1945 - Brieftagebuch Marga Broil 1 (1. April -10. Juni 1945)

Mein lieber August.

Eine ganze Woche lang fast, habe ich diese lieben Worte der Anrede an Dich nicht mehr im Brief geschrieben, sie standen nur über den vielen Gedankengängen, die mich in diesen Tagen bewegten auf daß auch sie zu Dir hinströmen sollten.

Ueber fünf Wochen ist es nun her, daß wir von einander Abschied nahmen in der Herbe der Stunde auf dem Bahnhof in Nordheim, seitdem ist noch keine Nachricht von Dir zu mir gekommen und weil die Ereignisse keine Hoffnung freigeben, daß meine Briefe zu Dir hingelangen, will ich versuchen, ein Wenig von dem, was ich zu Dir hintragen möchte, diesen Blättern anzuvertrauen. Sie sollen mir wie ein Freund in meiner Einsamkeit sein; mögen sie alles, was ich in sie hineingebe, für Dich bewahren bis zu dem Tag, den wir mit aller Inbrunst unseres Herzens erhoffen und ersehnen, da uns ein neues Wiedersehen geschenkt sein wird, da wir endlich das Leben in voller Gemeinsamkeit führen dürfen, in der von Gott gesetzten Ordnung durch alle Höhen und Tiefen, in Alltag und Festtag, in hellen und dunklen Stunden, in Freude und Leid. Wenn ich dann diese Blätter in Deine Hände lege, nimm darin die ganze Zeit der Trennung und des Alleinseins entgegen, denn sie gehört Dir; auch in ihr war meine Liebe die tragende Kraft meines Lebens, das mit dem Deinen untrennbar verbunden ist.

Deine Marga.

Ostern. 1. April 1945.

„Das ist der Tag, den der Herr gemacht hat, laßt uns frohlocken und fröhlich sein. Christ ist erstanden wahrhaft vom Tod. Du Sieger, Du König, Du sei uns Heil! Amen. Alleluja!”

Mein lieber August. Ostern ist heute, Fest der Auferstehung des Herrn. Die Kartage habe ich in aller Stille in Uelzen in der Gemeinschaft der Kirche begangen. Es waren rechte Gnadentage für mich. Gründonnerstag. Die Freude über das Abschiedsgeschenk des Herrn, das Sakrament des Altares, klingt in die Traurigkeit des Passionsgedenkens hinein. Voll Dankbarkeit beten wir Ihn in Seiner Verborgenheit an. Die sinnvollen Zeremonien, die ich ich früheren Jahren in ihrer Vollendung daheim im Dom miterlebt habe, hier in ihrer Schlichtheit, gar Primitivität greifen sie mir noch ans Herz. Und in der Stille des kleinen Hotelzimmers habe ich einmal tiefer ins eigene Innere hineinhorchen können. Karfreitag. In aller Frühe, noch ehe es Tag geworden, ging ich wieder zum kleinen Gotteshaus, dem das Kriegsgeschehen auch schon tiefe Wunden geschlagen hat. Wie eine Braut um den Tod des Geliebten so trauert die Kirche heute über den Tod des Herrn, aber eingedenk der Gnaden, die uns durch Seinen Tod zuteile geworden sind, wagt sie es heute, alle Anliegen der Welt und der Menschen vor den Vater zu bringen. Sie erweist sich in diesem Beten als Mutter aller Menschen. Die Verehrung

 

 

des hl. Kreuzes ist stiller, verhaltener Ausdruck unserer Liebe und Dankbarkeit. Am Nachmittag mache ich einen Gang in den Wald, den gleichen, den wir am Vortag Deines Fortgangs von hier gemeinsam gemacht haben. Ich war wieder an der Stelle, wo Du auf dem Weg zum Regenwasser eine Rinne grubst in kindhaftem Spiel und an dem Holzstoß, von dem Du ein Scheit aufhobst mit der leichtfertigen Bemerkung, die mich erschrecken ließ. Und alles, was auf dem Weg weiter geschah mit uns beiden und auch nur tief verborgen in mir, das kam mir wieder in Erinnerung. Lange bin ich so dahergegangen, diesen Gedanken nachhängend und dann im Rosenkranzgebet des Leidens des Herrn gedenkend. Eine wundersame Ruhe kam dabei über mich, auch die Regenschauern konnten mir den Aufenthalt im Wald nicht verleiden. Eine kleine Tanne bot mir Schutz vor den dichten Tropfen, die wie im Takt auf ihre Zweige herunterprasselten, aber nach einer Weile konnte ich schon weitergehen, denn die Sonne sandte ihre Strahlen wieder durch die dunkle Wolkendecke. Durch dichten Fichtenwald, wo die Uelzer Leute sich Unterstände zum Schutz vor den Fliegern gebaut haben, und durch lichte Heide nahm ich meinen Weg, ohne Ziel, einzig aus Freude am Wandern und Schauen. Und bei diesem Schreiben kommen mir so viele gute Gedanken, um die ich mich beim Sitzen im Zimmer gewiß vergebens gemüht hätte, hier fallen sie mir

ganz ungewollt zu. Ich bin so dankbar für all das Gute, das das Erleben der Natur in mir bewirkt, es erschließt mir immer wieder neue Schätze des Frohseins. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, daß bald die Todesstunde des Herrn da ist. Da halte ich eine Weile im Wandern inne, um dieses gewaltigen Ereignisses zu gedenken und ich falte meine Hände zum Gebet: „Ich danke Dir, Herr Jesus Christ, daß Du für mich gestorben bist.” Inmitten von Menschen hätte ich solches Beten wohl nicht gewagt, aber all die Dinge der Natur dürfen es sehen, ja, ich will sie in mein Gebet hineinnehmen. Wie singt doch die Dichterin: „Dir Berg, Wald + Feld bin ich gegeben, auf daß ich für Dich singe, dein hohes Schweigen bringe zum ew'gen Leben.” Ist die vernunftlose Kreatur nicht ihrer Daseinsbestimmung, der Ehre Gottes zu leben, mehr treu geblieben als der Mensch, dessen Freiheit und Vernunft die Möglichkeit zu höchster Vollendung geschöpflichen Gotteslobes in sich birgt, zugleich aber auch die Möglichkeit zum Nein wider Gott! Die Stimme der Gottesverneinung droht in der Gemeinschaft der Menschen heute das Ja der Wenigen zu übertönen und die furchtbaren Auswirkungen dieser Verneinung, der Auflehnung gegen die gottgewollte Ordnung, wird uns täglich in den Schrecken des Krieges spürbar. In endlosen Kolonnen strömen die Flüchtlinge aus dem Osten hier in die Stadt. Wochenlang sind sie mit ihren Karren unterwegs, das

 

 

Grauen des Erlebten hat sich in ihre Gesichter gezeichnet, aus denen eine hoffnungslose Stumpfheit spricht. Hat die Bitterkeit des Leides das Herz dieser Menschen ertötet, worin unterscheiden sie sich noch von dem erbärmlichen Dasein ihrer armseligen Pferde, die mechanisch ein Bein vor das andere setzen, derweil ihre Kraft bald zu Ende sein muß? Ich möchte ihnen die Worte zurufen, die Thomas Mann im Kerker dem englischen König mahnend gesagt: „Wenn du nur nicht bitter wirst, wenn du dich nur nicht verschließest und wenn dein Herz nicht erstirbt, so kann noch immer alles gewonnen werden ... Verzweifle nicht .. und glaube, daß die Liebe sich nicht von Dir gewendet hat .. Es geht nun alles den Weg des Opfers, ein anderer Weg ist der ewigen Liebe nicht mehr offen.”

Mein August, Du weißt, daß dies auch immer meine größte Sorge um Dich ist, daß Dir die Wachheit der Seele bewahrt bleibe und Dir in aller Dunkelheit der Glaube an die verborgene Herrlichkeit alles recht erlittenen Leides nicht verlorengehen mag. Seitdem der Herr in Seinem göttlichen Erlöserleiden alles Menschenleid auf sich genommen hat, ist es in ihm geadelt und erhöht worden, nicht nur Fluch und Strafe, sondern Gnade. Ach, daß wir doch alles, was uns heute beschwert, so auf uns nehmen, daß es uns wirklich zur Gnade werden kann, daß wir dem leidenden Herrn darin nahe kommen. - Als ich am Abend des Karfreitags wieder in dem kleinen Gotteshaus kniete inmitten der aus allen Gegenden

unseres Vaterlandes zusammengeführten Gemeinde, da mußte ich nur die eine große Bitte an den Herrn tun, daß Er all das Leid unserer Tage hinnehme in Sein göttliches Erlöserleiden und dem Vater darbiete: Suscipe pater, nimm es hin! Wir können es nicht wagen um Schonung zu bitten, aber daß Du auch in der dunkelsten Stunde, in der wir menschlich verzagen müssen, unser Heil wirken mögest; denn all unser Tun, Wirken und Leiden hat nur dann Bestand, wenn es hineingebettet ist in Dein Walten, das vor allem Anfang war und nach dem Ende der Zeiten sein wird. Karfreitag. Nur ein weniges kann ich anklingen lassen von all den Empfindungen und Gedanken, die das Gedächtnis des Leidens Christi und das leidvolle Erleben des Geschehens unserer Tage in mir bewirkt. Das Eigentliche und Kostbarste bleibt ja in den Tiefen des Herzens verborgen und unsere Hände sind zu schwach, es in das Licht des Bewußten emporzuheben. Eines aber spüren wir mit ganzer Gewißheit, daß wir dem leidenden Herrn näher gekommen sind durch unser Leid, daß ein geheimnisvolles Einvernehmen zwischen Ihm und uns webt, das jetzt schon eine stille Wonne in sich birgt.

Es war eigentlich eine Flucht vor der Gemeinschaft mit den Menschen, daß ich für die Kartage nach Uelzen gegangen bin, um inniger in die Gemeinschaft mit Gott eingehen zu können. Ich bedarf wirklich einmal solcher Loslösung von den äußeren

 

 

Bindungen und ich glaube, jeder hat sie wohl einmal nötig und die Menschen, die uns den Weg zu Gott weisen sollen, haben auch immer wieder vom Wert solchen Alleinseins gesprochen. Ich bin froh darum, daß ich es mir einrichten konnte. In der Arbeit, den Nöten und Sorgen des alltäglichen Lebens wird die Stimme des Innern und die Stimme Gottes allzu leicht von den Ereignissen des Tages übertönt, so war es gut, sich ihnen einmal ganz zu entziehen und nur für das Letzte und Tiefste im Menschenleben da zu sein, für die Beziehung zu Gott.

Der Abend des Karfreitags brachte dann im Zusammentreffen mit Herrn Berners, der viel von den Eltern und dem Leben in Gladbach berichten konnte, eine besonders tief gehende Begegnung mit der Gemeinschaft der Menschen, in die wir hineingestellt sind. Das Gespräch mit ihm, das mehr umfaßte als die allgemeinen Kriegsnöte, hat mir recht gut getan. Die Nacht mußte ich dann bei Fam. Baruschke zubringen. Es ist so schön zu beobachten, welch feines, inniges Verhältnis die Eltern miteinander verbindet. Wieviel Mühe macht sich die Mutter, um ihre Lieben noch gut zu versorgen, doch trotz der Niedrigkeit ihrer Arbeiten ist sie kein Aschenbrödl, sondern Frau und Mutter in ganzer Würde. Liebe und gegenseitige Achtung atmet das Zusammenleben auf den Besucher. Es ist doch nicht zu verkennen, daß ein gewisser Bildungsgrad sich wohltuend auf die Gemeinsamkeit der Menschen

auswirkt. Im Krieg werden so viele althergebrachte Formen über Bord geworfen, manches daran war nicht mehr wert, beibehalten zu werden, aber wir dürfen auch nicht glauben, auf jede Form verzichten zu können. Heute sind wir zwar gezwungen, vieles zu entbehren, auch auf die Dinge geistigen Lebens, die wir früher genossen haben, aber es ist eben nur ein Notzustand. Es wird unsere Aufgabe sein, aus dem guten Geist d. h. aus dem Geist, der mit dem Heiligen Geist in Einklang steht, die Form für unser Leben in Ehe und Familie zu prägen. Und wenn wir uns auch in allem bescheiden müssen und das Leben uns eine Anspruchslosigkeit abfordert, die wir heute vielleicht noch nicht ahnen, in der Beziehung können wir unsere Ansprüche nicht aufgeben ohne uns selbst untreu zu werden. Um ihnen zu entsprechen bedarf es garnicht des äußeren Besitztums, wie oft fälschlich angenommen wird, sondern der Hochgesinntheit, des Hochmutes, in des Wortes positiver Bedeutung - frei von Überheblichkeit. Und wenn wir so arm wären, daß wir nur Pellkartoffeln zu essen hätten, auch darin ließe sich noch die Form unserer Lebensführung erkennen lassen. Bequemer ist es freilich mit der Gleichschaltung der äußeren Lebensbedingungen, die der Krieg allgemein vorgenommen hat, auch die der gesamten Lebensführung zu vollziehen. Das würde aber das Gesamtniveau (ein Wort mit Beigeschmack, aber mir fällt im Augenblick kein anderes ein) unseres

 

 

Volkes auf eine Stufe herabsinken lassen, die seiner Geschichte und seiner Berufung unwürdig ist. Dann wären ja all die Bemühungen uns geistig fortzubilden und die uns geschenkten Fähigkeiten zu gebrauchen, sinnlos gewesen. Läßt sich die Verantwortung ohne Weiteres von der Hand tun, die uns dadurch auferlegt ist, daß wir in unserer Jugend noch den Dingen wahrer Kultur begegnet sind in Musik, Literatur, Baukunst, Malerei usw., die den Menschen heute und morgen versagt bleiben wird, ja zum Teil für immer vorenthalten bleibt? Und vor allem das, was wir in Wort und Schrift und Erleben erfahren durften, um uns zu einer tieferen Erkenntnis und Liebe zu Gott zu führen, verlangt es nicht danach, in unserem Leben Ausdruck zu finden?

Das Zusammensein mit den gastfreundlichen Menschen in Uelzen, (denen ich jederzeit willkommen bin,) hat wieder die Gedanken in mir wachgerufen, die die gemeinsamen Tage im Kreise der Lieben in Amelunxen schon anklingen ließen. Wir haben damals schon davon gesprochen, daß wir die gemeinsame Lebensform finden müssen, in der sich unser beider Wesen ganz auswirken kann und wir beide zutiefst daheim sind. Im geheiligten Raum der eigenen Familie und des eigenen Heimes entfaltet und festigt sie sich leicht und für mich als Frau bieten sich da so viele Möglichkeiten eines guten Wirkens. Für uns, die wir so selten Gelegenheit hatten die Lebensgewohnheiten des Einzelnen in die

gemeinsame Lebensform hineinzugeben und umzuwandeln, ist es trotz aller Bereitschaft - daran fehlt es uns beiden doch wahrhaftig nicht - schwer, die uns beiden gemäße gemeinsame innere und äußere Lebenshaltung zu finden. Dazu kommt noch, daß wir als die „Ständig in der Fremde-Seienden” nirgends den Raum haben, unser persönliches Leben zu führen, daß wir die kaum gebildete gemeinsame Lebensform den Verhältnissen des Augenblicks anpassen müssen und es wirklich den Mut zum Eigenen, den Mut zum Anderssein fordert, daß sie überhaupt erhalten bleibt.

Mein lieber August, meine Gedanken sind weit weggewandert von dem Erleben der Kartage, von dem ich Dir noch so viel sagen wollte, aber auch dies liegt mir so sehr am Herzen und deshalb muß es auch zu Dir hingetragen sein.

Karsamstag. Dieser Tag war mir schon von Kindheit an besonders lieb, seinem Geschehen oder besser, seiner Ruhe und Stille galten meine ersten kindlichen Verse. Er ist die Mitte zwischen tiefstem Leid und größter Freude und atmet den Frieden, den wir gerade heute so ersehnen. Die Kirche holt an diesem Tag wie an keinem andern des Kirchenjahres die herrlichsten Kostbarkeiten aus den Schatzkammern ihrer Liturgie hervor. Das Dunkel der Trauer ist gebrochen, das das neue Licht unter frohem Ruh Einzug hält: Lumen Christi - deo gratias. Und dann der Jubel des Exsultet, des herrlichen Osterliedes. Die Lesung der 12

 

 

Prophetien, die alle geheimnisvoll auf die Auferstehung hindeuten, und die Weite des Taufwassers, in der das Element zur Teilhabe am übernatürlichen Geschehen erhoben wird, das alles findet seinen Höhepunkt in der Feier der Ostermesse. Alle Schwere ist gebannt, da aus dankbar jubelnden Herzen das Gloria erklingt und die Kirche im dreifachen Alleluja dem Auferstandenen Lob singt. Wie eine warme Flut hielt da die Freude Einzug in mein Herz und als der Herr selbst dann wieder zu mir kam, da war wahrhaft Ostern in mir und ich konnte am Mittag wundersam gestärkt dahin zurückfahren, wo ich unter dem gastlichen Dach ein Zu-Hause gefunden habe.

Und nun ist der hohe Festtag selbst da. In aller Frühe schon bin ich aufgestanden, um Ostern zu halten mit dem Herrn und mit Dir, mein lieber August. Mein kleines Zimmer sieht recht festlich aus. Auf dem Tisch (was macht es, daß es ein kleiner Kindertisch ist, der auf Konservendosen steht, um die richtige Höhe zu haben) steht das Bild des gekreuzigten Herrn aus unserer Krypta, ein großer Strauß leuchtend gelber Sumpfdotterblumen steht dabei und vor dem Bild der Madonna von Altenberg ein dicker Busch Annemonen. Die neue grün-graue Tischdecke habe ich zum ersten Mal aufgelegt und die Kerze, die sonst nur ein paar Minuten beim täglichen Gebet brennt, lösche ich heute nicht aus, ihr Schein soll mein österliches Beten und Denken

ganz begleiten bis ihr Docht von selbst verglimmt. Aus dem Schott bete ich die Texte der Liturgie, in denen heute die Kirche auf der ganzen Welt ihrer Osterfreude Ausdruck verleiht. Wie weitet sich dabei der Raum um mich her und ich spüre auf einmal, daß ich in meiner Einsamkeit hier hineingestellt bin in die große Gemeinschaft der Kirche. Wenn auch das Entbehren der wirklichen Teilnahme am Wirken des Herrn in Seiner Kirche an solchen Tagen besonders schmerzlich ist, es scheint aber, als ob der Herr mich durch ein besonders tiefes inneres Erleben dafür entschädigen wollte. Ach August, könntest Du doch diese Stunde mit mir teilen, daß mein Erleben das Deine sei und wir in inniger Gemeinsamkeit diese Festtage gestalten könnten. Immer wieder stelle ich mir die Frage, wo Du wohl bist und wie es Dir ergehen mag. Täglich lege ich mit der ganzen Inbrunst meiner Liebe all meine Sorge um dich in die Hand des Herrn und aus diesem Beten erwächst mir immer wieder Kraft und Zuversicht. So bin ich trotz aller Sorge - und wäre die Liebe einer Frau ohne Sorge denkbar? - doch im letzten nicht unruhig um das, was mit Dir geschehen mag. Bisher waren mir Deine Briefe immer noch Freuden- und Hoffnungsboten in der bangen Ungewißheit, nun muß ich auch sie entbehren und das Gebet bleibt mein einziger Trost. In ihm wollen wir uns immer wieder Kraft holen diese Zeit der Trennung in all ihrer Schwere recht zu bestehen.

 

 

Meine Gedanken gehen zurück zum Osterfest des Vorjahres, an dem Du so plötzlich, und doch in meinem Sehnen und Ahnen erwartet, zu mir kamst in unser kleines Heim. Alles Erleben dieser Stunden das Glück unseres innigen Einsseins, die gemeinsame Feier des Osterfestes im hl. Opfer in der Kapelle in Bayenthal, das Zusammensein mit den Lieben und der stille, glückhafte Abend in unserem Heim steht so lebendig vor dem Auge meiner Erinnerung. Die Gedanken können so schön und tief in alle Einzelheiten des Erlebten eindringen, daß das Glück dieser Stunden noch das Heute zu erfüllen vermag, und auch in das Alleinsein dieses Ostermorgens noch seine Strahlen wirft. Ganz schön und groß wird dadurch die Sehnsucht entfacht; wir wissen nicht, ob ihr je wieder eine solche Erfüllung geschenkt wird, aber unser ganzes Hoffen geht dahin. Komm Liebster, komm wieder zu mir, laß mich in der Gemeinsamkeit mit Dir wieder ganz Ich-selbst sein und laßt uns so Ostern miteinander halten in der Freude des auferstandenen Herrn. Ja, im Geheimnis des österlichen Festes liegt das Geheimnis unserer Stärke und die verborgene Ursache unserer Freude. Zwar werden wir sie hier auf Erden nie ganz ungetrübt benießen können, aber die Auferstehung des Herrn gibt uns die tröstliche Gewißheit, daß auch dem Karfreitag unseres Lebens, wenn wir ihn recht bestehen ein Ostern folgt und alles Leid dieser Zeit die verborgene Herrlichkeit des Reiches Gottes in sich schließt.

