auf die Erlebnisse in unserer Gemeinsamkeit; sie aus den Tiefen des Herzens hervorzuholen in das Licht der Erinnerung, um sich erneut davon beglücken zu lassen. Es ist so gut, daß all die Geschehnisse unseres gemeinsamen Lebens so stark in das Heute hineingreifen, und sein Dunkel von ihrem Licht erhellt wird. Darum sind mir die stillen Stunden des Alleinseins so lieb, in denen die Gedanken ungestört zurückwandern können in die, ach so seltenen Stunden unserer Gemeinsamkeit. Und wenn der Tag sie mir durch den ständigen Umgang mit anderen Menschen versagt, die Nacht ist immer nch bereit sie mir zu geben. Ich glaube, es würde mir schwer werden nach der langen Zeit des Alleinseins für immer so eng in die Gemeinschaft mit anderen hineingestellt zu werden wie in diesen Tagen hier, aber es ist auch einmal gut, den Tag nicht nach eigenem Belieben gestalten zu können, sondern sich in allem anderen anpassen und – wie es hier Mutter gegenüber ist – sogar unterordnen zu müssen. Von Dir wird das ja in Deinem Soldatenleben auch täglich gefordert. In der letzten Zeit in der Heide ist mir im Zusammensein mit Fam. Meyer so oft zum Bewußtsein gekommen, wie wichtig es doch ist sich darum zu bemühen, nicht jeder Stimmung hemmungslos nachzugeben, sondern sich beherrschen

zu können, auch mal etwas einzustecken ohne sofort aufzubrausen. Herr Meyer ist seiner Frau gegenüber oft ungenießbar, launisch und reizbar. Mir gegenüber sind ja alle so lieb und nett, wie ich es mir nicht besser wünschen könnte, aber es ist manchmal schwer für mich, allen gerecht zu werden. Ich bewundere darin die alte Oma, wie fein und verständnisvoll sie sich jeder Situation anpassen kann, wie sie manche Härte still erträgt und dadurch Frieden stiftet. Es ist wirklich eine Kunst so zu leben, das das Zusammenleben für die Menschen der Umgebung und für sich selbst nicht nur erträglich, sondern gut und für alle segensreich werde. Dazu tut es not, daß man schweigen kann, aber auch dazu fähig ist ein guter, verstehender oder auch ein hartes Wort zu sprechen, wenn es erforderlich ist. Wenn wir uns in allem von der rechten Liebe leiten lassen, die nicht aus Schwäche jeder schwierigen Situation „um des lieben Friedens willen“ aus dem Wege geht, sondern stark genug ist, sie zu meistern, werden wir schon immer das Rechte tun.

Diese Erwägungen wurden wohl durch das Erleben der letzten Tage hier mit Mutter, Maria und Gertrud in mir wach. Mutter hat oft schwere Stunden, in denen sie kaum fertig werden kann mit dem Kreuz, das ihr durch Vaters Tod und dem Verlust des Heims in Köln auferlegt wurde. Dadurch ist sie natürlich überaus empfindlich gegenüber jeder Äußerung von den beiden Mädchen, die ihrerseits, eben auch durch die Erlebnisse der letzten Zeit, auch reizbar und nervös auf alles reagieren. Da ist es oft schwer, die aufeinander prallenden Gemüter zu besänftigen und auf beiden Seiten Verständnis für den anderen herbeizuführen.

Bei Mutter besteht die Gefahr, daß sie über ihren eigenen Schmerz sich allen anderen gegenüber verschließt und von ihnen etwas fordert, was sie nicht verlangen kann. Obwohl den Mädchen Vaters Tod gewiß sehr nahe gegangen ist, ist es doch verständlich, daß sie doch nicht dauernd mit ernstem Gesicht einhergehen können. Mutter ist dann allzu oft versucht, ihnen das als Gleichgültigkeit Vater gegenüber auszulegen, und die Auseinandersetzungen sind dann oft recht unangenehm. Dann muß ich versuchen, dazwischen auszugleichen und ich glaube sagen zu dürfen, daß es mir manchmal gelungen ist. Vor allem ist es gut, wenn ich Mutter abends vor dem Einschlafen ein gutes, tröstendes Wort sagen kann. Gestern meinte sie, Du hättest sie wohl am besten in diesem Schmerz zu trösen vermocht. Dann muß ich sie hinweisen auf die große Zahl derer, die heute ein gleiches Leid in völliger Einsamkeit zu tragen haben; daß letztlich jeder mit seinem Schmerz allein steht und daß vielleicht gerade darin Der uns nahe kommen will, der der einzig fähige Tröster ist, weil Er die Liebe ist. Durch die Liebe ist ein solcher Schmerz so unsagbar groß – wer nicht liebt, kann auch nicht leiden – und nur durch die größere Liebe, die zwischen dem liebenden Gott und unserer Seele weht, kann er erleidet, ertragen und überwunden werden. Um Vater selbst brauchen wir sicher nicht zu trauern, ihn hat der Herr von diesem Leben befreit, das ihm in der letzten Zeit zu einer fast untragbaren Mühsal geworden ist, wir wollen nur im Gebet darum bitten, daß Er bald sein ewiges Ziel erreichen möge und auch Mutter die Kraft werde mit dem, was ihr nun noch allein auferlegt werden wird, fertig zu werden. Und ich wünsche so sehr, durch mein Hiersein

ein klein wenig dazu beitragen zu dürfen.

