Marga Broil an ihren Mann August, 16. Januar 1946

Köln, Oberländerwall 30,
den 16. Januar 1946.

Mein lieber August!

Auf allen Wegen versuche ich Dir Nachricht zu geben und immer, wenn ich wieder einen Brief abschicke, geschieht es mit dem heissen Wunsch, dass er Dich erreicht, Dir Gewissheit bringt über unser Wohlergehen und Dich froh macht. Was möchte ich alles hineinlegen in diesen Brief, dass er es zu Dir hintrage! Mich selbst mit allen Sinnen + Kräften, so wie ich Dir gehöre.

Gestern kam mir als dritte Nachricht Dein erster Brief v. 16.9.45. Bei aller Verhaltenheit leuchtet mir daraus Dein ganzes Wesen entgegen und gibt mir die frohe Zuversicht, dass Du auch dieses Leben, das uns jetzt bestimmt wurde, mit aller Not und Beschwer aus dem Geist heraus zu bestehen versuchst, der unser gemeinsames Leben einmal bestimmen wird. Es macht mich froh zu wissen, dass Du daran glaubst, dass die Kraft und Gnade des Herrn auch mich nicht verlassen hat in dieser Zeit, und kann Dir dankbaren Herzens sagen, dass ich Deinen Glauben bis jetzt nicht enttäuschen musste, dass der Gedanke daran immer wieder Vertrauen + Zuversicht in mir wachriefen.

Dein Brief wurde mir aus der Heide nachgeschickt. Ob Du denkst ich sei dort geblieben? Die Sorge um die Lieben, das Heimweh und das Verlangen nach einem Tu, das unserem gemeinsamen Leben die Wege bahnt, liessen mich mit der ersten Möglichkeit zurückkommen. Dankbar sehe ich auf die stille Zeit zurück, die ein körperliches + seelisches Atemholen und Kraftschöpfen war. Nun stehe ich wieder am alten Platz und konnte Vielen wieder zu einem Heim verhelfen. Auch für uns habe ich ein schönes Plätzchen gefunden, wo ich Deine Heimkehr erwarte. Bis Ostern hoffe ich sogar unsere endgültige Wohnung oben hoch im Haus 14 fertig zu haben; ach, wird das schön werden, wenn wir unser gemeinsames Leben im eigenen Heim beginnen. All mein Tun jetzt in der Zeit des

Alleinseins ist darauf ausgerichtet, jede Arbeit in unserem kleinen Heim, jeder Dienst an den Menschen um mich her geschieht im Hinblick auf Deine Heimkehr und unsere endgültige Gemeinsamkeit. Denn die Liebe will wirksam werden, im Geist, im Gebet, aber auch in der Tat. Und wir wollen in der Zeit der Trennung nicht stehen bleiben beim Bedauern, dass uns so viele Möglichkeiten des Wirkens füreinander genommen sind, sondern trotz aller Trennung und Ferne füreinander da sein, unsere Liebe hineingeben in den grossen Liebesstrom zwischen Gott und uns Menschen, der uns auch untereinander eins werden lässt in Ihm. Und mit Herz und Händen wollen wir davon austeilen an die, die uns täglich begegnen. Die Welt ist so freudlos+ liebeleer, und es ist so schön, ein Wenig mithelfen zu dürfen, dass es wieder heller, froher + wärmer wird: Wir dürfen den Reichtum, den wir empfangen haben, nicht für uns verschliessen, sondern hineinleuchten in die Herzen, die dunkel sind. August, darin habe ich die Beschwer überwunden, durch die Trennung + Ferne nicht das für Dich tun zu können, wonach meine Liebe drängt. Tu Du es auch an den Menschen, die nun um Dich sind, die Kameraden + alle, die Dir begegnen. „Es darf nicht dunkel sein, an der Stelle, wo Du stehst.“

Ich schrieb Dir schon, dass ich jemand zu mir genommen habe in unser kleines Heim. Es war mir schwer, auf die stillen Stunden des Alleinseins zu verzichten nach des Tages Arbeit + Unruhe. Aber es ist gut für mich, für einen Menschen sorgen zu müssen, gewissermassen eine Vorübung; und auch sonst hat mir das Zusammensein mit Frl. Gittler, einer Lehrerin der Zwillinge, manche Bereicherung gebracht. Vater, der seine Tätigkeit wieder aufgenommen hat, ist oft bei mir zu Gast, auch Finni + die Zwillilnge kommen gerne zu mir und an Schlafgästen bin ich immer reich. Elisabeth Muckes ist von unseren Freunden die Einzige, mit der ich näher in Verbindung stehe. Therese ist mir entfremdet, sonst ist nur Maria Weyerstrass noch da, denen ich unsere frühere Wohnung Mainzerstr. 77. gegeben habe. Georg Klüppel war einige Tage bei mir einquartiert, es war ein frohes Wiedersehen. Er ist wieder bei Ford, im Frühjahr habe ich hoffentlich eine Wohnung für ihn, dass Marlis + Kinder kommen können. Elli Niermann + Jupp Völker heiraten bald. Cordula + Richard, Elisabeth + Franz haben gemeinsames Heim in Sülz. Von den Lieben in

Gladbach + Amelunxen hab‘ ich Dir ja schon öfter berichtet. Vater + Mutter geht’s gut, Finni ist noch bei Firma Hesse, Hanni + Rosi sind begeistert in ihrem neuen Beruf als Volksschullehrerin + Echen lernt eifrig. Meist fahre ich jeden 2. Sonntag zu ihnen, dann gibt es immer ein paar gute Stunden im Kreis der Familie. Wie dankbar müssen wir sein, den Krieg alle gesund überstanden zu haben. - Auc– Deiner Mutter in Amelunxen geht es gut. Else, die mit Heinrich wieder in Wirdorf ist, hat ihr die Kinder dagelassen, das ist gut für sie, sie bringen ihr Arbeit, Freude + Zerstreuung. Aber das Heimweh + die Sorge um ihre Jungen quält sie doch sehr. Maria will nächsten Monat heiraten. Hoffentlich hören wir bald was von Bruno.