Draußen fegt ein Sturm um das Haus, er zerrt die Äste der Bäume, an denen sich die ersten Knospen zaghaft öffnen, hin und her und treibt die grauen Wolken in Fetzen auseinander. Dieses Osterwetter paßt so recht in unsere Zeit, da die Schatten des Karfreitags stärker sind als die Strahlen des Osterlichtes. Menschlich liegt uns heute die Mitfeier des Karfreitags mehr als die des Osterfestes, denn ist nicht alles, was um uns geschieht, eingetaucht in die Düsterkeit des Karfreitags, die uns verzagen lassen möchte? Die frohe Botschaft von der Auferstehung des Herrn ist uns ein Lichtblick in all dem Dunkel und die Feier dieses Ostern ein Vorbote der ewigen Osterfreude, die wir im künftigen Leben in ihrer Vollendung kosten dürfen. Aber Seine Auferstehung will sich auch hier schon in uns vollziehen in dem geistigen Neuwerden, das wir im Zusammenwirken mit der Gnade unermüdlich bauen sollen. Mein lieber August, ich wünsche Dir so ganz von Herzen, daß Dir die Gnade dieses Neuwerdens geschenkt werde und der Herr Dir am heutigen Festtag Seine Freude geben möge, die Du so nötig hast, damit es doch nicht dunkel werde in Deiner Seele. Er allein vermag das Licht in uns zu entzünden und zu hüten, das der Macht der Finsternis stand hält.

Heil sei Dir, Liebster, Gnade und Segen, Friede und Freude vom Herrn. Wo Du auch seist, das Wissen um meine Liebe verlasse Dich nie

Dein Marga.

 

 

Nach der stillen Stunde des Alleinseins mit Dir und dem Herrn am Ostermorgen habe ich draußen im Garten, wo die Kinder dem Osterhasen schon die Nestchen bereitet hatten, die bunten Eier versteckt. Elfriede und Elisabeth konnten es in ihren Bettchen garnicht abwarten, sie suchen zu dürfen. Unter Freudenrufen sammelten sie dann ihre Schätze in Körbchen und unter eifrigem Zählen wurden sie dann redlich geteilt. Gern hätte ich den Frühstückstisch etwas festlich hergerichtet, aber um der Hausfrau nicht wehe zu tun, tat ich es nicht. Eine besondere Osterfreude war es mir, am Radio die Übertragung eines Pontifikalamtes zu hören. Tief ergriffen lauschte ich den allvertrauten Worten und Gesängen, die ich so lange nicht mehr gehört habe. Ach, was ist es doch etwas Herrliches und Großes um die Einheit unserer Kirche, irgendwo in einem fremden Land feiert da ein Bischof mit seiner Gemeinde das hl. Opfer und dadurch ist es mir möglich in der Zerstreuung und dem Alleinsein hier in der Diaspora hörend daran teilzunehmen. „Credo .. et unam sanctam catholikam et apostolicam ecclesiam!”

Es ist nur traurig, daß man gezwungen ist einen fremden Sender anzustellen, um solches zu hören, da das eigene Vaterland für diese Dinge keinen Raum mehr gibt. Über einen anderen Sender erklang das Lied, in dem wir so oft in der Krypta daheim unserer Osterfreude Ausdruck verliehen haben:

„Nun lobet Gott im höchsten Thron samt seinem eingeborenen Sohn”. Ob sich in unserer Krypta heute auch wieder eine Gemeinde um den Altar schart, um Ostern zu feiern? So hart uns der Gedanke ist, daß der Fremde nun in unserer Stadt ist, - für uns Christen dürfte es den Ausdruck Feind nicht geben - aber das Morden hat doch jetzt dort aufgehört. Die Nachricht, daß auch unsere Krypta eine tiefe Wunde davongetragen hat, war mir ein tiefer Schmerz. Der hintere Teil, wo das Altenberger Kreuz hing, ist eingestürzt, aber der Altar steht und so wird dort wohl auch heute das hl. Opfer gefeiert und seine Gnadenfülle mag sich auf alle ergießen, deren sehnende Gedanken dorthin gerichtet sind. -

Am Nachmittag habe ich ein paar besinnliche Stunden gehabt, in denen ich mich von Guardini's Gedanken aus „Der Herr” tiefer in das Geheimnis des Festes hineinführen ließ. Von all den Gedanken, die er dort aufzeichnet, ist dieser besonders tief im mich eingegangen, daß in der Auferstehung des Herrn und in der Verklärung Seines Gott-menschlichen Leibes unser aller Leben und auch unser Leib eine Erhöhung gefunden hat. Ja, er bezeichnet das Dasein dieses verklärten, vom Geist durchdrungenen Leibes als die Erfüllung der Leiblichkeit.

Wenn wir daran denken, daß unser Leib auch dereinst auferstehen wird und an der ewigen Herrlichkeit unserer Seele teilhaben soll, können wir ihm nicht genug Ehrfurcht ent-

 

 

gegenbringen. „Was eigentlich Menschenleib bedeutet, wird erst in der Auferstehung und Verklärung sichtbar.” (Guardini) Wir wollen alle Fähigkeiten unseres Menschenlebens in der von Gott gesetzten Ordnung gebrauchen und als kostbares Lehen zu wahren suchen. Das ist die Forderung, die mir die Betrachtung des Ostergeschehens am stärksten einprägt.

Am zweiten Ostertag. Nachdem ich in der Stille meiner kleinen Kammer die Tagesmesse gebetet habe, habe ich die Stunden bis zum Mittag unten im Kreis der Familie zugebracht. Ich habe ihnen einige Osterlieder vorgesungen; ihnen, aber auch mir selbst zur Freude, denn ich habe mich richtig danach gesehnt sie wieder singen zu können. Ich bin schon voller Erwartung des eigentlichen Ostererlebnisses, der Feier des hl. Opfers, das am Nachmittag in Lüder stattfindet. In Sturm und Regen mache ich den Weg durchs Feld, aber mögen die Unbilden um mich her noch so groß sein, in mir ist Ostern und ich gehe ja mir den auferstandenen Herrn im österlichen Sakrament holen, auf daß Seine Auferstehung in meiner Seele neu heilige Wirklichkeit werde. Während ich den Altar zur Feier des hl. Opfers herrichte, hört der Priester, der die ganzen Tage schon mit dem Rad die vielen weit zerstreuten Gemeinden besucht, die Beichte seiner aus allen Gauen zusammengekommenen Pfarrkinder. Und dann vollzieht sich auf dem Altar des kleinen, uralten

Kirchleins, das heute wieder Haus Gottes in des Wortes voller Bedeutung geworden ist, das erhabene Geschehen des Opfers des Herrn. Es war eine solch festlich-frohe Gemeinschaftsmesse und man konnte es aus dem Beten und Singen der leidgeprüften Menschen heraushören wie wohl es ihnen tat, in der Gegenwart Gottes wieder einmal ganz zu Hause sein zu dürfen. Auf den Stufen des Altares, wo das römische Missale auf der lutherischen Bibel lag, empfingen alle den Leib des Herrn. Wie klang der Osterjubel im Gruß an die Gottesmutter auf, der so lange an dieser Stätte kein Lob mehr gesungen wurde: Freu' dich der Himmelskönigin, freu dich Maria.. und nach dem feierlichen Tantum ergo erhob sich der weiße Leib des Herrn segnend über der betenden Gemeinde. In ihrer Mitte empfing dann ein Kindlein das hl. Sakrament der Taufe und ward Glied der großen Gemeinschaft der Gotteskinder. Lange habe ich das kleine Menschenkind betrachtet, an dem sich unter den sinnvollen Zeichen so Großes vollzog, und in meinem Herzen stieg wieder der Dank an den Herrn auf, daß Er auch unserem Kind die Gnade der Gotteskindschaft hat zuteil werden lassen ehe Er es zu Sich heimgeholt hat. „Fest soll mein Taufbund immer stehen..” wie ein Gelöbnis erfüllte es das kleine Gotteshaus. Dann begleitete ich den Herrn, den der Priester unter seinem Rock trug, in das Krankenzimmer

 

 

der Mutter des Täuflings und zu dem alten Opa, der in seinem Lehnstuhl darauf wartet, daß seine Seele bald den Weg ins Ewige Leben antreten darf. Im engen Quartier bemüht sich eine Flüchtlingsfamilie, uns gastlich zu bewirten und als die Sonne eben wie eine feurig rote Kugel untergehen will, trete ich reich beschenkt, von einem stillen Frieden erfüllt, den Heimweg durch die Felder an. Nun erst komme ich dazu, mit dem Herrn in meiner Seele stille Zwiesprache zu halten.

Der Sturm hat sich gelegt, nur wie ein leiser Hauch streicht der Abendwind über die Felder. Die Wolkenbildung am Himmel bietet ein herrliches Bild, über den Häusern von Reinstorf, die in der Ferne aus der Dämmerung auftauchen, leuchtet der Abendstern auf. Unter dem gleichen Himmel, irgendwo, weilst Du nun, mein Liebster, ach, ich kann nichts anderes tun, als Dich immer wieder der liebenden Obhut des Vaters im Himmel zu empfehlen. Am Abend dieses österlichen Festes geschieht es mit besonderer Innigkeit mit den Worten der Emmausjünger: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget!” Ja, möge der Herr bei uns bleiben im Abenddunkel dieser Tage; wenn wir Seiner Nähe gegenwärtig bleiben dürfen brauch uns auch in der dunkelsten Stunde nicht bange zu sein. Es ist Abend. Ich denke daran, wie wir am Abend des vorigen Osterfestes Abschied voneinander

nahmen. Ach, da war Winfried noch bei mir, nun bin ich ganz allein; aber seine Seele, die vor Gott steht, ist Dir und mir nahe und wird uns über alle Ferne und Trennung hinweg miteinander verbinden. Komm Liebster, laß mich am Abend des Osterfestes noch eine Weile still bei Dir sein.

Gute Nacht, mein lieber August, Gott schütze Dich Deine Marga

Am Osterfreitag.

Die Osterwoche, die die Kirche als ein einzig großes Fest begeht, neigt sich ihrem Ende zu. Die Freude des Festes klingt nach in den Tiefen des Herzens obgleich die Ereignisse wenig dazu angetan sind dieser Freude Raum zu geben. Seit der Explosion des Munitionszuges in Bodenteich ist die Unruhe und Besorgnis der Menschen hier sehr groß. Täglich rollen die Unheil bringenden großen Vögel zu Hunderten über uns hinweg, ruhig ziehen sie ihre Bahn und die Jäger tummeln sich im deutschen Luftraum so selbstverständlich als sei er ihr Sportplatz. Wenn ich dann aus näherer oder weiterer Ferne die Detonation der Bomben und das Rattern der Bordgeschütze höre, das oft das ganze Haus erbeben läßt, denke ich an die armen Menschen in den Städten, die dem furchtbaren Geschehen so schutzlos preisgegeben sind. Wieviele werden in solchen Stunden plötzlich in den Tod gerissen, ach, daß sie doch in ihren letzten Minuten gnadenhaft erkennen mögen, was allein Sinn und Erfüllung ihres Lebens sein kann.

 

 

Schon steht der Feind dicht vor Hannover und wer weiß wann sich die Kriegswalze auch hier über den bisher unberührten Raum der friedlichen Heide hinwegschiebt. Herr Meier erwägt schon ein Fortgehen, aber wo sollen die Menschen von hier aus noch hin? Keiner kann seinem Geschick entgehen, das haben wir ja schon so häufig erfahren. Wir können nichts anderes tun, als unser Geschick, unser Sein und Leben täglich neu in die Hand Gottes legen in dem zuversichtlichen Vertrauen, daß es nirgends besser geborgen ist als in der liebenden Sorge des Vaters.

Heute habe ich einen Brief an Dich geschrieben, den Fr. Meierholt mit nach München nehmen will, wenn sie dort ihren Mann besucht. Es ist ja fast aussichtslos, daß wir in diesen Tagen etwas voneinander erfahren, aber ich will es wenigstens nicht unversucht lassen in der Hoffnung, daß vielleicht doch mal ein Wort zu Dir hingelangt. Ach August, wenn doch nur ein Ahnen von dem, was die Liebe und Sehnsucht zu Dir in mir bewirkt, zu Dir hinfinden möchte! Ich bitte den Herrn, dessen Geist weht wo Er will, der auch Dir nahe ist, daß Er es Dich erfahren lassen möge und Dein Herz wach halte in unserer Liebe. Liebster, laß auch das Getöse des Krieges und all der Unbilden, die Dich jetzt umgeben, die stille Stimme ihres Wirkens in Deinem Herzen nicht übertönen. Möge ihre beglückende Kraft, aus der uns die kostbarsten Stunden unseres Lebens erwachsen sind,

auch in dieser bitteren Zeit der Trennung in Dir wirksam bleiben. Manchmal möchte man verzagt flehen: „Herr, kürze die Zeit unserer Prüfung ab, es geht nicht mehr, unsere Kräfte erlahmen. Nimm die furchtbare Belastung von uns weg, laß uns nur wieder zusammen sein, dann soll unser Leben ein gutes werden.” Aber solches Flehen - man kann es garnicht Beten nennen - kommt mir immer wie ein Versuch zum Kompromisschließen vor, wir müssen darin wohl viele Stufen langsam aufwärts steigen, um zu der bedingungslosen Haltung des „Ja” zu kommen, das die Gesundhaltung alles echten Betens sein muß. Der Weg zu dem: „Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe” ist ein langer, mühsamer Weg und in seiner letzten Konsequenz, so wie der Herr am Ölberg, erreichen wir es vielleicht nie; aber wir wollen wenigstens vorwärtsschreiten auf dem Weg, um uns dem Ziel zu nähern.

In diesen Tagen scheint es oft so, als ob der Herr alles von uns ablösen wollte, was uns an die irdischen Dinge bindet, Stück für Stück entgleitet es unseren Händen bis wir endlich ganz arm und bloß dastehen, aber auch frei wie ein leeres Gefäß, das bereit steht seine Fülle zu empfangen. Er aber ist die Fülle, deren Born alle Gefäße bis zum Rande füllt und doch selbst nichts einbüßt. Ihm wollen wir uns auftun und bereiten, denn in Ihm haben wir alles.

 

 

Weißer Sonntag.

Es ist ein herrlich strahlender Frühlingstag. In der Frühe habe ich meinen Sonntag gefeiert, so wie ich es jetzt immer tue. Dabei kamen mir so gute Gedanken an das Erleben dieses Tages in meiner Kindheit, vor allem an das Ereignis, da ich im Dom an diesem Tag zum ersten Mal den Leib des Herrn empfangen durfte. Ich weiß, daß schon damals ein so großes Verlangen in mir war, dem Herrn durch eine besondere Liebe nahe zu kommen und wie groß mein Glück war, als ich ihn in meinem Herzen bergen durfte. Ich war ein von Natur aus frommes Kind, schon früh war es für mich die größte Strafe, wenn ich sonntags nicht mit in die Kirche gehen durfte. An allen Übungen des religiösen Lebens, das sich in unserer Stadt so reich darbot, nahm ich lebhaften Anteil; dabei fühlte ich mich zutiefst zu Hause, das war „meine Welt”. Nach außen hin legte ich dagegen aus Scheu daß jemand Einblick in mein Inneres tun könnte, eine gewisse Gleichgültigkeit an den Tag. Nur am Weißen Sonntag gelang mir das nicht mehr, da warf die Größe des inneren Erlebens alle äußeren Hemmungen über Bord. Wie gut hatten es die Eltern verstanden, dem Tag auch daheim die rechte Gestaltung zu geben, so daß das Geschehen in der Kirche die eigentliche Mitte des Tages blieb. Die Übergabe der Geschenke, die so

oft ablenkend auf das kindliche Gemüt wirkt, erfolgte erst nach der Danksagungsandacht am Nachmittag. Das war ein guter Hinweis auf die rechte Rangordnung der Dinge, indem die irdischen Freuden den unvergänglichen geistigen nachgesetzt wurden. Für Mutter war es besonders anerkennenswert, daß sie darauf hinwirkte. Sie liebte das Festefeiern im Kreise der Familie, ihre Gastfreundlichkeit und die Art mit der sie die Geselligkeit in unserem Heim pflegte, machte daß alle sich wohl bei uns fühlten. Dankbar gehen heute die Gedanken in die vielen festlichen Stunden daheim zurück, die so schön in die Erinnerung eingegangen sind. Eine Zeitlang haben wir wohl mit kritischem Blick diese Art des geselligen Lebens zu Hause betrachtet und verlangten auf Grund des in der Jugendgemeinschaft gewachsenen Empfindens andere Formen. Das Urteil: Bürgerlich, lag uns allzu leicht auf der Zunge. Heute sind wir doch viel gemäßigter in unserer Kritik; gegenüber der Notdurft der heutigen Lebensbedingungen erscheint uns die Bürgerlichkeit fast wie ein goldenes Zeitalter. Ob wir wohl je dazu kommen werden die uns gemäße Lebensgestaltung zu finden und zu verwirklichen? Es kommt mir wie ein Unrecht vor in diesen Tagen, da es um Sein oder Nichtsein geht, diesen Gedanken überhaupt aufkommen zu lassen, aber ich werde mit meinem unverbesserlichen Optimismus das Luftschlösserbauen

 

 

wohl nie ganz verlernen. Und wie die Luftschlösser aussehen, die ich in meinen Gedanken baue? Ach August, dann sehe ich Dich und mich im Kreise unserer Familie in einem eigenen Heim, das den Stempel unserer Gemeinsamkeit trägt. Ist es allzu anspruchsvoll, gar vermessen, heute noch so etwas zu wünschen und zu hoffen! Ach nein, Liebster, es ist ja nur das, was vielen anderen Menschen als Selbstverständlichkeit in den Schoß gefallen ist.

Meine Gedanken gehen bei der Erinnerung, die der heutige Tag in mir wach werden ließ, wieder so richtig spazieren, von der Vergangenheit über das Heute in das Dunkel des Künftigen, zu dem wir nur sehnend und hoffend vorstoßen können. - Der heutige Tag brachte mir im Gespräch mit dem Dr., der vergebens die Fahrt nach Gladbach angetreten hat und auf der Rückkehr zu seiner Frau hier abstieg, ein paar gute Stunden. Die Reinstorfer haben von seinem Hiersein eifrig Gebrauch gemacht. Für mich ist es immer eine Geduldsprobe anzuhören, wie die Leute ihre Schmerzen und Nöte schildern. Ich glaube, vielen wäre schon damit geholfen, wenn sie nicht so viel über ihre Krankheiten nachdächten. Ich bin bisher mit dem Bemühen, die kleinen Mängel des körperlichen Wohlbefindens nicht so tragisch zu nehmen, immer noch ganz gut gefahren.

Am Montag, den 9. April. Nun bin ich bald schon ein halbes Jahr hier, ohne daß das gute Einvernehmen, das ich von Anfang an mit Familie Meyer hatte, in irgend einer Weise getrübt worden ist. Heute wäre es fast dazu gekommen. In der Frühe wurde ich von Herrn M. lautem Schimpfen geweckt. Seine Nervosität hat in den letzten Tagen infolge der sich nähernden Front Formen angenommen, die fast unerträglich sind. Am liebsten würde er jetzt schon Tag und Nacht im Graben zubringen und seiner Frau macht er von früh bis spät Vorwürfe, daß sie so leichtsinnig sei; trifft Anordnungen zu Sicherheitsmaßnahmen, über die jeder vernünftige Mensch nur lachen kann. Er tut den ganzen Tag nicht einen Handschlag, schimpfend und befehlend läuft er umher oder sitzt mürrisch in der Stube. Oft habe ich versucht ihm gut zuzureden, aber jetzt lasse ich ihn gewehren, denn alle Bemühungen blieben erfolglos. Heute morgen nun hörte ich mir sein Toben eine halbe Stunde an, - ich schlief in der Eßstube, weil Oma unten ängstlich war - dann ging ich mit einem freundlichen Gruß hinein u. hoffte, daß meine Gegenwart dem Schelten ein Ende mache. Aber H. M. erwartete von mir eine Stellungnahme zu seinen Gunsten. Da konnte ich nicht länger schweigen, sondern habe ihm unverblümt meine Meinung gesagt, daß es nicht anginge daß er seiner Frau durch solche Vorhaltungen das Leben schwer mache, Vorsichtsmaßnahmen bis ins Kleinste verlangte und dabei

 

 

selbst die Hände in den Schoß legt; daß es seiner Gesundheit viel zuträglicher sei, wenn er sich zu beschäftigen suche anstatt den ganzen Tag herumzusitzen und zu grübeln. Mit so einer Standpauke hatte er wohl nicht gerechnet, er brummte noch etwas vor sich hin, Querschnacken könne er in seinem Haus nicht brauchen, aber nach ein paar Stunden war er wie umgewandelt und ich nehme an, daß ihm die Lektion ganz gut bekommen ist.