Heute kam ein Brief von Bruno, am 9.12. kurz vor seinem Einsatz in Ungarn geschrieben. Wenn er um Vaters Tod schon gewußt hätte, hätte er Mutter kein besseres Wort sagen können: „Wir haben unser Leben auf Gott ausgerichtet und können dadurch mit allem leichter fertig werden. Er gibt uns die Kraft alles zu tragen und Er bestimmt auch ganz allein, wer diesen Krieg übersteht und wer nicht. Wer ihn nicht übersteht, dem seine Zeit war um, alle anderen haben noch etwas zu leisten, und das Gebet soll uns dazu helfen.“ Was Bruno sagt habe auch ich Mutter klarzumachen versucht, daß der Herrgott auch jetzt noch etwas von ihrem Leben erwartet, daß es nicht sinnlos geworden ist, wenn sie auch äußerlich für niemand mehr zu sorgen hat. Gerade eine Frau, die so stark in der Sorge für die Ihrigen aufgegangen ist, findet darin und sieht allein darin ihre Daseinsberechtigung, und wenn ihr die Möglichkeit zu diesem Tun genommen ist, geht auch jene allzu leicht verloren. Bei Mutter ist die Gefahr dazu sehr groß und darum müssen wir ihr helfen, das Bewußtsein um den Sinn des Lebens in der Erfüllung des Willens Gottes in ihr zu stärken. Mein lieber August, wenn ich Dir das alles schreibe, so unmittelbar aus dem täglichen Zusammenleben mit Mutter heraus, so laß Dir dadurch nicht das Herz schwer machen, daß Du selbst nicht die Möglichkeit hast ihr so beizustehen wie Kindespflicht – u. liebe es erforderten; ich möchte Dich nur die Dinge so wissen lassen, wie sie sind, daß Du Mutter wenigstens im Brief das Wort schenken kannst, das ihr not tut. Und ich will gerne alles tu, um Deine Stelle ein wenig an ihr zu vertreten; jedem Menschen, dessen Herz vom Schmerz verwundet ist, würde ich gerne die helfende Hand reichen, wieviel mehr jener

Mutter, die Dich in ihrem Schoß getragen hat, die mit ihrer Mutterliebe so viel dazu beigetragen hat, daß Du zu dem Menschen wurdest, dem ich heute meine ganze Liebe schenken darf. Jene Liebe muß mich ja auch ihr nahe bringen, so nahe, daß ich ihr den Namen gebe, der die innigste Beziehung zwischen Menschen darstellt: Mutter. Während ich Dir schreibe in der stillen Stunde des Mittags, ruht sie neben mir auf dem Sofa und ihr Gesicht, das ich während ihres Schlafes still betrachten kann, sagt mir, wie stark die Erlebnisse der letzten zeit sie angegriffen haben. Auch an dem Verlust all der Dinge, die sie so lange Jahre ständig um sich gehabt hat, trägt sie sehr schwer, ebenso an den Entbehrungen und Einschränkungen der Fremde. Das ist wohl etwas, was wir Jungen den Älteren voraus haben, daß wir uns leichter von den Dingen lösen können als sie; weil wir ihnen nicht so verbunden waren, vielleicht aber auch aus einer anderen Rangordnung der Werte heraus, die die Ereignisse der Zeit uns gelehrt haben.

Mein Liebster, aus den Worten, die Bruno an Mutter geschrieben hat, spricht so viel gläubiges Vertrauen, daß letztlich alles gut für uns sein wird, wie der Herrgott es für uns fügt. Dieses Vertrauen muß auch uns in unserer Gemeinsamkeit beseelen, daß alles scheinbar noch so sinnlose, zerstörerische, willkürliche Tun der Menschen – als solches müssen wir doch den Krieg betrachten, - nur wie ein Werkzeug ist in der Hand des Herrn, der damit Sein Werk an uns wirken will. Möge Er es vollenden nach Seinem Willen, wenn Seine Hammerschläge auch noch so schmerzen. Ach, hat der Fels der Menschheit sich so zum Granit erhärtet, daß es solchen Zuschlagens bedurfte? Möchten doch wir und alle durch die Läuterung des Leides

jene Lebenseinstellung gewinnen, die uns allein befähigt das Leben in seiner jetzigen Schwere zu tragen und zu unserem Heile zu formen. Du weißt, daß ich mich darum mühe in meinem Alleinsein, wo mir meist jedes befriedigende äußere Tun versagt ist, und ich weiß das gleiche von Dir, der Du auf Deinem Platz als Soldat ausharren mußt, während Dein Herz nach so anderem Leben verlangt. Wir hoffen so sehr, daß uns auch das Leben in jenen Bahnen wieder geschenkt wird, wie wir es so sehr ersehnen. Du Liebster, wir wollen uns diese Hoffnung bewahren in allen Dunkelheiten und Nöten und daraus Kraft schöpfen für die Forderung der Stunde.

Ich grüße Dich so ganz von Herzen

Deine Marga.

Auch alle, mit denen ich hier zusammen bin, Mutter, Maria, Gertrud, Else, Heinrich, Gisela und Bruno lassen Dich grüßen.