Mir selbst geht es so gut, dass ich selbst oft staunen muss. Ich habe doch aus der Heide eine gute Grundlage mitgebracht. Selbst mein Dauerübel, die Kopfschmerzen, haben sich sehr gebessert. So kann ich allen Anforderungen gerecht werden und bin froh, durch meinen Posten manchen helfen zu können. Die wenige freien Stunden am Abend verbringe ich mit meinem Tagebuch, das Dir bei Deiner Heimkehr etwas von meinem Leben + Erleben in all der Zeit erzählen soll, oder im guten Gespräch mit den Menschen, die zu mir kommen. Am 1. Sonntag im Monat tue ich bei einem Brautleutetag mit, der im Kloster stattfindet. Es sind viel frohe, lebendige Menschen dabei, die Arbeit macht mir viel Freude. Sieh‘ August, wie gut es mir geht + dass Du Dir um mich keine Sorge zu machen brauchst. Jeden Tag beginne ich mit dem hl. Opfer, dann bin ich Dir besonders nahe, und auch am Abend, wenn ich Dir über alle Ferne hinweg das Kreuzzeichen schicke, auf dass in ihm Dein + mein Tagewerk gesegnet werde und all meine Liebe zu Dir Gestalt gewinne. Wenn Du wüsstest wie froh ich oft bin, würde es Dich sicher auch froh machen. Ich weiß ja, dass Du mit Gottes Hilfe, die ich Dir täglich neu erflehe, auch diese Zeit der Prüfung bestehen wirst, wenn es Dir oft auch recht schwer werden mag. Aber wir dürfen wohl hoffen, dass Du bald heimkehren kannst und unser Leben in jener tiefen stillfrohen Gemeinsamkeit seinen Fortgang nimmt, das wir so glückhaft begonnen haben. Ihm wollen wir entgegen gehen mit aller Freude + Bereitschaft unserer Herzen. Du, ich glaube, es wird wieder Hochzeit für uns werden, hohe Zeit unserer Liebe, die so stark nach Erfüllung drängt.

Es tut mir so wohl, Dir dies einmal wieder sagen zu können, wie ich Dich lieb habe und wie sich alles in mir nach Dir sehnt. Ach August, ich glaube, dass ich Dir heute mehr angehöre als je zuvor.

Und wie mag es wohl jetzt in Dir aussehen, nach all den furchtbaren Erlebnissen der Gefangenschaft? Tagtäglich stelle ich mir die Frage und bete darum, dass das beruhigende Wort von der „wohltuenden Vergessenheit“ Wirklichkeit werde, dass Dein innerstes Wesen daran nicht Schaden gelitten hat, sondern geläutert und gestärkt daraus hervorgehe.

So viele Frauen, die ihre Männer wieder hier haben, klagen darüber wie schwer es ist all das zu ertragen, was die Erlebnisse des Krieges und der Gefangenschaft in den Männern hinterlassen hat. Gewiss wird es auch nicht spurlos an Dir vorübergegangen sein, aber ich mache mich nicht bange davor; wenn Du nur mal wieder da bist und wir gemeinsam unser Leben bauen können, dann wird alles gut werden, glaubst Du nicht auch?

So wie Du jetzt bist, wie Dich auch die lange Zeit der Trennung + Ferne gewandelt haben mag, nimmt Dich meine Liebe mit tausend Freuden auf voll gläubigen Vertrauens, dass in unserer Gemeinsamkeit unser beider Sein und Leben mit der Gnade + Hilfe des Herrn undn aller Kraft unseres guten Willens sich zu jenem Menschenbild gestalten wird, dass trotz aller Unzulänglichkeit einen kleinen Beitrag zur Verherrlichung Gottes leisten wird. So laßt uns denn mit aller Freude unserem gemeinsamen Leben entgegen gehen und auch die letzte Spanne dieser Trennungszeit ganz bewußt gemeinsam tragen + bestehen. Wenn es mir einmal schwer wird + ich schwach werde, dann denke ich daran, wie Du mich in dieser Stunde haben möchtest, dass Du an mich glaubst, und das gibt mir die Kraft so zu sein wie es Deinem Glauben und Deiner Liebe zu mir entspricht. Lasst uns jeden Tag dieser Trennung so leben, dass wir am Abend voneinander + vor Gott bestehen können. Oft geht dann mein Blick zum Sternenhimmel hinauf und sucht die Richtung, in der ich Dich weiss, wo Du unter einem fremden Dach schläfst, während Deine Ruhestatt an meiner Seite Gastlager geworden ist. Aber jeder Tag bringt uns ja Deiner Heimkehr näher; ich male es mir immer wieder aus, wie das sein wird! Ach August, wir haben doch allen Grund zu danken, dass sich alles noch so gut für uns gefügt hat, ich kann garnicht anders als froh sein. So sei mir gegrüsst aus dieser Freude, nimm meine Hände, die ich Dir über alle Trennung hinweg mit all meinen Wünschen für Dich entgegenstrecke. Bleib stark + froh, Gott schütze Dich und schenk Dir alles Gute. Ich grüsse Dich in tiefer Herzlichkeit

Deine Marga.