Am Nachmittag habe ich bei strahlendem Sonnenschein wieder meinen Weg zum Unterricht nach Lüder gemacht. Als mir meine kleinen Schüler wieder entgegenkamen dachte ich mir, wie schön es wäre, wenn Du einmal mitkämest und ich sie Dir alle vorstellen könnte, Leo, Paul und Peter, Hildegard, Hedwig, Adelheid, Ursula, Norbert und die anderen. Wenn ich in dem kleinen Kirchlein vor ihnen stehe und ihre fragenden Augen auf mich gerichtet sind, dann kommen mir ganz von selbst die rechte Worte in den Sinn, mit denen ich ihnen die frohe Botschaft unseres Glaubens künde. Es tut mir so wohl in schlichten, dem kindlichen Verständnis angepaßten Worten die heiligsten Empfindungen des Herzens anklingen zu lassen. Heute habe ich ihnen von der Taufe gesprochen und dabei so dankbar an Winfried gedacht. Wenn ich hie und da einmal Fragen des Katechismus einschalte muß ich sehr

auf der Hut sein, denn die 12 jähr. Hildegard hat in ihrer ostpreuß. Heimat schon so viel gelernt und sagt mir die Antworten so fließend daher, daß ich staunen muß. Das letzte Mal habe ich mit ihnen das Lied: Gott in der Höh' sei Preis + Ehr' geübt, als ich heute danach frug, setzte der kleine Chor mit solcher Sicherheit ein, daß ich meine helle Freude daran hatte. Ich war richtig stolz auf meine Kinder. In Bodenteich ist die Arbeit etwas mühsamer und der Erfolg nicht so offensichtlich als in Lüder, wo die Kinder besonders aufgeweckt und lerneifrig sind. So sind mir die beiden Unterrichtstage Montag und Donnerstag die liebsten der ganzen Woche, sie bringen mir so viele Freuden, daß die Müdigkeit am Abend nur eine Bestätigung des gut erfüllten Tages ist. Wenn ich dann nach Hause gehe, liegen die letzten Strahlen der sinkenden Sonne über dem Feld und der Heide. Die Welt sieht dann so friedlich aus, daß man an die Furchtbarkeit des mit Riesenschritten näher rückenden Kriegsgeschehens garnicht glauben möchte. Wenn der rote Ball sich anschickt, schließlich ganz unterzugehen, dann halte ich meinen Schritt eine Weile sinnend inne. Dort, wo der Himmel dann zu brennen scheint, irgendwo weilst Du nun, mein Liebster, Du, dem alle Feuer meines Herzens brennen. Ach, könnte ich den Strahlen der sinkenden Sonne nur einen Funken meiner Sehnsucht mitgeben, daß sie ihn hineinsenke in Dein Herz und dort die

 

 

heilige Glut unserer Liebe zu neuer Wärme und Schönheit entfache. Wenn ich mich so auf meinen stillen Wegen oder wenn ich des abends in meiner kleinen Kammer bin der Sehnsucht zu Dir und all ihren schönen und schmerzvollen Empfindungen hingebe, dann ist es mir oft als seist Du mir ganz nahe, als ständest Du hinter mir, ich müßte jeden Augenblick Deinen Atem spüren und Deine liebe Hand legte sich mir leise mit aller Zartheit, zu der Du mein lieber, großer, wilder Junge fähig bist, auf meine Schulter und mein Haar. Ach, daß es doch nur noch einmal Wirklichkeit würde! Das Verlangen nach dem wundersamen Gemeinsamsein mit Dir in unserer Liebe ist dann so groß in mir, daß ich meine Arme weiten möchte, um Dich zu umfangen, und ich versuche schließlich den Sturm in meinem Innern dadurch Herr zu werden, daß ich meine Hände fest zusammen schließe, meinen Kopf darauf lege und eine Weile so still verharre auf dem weichen Heidesand, der noch die Wärme des Tages ausstrahlt. Es ist so furchtbar schwer, die Liebe und Sehnsucht in den Grenzen des eigenen Herzens verhalten zu müssen und ihr in keiner Weise Ausdruck verleihen zu können. Wenn Winfried noch bei mir wäre, dann hätte ich täglich die schönste, beglückendste Gelegenheit dazu. Glaubst Du, daß mich oft einfach das Verlangen überkommt, einmal einen Kuß auf die reine, unberührte Stirn eines kleinen Kindes zu drücken?

Ach August, da ich Dir dies sage in die Blätter dieses Buches hinein öffnet sich mir endlich wieder der erlösende Quell der Tränen, komm Liebster, laß mich einmal wieder weinen an Deinem Herzen wie ich es in den Tagen nach Winfrieds Heimgang getan habe. Der Trost der Tränen war mir in der letzten Zeit lange versagt, schwer lastete es auf meinem Herzen und ich fühlte die Gefahr des Bitterwerdens nahen. Aber ich habe gebetet, nicht mit eigenen Worten wie ich es sonst tue, das Herz schien mir leer und keines Wortes mehr mächtig, die Worte der großen Beter unserer Kirche in den Büchern von Pies und Dillersberger waren mir Helfer.

Am Mittwoch, den 11. April.

Schon lange hatte ich vor, einmal in dem 8 km entfernten Dorf Langenbrügge die katholischen Familien aufzusuchen. Gestern mittag machte ich mich auf den Weg, aber ich war noch kaum bis Lüder, da wollten die Flieger wohl mein Vorhaben vereiteln; in großen Verbänden flogen sie so tief über mich hinweg, daß ich es doch vorzog in einer von kleinen Birken umsäumten Grube den Überflug abzuwarten. Wie hätte ich die Zeit besser zubringen können als im Gebet? Alles Geschehen dieser Tage ist uns doch ein einzig großer Anruf zum Gebet, als mir das dort wieder so recht zum Bewußtsein kam, mußte ich an die Worte denken, die Du mir in Deinem letzten Brief - och, wie lange ist es her, daß er zu mir kam - über das Beten geschrieben hast.

 

 

Ein Wort von R. Schneider habe ich in diesen für mich so wertvollen aufgezwungenen Mußestunden noch einmal betrachtet, in dem er vom Sinn der Geschichte spricht und vom Wirken der Heiligen darin. Gerade für uns, die wir in diesen Tagen oft zu einem äußeren Untätigsein verurteilt sind, sind seine Worte richtungsweisend: „Das Wirken jedoch war nicht der Anfang, wir dürfen nie vergessen, daß es nur eine Folge war. Der Anfang war die Heiligung des eigenen Lebens. Heiligung bedeutet ein Leben vor dem Herrn, vermöge der Gnade.” Wie wenig haben wir das bisher bedacht; müssen wir nicht viele Katholiken den Vorwurf machen, - gerade auch aus den Kreisen der Jugend - daß sie ihr Leben nach einer umgekehrten Rangordnung eingerichtet und über der äußeren Aktivität, mag sie noch so fruchtbar gewesen sein, die eigentliche Aufgabe, die Heiligung des eigenen Lebens, vernachlässigt haben? „Der letzte Sinn einer jeden Zeit ist, daß sie mithelfe die geheimnisvolle Zahl der Vollendeten zu erfüllen .. Darum ist keine Tat in solchem Maße geschichtlich, wie die Heiligung des eigenen Lebens.” Die Welt unserer Tage hat für diese urchristlichen Gedankengänge kein Verständnis, aber uns ist es in der Gnade gegeben, so wollen wir unser Leben danach ausrichten.

Über diesen Gedanken vergingen die Stunden des Vormittags allzu rasch. Als die Tätigkeit der Flieger nachließ, war es

schon ½ 5, aber ich habe meinen Weg trotzdem noch fortgesetzt. Die Sonne meinte es schon so gut, daß es mir bei meinem schnellen Schritt ordentlich warm wurde, den Mantel über die Schulter gehängt ging ich weiter. In den Gärten war man schon emsig bei der Arbeit mit Graben und Säen. Überall leuchteten die gelben Osterglocken hinter den verwitterten Zäunen hervor, an den sprossenden Birkenzweigen lassen sich schon die ersten Blättchen erkennen, der Birkenweg sieht von weitem aus als ob eine zart-grüne Wolke über ihm läge. Das Bächlein rinnt so munter durch den Heidesand, in einer feuchten Niederung stehen viele Sumpfdotterblumen, von denen ich mir auf dem Heimweg einen Strauß mit heimnehme. Bald habe ich das Dorf erreicht und besuche zuerst die Mutter des Kindes, das am Ostertag die hl. Taufe empfing. Sie hatte schon auf meinen Besuch gewartet, denn der Pfarrer hatte ihr von mir erzählt. Bei der Gesprächigkeit der kleinen Oberschlesierin und meinem Interesse an dem kleinen Christian war das Warmwerden nicht schwer. Mit viel Tapferkeit hat sie kurz vor ihrer großen Stunde die Beschwerden der Flucht ertragen. Klein, eng und primitiv ist ihr Heim, aber es birgt den ganzen Reichtum der Freude, die von dem Neugeborenen und seiner 4 jähr. Schwester Bärbel ausgeht.

Der Bürgermeister ist mir bei der Suche weiterer kath. Flüchtlingsfamilien behilflich und wie ich die einzelnen aufsuche, tut

 

 

sich mir ein Meer von Weh' und Leid auf. Es tut ihnen wohl, einmal darüber sprechen zu können, sie verlangen nicht mehr als ein verstehendes Zuhören und wenn sie hören, daß ich ja ein Gleiches zu tragen habe, ist gleich die Basis des Vertrauens hergestellt. Furchtbares haben sie alle auf der Flucht vor dem Russen erlebt und einige sind jetzt hier in einer Weise untergebracht, die wirklich nicht mehr menschenwürdig ist. In einem kleinen Raum haust eine Melkerfamilie aus Westpreußen mit ihren 8 Kindern. Die Hälfte des Raumes ist durch einen Balken auf dem Boden als gemeinsames Nachtlager abgetrennt. Dort auf dem Stroh hockt die Mutter und nährt das jüngste Kind, während die übrigen Kinder um sie herumtummeln. Der Mann, groß und breitschultrig, sitzt stumpfsinnig auf dem Stuhl, der neben dem Tisch die ganze Einrichtung des Raumes ausmacht. Ein kleiner Kanonenofen in der Ecke und ein großer Topf ist die Kochgelegenheit. Ein abstoßender Geruch ist in dem Raum, es kostet mich allerhand, die mir eigene Empfindlichkeit zu überwinden und zu verweilen. Die Menschen sind katholisch, aber die Verbitterung hat ihr Herz dem Glauben entfremdet, der Haß hat darin Einzu gehalten und der Neid gegenüber allen Besitzenden. Sie sind schon vom Bolschewismus erfaßt ohne mit der Idee selbst in Berührung gekommen zu sein. Hart und verschlossen sind sie gegen jede Hilfe

in Wort und Tat. Die Mutter klagt mir ihr Leid, daß sie kein Brot für ihre hungrigen Junge habe, aber sie ist zu stolz, ohne Gegenleistung Marken von mir anzunehmen, 2 Eier und etwas Butter muß ich dafür annehmen, na, dafür habe ich auch wieder Abnehmer. - In einem anderen Haus treffe ich eine Frau mit ihren 5 Kindern an, dieselbe Einschränkung und Primitivität aber Ordnung und Sauberkeit herrschen da. Sie zeigt mir als ihren teuersten Besitz das Bild ihres Mannes, der bei den Landesschützen dient. Ob sie es vernichten muß, wenn die Amerikaner kommen? Ob die Gerüchte wahr sind, die von ihrer Gewaltherrschaft in den besetzten Gebieten erzählen? Besuch ist bei den Flüchtlingsfamilien selten, daher werden alle Fragen eifrig erörtert und manche sind so dankbar für ein gutes Wort. Ehe ich mich versehe ist es Abend 8 h, die höchste Zeit an den Heimweg zu denken. Tief haben sich die Bilder des Gesehenen und Gehörten in meine Seele gesenkt. Und ich gehe still durch die Heide, die in ihrem abendlichen Kleid so ruhig daliegt. Weit geht der Blick darüber hinweg: Sieh' Herr, die Erde, die Du geschaffen, schaffe sie täglich neu, schenke ihr täglich neu Deine Liebe; hilf mir, daß ich das Meine tue, um sie Dir wohlgefällig zu machen. Gib ihr den Frieden! Wenn uns so die Schönheit der Welt begegnet, kommen mir oft die Worte des Schöpfungsberichtes in den Sinn: Und der Herr schaute alles, was er gemacht hatte, und Er sah daß es gut war.

 

 

Heute ist das Haus wieder um einige Bewohner bereichert worden, Herr W. Brachte seine Frau und 4 Kinder nach hier, nun muß auch die gute Stube noch herhalten. Mein großes Doppelbett, in dem ich mich nach Herzenslust hin und her wälzen konnte - ach, ich habe mir so oft vorgestellt, wie gut sich darin zu zweien schlafen ließe - habe ich mit dem schmalen Feldbett vertauscht, das unsere ersten gemeinsamen Nächte hier in Reinstorf gesehen hat. Ob uns wohl noch mal solches Erleben geschenkt werden wird?

Der Kanonendonner der Front kommt immer näher und die Erregung der Bevölkerung nimmt von Tag zu Tag zu. Um 6 h früh machten wir uns schon auf, um in Bodenteich die nötigsten Lebensmittel zu kaufen, vor jedem Geschäft ein paar hundert Menschen; um die Schnapszuteilung rauft man sich sogar, da verzichte ich lieber. Im Hof des Bürgermeisteramtes liegen die Volksopferspenden. Ich finde darunter noch eine schöne Anzahl Kinderjäckchen -u. hemdchen, mit der ich meine kleine Flüchtlingsmutter aus Oberschlesien erfreuen kann.

Mittags tronen wir mit unserer hart erstandenen Schätzen hoch auf dem Milchwagen und sind trotz allem noch recht vergnügt.

Das Zusammenleben mit Fam. Meyer einerseits und der Familie aus Hagen und den anderen Flüchtlingen andererseits bringt

mich oft in recht peinliche Situationen. Es ist klar, daß sich Spannungen zwischen der bis jetzt von jedem Übel des Krieges verschont gebliebenen Bauern und den hart geprüften Menschen aus dem Ruhrgebiet ergeben. Ich versuche dabei immer Mittler zu spielen, was oft recht schwierig ist. Die Bauern glauben mit Allmosen ihr durch die Not der anderen appelliertes Gewissen beruhigen zu können. Allmosen nur bis zu der Grenze, da man sie selbst spüren möchte. Wie oft möchte ich ihnen mit den Worten des Heilandes sagen: Schaffet euch Freunde mittels des ungerechten Mammons. Wenn man sieht, wie sie an den dem toten Besitz kleben, kann es einem Angst werden, daß sie noch einmal eine harte Prüfung erleben müßten, wie wir sie schon oftmals mit durchmachen mußten. Besser als Worte ist das Beispiel der Tat. Als die Familie aus Hagen am Tage ihrer Ankunft ihre letzte Habe noch bei dem Unglück in Bodenteich verlor, habe ich gleich unter meinem kleinen Besitztum das Nötigste herausgesucht, beschämt sahen sie sich daraufhin veranlaßt ein Gleiches zu tun. Was würde es ausmachen, wenn nun für alle gemeinsame Küche geführt würde, anstatt durch das Unterscheiden Ärgernis zu erregen? Zu mir sind ja alle so gut, es mangelt mir an nichts, aber ich bin doch auch nicht mehr als die anderen und möchte es auch garnicht sein. Der Versuch auf zwei Schultern zu tragen, wäre Unehrlichkeit und so muß ich oft offen für

 

 

die Leute von oben Partei ergreifen selbst auf die Gefahr hin, daß ich mir meine Sympathien dadurch verscherze.

Im öfteren Zusammensein mit den vielen Menschen, die der Krieg ihrer ganzen habe beraubt hat, ist mir so recht zum Bewußtsein gekommen, daß der Verlust der irdischen Güter die gleiche Gefahr für den Menschen sein kann wie der Besitz. Die Bitterkeit, die er im Herzen bewirkt - wenn wir ganz ehrlich mit uns zu Rate gehen, können wir uns sogar selbst nicht frei davon sprechen - ist oft der Boden auf dem Mißgunst, Neid und Haß tiefe Wurzeln schlagen. Wer wird innerlich frei von den Dingen durch den Verlust und sagt mit ganzer Konsequenz Ja dazu? Als wir in Uelzen am Tag vor Deinem Weggang an den schönen gepflegten Häusern vorüberkamen, da sprachst Du auch von dem Unrecht, daß Einzelnen solcher Wohlstand vergönnt ist, während Tausende heute unter Verhältnissen leben müssen, die wirklich nicht mehr menschenwürdig sind. Du sprachst davon, daß es Aufgabe des Staates sei die gerechte Verteilung der Lebensgüter einigermaßen zu gewährleisten. Aber dürfen wir überhaupt in diesem Leben Gerechtigkeit erwarten, in dieser Beziehung wie allgemein?

Die volle Wiederherstellung des Rechts und der gottgewollten Ordnung wird doch erst in jenem Reich erfolgen, in der die unumschränkte Königsherrschaft des Herrn offenbar wird. Und sollte uns das Wort des Herrn, daß eher ein Kamel durch ein

Nadelör als ein Reicher in das Himmelreich eingehe und die Seligpreisung der Armen im Geiste nicht Anlaß genug sein, diese Armut zu üben so wie der Heiland, der von sich sagen konnte: „die füchse haben ihre Höhlen, die Vögel des Himmels ihre Nester, der Menschensohn aber hat nichts, wohin er sein Haupt legen könnte..” es von uns erwartet?

Am Samstag, den 14. April.

Gestern habe ich die Kindersachen nach Langenbrügge gebracht und damit viel Freude gemacht. Ach, ich habe es so nötig, Freude bereiten zu dürfen; Dir, mein lieber August, kann ich ja keine Freude mehr machen, nicht einmal durch ein liebes Wort, das ich im Brief zu Dir hinschicke, wie ich es bisher immer noch tun konnte. So muß ich wenigstens anderen Menschen einmal gut sein und bin so froh darum, wenn sich mir dazu einmal Gelegenheit bietet. - Auf dem Wege begegneten mir wieder die Bilder der fliehenden Fronten, wie ich sie im September bei dem Rückzug aus Frankreich daheim schon erlebt habe: auf Pferdekarren, Rädern und zu Fuß einzeln oder in wahllosen Gruppen zurückkommenden Soldaten, müde, verschmutzt und hungrig. Das Herz krampft sich zusammen bei diesem Anblick: Deutschland, Herzvolk Europas, machtvoll gewalt'ger, was ist aus dir geworden, da deine Feinde über dich triumphieren? Bist du, das Königsvolk, nurmehr noch der Leider deiner Brüder? Wo sind Deine

 

 

herrlichen Söhne, da Müde und Schwache das graue Ehrenkleid tragen müssen, das einst Vorrecht der Jugend war? Ist deine Schuld so groß, daß du noch das Leben deiner Kinder opfern mußt, denen du die Waffe in die noch spielenden Hände drückst? - In der Nacht ziehen endlose Kolonnen durch unser Dorf, müde Gäule und ermattete Menschen. Bescheiden erbitten sie sich am Morgen etwas Kaffee in ihre Feldflaschen. Wie gerne hätte ich ihnen etwas andere Gutes getan, wenn es nur in meiner Macht stände. Aber die Bauern meinen schon damit ein gutes Werk zu tun. Es sind auch Nebeltruppen dabei, die nun Infanterie geworden sind. Ob Dir wohl irgendwo durch die Hand einer fremden Frau auch einmal Gutes geschieht, so wie ich es Deinen Kameraden im grauen Rock tun kann?

Am Sonntag, den 15. April, dem 2. Sonntag nach Ostern.

Der heutige Tag hatte garnichts sonntägliches an sich, ein Kriegstag so grau und bedrückend wie man ihn sich nur denken kann. Die ganze Nacht über dröhnte das Haus vom Donner der Geschütze, die Sprengungen der in der Nähe befindlichen Munitionslager lassen die Nacht taghell werden und man glaubt das Haus müsse bei den Erschütterungen zusammenfallen. Zum ersten Mal nach langer Zeit muß ich die Nacht wieder in den Kleidern zubringen. Schon früh hat die Familie das Haus verlassen,

um in dem gestern geschaufelten Graben Schutz vor dem Art. Beschuß zu suchen. Ich habe meine Sachen alle zusammengepackt, das was mir am wertvollsten ist in den aus einem alten Sack gefertigten Rucksack (unsere Briefe, Papiere, die wichtigsten Bücher und das Notwendigste an Wäsche und Kleidung) Die Sachen von den Zwillingen und das Vorratspaket habe ich im Garten vergraben, so habe ich alle „Sicherungsmaßnahmen” getroffen; aber wir sind ja schon so oft belehrt worden, daß sie nur wenig nützen.

Ich konnte heute kein sonntägliches Kleid anziehen und selbst die geistige Begehung des Sonntags beim Beten der Tagesliturgie wollte mir heute nicht recht gelingen. Und dennoch war ich danach wie getröstet und aufgerichtet. Wie gut war es, gerade heute das Bild des Guten Hirten zu betrachten, der seine Schafe kennt, für sie sorgt, ja, sein Leben für sie hingibt. Wir wollen uns voll Vertrauen der Sorge des Guten Hirten anheimstellen, Er wird uns auch aus der Verlorenheit dieser Stunden sicher herausführen.

Flüchtlinge aus den Nachbardörfern bringen furchtbare Nachrichten mit, brennende Dörfer, verwüstete Felder, fliehende Menschen zeichnen den Weg des Feindes, der stündlich auch in unser Dorf eindringen kann. Am Morgen kamen schon 2 Panzerspähwagen von Bokel und fuhren auf Bodenteich zu. Lange haben wir es kommen sehen, daß der Feind bis ins Herz unseres Vaterlandes vordringen werde, es manchmal sogar - ich schäme mich es auszusprechen - heim-

 

 

lich unter dem furchtbaren Druck der Ereignisse gewünscht, daß es so kommen möge, damit dem Morden wenigstens ein Ende werde. Nun aber, da die fremden Menschen auf ihren schweren Fahrzeugen so sicher über unsere friedlichen Landstraßen rollen, möchte sich das ganze Herz dagegen aufbäumen. Unsere Männer kämpfen um Sein oder Nichtsein und selbst die Einsicht der Ergebnislosigkeit läßt sie noch nicht die Waffen niederlegen, und diese hier kommen vom anderen Ende der Erde, für sie ist der Krieg ein Abenteuer, Sport, der nicht einmal viel Mut erfordert. Die Frage nach der Schuld am Kriege wollen wir dahingestellt sein lassen - wir wissen als Deutsche nur zu gut, daß wir ein mea culpa dazu sagen müssen - aber diese Soldaten verdienen weder Achtung noch Sympathie. Den ganzen Tag über rollen die schweren Panzer durch unser Dorf, Russen und Polen umstehen sie geschäftig plaudernd, doch kein Deutscher darf sich auf der Straße sehen lassen. Zwei Soldaten kommen mit vorgehaltener Maschinenpistole auf unseren Hof und fordern kochendes Wasser für Tee, andere lassen sich Kaffee und Milch an den Panzer bringen. Drei deutsche Gefangene sitzen davor auf unserer Gartenmauer, 2 Flieger und ein Nebelist. Der Der Engländer fordert mich auf, erst den Deutschen zu geben - ich wüßte nicht was ich lieber täte. Aus ihrer reichhaltigen Verpflegungskiste lassen die Engländer auch die Gefangenen gut

leben. Ich frage die drei, auf deren Gesichtern noch die Erregtheit der letzten Ereignisse liegt, ob ich ihnen sonst noch einen Gefallen tun könnte. Nur ein paar Eier möchten sie noch haben. Am liebsten möchte ich ihnen die Hände reichen, aber ich muß mich mit einem Gruß und dem Wünsch zu allem Guten bescheiden. Was dabei alles in meinem Innern vor sich geht im Gedanken an Dich, Du mein lieber August, kann ich Dir garnicht sagen. Wenn ich in banger Sorge um Dich meine Gedanken machte, dann war die Erwägung, daß Du in Gefangenschaft seist, immer noch die beste Möglichkeit. Aber wenn ich jetzt hier das Bild der gefangenen deutschen Soldaten und der sich im Bewußtsein des Siegers sich wiegenden Feindes sehe, kommt mir doch die ganze Schmach dieses Zustandes zum Bewußtsein. Es war atemberaubend ansehen zu müssen wie die letzten deutschen Soldaten sich am Ende des Dorfes zu verbergen suchten, als die ersten Panzer anrückten. Wie hilflos rannten sie da umher. Ach August, wenn es Dir schließlich auch so ergangen ist! Ich bete für Dich, Liebster, auch dann, wenn das Herz dann noch fähig ist zu beten. Mein ganzes Vertrauen setze ich auch auf die Fürbitte unserer himmlischen Mutter. Ihr Bild, das Bild der Madonna von Altenberg, habe ich auch mit einpacken müssen, aber mein Gebet findet auch os zu ihr. Wir dürfen uns keine Ruhe mehr gönnen, ohne Unter-

 

 

laß beten, alles äußere Tun ist doch in diesen Tagen kaum möglich; selbst die Arbeit des Bauern, die wichtige Frühjahrsbestellung der Felder, kann nicht geschehen. Was soll daraus werden? Der Hunger wird vielleicht die letzte Geißel sein, die unser Volk trifft. - In ununterbrochener Folge rollen die Fahrzeuge an, alles ist in tadellosem Zustand. Wenn ich dagegen an unsere armen Soldaten denke, die einzeln zu Fuß, müde, nur mit Gewehr oder Panzerfaust ausgerüstet diesem Ansturm wehren sollten, möchte einem das Herz bluten. Den einsichtigen Bemühungen des Kommandanten der Muna ist zu verdanken, daß Bodenteich und Reinstorf nicht verteidigt wurden. Die noch lagernden Bestände an Munition hätten die ganze Gegend gefährdet. Durch Sprengungen wurde ein Teil zerstört, das andere fiele in Feindeshand.

Montag, den 16. April. Diese Nacht suchte eine Familie aus dem Nachbarort mit 8 Kindern bei uns Zuflucht, nun birgt das eine Dach 35 Menschen, 17 Kinder. Wer weiß, wie lange wir hier noch so unbehelligt bleiben dürfen. Wo die Dörfer der Umgebung alle so stark in Mitleidenschaft gezogen sind, kann man es garnicht verstehen, daß es bis jetzt hier so gut gegangen hat. Die Abschüsse und Einschläge der Artillerie lassen zwar vermuten, daß die Front heute noch näher ist als gestern.

Bei einem Luftkampf wurden gestern zwei deutsche Flieger ab-

geschossen. Sie stürzten in unmittelbarer Nähe des Dorfes nieder, die beiden Piloten sind tot. Beim Ehrenmal schaufelte der Bürgermeister ihnen heute morgen selbst das Grab und heute abend wurden die beiden Toten dort still zur letzten Ruhe gebettet, junge Menschen, die noch im Morgen ihres Lebens standen. Nur wenige Bewohner des Dorfes gaben ihnen das letzte Geleit, vielleicht aus Angst vor dem Feind; aber das haben unsere Soldaten doch noch um uns verdient. Kein Priester kann segnend die Hand über dem offenen Grab erheben, aber mein Gebet in der Tiefe des Herzens wird ihren Seelen zu gute kommen. Möge der Herr ihrem Leben die Vollendung schenken, die es bedarf, um vor Ihm zu bestehen.

Die Ereignisse [..] einander, man findet kaum noch Ruhe. Tag und Nacht dröhnen die Motore der Fahrzeuge und die durchdringenden Rufe durch ihre Funkgeräte. Fast ständig sind Engländer im Haus, die Lebensmittel requirieren und jedesmal ertönt Herr M. Stimme hilferufend: Frau Broil. Immer muß ich zur Stelle sein, um Dolmetscher zu spielen oder zu überlegen, was zu tun ist.

Donnerstag, den 19. April.

Die Aufregungen der letzten Tage, vor allem die seelische Belastung, waren wohl etwas viel für mich, ich sehne mich nach Ruhe, Alleinsein, um meinem übervollen Herzen im Gebet Erleichterung zu verschaffen. Und selbst wenn das Gemüt nicht ganz mitzuschwingen vermag in diesem Beten, ich habe noch nie vergebens Trost in der

 

 

Hinwendung zu Gott gesucht. Bei diesem stillen Beten - ich weiß nicht wodurch es kommt, - muß ich so viel an Winfried denken. So oft wende ich mich mit meinen sorgenden Gedanken um Dich an ihn, unser Kind, die Incarnation unserer Liebe. Wie gut hat der Herrgott es doch mit ihm gemeint, daß Er ihm die furchtbaren Erlebnisse erspart hat, die diese Tage mit sich bringen. Möge er uns ein guter Fürsprecher am Throne Gottes sein und Dir, mein Liebster, der zweite Schutzengel, der ihn nie verläßt.

Gegen Mittag sieht man große Rauchwolken auf unser Dorf zukommen, drohend hört man Explosionen näher und näher. Da geht der Angstruf durchs Haus: Waldbrand höchste Gefahr, das Feuer hat schon die Muna ergriffen, das Gas kann sich jeden Augenblick entzünden, wir müssen fort. Als ich mein Zimmer verlasse sind nur noch die Flüchtlinge mit den kleinen Kindern da, alles andere ist schon auf und davon. „Anspannen” rufe ich dem Jungen aus Ostpreußen zu, der mit den Pferden umzugehen versteht. Meine Koffer bringe ich noch in den Bunker, mit dem Rucksack auf dem Rücken schlage ich die Richtung ein, die die anderen genommen haben. Bald hat mich der Wagen mit den Frauen und Kindern überholt, die Hauptsache ist, daß sie erst mal in Sicherheit sind. Der Rauch und Qualm will einem fast den Atem rauben, die Detonationen werden stärker, ein scharfer Wind treibt den Rauch gerade aus der Richtung der

Muna herüber. Zunächst gilt es aus der Windrichtung herauszukommen. Die Landschaft gleicht einem wimmelnden Ameisenhaufen; die uns entgegenrollenden Panzer und Wagen der Engländer glauben wir seien vor ihnen auf der Flucht und wollen uns zum Bleiben nötigen. Als ich ihnen den Grund unseres Fortgangs erkläre, zeigen auch sie Bedenken. Ein paar Kilometer aus der Windrichtung sammeln wir uns auf einer Weide und lagern dort. Ringsum steht der Wald in Brand und wenn sich der Wind für Augenblicke dreht schmerzen die Augen wieder vor Rauch. Bange Stunden bringen wir so im Freien zu. Am Spätnachmittag kommt die Nachricht durch, die Engländer hätten die Löscharbeiten unterstützt, die größte Gefahr sei vorüber. Wilfried, der 15 jährige und ich machen uns zuerst auf. Leute aus dem Dorf begegnen uns und berichten, daß die Engländer in den Häusern plündern. Als wir uns unserem Haus nähern sehen wir schon was los ist. Fenster und Türen auf, alles auf den Kopf gestellt. Keinen Winkel haben sie verschont, sämtliche Laden herausgezogen und den Inhalt der Schränke durch die Stuben geworfen; Betten auseinandergerissen, sämtliche Vorräte an Zucker, Fett, Eiern, Brot, Schmuck, Geld, Wäsche und sogar Kleider und Kindersachen mitgenommen. Der Anblick dieser mutwilligen Zerstörung ist furchtbar. In der Vorhalle begegnen uns noch 3 Soldaten, die anscheinend viel Freude an ihrem Treiben haben, sie verlassen aber kurz nach

 

 

unserem Eintreffen das Haus. In der Küche sind 2 Engländer am schmausen, Schinken und Eier in schwimmender Butter. Es sind Sanitäter, der Wagen mit dem roten Kreuz steht auf dem Hof. Als sie merken, daß ich Englisch verstehe, erzählen sie mehr. Es sei ihnen verboten mit uns zu reden, aber sie täten es gern, wenn kein Offizier dabei sei. Auch von ihren Familien sprachen sie, der Eine war aus London und hatte dort auch Hab und Gut verloren. Ich hatte den Eindruck, daß die Beiden ganz anständige Menschen waren und das Kriegsleben nicht liebten. Sie schienen noch ein Herz zu haben für die Leiden, die der Krieg dem deutschen Volk gebracht hat. Aber ein unbändiger Haß gegen alles, was mit Hitler und Nationalsozialismus zusammenhängt, sprach aus ihren Worten. - Der erste Eindruck dieser Unterhaltung war besser als ich nach der angerichteten Verwüstung erwarten konnte, da kamen vom Hof noch fünf Soldaten herein, unter ihnen ein Jude. Dieser Mensch war so furchtbar anzusehen, daß ich allen Mut zusammennehmen mußte, um nicht auf und davonzulaufen. Die scheußlichen Abbildungen im Stürmer hatten hier ihr Urbild. Wenn auch dieses Gesicht Bild der Seele ist, wie grauenhaft muß es denn mit ihr bestellt sein. Mit Gewalt muß man den Glauben an das Gute in jedem Menschen aufrecht erhalten, damit die Furcht einen nicht übermannt. Zum Glück kommen die anderen nach und nach auch nach Hause. Nun erst sehe ich mir

den „Erfolg” dieser Haussuchung näher an. Eine Frau ruft mich hinaus auf den Hof. Dort hat man unsere Koffer aus dem Bunker herausgezerrt, das was sie brauchen konnten mitgenommen und den übrigen Inhalt ringsum in Wasser und Lehm zerstreut. Ich hatte alles so sorgsam eingepackt und wie sieht es nun aus.

Trotz allem habe ich vor dem Schlafengehen allen Grund dem Herrn zu danken, daß Er die furchtbare Gefahr dieses Tages noch so gnädig von uns abgewandt hat.

Freitag, den 20. April. Ein englischer Offizier fordert mich auf, ihn zum Bürgermeister zu bringen und ihm bei der Verständigung behilflich zu sein. Alle im Dorf befindlichen Waffen und Fotoapparate sollen beim Bürgermeister abgegeben und von diesem an die Engländer ausgehändigt werden. Blutenden Herzens liefern die Bauern ihre Flinten ab, der Lehrer, ein leidenschaftlicher Jäger, hat 5 über der Schulter hängen, man sieht ihm an, wie schwer ihm dieser Gang wird. Auf Ottos Hof, den ich von meinem Fenster aus so gut übersehen kann, sind viele Fahrzeuge aufgefahren und es hat sich dort ein richtiges Lagerleben entwickelt. Drei Tage soll diese Truppe hier in Ruhe liegen. Auf dem Panzer gleich an unserem Gartenzaun liegt meine rote Emailleschüssel, das einzige Stück, das ich besaß. Aber wir haben ja inzwischen verlernt den Dingen nachzutrauern. - Die Soldaten lungern den ganzen Tag herum und wissen nicht, wie sie die Zeit totschlagen sollen. Was ist das

 

 

doch ein furchtbares Leben. Mit Fr. B., die durch das Entwenden ihres einziges Handtuches und der Kinderschuhe ihres kleinen Jungen, neben Kleidern und anderen Dingen hart getroffen wurde, gehe ich in die „Höhle des Löwen”, dem Lager des Kommandanten. Das Verhalten der Offiziere auf unser Vorstelligwerden ist höchst anständig, für uns selbst wird es wohl kaum Erfolg haben, aber vielleicht können wir andere vor der gleichen Erfahrung bewahren.

Es ist Abend. Der sonnige Frühlingstag neigt sich dem Ende zu. Ich stehe am Fenster und schaue hinaus in den Garten, wo Bäume und Sträucher in frischem Grün prangen. Der Kirschbaum steht in voller Blüte, auch die Apfelbäume haben die ersten weißen Blütenknospen aufgetan und sogar die Eichen, die majestätisch die Grenze des Hofes bezeichnen, können in ihrer schweigenden Verhaltenheit nicht länger dem Werben der Sonne widerstehen und lassen die ersten grünen Blättchen sprossen. Eine Blaumeise sitzt im Apfelbaum vor meinem Fenster und singt ihr Abendlied. Begierig nimmt das Herz nach dem von Kriegslärm erfüllten Tag diese stillen Freuden auf. Bald erhellt der Mond meine Kammer mit seinem bleichen Licht, anderes Licht haben wir nicht mehr. Das Lärmen der Soldaten, fernes fremdes Singen und die Töne einer Mundharmonika schallen lange noch zu mir herauf. Die bunten Bilder des Tages lassen mich noch nicht los, ich kann keinen Schlaf finden. Dir aber, mein August, schicke ich über die Weite

meinen Gruß und mein herzliches Gedenken. Gute Nacht, Du mein Liebster, der Herr schenke Dir und mir und allen seinen Frieden       Deine Marga.

Samstagabend, 21.04.45. Still brennt das kleine Lichtlein vor dem Bild des Kreuzes, das ich noch vor der Zerstörung bewahren konnte. Die Stunde am Abend der Woche und das Bild des Kreuzes von Altenberg erinnern mich an die Komplet. Das Lichtlein ist zu spärlich, als daß ich sie nach dem Text beten könnte, aber ihre Worte sind mir nach den langen Jahren des Betens und Singens in der Gemeinschaft längst Besitz geworden. So gehen meine Gedanken hin in den Raum unserer Krypta, in der sich sicher auch an diesem Abend eine Schar junger Menschen um den Altar vereint hat, um den Lobpreis des Herrn in der Komplet fortzuführen, bis auch wir, die wir jetzt alle in der Zerstreuung sind, wieder dabei sein können.

Allen wird es nicht vergönnt sein, heimzukehren in die Stadt, die uns in doppeltem Sinne Heimat ist, dem Blute und dem Geiste nach; ob wir wohl zu jenen gehören, deren Heimweh in der Heimkehr gestillt wird, oder zu jenen, denen das irdische In-der-Fremde-Sein die Sehnsucht nach der ewigen Heimat umso größer werden läßt? Ach August, wir wissen nicht, ob der Herr es so oder so für uns fügen wird und ich bin oft auch nicht fähig die Erfüllung dessen im Gebet zu erflehen, was doch das Sehnen unserer Herzen ausmacht; nur darum laßt uns bitte, daß wir in allem Geschehen, wie

 

 

es auch für uns kommen mag, den Willen des Vaters erkennen und die darin verborgenen Möglichkeiten nutzen mögen, um unser Heil zu wirken. - Es war wieder ein recht ereignisreicher Tag, der in dieser stillen Stunde zu Ende geht. Ich war nach dem Frühstück nochmal in meine Kammer hinaufgegangen, da wurde ich nach einer Weile durch Lärm und aufgeregtes Rufen in meiner Stille gestört. 2 Polenweiber (in diesem Zusammenhang muß ich den Ausdruck schon brauchen) 3 Polen und 1 Franzose waren in das Haus eingedrungen und wollten plündern. Die Weiber waren Wortführer: „Bis jetzt ihr feine Kleider und wir Lumpen, jetzt du Lumpen und wir fein; bis jetzt wir eure Gefangenen, nun ihr unsere Gefangenen; gebt uns Kleider, wir halten Haussuchung und wenn ich euch sträubt wir Hals abschneiden oder tot schießen.” Sie gebährdeten sich dabei wie Hiänen, die eine zog ihren schmutzigen Mantel aus, warf ihn uns vor die Füße und zerrte an Frau B. um ihr den Ihrigen auszuziehen. Herr M. rennt hilflos hin und her und der Engländer, der sich bei uns einquartiert hat, gibt uns zu verstehe, daß wir den Leuten geben müßten, was sie wollen. Da ist guter Rat teuer und weil ich keinen anderen Rat weiß, aus dieser gefährlichen Situation herauszukommen, mache ich mich kurz entschlossen auf, um bei den Engländern Schutz zu suchen. Der Offizier selbst und noch 4 andere kommen sofort mit, mit vorgehaltener Pistole untersuchen sie die Störenfriede und nach

einem kurzen Wortgefecht müssen sie das Dorf verlassen. „Polenpack” meint der Offizier; er scheint von diesen Verbündeten nicht viel zu halten, es ist doch bezeichnend, daß er uns, die Feinde und Besiegten gegen sie verteidigt. Durch dieses Verhalten ermutigt will Fr. B. ihm nochmal ihr Leid wegen der bei der Haussuchung entwendeten Sachen klagen. Aber er versteht sie nicht und fordert mich auf ihm zu sagen was sie meint. Ich halte es für unklug und will nicht mit der Sprache heraus. Da will er es erst recht wissen und ich drücke mich so vorsichtig wie möglich aus. „Und was haben die deutschen Soldaten in Holland, Belgien und Frankreich gemacht?” ist seine hochmütige Entgegnung, auf die ich nichts mehr zu erwidern habe. - Wir sind froh, die Eindringlinge los zu sein, wenn nun all diese Elemente, die Enterbten des Lebens, die der Krieg in ein menschenunwürdiges Dasein hinabgestoßen hat, auf uns losgelassen werden, steht uns noch manch schlimme Stunde bevor. Wir lassen es uns eine gute Lehre sein: in einer Dachkammer, deren Eingang durch einen Schrank verdeckt wird, bergen wir unsere Sachen und hoffen sie so vor der Plünderung bewahren zu können. - Gegen Mittag herrscht Aufbruchfieber im Lager der Engländer, es wird erzählt, daß sie den Amerikanern Platz machen müssen. Da rückt auch schon ein großer Troß amerikanischer Panzer und Fahrzeuge an. Ich stehe in der Küche allein beim Abwaschen, am Tisch sitzt der Engländer und hält

 

 

sein Mahl, als 5 kanadische Soldaten, je mit einer Maschinenpistole bewaffnet, hereinstürmen. Sie sind offenbar überrascht, den Engländer hier noch anzutreffen, machen sich breit und bei einer Tasse Tee erzählt einer von ihnen seine „Heldentaten”. Alles kann ich nicht verstehen, aber was ich verstehe genügt, um mich zutiefst erschrecken zu lassen. Der Satan muß sich dieser Menschen bemächtigt haben, daß sie zu solchen Greueltaten fähig sind, menschliche Boßheit reicht soweit nicht. Bei ihrem höhnischen Lachen sind diese weißen Negerfratzen noch schrecklicher anzusehen. Außer der alten Oma wagt es keiner der Hausgenossen in die Küche zu kommen und mir wird es allein in dieser Gesellschaft recht ungemütlich. Als sie dem Engländer erklärt haben, bei uns Quartier zu beziehen, gibt dieser ihnen zu verstehen, daß das Haus alt sei und 35 Personen beherberge. Darauf sind wir schon mal 3 der unheimlichen Gesellen los. Dem Engländer scheint die Gesellschaft der Kanadier auch nicht zu behagen, er sagt den beiden, daß ich englisch spräche und geht zu seinem Wagen, der schon startbereit ist. Die Beiden machen sich noch allerhand in der Küche zu schaffen, nehmen sämtliche Eier aus der Vorratskammer mit und ziehen dann auch ab. Ich atme erleichtert auf, als sich die Türe hinter ihnen schließt, aber das Gehörte hat sich meinem Gemüt so tief eingeprägt, daß ich in meiner Phantasie die schrecklichen

Bilder nicht mehr los werden kann. Immer mehr amerikanische Fahrzeuge mit den fremden Menschen rollen an und jetzt erst kommt mir zum Bewußtsein, daß sie uns noch mehr rauben können als Eigentum und Leben. Ein inniges Gebet sende ich zur Gottesmutter, daß sie uns Schützerin sei und uns vor allem Übel an Leib und Seele bewahren möge.

Mein lieber August, wenn ich so in dieser Abendstunde den Tag und die Woche wieder in die Hand des Herrn lege, kommt mir die Frage, wie Du diesen Tag und diese Woche erlebt haben magst. Manchmal möchte ich diese Frage aus meinen Gedanken bannen, weil dann das Dunkel der Ungewißheit wieder wie ein quälender Schmerz über mich kommt, an mir zerrt und würgt und mich zu erdrücken sucht. Ach Liebster, ich will es Dir nicht verhehlen, daß die Trennung und Ungewißheit mich manchmal in einen Traurigkeit stürzen, gegen die es keinen Schutz mehr gibt, die einfach erlitten werden muß. Dann muß ich ganz tief hineinhorchen in mein Herz, um die leisen Stimmen der Zuversicht wieder zu vernehmen, die mich noch beten lassen, wenn alle Worte versagen. „Gib den Segen Herr! Eine stille Nacht und ein gutes Ende gewähre uns der allmächtige Herr. Amen.” Ja, der Herr schenke Dir Seinen Segen und Sein Heil, wo immer Du seist. Ich tauche meine Hand in das geweihte Wasser und sende Dir damit über die Weite das Kreuz,

 

 

das Segenszeichen und all meine Liebe lege ich da hinein. Behüt Dich Gott, Du mein Liebster, ich denke Dein. Deine Marga

Am Sonntag, den 22. April, dem 3. Sonntag nach Ostern.

Ein stiller, ruhiger Tag war das heute nach all den Aufregungen der Woche; voll Dankbarkeit kann ich aus tiefster Seele heute in die Worte der Kirche einstimmen: Jubelt Gott alle Lande!

Weit aufgetan ist mein Herz für die Liturgie, die ich im Geiste mitzufeiern versuche. Der Hl. Geist selbst möge Dir und mir in unserem Alleinsein die Worte erschließen, daß sie uns zum Segen werden und wir jene Kraft aus ihnen zu schöpfen vermögen, die uns gerade in diesen Tagen so not tut. Paulus, dem die Liebe zum Herrn die Unrast ins Blut gesenkt hat, der zum Wanderer wurde, um die frohe Botschaft den Menschen zu bringen, er sagt uns heute in der Lesung, daß wir Fremdlinge und Pilger sind auf dieser Welt. Mußten wir erst durch die Furchtbarkeit des Krieges auf die Wahrheit dieser Worte hingewiesen werden? So oft haben wir es gesungen aber erst jetzt, da wir wirklich der irdischen Heimat beraubt sind, kommt uns der Inhalt der Worte zum Bewußtsein: Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschweren der ewigen Heimat zu.

Und das Wort aus Eichendorffs Morgenlied, das ich mir erst kürzlich beim Gang durch die Heide einprägte, kommt mir wieder in den Sinn: Die Welt mit ihrem Gram und Glücke will ich, ein

Pilger, froh bereit, betreten nur wie eine Brücke zu Dir, Herr, überm Strom der Zeit!” Wir aber haben allzu oft versucht Hütten zu bauen auf der Brücke, Heimrecht zu suchen und das Ziel darüber aus den Augen verloren. - Und was haben uns die Worte des Herrn im heutigen Evangelium nicht alles zu sagen: „Noch eine kleine Weile und ihr werdet mich nicht mehr sehen und wieder eine kleine Weile und ihr werdet mich wiedersehen; denn ich gehe zum Vater ... Ihr werdet traurig sein, aber eure Traurigkeit wird sich in Freude verwandeln .. Ihr habt jetzt Leid; aber ich werde euch wiedersehen, dann wird euer Herz sich freuen und eure Freude wird niemand mehr von euch nehmen.” In diesen herzinnigen Abschiedsworten offenbart sich uns eine Spur der Herzensgüte des Heilandes, der einen Trost in diese schlichten Worte hineinlegt wie ihn nur Gott zu geben vermag. „Nur eine kleine Weile” - ja, was ist selbst ein ganzes Menschenleben gemessen an der Ewigkeit! - „ertraget sie, haltet sie aus, ja erleidet und erduldet sie, ihr werdet mich wiedersehen, denn ich zum Vater.” Den Vater, dessen Wesen Güte ist, setzt der Heiland als Garant Seiner Verheißung, daß wir ihn wiedersehen werden. Muß uns das nicht mit einer Zuversicht erfüllen, die gegen alle Stürme gefeit ist? „Ihr habt jetzt Leid” - eine kleine Weile - „.. dann wird euer Herz sich freuen .. eure Freude wird niemand mehr von euch nehmen” - Ewigkeit -. Dem Leiden dieser Zeit stellt der Herr die Freude

 

 

der Ewigkeit gegenüber. Wir haben uns oft dagegen gesträubt in den Nöten dieses Lebens auf die Ewigkeit „vertröstet” zu werden; die kaufmännische Berechnung mancher Frommen, die sich mit einem gewissen Maß von Leid den Himmel verdienen wollen, ein Haben-Konto anlegen, dem der Herrgott in der Ewigkeit mit seinem Soll entsprechen muß, können wir nicht gut heißen, selbst die Antwort auf die erste Frage des Katechismus: Wir sind auf Erden um den Willen Gottes zu tun und dadurch in den Himmel zu kommen, möchten wir am liebsten umwandeln in: Wir sind auf Erden um Gott zu verherrlichen. Oder steckt vielleicht ein verborgener Hochmut darin, wenn wir glauben auf die Verheißung, den Ansporn, den Lohn verzichten zu können? Wir haben nur zu oft in den schweren Stunden unseres Lebens erfahren wie gut es ist, daß uns der Herr einen Ausblick auf das künftige Leben gewährt hat, wo kein Schmerz kein Leid und keine Tränen mehr sein werden; wo endlich die zerstörte Ordnung wieder hergestellt und alles Geschehen dieses Lebens seine Rechtfertigung, Gerechtigkeit und Vollendung erfahren wird. Das Wissen darum ist uns doch die einzige Ursache der Zuversicht, die uns nie genommen werden kann und selbst dann noch bleibt, wenn alle irdischen Hoffnungen schon zu nichte werden. Ohne dies wäre das Leben unserer Tage nicht zu ertragen und müßte in Verzweiflung enden.

Mein lieber August, ist es eine Herabwürdigung der Worte des Herrn, wenn ich sie auch auf unser irdisches Leben, auf unsere Trennung voneinander anzuwenden wage? Das Fernsein von Dir hat doch solch einen Schmerz über mich gebracht, daß es wirklich eines Trostes bedarf, der nicht von dieser Welt ist. Sieh', so wollen auch wir einander sagen, wie der Herr es den Jüngern und uns gesagt hat, eine kleine Weile und wir sehen uns wieder. Im Weh der Trennung kommt uns diese Weile manchmal wie eine Ewigkeit vor und das Wiedersehen, auf das die ganze Sehnsucht ausgerichtet ist, scheint uns in unerreichbare Fernen gerückt. Dann soll uns das Wort von der kleinen Weile getrösten und ermuntern, daß wir sie beharrlich bestehen. Ja, der Herr möge uns ein Wiedersehen schenken, neuen Beginn zu gemeinsamem Wirken zu Seiner Verherrlichung.

Aber auch dann, Du mein Liebster, wenn uns ein Wiedersehen in diesem Leben versagt bleiben sollte, - das Herz bäumt sich dagegen auf, diese Möglichkeit zu erwägen - wenn Einer von uns abberufen wird und wir Abschied voneinander nehmen müssen, hat uns dieses Wort so viel zu sagen. Es sei dann für den, der von uns beiden dann weiter noch allein die Bürde dieses Lebens zu tragen hat, wie ein letztes Abschiedswort des Heimgegangenen: Eine kleine Weile und wir sehen uns wieder, denn ich gehe zum Vater. Wir können uns nicht vorstellen, wie sich dieses Wiedersehen in der Ewigkeit gestalten mag; vor der alles überwältigenden Seligkeit der Anschauung

 

 

Gottes werden wohl alle Bindungen dieses Lebens, selbst die innigste Bindung der Liebe, zurücktreten müssen. Und doch könnte ich mir denken und möchte es wünschen, daß die eigene Seligkeit dadurch noch erhöht wird, wenn man den geliebten Menschen, mit dem man gemeinsam die Prüfungen dieses Lebens durchschritten hat, in der gleichen Glückseligkeit weiß. Dante vertritt ja in seiner göttlichen Komödie die Ansicht, daß die Seligkeit derer, die auf Erden eine Bindung der Liebe eingegangen sind, eine andere ist als die derjenigen, die allein durch dieses Leben gegangen sind. H. Bachmann macht sich diese Auffassung zu eigen und spricht sogar davon, daß wir uns nicht nur persönlich sondern auch als Eheleute vor Gott ins Gericht zu verantworten haben und auch als solche, also gemeinsam der ewigen Freuden teilhaftig werden. - Freilich, „kein Auge hat es gesehen und kein Ohr hat es gehört” .. es übersteigt unser Vorstellungsvermögen, „was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben”. Aber gerade bei den Menschen, die in diesem Krieg den liebsten Menschen hergeben mußten, steigt immer wieder die Frage nach dem Wie des Wiedersehens in der Ewigkeit auf. Wir können ihr nicht ganz gerecht werden, aber wir wissen und glauben, daß unser ganzes Erdenleben, unser Sein und Wirken, also auch unsere Liebe und Gemeinsamkeit, dort die letzte Erfüllung und Vollendung finden wird. Sollte uns das nicht froh machen, ohne daß es noch Einzelheiten bedarf?

Wieder sind meine Gedanken weit von ihrem Ausgangspunkt abgewichen, aber ich muß es Dir immer alles so sagen wie mir die Gedanken kommen. Laßt uns auch die letzten Worte dieses Evangeliums noch miteinander betrachten. Gleichsam um die trostvollen Worte von der kleinen Weile noch zu bekräftigen, zeigt Er uns ein Bild aus unserem Leben: Schmerz und Freude der Mutter in der Stunde der Geburt. Ach, wie gut muß doch der Herr uns kennen, daß Er gerade die Empfindungen der verschwiegensten Stunde zum Gleichnis wählt. Ja, nirgendwo ist wohl die Spanne zwischen größtem Schmerz und höchstem Glück so klein wie da, wenn ein neues Menschenkind zum Leben erwacht. Dankbar gehen meine Gedanken in die Stunde zurück, da ich selbst dies erfahren durfte. Es war die reichste meines Lebens.

Draußen regnet es vom Himmel hoch, wir sitzen in der Stube recht gemütlich zusammen, jeder mit seiner Strickarbeit beschäftigt während der Hausvater die Sonntagspredigt liest. Es waren oft Meister des Wortes, die evang. Pfarrer, die sie verfaßt haben. Ich höre sie gerne, aber es wird mir dabei immer bewußt, daß ihnen etwas fehlt. Die Wärme der persönlichen Beziehung zu Gott, deren Nähe wir uns erfreuen dürfen, ist ihnen fremd. „Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad zur wahren Kirch' berufen hat, nie will ich von ihr weichen”.

 

 

Am Freitag, den 27. April. Wenn ich morgens wach werde, muß ich immer eine Weile dem lieblichen Konzert lauschen, das durch das offene Fenster zu mir hereindringt; das ist ein Zwitschern, Flöten und Singen in den Baumkronen, daß einem das Herz froh werden muß. Bald nah bald ferner kräht ein Hahn und kündet den neuen Tag, die Gänse schnattern dazwischen und die Putten lassen auch ihre gurrenden Stimmen vernehmen. Es ist doch etwas Schönes, von diesen Geräuschen in der Frühe geweckt zu werden, die noch kein Rattern von Motoren und Maschinen verdrängt. Die erste Morgenstunde gehört dann noch ganz mir, es ist die einzige, die ich für die persönlichen Dinge, die stille Zwiesprache mit Dir und zum Gebet nutzen kann. Sonst ist mein Tag jetzt mehr und mehr in den Rythmus des Lebens auf dem Hofe hier eingegliedert und ich will mich dessen freuen, obgleich manch liebgewordenes Tun dadurch zurücktreten muß. Die Woche neigt sich schon bald wieder dem Ende zu, ohne daß ich Dir in dieses Buch hinein sagen konnte, wie meine Tage verliefen. In Gedanken trage ich ja täglich all mein Denken und Tun zu Dir hin, ach August, daß Du doch etwas davon spüren möchtest, wie innig das immer geschieht.

Nun aber will ich Dir schnell noch etwas von den Tagen dieser Woche erzählen. Am Sonntag, der ein so stiller, guter Tag war, brachte mir doch noch ein besonderes Erlebnis. Der Bauer des Nachbarhauses, der seinen Hof als Quartier des amerikanischen Kommandanten

räumen mußte, erzählte mir, daß unter den amerikanischen Offizieren auch ein kath. Pfarrer sei, der in Bodenteich Gottesdienst halten wolle. Die Aussicht, vielleicht Gelegenheit zu haben wieder eine hl. Messe zu hören ließ mich alle Abneigung überwinden und ich machte mich gleich auf, um Genaues zu erfahren. Ich meldete mich beim Posten, der sogleich dem entsprechenden Offizier Meldung machte. Ich wartete noch in der Vorhalle, als der Kommandant draußen mit seinem Wagen ankam. Schnellen Schrittes kam er die Stufen hinauf und stutzte offensichtlich, als er mich da stehen sah. Ich spürte mich unter seinen verwegenen Blicken erröten, ich hätte gewünscht, viele Schleier um mich werfen zu können, um diesen Blicken zu entgehen. Freundlich forderte er mich auf, in das Zimmer hineinzukommen, ich bedeutete ihm aber mit Entschiedenheit draußen warten zu wollen. Ich hatte ihm kaum den Grund meines Dortseins erklärt, als der Feldgeistliche die Treppe herunterkam. Er trug auf der Offiziersuniform ein silbernes Kreuz. In seinem Beisein folgte ich dann der erneuten Aufforderung des Kommandanten hereinzukommen. Im Gespräch stellte sich dann bald heraus, daß ich nicht wie ich gehofft, einen katholischen, sondern einen protestantischen Priester vor mir hatte. Anscheinend imponierte es diesem, daß ich den Weg gewagt hatte und er unterhielt sich noch eine Weile mit mir. Die Gemeinsamkeit religiösen Interesses überbrückte die Kluft natio-

 

 

naler Verschiedenheit und der, die den Sieger vom Besiegten trennt. -

Montagmorgen war ich gezwungen wieder nach Bodenteich zu gehen, da die Engländer uns das letzte Brot gestohlen hatten. An den wenigen Geschäften, die noch etwas zu verkaufen hatten - die meisten waren von den Polen geplündert worden - standen die Menschen Schlange. Es tat mir wirklich weh mitanhören zu müssen mit welcher Gehässigkeit die Leute über die deutsche Führung herzogen. Gewiß, man kann in vielen Dingen ihre Verbitterung verstehen, - das dem Volke angetane Unrecht ist zu groß, - aber daß man jetzt, da die eisernen Schranken staatlicher Autorität kaum gefallen sind, hingeht und diejenigen, die sich jetzt nicht mehr verteidigen können, derart heruntermacht, entspricht meinem Empfinden nicht. Für alle Anordnungen von Seiten des Feindes, wenn der Einzelne noch so sehr davon betroffen wird, hat man Verständnis sogar das schamlose Verhalten der fremden Truppen in unserer Heimat sucht man zu entschuldigen, dagegen wir alles, was von deutscher Seite geschehen ist und geschieht, mit Füßen getreten. Eine Geschäftsfrau redet so, als ob die Besatzung der erstrebenswerteste Zustand für uns sei. - Ich muß sagen, daß ich mir meines Deutschseins noch nie so tief bewußt geworden bin als in diesen Tagen der Erniedrigung und ich suche mich auch so zu verhalten, daß meine Einstellung den Menschen meiner Umgebung spürbar wird.

Es wird wieder ruhig im Lande, die Masse der amerikanischen Truppen sind weiter nach Norden und Osten gezogen, nur hie und da macht ein einzelnes Fahrzeug noch Streife. Die Bauern, die durch das Anrücken der Polen und Russen ohne jede Hilfskraft sind, gehen mit Hochdruck an die längst fällige Frühjahrsbestellung; nur Herr M. hat immer noch Bedenken. Da mache ich ihm den Vorschlag, daß die anderen Flüchtlingsfrauen und ich das Kartoffelpflanzen übernehmen wollen. Zuerst ist er noch etwas mißtrauisch, was das wohl werden mag, doch dann zieht er doch an einem trüben stürmischen Tag mit seiner „technischen Nothilfe” aufs Feld. Ich wünschte, Du hättest mich so einmal sehen können, mein lieber August, das weiße Kopftuch um, in festen Stiefeln und buntem Arbeitskleid, die große Packschürze vor, wie ich so durch die Furchen gehe und die Kartoffeln in die weit aufgetanen Erdschollen lege, daß der warme Schoß der Erde sie aufnehme, neues Leben, Wachsen und Reifen entstehe und dadurch den Menschen das werde, was sie zu ihrem Leben nötig haben. Dieses Tun, auf das die meisten Stadtleute meist verächtlich herabschauen, kommt mir nun, da ich es selbst tun darf, fast wie ein heiliger Dienst vor und während ich so über das Feld gehe, steigt manches Gebet zum Herrn empor, daß Er diese Arbeit segnen möge, daß Er unserem hart geprüften Volke die Nahrung

 

 

schenken wolle, die es zur Erhaltung seines Lebens nötig hat. Müde und hungrig kehren wir nach solchen Tagen abends heim mit dem frohen Bewußtsein, etwas geschafft zu haben. Als ich dann außerdem noch nach Bodenteich gehen mußte, um für eine schwer Kranke Arznei zu holen, wollten mich meine Beine kaum noch nach Hause tragen. Wenn ich dann beim Dunkelwerden unten Gute Nacht gesagt habe - da wir immer noch kein Licht haben wird dem Tag so gewaltsam ein Ende gesetzt - muß ich auch den Leuten oben noch einen kurzen Abendbesuch machen. Die Mutter sagt, sie freue sich immer schon wenn ich die Treppe herauf käme. Man muß einfach Zeit haben zum Hören und Plaudern - mir fällt das oft nicht leicht, aber um andern damit Freude zu machen tue ich es gern; manchmal ist es mir sogar selbst ein Bedürfnis. So sitzen wir dann oft still bis in die beginnende Nacht hinein zusammen, draußen ruht der blasse Schein des Mondes auf den weißen Blüten des Birnbaums, dessen Krone dann wie eine lichte Wolke erscheint. Ehe ich mich zur Ruhe lege stehe ich meist noch eine Weile an meinem Fenster und wie mein Blick zu den Sternen hinaufgeht, gehen meine Gedanken zu Dir, Du mein Liebster. Unter dem gleichen Sternenhimmel muß Du ja weilen, irgendwo, unter welchen Umständen weiß ich nicht. Möge auch Dich der Schlaf in seine barmherzigen Arme

nehmen und der Segen des Herrn mit Dir sein. Deine Marga.

25.04.45. Am Mittwoch war das Fest des hl. Markus, das die Kirche als Bittag begeht. Hoch stand die Sonne über dem Land, das in seiner Frühlingspracht so herrlich schön daliegt, daß ich in meiner Arbeit auf dem Feld immer wieder schauend innehalten mußte. Leise streicht der Wind durch das Laub der schimmernden Birken am Weg, die unter seiner Berührung leise rauschen. Auf den sattgrünen Wiesen leuchten die gelben Blumen des Löwenzahn, auch das Wiesenschaumkraut und die Grasnelken sind schon da. Überall ist ein Summen und Brummen vor den Käfern, Bienen und all den fliegenden und krabbelnden Geschöpfen, die in den Blüten ihre Nahrung suchen. In der Ferne leuchten die roten Dächer des Dorfes so schön vor dem Grün des Waldes und darüber wölbt sich der klarblaue Himmel, an dem nur hie und da eine weiße Wolke ihre stille Bahn zieht. Trotzdem wir schon sommerliche Kleider angelegt haben wird es uns noch ordentlich heiß bei dieser Arbeit. Ich muß daran denken wie in katholischen Landgemeinden an diesem Tag die Bittgänge durch die Felder gemacht wurden, um den Herrn um Seinen Segen für die Feldfrüchte zu bitten. Wie wenig haben wir doch das Wort des Herrn: Bittet und ihr werdet empfangen, klopfet an und es wird euch aufgetan werden! bedacht. Ist nicht

 

 

auch das voll Vertrauen an Ihn gerichtete Bittgebet Verherrlichung für Ihn? Ja, wir wollen in gläubiger Zuversicht unsere Bitten vor Ihn hintragen, auf daß Er uns in Seiner Güte gewähre, was zu unserem Heile nötig ist.

Gestern nachmittag wollte ich in Lüder wieder mit dem Unterricht beginnen, aber ich hatte mir den Weg nach da, nachdem ich den ganzen Morgen auf dem Feld war, wohl zuviel zugetraut. Ich mußte unterwegs in der Landgrube Rast machen. Es paßt mir nie, wenn ich meinem körperlichen Befinden solche „Zugeständnisse” machen muß, meist gehe ich rücksichtslos darüber hinweg. Aber es war in dem warmen Sonnenschein ein recht schönes Verweilen, das mir wohl tat. Wenn ich es nachher auch nur noch zu einem kurzen Besuch bei der kath. Familie gebracht habe, so war ich doch recht befriedigt von diesem Tag. Auf dem Heimweg begleitete mich noch ein Mann aus Hammerstein, der sich mir vor einigen Wochen auf dem Feldweg kurz mit den Worten: „Ich bin auch katholisch” vorgestellt hatte. Durch ihn erfuhr ich nach langer Zeit - er kann in Lüder, das eigene Stromerzeugung hat, Radio hören - wieder etwas vom Stand der Ereignisse. So traurig es für uns als Deutsche ist, daß der Feind fast das ganze Land in Händen hat, alle wünschen und sehnen fürs erste nur das Ende dieses furchtbaren Ringens. Was darauf folgt, wird sicher

noch recht hart für uns sein, aber wir wollen den Herrn bitten, daß Er uns dann einen dauerhaften Frieden schenken möge, in dem die zerstörte Ruhe und Ordnung wieder hergestellt und das Reich Gottes sich ausbreiten kann. Wie schön bringt der Hl. Vater in seinem Gebet für die Kriegszeit alle diese Anliegen zum Ausdruck, das ich fast täglich verrichte. Gerade in der langen Zeit des Alleinseins verlangt es mich nach einer Gemeinsamkeit des religiösen Tuns und versuche mich geistig immer wieder in die große Gemeinschaft der Beter hineinzustellen, wenn mir auch jedes sichtbare Tun darin versagt bleibt.

Heute ist das Fest des hl. Petrus Canisius, des zweiten Apostels Deutschlands, der das schöne Wort geprägt hat: Alles für Deutschland, Deutschland aber für Christus. An seinem Festtag wollen wir mit besonderer Innigkeit die Anliegen unseres armen verirrten Vaterlandes im Gebet vor den Herrn tragen. Möge der Heilige, der in seinem Erdenleben so viel zum Segen unseres Vaterlandes gewirkt hat, unser schwaches Gebet mit seiner mächtigen Fürbitte begleiten.

„Du weißt es, o Herr, wie sehr und wie oft Du mir Deutschland ans Herz gelegt hast, damit ich mich ganz für Deutschland hingebe und nichts anderes mehr wünsche, als für Deutschland zu leben und zu sterben.” (Petrus Canisius, Bekenntnisse.)

 

 

Samstag, den 28. April. Gestern nachmittag habe ich mit der Bäuerin die Spargelbeete gesäubert, das Unkraut herausgerissen und damit den zarten Pflanzen, die erst nächstes Jahr gestochen werden, ein besseres Gedeihen verschafft. Möchte doch der Herr wie ein guter Gärtner alles Unkraut aus unserem Herzen tilgen, vor allem jenes, das so tief wurzelt, auf daß alles Gute sich darin entfalten kann.

Heute war ein recht arbeitsreicher Tag, den ganzen Morgen habe ich auf dem Feld an der Sortiermaschine gestanden und die schlechten Kartoffeln ausgesucht. Das Wetter war schlecht, stürmisch und naß, dazu das mürrische Gesicht des Bauern, dem die Arbeit nach der langen Ruhezeit noch garnicht schmeckt. Auf sein dauerndes Schimpfen und Toben mußte ich mal wieder ein energisches Wort sagen und zugleich durch die Arbeit beweisen, daß ich es gut mit ihm meine. Das hat genützt, am Abend fuhren wir alle froh und zufrieden über das vollbrachte Tagewerk nach Hause. - Und wieder ist Samstagabend, die Stunde, in der die sehnenden Gedanken mit besonderer Inbrunst in die Heimat gehen und zu den Lieben; zu Dir, mein August, der Du sicher auch Deine Gedanken am Ende der Woche dem gemeinsamen Tun früher daheim und mir zuwendest. Laßt uns wieder die Bitte an den Herrn tun: Gib den Segen! auf daß all unser Denken und Tun vor Ihm bestehen kann.

von dem größten Geschenk Gottes an uns in unserer Liebe bewirkt hat. Liebster, auch damals konntest Du nicht bei mir sein, aber das Wissen darum, ein Stück Deines Lebens, die Inkarnation unserer Liebe unter meinem Herzen bergen zu dürfen, war mir so trostvoll. Nun aber bin ich wieder allein und nur die Gedanken vermögen über die Trennung hinweg die Brücke zu schlagen. Aber auch die Seele unseres Winfried wird am Thron Gottes unser gedenken und Mittler sein, daß unsere Herzen über alle Räume hinweg zueinander finden. Manchmal bangt mir davor, daß Deine Liebe in der langen Zeit des Fernseins erkalten könne und mir nicht mehr so fein und wundersam begegne, wie ich es früher erfahren durfte. Aber solche Gedanken kommen mir wie eine Versuchung vor und ich suche sie aus meinem Herzen zu bannen.

Meiers Flüchtlingsquartier auf dem „Dön” (Boden) ist das reinste Lazarett geworden, da muß ich meine Beschwerden zurückstellen. Mit dem Arzt, der vom Nachbardorf herübergekommen ist, mache ich die Runde. Frau Burhard hat Grippe, ihre beiden Jungen sind scharlachverdächtig, Frau Groß sieht durch die Gesichtsrose furchtbar entstellt aus, Klein-Ingrid hat eine Darmgeschichte, Frau Nieber Stirnhöhlenvereiterung und Opa Groß ist auch nicht gut dabei. Kein Wunder, daß der englische Offizier, der als Quartiermacher das Haus besichtigt, mich

 

 

fragt ob hier ein Lazarett sei, er ist sogar bereit den Militärarzt zu schicken. Die Kranken haben uns wohl davor bewahrt, daß auch unser Haus beschlagnahmt wurde, die meisten Häuser mußten binnen einer Stunde geräumt werden. Aus dem Nachbarhaus haben wir alles, was nicht verboten war, noch herübergeschafft, denn wenn die Soldaten nur 2 Tage in einem Haus gewohnt haben bleibt nichts mehr heil. Das war ein Packen und Schleppen, daß ich am Abend ganz erschöpft war. - Da die Ansteckungsgefahr zu groß ist und Klein-Ingrid nicht mit der Oma in einem Raum schlafen darf, habe ich ihrer Mutter angeboten solange zu mir überzusiedeln. Es ist mir nicht leicht geworden, denn auf das stille Stündchen des Alleinseins am Abend muß ich nun verzichten, aber es war ja keine andere Möglichkeit mehr. Wieder hält eine neue Kolonne Amerikaner im Dorf Einzug, das Lärmen und Toben geht bis in die Nacht hinein. Zum ersten Mal ist wieder Strom da, die Häuser der Amerikaner sind hell erleuchtet, ein eigenartiger Anblick für uns, die wir die langen Kriegsjahre in der Verdunkelung die Abende zubringen mußten. Wie haben wir uns darauf gefreut, endlich davon befreit zu werden, aber daß das Ende ein solches werden würde, hat wohl niemand von uns geahnt. Die Machthaber, die dies Elend über unser Vaterland gebracht haben, haben fast alle ihrem

Leben selbst ein Ende gemacht. Was wird aus ihnen werden, wenn sie mit der furchtbaren Verantwortung belastet vor den Herrn treten müssen? Aber wir alle müssen mit dem Psalm sagen: „Wenn du der Sünden willst gedenken, Herr, wer wird vor die bestehen! Doch zur Vergebung bist du stets bereit, auf dich vertraue ich.” Sollten wir dies nicht auch stellvertretend für ihre Seelen beten, um des Guten willen, das auch sie gewirkt haben? Nun, da alle den Stab über sie brechen, meine ich erst recht das Gute an ihrem Leben und Werk suchen zu müssen. Die Bauern wundern sich über diese meine Haltung, da ich doch früher oft ein offenes Wort der Kritik gesprochen habe, da sie es noch nicht wagten aus Angst vor evtl. Folgen. Nun, da keine Rechtfertigung vor der anderen Seite mehr möglich ist, geht es über sie her und gerade die Bauern in ihrer Derbheit kennen keine Zügelung. Manche gehen so weit, daß sie schließlich alles verächtlich machen, was unserem Volke eigen ist und was es Großes im Laufe seiner Geschichte geleistet hat. Das macht mich ganz traurig, denn es zeugt doch von einer großen Charakterlosigkeit. Muß man da nicht den Vorwurf als berechtigt ansehen, den man oft dem Deutschen in der Welt macht, daß er zu wenig Nationalbewußtsein besitzt? Freilich wurde in den letzten Jahren dieser Mangel ins Extrem übertrieben, aber es hat sich ja auch gezeigt, daß mit Gewalt nichts erreicht wird. Es macht mich oft ganz traurig, selbst die guten Bemühungen des letzten Reg.

 

 

als gescheitert ansehen zu müssen, daß die Menschen ihr Deutschtum wie ein abgelegtes Kleid von sich tun, um dafür bei dem Sieger vielleicht in bessere Gunst zu kommen. Läßt sich nicht auch darauf das Wort anwenden: „Wer ihnen Brot gibt und klingendes Geld, dafür ihre Seelen umsonst erhält, in menschlichem, blinden, armseligen Wahn” Als wir davon sprachen, wie man sich den Soldaten gegenüber verhalten solle, die nun täglich in Zivil über die Landstraßen ziehen, um nach Hause zu gelangen, meinte der Bauer: „Das kann niemand von uns verlangen, daß wir uns ihretwegen in Gefahr begeben, das Hemd ist einem näher als der Rock...” Dieser grenzenlose Egoismus brachte mich doch aus der Fassung: „Aber daß unsere Männer die sechs Jahre hindurch ihr Leben für uns aufs Spiel setzten, war eine Selbstverständlichkeit und da der Kampf nun verloren ist - was gewiß nicht ein Mangel an Pflichterfüllung des Einzelnen war - glauben Sie sich jeder Verpflichtung ihnen gegenüber enthoben?” „Ich habe bestimmt auch meine Pflicht getan” entgegnet er darauf. Als größter Verdienst schreibt er sich gewiß an, mich in sein Haus aufgenommen zu haben. Ich bin ihm dankbar dafür, aber es wäre Feigheit, wollte ich daraus die Folgerung ziehen zu schweigen, wenn ein offenes Wort gesagt werden muß. Wenn ihr Gewissen sie nicht von dem Kreislauf um das eigene Ich abbringen kann, so muß ich ihm wenigstens ab und zu etwas nachhelfen,

selbst auf die Gefahr hin, sich dadurch Sympathien zu verscherzen. Diese Auseinandersetzung im Gespräch fand am Abend gleich ihre praktische Folgerung: Zwei Soldaten in Zivil bitten um ein Glas Wasser und fragen nach dem Weg. Er würdigt sie keines Blickes; wenn ein Amerikaner oder Russe den Hof betritt, ist er immer der Erste und bietet ihnen sogar Eier usw. an, wenn sie es garnicht verlangen; und die Menschen, die für uns und das Vaterland alles getan haben, bleiben unbeachtet. Ich zeige ihnen auf der Karte den Weg und gebe ihnen noch eine Stärkung mit. Und bei alle dem denke ich so sehr an Dich, Du mein Liebster. Wer weiß, wie Du um die Notdurft des Lebens ringen mußt und auf die Barmherzigkeit anderer Menschen angewiesen bist. Ich meine immer, wenn ich den Soldaten hier einmal gut sein kann, müsse es Dir irgendwie zu gute kommen. Für Dich kann ich ja nur das Eine tun, beten, und da lege ich meine ganze Liebe zu Dir hinein.

Donnerstag, den 3. Mai. Der Beginn des Maimonates, die Erlebnisse der letzten Zeit, die Sorge um Dein Geschick, mein lieber August, lassen die Sehnsucht nach dem Zu-Hause-Sein im Gotteshaus immer stärker in mir werden. Auch ist für unsere vielen Kranken keine Medizin zu beschaffen, so habe ich mich gestern kurz entschlossen aufgemacht, um nach Uelzen zu gehen. Fräulein Sch. aus Oberschlesien war gleich bereit mitzugehen; allein wäre das Wagnis

 

 

bei den unruhigen Verhältnissen zu groß. Es war ein rechter Maientag und unterwegs erzähle ich der Gefährtin davon, wie wir daheim an den ersten Tagen des Mai hinaus gewandert sind zur Madonna nach Altenberg, um all unsere Sorgen und Nöte in ihre Hände zu legen und ihr aufs Neue als unserer Mutter und Fürsprecherin zu huldigen. In dem selben Geiste, in dem wir damals nach Altenberg gewallfahrt sind, will ich nun diesen Gang nach Uelzen tun. Herrlich ist es, durch den maifrischen Wald zu wandern und über die Felder, auf denen die Saat sprießt. Am Rande des Feldweges stehen die Apfelbäume in voller Blüte, das ist eine Pracht, daß ich begeistert die Augen zum klarblauen Himmel erhebe: Mein Gott wie schön ist deine Welt ... Rüstig schreiten wir aus, wenn auch das Gehen in dem tiefen Heidesand beschwerlich ist. Über all der Schönheit in der Natur könnte man fast die Schrecken des Krieges ganz vergessen, aber als wir in das Dorf Stadensen kommen, werden wir gewaltsam daran erinnert. Hier hat sich der Krieg in seiner Furchtbarkeit so abgespielt, wie in unseren Städten: zerstörte Häuser, verbrannte Gebäude, Trümmer, vernichtete Fahrzeuge, ein Bild des Grauens. Furchtbar muß hier der Kampf getobt haben, überall liegen die zerstörten Panzer und Fahrzeuge umher, Stahlhelme, verbrannte Uniformen; der Brandgeruch verschlägt einem fast den Atem. Einer von den wenigen Dorf-

bewohnern, die ihr Haus noch behalten haben, erzählen uns ihre furchtbaren Erlebnisse, hundert SS-Leute haben die amerik. Truppen überraschend angegriffen und damit das ganze Dorf dem Verderben preisgegeben. Still stehe ich vor den Gräbern der Gefallenen und bitte den Herrn des Lebens, daß Er ihre Seelen reinigen möge durch den Opfertod, den sie gestorben. Um jeden von den vielen, die da ruhen, bangt daheim eine Frau, eine Mutter, eine Familie. Ach, welch unsagbares Leid hat doch der Krieg über die Menschen gebracht! Möge es doch uns und allen zur erlösenden Kraft werden, die uns hinreißt zu Ihm! Auch die Felder zeigen überall noch Spuren des Kampfes, in den sumpfigen Wiesen haben sich viele Panzer festgefahren, ihre Wracks stehen in krassem Gegensatz zu dem Grünen und Blühen ihrer Umgebung. Eine Strecke weit führ uns der Weg durch einen Birkenhain, der Wind spielt mit dem leichten Laub und das Herz weiß nicht ob es sich diesen frohmachenden Bildern zuwenden soll oder noch den traurigen, eben erst in sich aufgenommenen. Es scheint, daß unser ganzes Erdenleben unter diesem Zwiespalt von Freude und Leid, Glück und Schmerz steht. Und die Zeit unserer Gemeinsamkeit, Du mein lieber August, wie reich war sie doch von beiden, die erinnernden Gedanken gehen immer wieder dahin zurück und da ich mit der fremden Frau durch den Frühling gehe, stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn Du an meiner Seite gingst und seine Herrlich-

 

 

keiten mit mir schauen und erleben könntest. Ach, wir wollen hoffen und bitten, daß es uns wieder geschenkt werden möge, unser Leben in Gemeinsamkeit zu führen. Ich spüre doch jeden Tag neu, daß das Alleinsein, wie es uns durch die Trennung nun auferlegt ist, nicht das eigentliche Leben für uns sein kann, nachdem wir einmal in die tiefe Gemeinsamkeit hineingestellt worden sind. Wenn uns nicht die Erinnerung daran blieb und die Hoffnung, es doch noch einmal erleben zu dürfen, ich weiß nicht wie es sich ertragen ließ. - In dem Dorf Wrestedt hingen noch überall die weißen Fahnen an den Häusern, eine Weile hören wir dem rauschenden Gefälle des Mühlenbaches zu. Auf der anderen Seite der Brücke wimmelt es von Amerikanern, immer wieder sausen Fahrzeuge an uns vorüber. An einem Gartenzaun schauen zwei allerliebste Mädchen dem Treiben zu, zwölfjährige Zwillinge mit langen blonden Flechten, blauen Augen und silbernem Kinderlachen. Ihr Anblick allein ist schon eine Freude, ich kann nicht an ihnen vorübergehen ohne ein paar Worte mit ihnen zu wechseln. Sie sind aus Geilenkirchen, die Art ihres Sprechens ist Heimatland für mich. Auf blanker Asphaltstraße geht es weiter nach Niendorf. Dort unter den hohen Eichen haben wieder ein paar Soldaten ihre letzte Ruhe gefunden. Ein weißes Kreuz, der Stahlhelm und die ersten Blumen des Frühlings schmücken das Grab. Auch hier verweilen wir in stillem Gedenken während die Fahrzeuge des Fremden

an uns vorüberrattern. Wieder geht es eine Strecke durch Wald, lichter Buchenwald, der uns wie bergend umschließt. Kein Laut vom Getriebe der Welt und des Krieges dringt da hinein, nur das Singen der Vögel und das Sausen des Windes in den Baumkronen. Erst als wir uns Uelzen nähern, finden wir wieder Spuren des Krieges: Schützenlöcher, Panzersperren, beschädigte Bäume und Kriegsgerät. Die Holzbrücke über die Ilmenau ist zerstört, nur ein schmaler Steg führt darüber. Wie ich da hinüberbalanciere muß ich an das Erlebnis auf der Brücke in Hoffnungstal aus Kindertagen denken. Bald tauchen die ersten Häuser von Uelzen auf, der grüne Turm der Marienkirche, sonst das Wahrzeichen der Stadt, ist ein Opfer des Krieges geworden, auch das Stadtinnere hat stark gelitten. Aber das kleine Gotteshaus, das mir Heimat in der Fremde ist, steht noch. Lange verharren wir vor dem Herrn im Tabernakel und vor dem Bild der Maienkönigin in stillem Gebet. Ach, das Herz ist so voll von Nöten und Sorgen aber auch voll Lob und Dank. Am Nachmittag haben wir das Glück noch einer hl. Messe beiwohnen zu können. Dann knie ich wieder an der gleichen Stelle, wo ich in November an Deiner Seite den Leib des Herrn empfangen habe und bitte ihn, daß Er auch Dich mit Seiner Gegenwart erfüllen möge, wo immer Du auch sein magst. „Allzeit tragen wir Jesu Todesnot an unserem Leibe..” Wie sehr haben wir dieses Wort des Apostels gerade in den Ereignissen der letzten Tage an uns erfahren. Ja, wir leben doch

 

 

in ständiger Bedrohung, erst durch die Flieger und nun durch die Willkür der fremden Truppen. Da tut uns das Wissen um die Geborgenheit in der Hand Gottes besonders not. - Die Nacht habe ich im stark beschädigten Haus der gastfreundlichen Familie B. Zugebracht und der heutige Tag begann wieder wie die meisten Tage daheim mit dem hl. Opfer. Danach hielten wir noch ein Plauderstündchen mit dem Herrn Pfarrer, der allen Kindern seiner weit verzweigten Gemeinde wirklich ein guter Hirte ist, suchten die wichtigste Arznei für unsere Kranken zu bekommen und machten uns dann wieder auf den Heimweg. Wie gut hatten wir es doch daheim in unserem heiligen Köln, wo uns nur ein paar Schritte vom Gotteshaus trennten und wir täglich Gelegenheit hatten aus den heiligen Quellen Kraft zu schöpfen, während hier weite Strecken zurückgelegt werden müssen, viel Mühe, Zeit und Strapazen gefordert werden, um nur hie und da einmal Gelegenheit dazu zu haben. - Als ich in Reinstorf ankam, wurde ich gleich von allen umringt, „Tante Marga” riefen die Kinder aus allen Ecken als sie mich hörten und gleich hingen sie wieder an mir. Ja, die Kinder, ach August es ist so schön mit ihnen, von der kleinen zweijährigen Ingrid bis zum 15-jähr. Helmut, für alle bin ich Tante Marga, sogar die Großen haben sich diese Anrede schon angewöhnt. Der 12-jährige Gerhard ist besonders anhänglich, er verfolgt mich bald auf Schritt und Tritt.

Freitag, den 4. Mai. Heute feiert die Kirche das Fest der hl. Monika, der Mutter des großen Augustinus, Deines Namenspatrons, mein Liebster. Oft habe ich zu ihr, die durch ihr mütterliches Beten so viel dazu beigetragen hat, daß uns dem an die Welt und ihre Sünde preisgegebenen Augustin ein Heiliger wurde, meine Zuflucht genommen. Ach, möchte der Herr doch auch meinem Gebet für Dich, mein lieber August, jene himmelbestürmende Kraft verleihen wie dem Beten der hl. Mutter Monika. Aber ich meine, wenn wirklich wahre tiefe Liebe, frei von Selbstsucht, das Beten begleitet, so kann der Herr sich ihm doch nicht verschließen. So soll in der Zeit der Trennung mein Gebet Ausdruck meiner Liebe zu Dir sein, bis ich sie Dir wieder mit allen Kräften des Leibes und der Seele schenken kann.

Mein August, oft glüht die Sehnsucht ganz groß in mir, daß der Tag bald komme, an dem das wieder möglich ist und wir das Leben in voller Gemeinsamkeit zu führen beginnen können.

Sonntag, den 6. Mai. Die Tage der Woche sind nun so sehr mit Arbeit angefüllt, daß mir kaum eine Weile vür mich bleibt. Fast täglich gehe ich mit aufs Feld Kartoffel pflanzen oder sortieren, es ist ungewohnte Arbeit, die ermüdet, aber es macht auch viel Spaß, da wir ja immer zu vier Frauen zusammen sind. Oft möchte man sich darüber ärgern, daß sich die Bauern selbst auf unsere Kosten einen guten Tag machen, die Bäuerin selbst hat bis heute draußen noch nichts getan, da gilt es auf der Hut zu sein, daß man nicht

 

 

ausgenutzt wird. Ich bin bei Meiers so richtig Mädchen für alles geworden, mit viel List und Tücke habe ich es sogar erreicht, daß ich ans Kochen komme, das macht mir am meisten Freude. Besonders wenn Frl. Heti am Herd steht halte ich Augen und Ohren offen, von ihr, die in Hagen 10 Jahre eine Hotelküche geführt hat, kann ich viel lernen. Hoffentlich habe ich Gelegenheit das alles einmal für Dich und unsere Familie anzuwenden.

Heute mußte ich mich in den freien Stunden des Sonntags den Kranken widmen, die so froh darüber waren, daß ich einmal Zeit für sie hatte, denn sonst ist das viele Plaudern ja nicht meine Art. Die Flüchtlingsfrau aus Ostpreußen, die von keinem ihrer Familienangehörigen etwas weiß, zeigte mir die Bilder von ihrem Mann und den Söhnen. Sie ist so dankbar dafür, wenn ich mich etwas um sie kümmere und meint wenn ich das Essen gekocht hätte und ihr brächte schmeckte es ihr besonders gut, denn es sei dann mit Liebe geschehen. - Am Abend habe ich mit den Flüchtlingsfrauen und den größeren Kindern noch einen Gang in die Heide gemacht. Im Schein der sinkenden Sonne ist die Heide für mich am schönsten, dann möchte ich nur stehen und schauen, schauen.

Montag, den 7. Mai. Die Tage sind mit Arbeit angefüllt bis zum Rande, am liebsten hätte der Bauer, daß ich meine Lehrtätigkeit inn Lüder u. Bodenteich aufgeben würde, um immer

auf dem Sprung sein zu können, wenn er mich nötig hat. Aber da lasse ich mich selbst von einem bösen Gesicht und einer bissigen Bemerkung nicht von abbringen. Die Bauern sind ja so egoistisch, sie setzen sich nur so lange für etwas ein wie es nicht auf ihre Kosten geht. Wie oft haben sie geklagt, daß die Kinder nichts mehr von Gott hören, wenn sie aber 2 Nachmittage auf meine Arbeitskraft deswegen verzichten sollen, ist aller Idealismus fort. Die Stunden mit den Kindern in dem kleinen Kirchlein in Lüder sind mir mit die liebsten der ganzen Woche. Heute habe ich ihnen von Maria der Maienkönigin gesprochen und es ist mir immer eine so große Freude wenn ich nachher feststellen kann, wie meine Worte in den Kinderherzen haften geblieben sind. Wie andächtig falten sie die kleinen Händchen, wenn wir am Schluß des Unterrichts miteinander in kindlich verständlichen Worten beten. „Maria, Dir befehlen wir, was grünt und blüht auf Erden, o laß es eine Himmelszier in Gottes Garten werden.” - Auf meinem Weg nach Bodenteich kommen noch manche Frauen zu mir, die gerne einmal über ihre Sorgen und Anliegen sprechen möchten, da muß man geduldig zuhören und ein rechtes, gutes Wort sprechen können. In allen brennt das Heimweh und die Sorge um liebe Menschen. Mir liegt es nicht, meine eigenen Sorgen auszuplaudern, aber manchmal tut es not den anderen zu zeigen, daß

 

 

ich das Gleiche trage. - Im Pfarrhaus in Bodenteich bin ich ein gern gesehener Gast. Es tut mir immer gut, mich einmal mit Menschen zu unterhalten, die einen weiteren Gesichtskreis haben und über den persönlichen Sorgen auch noch andere kennen. Der Pfarrer ist ein aufrechter deutscher Mann, er verurteilt das Treiben der früheren Machthaber, weiß aber auch die rechte Haltung gegenüber den Fremden einzunehmen. Über seinen Ausspruch: „Ich habe mich noch nie so sehr als Deutscher gefühlt wie gerade jetzt in den Tagen der Erniedrigung.” habe ich mich richtig gefreut. Er macht sich ernsthafte Gedanken darüber, welch große soicale Aufgaben der Kirche in unserem Vaterland in den nächsten Jahren gestellt sein werden. Mehrmals habe ich versucht aufzubrechen, aber er hat immer wieder neue Anknüpfungspunkte zum Gespräch. Jede Unterhaltung mit ihm ist mir eine erfreuliche Bestätigung für die Annäherung der getrennten Brücke an die Mutterkirche und ich lasse ihn auch immer spüren, daß diese mit weit geöffneten Armen ihrer verlorenen Söhne harrt.

Heute abend mußte ich wieder eine recht traurige Erfahrung von der Rücksichtslosigkeit des Bauern machen. Es war schon spät, als 2 junge Kerle müde und verstaubt auf unseren Hof kamen. Es waren 18 jährige Marineschüler, die gegen die Russen im Raum von Berlin eingesetzt und dann aus

dem Gefangenenlager ausgerückt waren. Der Bauer vermutete gleich, daß es Soldaten waren und ließ sich nicht blicken. Auf mein öfteres Rufen erschien er endlich und erklärte kurz, daß er keinen Platz habe, auch die Bitte in der Scheune schlafen zu dürfen, schlug er ab. Ich mußte an mich halten, um meinen Zorn niederzukämpfen. „Aber zu Essen darf ich ihnen doch wenigstens etwas geben” „Meinetwegen” brummte er vor sich hin. Auch die Bäuerin hatte sich nicht mehr sehen lassen. Als ich Feuer anlegte um Kartoffel zu braten meinte die Oma sogar: „Da gehört aber viel Holz zu” Aber ich störte mich nicht daran, setzte ein große Pfanne Bratkartoffel auf, jedem 2 Eier und einen Topf Milch, da fielen die beiden richtig drüber her. Die Flüchtlinge, die selbst kaum das Nötige haben, gaben mir Brot und Wurst, damit ich ihnen auch noch etwas mit auf den Weg geben konnte. In der Rauchkammer des Bauern aber war nichts für deutsche Soldaten übrig. Es war schon weit über die festgesetzte Ausgehzeit hinweg, als ich die beiden zum Bürgermeister brachte, der ihnen ein gutes Nachtquartier versorgte. Kaum hatte ich die Tür des Vorgartens hinter mir geschlossen, da hörte ich an der Ecke den Schritt der amerikan. Streife. Eine Minute später hätten sie mich erwischt. Wie schlug mir das Herz, als kurz darauf mit dem Gewehr gegen die Haustüre geschlagen wurde und

 

 

mein Name gerufen wurde. Ich glaubte man hätte mich doch bemerkt und wollte mich zur Verantwortung ziehen. Als ich aber öffnete stand dort der Bürgermeister, der sich mit der Patrouille nicht verständigen konnte, und meine Hilfe erbat. Der Bauer sah mich natürlich im Geiste schon hinter Schloß und Riegel.

Am Donnerstag, den 10. Mai. Fest Christ Himmelfahrt.

Es ist doch traurig, daß der Feind kommen mußte, um dem deutschen Volk die Festtage wieder zu schenken, die es mit der Kirche begeht. Man ließ ihm vorher keine Zeit dazu, denn jede Stunde sollte ausgenutzt werden zur Arbeit für den Krieg. Aber es hat sich erwiesen, daß all dieses Schaffen und Wirken vergebens war. So ist also der Tag der Himmelfahrt des Herrn wieder Feiertag auch für das Volk. Auf dem Hofe, wo sonst zu dieser Morgenstunde schon emsiges Leben herrscht, ist alles noch still und ich freue mich dieser Stille, denn da kann auch ich Festtag halten. Ich bete die Texte der Liturgie, die in meiner Einsamkeit doppelt schwer wiegen, und lassen den Jubel der Kirche über die Himmelfahrt des Herrn in meinem Herzen aufklingen. Heute weist der Vater dem Sohn den Ihm gebührenden Platz zu Seiner Rechten an; nachdem Er Sein Werk vollbracht hat nimmt Er wieder teil an der Herrlichkeit Gottes, die Er unseretwegen so lange entbehrt hat. - Die Morgensonne scheint so schön auf den blühenden Apfelbaum vor meinem Fenster, ein Bienchen summt von

Blüte zu Blüte, Nahrung suchend und zugleich den Spendern des süßen Honigs den wertvollen Dienst der Befruchtung erweisend. Wunderbar, wie sich überall in der Natur die Wechselwirkung des Gebens und Nehmens offenbart. Es drängt mich hinaus in die schöne Gotteswelt, die sich heute im Frühlingssonnenschein besonders lieblich darbietet. Aber kaum haben die Kinder mein Vorhaben bemerkt, da hängen sie schon an mir: „Tante Marga, darf ich mitgehen?” Wenn so 4, 5, 6 fragende Kinderaugenpaare auf mich gerichtet sind, kann ich nicht widerstehen, obschon ich gerne allein einen Gang in die Heide gemacht hätte. Auch Klein-Ingrid will dabei sein, so ziehe ich mit meiner Schar los. Draußen werde ich wieder mit Fragen überhäuft, nach den Namen von Pflanzen und Blumen; wie es kommt, daß die Schnecke ihr Häuschen immer so schön auf dem Rücken trägt; ob die Kiefern nie blühen; wie der weiße Saft in die [..]blumen kommt und wie daraus die Pusteblumen entstehen; ich kann garnicht so schnell auf alles antworten. Die 7-jährige Erika will schließlich wissen, warum heute Feiertag ist und was eigentlich Christi-Himmelfahrt ist. Ich freue mich, ihr vom Sinn und Geheimnis des Tages sprechen zu können und alle hören andächtig zu, sogar der 14-jährige Wilfried, mein besonderer Freund, der nicht recht weiß ob er sich noch zu den Kindern oder schon zu den Erwachsenen zählen soll. Ach, es ist so schön mit den

 

 

Kindern durch Feld und Wald zu streifen und dabei von Dem zu sprechen, der all das so herrlich für uns geschaffen hat. Wie muß es aber erst sein, mein lieber August, wenn wir es gemeinsam tun dürfen und nicht mehr andere Kinder dabei sind, sondern unsere eigenen, unser eigen Fleisch und Blut? Ach August, ob es uns je vergönnt sein wird das zu erleben, was ich mir heute vorstelle und ersehne? Die einzige Antwort auf all diese Fragen kann sein: Herr, wie Du willst mag es geschehen! - Klein-Ingrid hat gesehen, daß ich am Wegrand im Gras etwas gefunden habe, ein kleines, grau gesprenkeltes Vogelei, nun hat sie keine Ruhe mehr und bettelt so lange bis ich es ihr gebe. Behutsam nimmt sie es in ihre kleinen Händchen und verspricht vorsichtig damit umzugehen, aber nach einer Weile hält sie mir mit schuldbewußtem Gesichtchen das in der Mitte eingedrückte Eichen wieder entgegen. Ich teile die Schale in 2 Hälften und alle schauen erstaunt zu, wie der kleine gelbe Dotter mit dem weißen Keimfleck inmitten des Eiweiß schwimmt. Auch mich überkommt ein Gefühl der Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens in der kleinen Kinderland vor mir. Den Heimweg nehmen wir durch den Busch, wo ich auch mit Dir einmal hergegangen bin, als wir so Wesentliches miteinander gesprochen hatten und Frl. Hertha auf dem Feld trafen. Die Wintersaat, die damals die ersten grünen Spitzen aus den

braunen Erdschollen hervorgucken ließ, steht heute schon hoch, ihre Halme neigen sich im Wind. So lange sind wir nun schon voneinander getrennt, ob wir wohl wieder vereint sein werden wenn das Korn reif ist zur Ernte? Immer wieder geht dieses Fragen in die bange Ungewißheit hinein.

Gleich nach Mittag mache ich mich auf den Weg nach Lüder, um dort Unterricht zu halten. Es ist ein herrlicher Weg durch die Felder, die Sonne sendet ihre wärmsten Strahlen, die mein braunes Gesicht noch dunkler tönen, aber ein sanfter Wind macht sie dennoch erträglich. Ich trage wieder den bunten Trägerrock, unter dem im vorigen Jahr mein Leib in so ganz anderer Gestalt geborgen war, als Winfried noch bei mir war. Er ist mir deshalb so lieb, weil er all die herrlichen Tage der Erwartung miterlebt hat. Verstohlen streicht meine Hand über seine weichen Falten, es ist, als müsse ich ihm für sein stilles Mitwissen und den Dienst, den er mir und dem Kindlein erwiesen hat, dankbar sein. - In Lüder erwartet mich vor dem kleinen Kirchlein eine große Gemeinde. Ich hatte den Kindern gesagt, sie könnten wegen des Festtages ihre Mütter und Geschwister mitbringen, aber so etwas hatte ich nicht erwartet, die ganze Pfarrfamilie war versammelt, selbst aus den weiter entfernten Dörfern waren sie gekommen. Wieviel Gnaden könnte an dieser Stelle durch die Fähigkeit eines Priesters

 

 

vermittelt werden an all die vielen im Leid geprüften und geläuterten Herzen. Ich stehe ihrer Bereitschaft fast hilflos gegenüber, aber was in meinen Kräften steht will ich ihnen geben. Schnell ist auf dem Taufstein neben dem Altar ein Maialtar errichtet, das Bild der Altenberger Madonna in der Diaspora. So hält das Bild der Mutter des Herrn und die Liebe und Verehrung zu ihr wieder Einzug in das uralte Kirchlein, aus dem sie so lange verbannt war. Ich entzünde die Kerzen auf dem Altar und bevor ich den Leuten in den Worten der Schrift die Frohbotschaft der Himmelfahrt des Herrn künde, versuche ich ihnen ein paar Gedanken dazu zu sagen, nachdem wir den Beistand des Hl. Geistes in gemeinsamem Gebet erfleht haben. Mit den Aposteln wollen wir die Augen zum Himmel erheben, dem auffahrenden Herrn nach: „Was droben ist, das suchet, wo Christus ist zur Rechten des Vaters!” Alle Erdennot und Erdenschwere müssen wir hineinlegen in diese unsere Ausrichtung nach oben. Diese Forderung ist groß angesichts der Menschen, die der Krieg alle in Leid und Not gestürzt hat, aber auch ihre Bereitschaft ist groß, und da sie unter der Heimatlosigkeit dieses Lebens leiden, tut sich ihr Herz umso mehr der Botschaft von der ewigen Heimat auf. Bei meinen Worten rinnen Tränen über manches sorgenvolle Muttergesicht.

Im Gebet der Kirche vereinen wir uns mit dem Opfer des Herrn,

das in dieser Stunde irgendwo gefeiert werden mag. Dann grüßen wir in gemeinsamem Beten und Singen die Mutter des Herrn, die Maienkönigin, die unser bester Anwalt am Throne Gottes ist. Ich bete die Weihe an die Gottesmutter und das Altenberger Wallfahrtsgebet. Die Anrufungen der Lauretanischen Liturgie finden in den Antworten der Gemeinde eine fromm-flehende Entgegnung und in dem Lied: Meerstern ich dich grüße findet unsere Maiandacht ihren Abschluß. Vor der Kirche wartet der evang. Pfarrer schon darauf, daß das Gotteshaus für ihn und seine Gemeinde zu einem Trauergottesdienst frei wird. Wir wechseln noch ein paar herzliche Worte miteinander, auch die Eltern meiner Kinder wollen noch etwas mit mir plaudern. Sie sind von unserem schlichte Gottesdienst tief beeindruckt, auch mir selbst war es ein Erleben. An der Kirchtüre bringe ich noch ein Schild an, das den kath. Gottesdienst für nächsten Sonntag ankündigt, dann bin ich wieder Gast bei einer Flüchtlingsfamilie, die in der Scheune Quartier bezogen haben, da die Amerikaner das Haus belegten. Die Sonne sinkt schon, als ich den Heimweg antrat, in mir ist es so ruhig und mein Herz ist so froh, daß ich leise zu singen anfange: Nun naht wie eine Wiege die Nacht so schön und groß, daß sich die Erde schmiege in ihren warmen Schoß. Es ist lange nicht mehr vorgekommen, daß ich so gesungen habe, das kann ich

 

 

nur, wenn es so in mir ist wie jetzt, wenn alle Unruhe gewichen und eine stille, frohe Zuversicht in mir waltet. Und dann Liebster, ist auch die Sehnsucht nach Dir am größten in mir, weil ich weiß, daß Du mich so nötig hast und ich Dir dann am meisten sein kann. Ach, ich wünschte, Du könntest wenigstens einen Blick tun in mein Inneres und die stille Freude, die darin lebt, ginge ein Wenig auch in Dich ein.

Samstag, den 12. Mai.

Seit einigen Tagen habe ich ein neues Amt übernommen, das mir bei den Kindern den Namen Kuhweib eingebracht hat. Ich bringen jeden Morgen wenn ich Stube und Diele gefegt habe und der Kaffeetisch fertig ist mit Frau W. die Kühe auf die Weide. Das ist garkeine leichte Beschäftigung, denn meist wollen die Kühe anders wie wir. Mit einem dicken Stock bewaffnet traben wir hinter ihnen her und müssen sie wieder auf den rechten Weg bringen, wenn ihnen das Weizenfeld zu verlockend war. Es ist ein gutes Stück aus dem Dorf heraus und wir haben immer unsere liebe Not bis wir unser Vieh in der Weide haben. Der Rückweg ist aber ein richtiger Morgenspaziergang, um seinetwegen habe ich das Amt gern übernommen. Frau W. erzählt dann oft von früheren Tagen und wie schwer es ihr wird mit ihren 4 Kindern unter dem Dach ihres Vetters wie Bettler behandelt zu werden. Ihr Mann ist 8 km von hier entfernt noch in

Gefangenschaft gekommen, ihr Ältester Sohn, erst 18 Jahre schon gegen die Russen eingesetzt, ihr Heim, Hab und Gut wird in Belsen wohl ein Opfer der Rache der dort internierten Juden geworden sein. Sie arbeitet den ganzen Tag auf dem Hof wie eine Magd, keiner würde die Frau des Hauptmanns in ihr erkennen und dabei muß sie noch jede Scheibe Brot, die sie im Haus ihrer Verwandten ihren Kindern gibt, als Almosen annehmen. Aber sie läßt den Kopf nicht hängen und ich versuche ihr in allen schwierigen Situationen beizustehen. Dem Bauer ist unser gutes Einvernehmen ein Dorn im Auge, er hat aber inzwischen eingesehen, daß er bei mir für seinen grenzenlosen Egoismus kein Verständnis findet. Täglich kommen Polen und Russen auf den Hof, denen er aus Angst Eier, Speck und Milch anbietet, aber für Kinder der Verwandte und die Flüchtlinge ist nichts übrig, erst recht nicht für deutsche Soldaten. Ein solches Verhalten kann ich nicht stillschweigend mit ansehen, sondern mache aus meinem Mißfallen garkeinen Hehl. - Gestern und heute haben wir mit Hochdruck Kartoffeln gepflanzt und sortiert, denn täglich werden sie von Lastwagen für die Großstädte abgeholt. Gestern waren 2 Wagen aus Holzminden da, das wäre eine gute Gelegenheit gewesen, die halbe Strecke nach Hause zurückzulegen. Denn nun drängt es mich doch mit aller

 

 

Gewalt wieder in die Heimat und zu den Lieben. Solange die Rückkehr unmöglich war, habe ich mich damit abgefunden, aber nun, da ganze Ströme von Menschen aus dem Westen nach Hause ziehen, fällt es mir doch schwer, länger zu verweilen. Ich weiß freilich nicht, was mich daheim erwartet, was Unterkunft und Verpflegung angeht, stehe ich mich gewiß hier am besten; aber bei mir war es immer so, daß das Allgemeinbefinden stärker vom Seelischen getragen ist als vom Körperlichen und darum muß ihm auch die größte Sorge gelten. Und ich spüre, daß für mich das Entbehren all der Funktionen geistig-religiösen Lebens auf die Dauer unerträglich ist, ohne dabei Schaden zu erleiden. Ich luge fast dauernd darauf, wie ich im Laufe des Tages mal ein paar Minuten ergattern kann, um zu mir selbst zu kommen. Aber das ist nur so selten möglich, auch abends wird's jetzt so spät und dann ist die Müdigkeit meist so groß, daß ich mich mit nur einigen Gedanken begnügen muß. Und dabei kann die Arbeit, die ich hier tue, von jedem anderen auch getan werden. Wenn ich noch irgendeinen einen besonderen Dienst damit tun könnte, geschähe es aus diesem Beweggrund heraus sicher recht gern. Wenn ich nur die Arbeit mit den Kindern weiter aufrecht erhalten könnte, ich glaube dafür würde ich alle persönlichen Entbehrungen freudig ertragen können, aber das ist unter den jetzigen Zuständen hier auf dem Hof unmöglich und würde mir als Faulheit

und Drückebergerei ausgelegt. Sieh' mein lieber August, so gehen meine Erwägungen hin und her und lassen meinen Entschluß immer mehr reifen, irgendeine Möglichkeit zur Heimfahrt zu suchen. Der stillste und ausschlaggebendste Grund dabei ist noch der, daß ich zu Hause vielleicht schon etwas tun kann im Hinblick auf unser künftiges gemeinsames Leben und so die Zeit des Wartens auf Deine Rückkehr für uns beide auch in den äußeren Dingen fruchtbar werde. Ich werde also auf der Hut sein, ob sich nicht eine Fahrgelegenheit bietet.

Was das ein Hochgenuß heute, endlich mal wieder baden zu können. Heute mittag habe ich mir die große Wanne voll Wasser gemacht und als wir heute abend müde, verstaubt und verschwitzt vom Feld heimkamen gings im Schweinehaus gleich hinein. Das war ein Ereignis, die Kinder mußten vor der Tür Wache stehen, um unliebsamen Besuch zu vermeiden. Die Bauern können sich garnicht vorstellen, daß das Baden für mich so etwas Schönes ist, aber nachdem ich heute den Anfang gemacht habe werde ich jedesmal, wenn ich mit auf dem Feld war, darauf bestehen. Frau W. und Wilfried folgen meinem Beispiel. Nach dem Abendessen saßen wir noch eine Weile still auf der Bank vor dem Haus, jeder in seine Gedanken versunken; jeder hat den liebsten Menschen weit weg in irgend einer ungewissen Ferne und die Stille des Abends ist der weihe-

 

 

volle Raum, in dem die Sehnsucht ihre Melodie schöner und eindringlicher erklingen und ertragen lassen kann als in der Geschäftigkeit des Tages. Über uns wölbt sich der Sternenhimmel in wunderbarer Klarheit, sein Anblick gibt mir immer wieder die trostvolle Gewißheit: so wie sich trotz aller Ferne und Trennung der gleiche Himmel über uns beiden breitet, so stehen wir auch beide unter der gütigen Hand des einen Vaters, ohne dessen Willen nichts geschieht. - So neigt sich wieder eine Woche in dem großen Reigen der Wochen, Monde und Jahre, ach, daß sie doch alle so seien, daß sie vor Gott bestehen können.

Sonntag, den 13. Mai. Mein lieber August! Mein Herz ist so voll Jubel und Freude über das Erleben des heutigen Tages, daß ich nun am Abend noch garkeine Worte finde, um Dir davon zu erzählen. Aber es läßt mir keine Ruhe bis ich Dir wenigstens etwas davon aufgeschrieben habe in dieses Buch, das mir in meinem Alleinsein ein so guter Freund geworden ist. Meist kann es ja nur stichwortartig geschehen, weil es mir an Zeit mangelt, aber sie werden mir gewiß später einmal helfen, wenn ich Dir von dieser Zeit erzähle, nicht mehr im geschriebenen Wort sondern von Mund zu Mund, von Herz zu Herzen. Die Erlebnisse werden dann vielleicht gegenüber dem, was Du in der Zeit erlebt hast, verblassen, aber ich trage sie dennoch zu Dir hin, denn sie gehören Dir ja, weil ich Dir gehöre und auch in dieser Zeit ganz bewußt

als die Deine gelebt habe.

Es war ein Sonnen-Sonntag heute, so schön und gut, wie man ihn sich garnicht besser wünschen kann. Schon als ich in der Frühe wach wurde, schien mir der Tag heller als sonst und der Blick in die Blütenpracht vor meinem Fenster war mir die erste Freude des Tages. Neben der sonntäglichen Stunde vor dem Herrn sind es noch viele kleine äußere Dinge, die den Tag aus dem Gleichmaß der übrigen Tage hervorheben: das Sonntagskleid, die reine Wäsche, die andere Decke auf dem Tisch und die frischen Blumen in der Vase, selbst der tägliche Gang zur Weide hatte heute etwas Besonderes an sich; trotz der Frühe der Stunde war es schon so warm, daß ich bei dem schnellen Gang das Blut im Kopf kreisen hören konnte. Der Heimweg, auf dem ich nicht mehr auf die 12 querköpfigen Vierbeiner vor mir achthaben brauchte, war dann ein rechter Morgenspaziergang. Wenn Du bei mir gewesen wärest, wärst Du gewiß immer wieder stehen geblieben um zu schauen. Nun ist sie wirklich ganz grün die Heide, wie das Lied von ihr singt, in allen Schattierungen erfreut es das Auge, das weit über die Ebene hinweg streift und so manchen Anlaß zum Verweilen findet: die Birken am Weg, das Dunkel des Waldes im Kontrast zu dem zarten Grün der Wiesen, das Bächlein, das sich wie ein silbernes Band dadurchschlängelt, die Schafherde, in eine leichte Staubwolke gehüllt,

 

 

da sie mit dem alten Schäfer über die Koppel ziehen, um ihre spärliche Nahrung zu suchen. So traulich schallt das Mäh-mäh zu mir herüber. Ach, ich könnte stundenlang so über die Heide gehen und meinen Gedanken nachhängen. Aber auf dem Hof wartet das Sonntagessen auf mich, die Arbeit in der Küche ist mir kein hartes Muß mehr, wenn die Kinder, die sonst so wenig essen einen Teller nachverlangen, weil es Tante Margas Suppe ist, ist mir das alle Mühe schon wert. Nach Mittag, nachdem auch das Spülen bewältigt ist, mache ich mich gleich auf den Weg nach Lüder, wo wir wieder das seltene Glück haben, eine hl. Messe zu feiern. Auf dem Weg dorthin, der über das freie Feld geht, habe ich gute Gelegenheit mich dafür zu bereiten, in der Kirche habe ich keine Möglichkeit mehr dazu, da warten so viele Pflichten auf mich, daß das Persönliche zurücktreten muß. Während ich den Altar für die Feier des Opfers fertig mache, dem Bild der Madonna wieder den würdigen Platz gebe und die Liedertexte verteile, hört der Pfarrer, der ganz erschöpft von der weiten Fahrt in der Mittagshitze hier ankam, die Beichte von vielen. Da das noch eine geraume Zeit in Anspruch nimmt, beginne ich damit, die Meßgesänge aus dem Kirchenlied einzuüben. Der schöne Erfolg mit den Kindern hat mich ermutigt es auch mit den Großen zu versuchen. Bald füllt es von der Vielfalt junger und alter Stimmen getragen

das kleine Gotteshaus: Gott in der Höh' sei Preis und Ehr'. Es kostet mich einige Überwindung, vor die weit über 100 zählende Gemeinde hinzutreten, nur die Einsicht daß es not tut, läßt mich aus der sonst der Frau in der Kirche gebotenen Passivität heraustreten. Wie schön wäre es, wenn Du dieses Tun übernehmen könntest, ich weiß doch wieviel Freude es Dir immer gemacht hat. Dann feiern wir betend und singend das hl. Opfer, der Herr tritt wieder in die Mitte seiner kleinen Schar, die aus allen Gauen unseres Vaterlandes hier zusammengefügt wurde, geeint von einer Liebe, einer Not und einem Leid. Der Priester spricht so gute Worte zu uns über die letzten Ereignisse, er spricht als Priester und als Deutscher. Dem Haß, den wir in so furchtbarem Ausmaß erlebten mußten, stellt er die Liebe entgegen als die einzige Macht, die fähig ist die Wunden zu heilen die der Haß geschlagen hat. Aber die meisten Herzen sind hart geworden, ihnen ist im Sturm der Ereignisse die Kraft zu jener Liebe verlorengegangen, eisig weht einen die Bitterkeit aus ihnen an. „Herr, bilde unser Herz nach deinem Herzen!” Nur Ihm kann es gelingen aus dem Chaos der Seelen, das erschütternder ist als das Chaos unserer zerstörten Städte und Dörfer, wieder ein Neues werden zu lassen; daß wieder ein Menschentum werde, daß dem Sinn seines Daseins, der Verherrlichung des Schöpfers entspricht. - Nach dem hl. Opfer nimmt eine Mutter den Will-

 

 

kommengruß der Kirche entgegen. Mit welch herrlich-schönen Worten empfängt die Kirche die Frau, deren Leib Werdestätte eines neuen Menschenlebens geworden ist und dankt mit ihr dem Herrn für dieses Geschenk, das in der Taufe ein neues Glied am Leibe Christi geworden ist. Die ganze Gemeinde nimmt an diesem tiefsinnvollen Tun, das so recht die mütterliche Sorge der Kirche um all ihre Kinder offenbart, teil. Schöner kann die Würde der Mutterschaft nicht gepriesen werden als es hier geschieht und es ist gut, daß das früher so oft mißverstandene Wort von der „Aussegnung” heute nicht mehr gebraucht wird. Das Kind, „das nicht aus dem Verlangen des Fleisches .. sondern aus Gott geboren ist”, das seinen Ursprung der von Gott im Sakrament der Ehe geheiligten Liebe seiner Eltern verdankt, kann doch kein Makel für die Mutter sein, der einer „Aussegnung” bedarf, sondern höchste Erfüllung ihres Wesens mit all den ihr von Gott verliehenen Fähigkeiten.

Am Kaffeetisch in der Scheune, im Flüchtlingsquartier, bespreche ich mit dem Pfarrer noch mal alles Für und Wider meiner Heimfahrt. Er rät natürlich davon ab, schon um der Kinder willen, die dann ohne jede Betreuung sind. Ich sehe all seine Gründe ein und weiß, daß es mir sogar schwer werden wird, der mir so liebgewordenen Tätigkeit zu entsagen; und dennoch spüre ich, daß der Drang zu den Lieben daheim und dem Land,

das uns Heimat ist, stärker ist. Dort muß ich auf Dich warten, um dann mit Dir neu zu beginnen - ja, es wird in allen Dingen ein neuer Anfang sein!

Montag, den 14. Mai. Ich bin manchmal ganz traurig darüber, daß ich Dir garnichts von all dem erzählen kann, was ich täglich erlebe und was so durch meine Gedanken geht. Dieses Verlangen des Mitteilens an Dich ist wohl noch nie so stark in mir gewesen als jetzt. Da ich noch schreiben konnte, war es viel leichter, ich fühlte mich oft richtig entlastet, wenn ich alles in meinem Brief an Dich hineingelegt hatte. Ja, selbst die schönen, frohen, guten Erlebnisse können eine Belastung werden wenn ich Dich nicht daran teilnehmen lassen kann. (Du wirst das vielleicht nicht verstehen können, weil solches Empfinden nur einer Frau möglich ist) Und das, was ich in dieses Buch schreiben kann, ist ja nur ein Bruchteil von dem, was ich Dir sagen möchte, Liebster; meist kann ich nur von den Geschehnissen plaudern, die die Tage so bringen, die Gedanken und das Herz kommen dabei garnicht zu ihrem Recht und doch sind sie es gerade, die mich immer wieder zum Schreiben drängen. Manchmal frage ich mich, ob es überhaupt Recht ist, die kleinen Erlebnisse meiner Tage hier so aufzuzeichnen, wo andere Größtes und Schwerstes erleben müssen, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Ist es nicht eine Übersteigerung der Persönlichkeitswerte,

 

 

ja eine Verhätschelung des eigenen Ich? Ich muß diese Fragen so stehen lassen, weil ich noch nicht mit ihnen fertig bin.

Schließlich kommt es in jedem Falle auf den Beweggrund unseres Handels an. Gibt es aber einen höheren und edleren als den der Liebe? Und ich meine, wir können doch unser Leben garnicht ernst genug nehmen, bis in seine Einzelheiten hinein, da der Herrgott selbst es so ernst nimmt, daß Er die Entscheidung um unser ewiges Sein davon abhängig macht. So wünsche ich mir, einmal all diese kargen Worte, in denen doch ein Stück meines Lebens durchschimmert, in Deine guten Hände legen zu können und in Dein Herz.

Heute hatte Heti, die jüngste Tochter der Fl. Familie aus Hagen, von der ich manches Geheimnis der Kochkunst erlernt habe, Geburtstag. Das war ein Anlaß wieder ein wenig Freude zu bringen. Schon früh habe ich mich im Dort auf Blumensuche gegeben, ein dicker Strauß herrlich duftender Maiglöckchen und einen ganzen Busch weißer Flieder habe ich als Beute mit heimgebracht. Gegen ein paar Zigaretten gab mir mein alter Freund, der Klasen-Schulz ein Glas Kirschen, das neben ein paar Kleinigkeiten auf dem Tisch aufgestellt wurde. Die drei Kleinen prangten im Sonntagsstaat und sahen mit ihren Maiglöckchensträußen so niedlich aus. Als das Geburtstagskind erschien, ließen wir es erst einmal hoch leben, ehe es die Glückwünsche jedes

Einzelnen entgegennahm. Unten bei den Bauern herrschte lebhaftes Erstaunen über die Festlichkeit auf dem Bön, sie kennen solches Fest-feiern nicht, außer den prunkvollen Hochzeiten und Kindtaufen verläuft ihr Leben in den gleichmäßigen Bahnen des Alltags, von denen sich selbst die Hochfesttage des Kirchenjahres nicht wesentlich unterscheiden, d. h. nur in noch besserem Essen. Wir können doch froh sein, durch unsere Erziehung in Familie und Jugendgemeinschaft die Schönheit und Bedeutung wirklicher Festgestaltung gelernt zu haben.

Alle verfügbaren Kräfte sind nun täglich dabei, die Kartoffel aus den Mieten zu holen, damit sie in anderen Gegenden noch als Saatgut verwendet werden können. Es ist eine mühsame Arbeit, denn sie sind meist schon so stark gekeimt und festgewachsen, daß sich die Strohdecke garnicht lösen läßt. Wenn man dann stundenlang an der Sortiermaschine gestanden hat, dröhnt einem ihr polterndes Geräusch noch lange in den Ohren. Müde und hungrig fahren wir mittags auf hochbeladenen Wagen heim, froh über das getane Werk. Gleich nach dem Essen fahren die anderen wieder aufs Feld. Ich beeile mich mächtig mit dem Geschirr von 25 Personen, um dann nach Lüder zu kommen, wo meine Kinder mich schon erwarten. Bei dem Betrieb auf dem Hof, der mich mächtig einspannt, komme ich garnicht dazu, mich auf die Stunden vorzubereiten und auf

 

 

dem stillen Weg vergesse ich es über all den anderen Gedanken auch noch nur zu oft. Aber wenn mir die Kleinen an der Friedhofsmauer entgegenspringen und jedes mir zuerst die Hand reichen möchte, dann wird so Vieles in mir wach, was ich ihnen künden wollte, daß ich nicht weiß wo ich beginnen soll. Ach August, es ist doch etwas Schönes um dieses Tun mit den Kindern, immer neue Seiten meines Frauseins tun sich dabei auf und die Sehnsucht, solch eine kleine Menschenblume sein eigen nennen zu dürfen, wird ganz groß dabei. Aber wir werden noch warten müssen und manchmal überfällt mich bei diesem Warten eine Furcht, als ob die Erfüllung unserer Sehnsucht in unerreichbare Ferne gerückt sei.

- Nach dem Unterricht habe ich noch ein paar Familien in Langenbrügge besucht. Sie erzählen von ihren Erlebnissen, wie sich die Kriegsgeschehnisse bei ihnen ausgewirkt haben. In einer bescheidenen Wohnstube nehme ich mir drei kleine Buben vor, denen ich voriges Mal das Kreuzzeichen und den ersten Teil des Vaterunsers beigebracht habe. Voll Stolz beten sie es heute schon ganz. Ich freue mich, daß die Mutten meinen Anfang so fein fortgeführt hat, oft bedarf es nur der Anregung, und die tut den Menschen hier in der Diaspora so not. Als letztes muß ich den kleinen Christian noch bewundern, dessen Mutter ich mit einer wunderschönen erbettelten Kindergarnitur erfreuen kann. - Die Sonne steht schon tief im Westen und sendet ihre letzten Strahlen über die Heide.

Tief dankbar nehme ich die schönen Bilder in mich auf, die sich mir ringsum bieten. Auf der mit dichten Wachholderbüschen bewachsenen Anhöhe, die wie eine Sandbank auf dem Heidemeer emporragt, verweile ich noch ein Wenig, um Dir in diesen Worten vom Erleben dieses Tages zu erzählen. Das Buch auf den Knien sitze ich in dem warmen Heidesand, der die Strahlen der Sonne des Tages eingefangen hat. Zu meiner Rechten wiegen sich leise die Zweige des Ginsterstrauches mit ihrer goldenen Pracht im Abendwind. Wenn Du nun bei mir wärest, Liebster ... ach nein, ich will die Gedanken nicht weiterdenken und die Sehnsucht tief im Herzen verschließen, denn ich fühle mich heute nicht stark genug, um mich ihr hingeben zu können. Der alte Schäfer zieht langsam mit seiner Herde heim, die Schwalben segeln durch das Blau der Luft, nur am Horizont ballen sich die ersten Wolkenknäuel zusammen. Wohlig ist es, so im warmen Sand zu liegen, die müden Glieder von sich gestreckt. Aber immer, wenn ich mich solcher Dinge erfreuen möchte ist gleich der nächste Gedanke: und wie mag es Dir in dieser Stunde ergehen? Dann kommt es mir wie ein Unrecht vor, überhaupt irgend eine Freude in mir hochkommen zu lassen, und doch ist mein Herz so hungrig auf ein Wenig Freude, es sehnt sich wieder nach dem innerlichen Frohsein, das mir früher selbstverständlicher Besitz war.

 

 

Freitag, den 18. Mai. Die Tage gehen dahin wie im Fluge und jeder ist so reich an Erlebnissen, daß ich manche Stunde der Nacht nötig hätte, wollte ich ihnen alle Erwähnung schenken. Die Arbeit auf dem Feld, der Weg zur Weide am Morgen u. Abend geben den Gedanken Gelegenheit in dem Erlebten zu verweilen. Heute hatte ich Hausarrest, denn beim Kartoffelpflanzen habe ich mir den Fuß verknackst. Ich hatte gehofft heute auch ein paar Stunden für mich herauszuschlagen, aber beim Kochen u. Waschen gab es so viel zu tun. Auch mein Dolmetscher-Spielen wird immer häufiger. Wenn irgendeiner im Dorf mit den Amerikanern nicht fertig wird, der Bürgermeister sich nicht verständigen kann oder die Bauern über die fortwährende Bedrohung durch die Russen Beschwerde führen wollen, werde ich geholt. Das ist oft ein recht unliebsames, aufregendes Geschäft, aber manchmal läßt sich dadurch auch allerlei Unheil abwenden. Als die Polin, die 4 Jahre auf dem Hof gearbeitet hat, eines Abends mit 2 Amis auf dem Hof erschien und sich mit deren Hilfe für das ihr in dieser Zeit angetane Unrecht rächen wollte, sah die Lage sehr bedrohlich aus, zumal die Oma durch ihr unvernünftiges Reden ihren Zorn nur noch mehr schürte. Da kostete es viel Mühe die Leute zu beschwichtigen, die sich mit dem Gewehrkolben Zugang zum Schlafzimmer der Bäuerin verschaffen wollten. Hart ging das Wortgefecht hin und her, erst als der Bauer sich bereit erklärte die geforderte Sühne-

gaben herauszugeben (1 Oberbett, Koffer, Kleid und Strümpfe) gaben sie sich langsam zufrieden. Als die deutschen Flüchtlinge kein Hemd mehr hatten, blieben die Wäscheschränke gut verschlossen, man glaubte mit dem Ältesten noch ein Almosen zu geben. Nun kommt der Feind und nimmt gewaltsam das Beste. Aber keiner ist da, der hinter das Geschehen zu sehen vermag u. den Wink versteht, der darin verborgen liegt. „Ach, wenn ihr es doch erkänntet an diesem Tag was euch zum Frieden dient!”

Wir rüsten zum Pfingstfest. Wie fein haben wir uns in früheren Jahren in der Gemeinschaft der Jugend auf das Kommen des Gottes Geistes vorbereitet, diesmal mußte es im Alleinsein in der stillen Abgeschlossenheit meines Lebens hier geschehen. „Komm o Geist der Heiligkeit, .. komm der Armen Vater du..” Noch nie ist es mir so zum Bewußtsein gekommen, daß wir wirklich arm sind und des Vaters bedürfen, des Trösters, der uns aufrichtet in unserer Not. Die Erfahrung der eigenen Begrenzung und Unzulänglichkeit läßt das Flehen erst aus den eigentlichen Tiefen emporsteigen. Wenn ich daran denke, daß ich das hohe Fest so ganz einsam, ohne die Gemeinschaft mit der Kirche begehen muß - Fahrgelegenheit nach Uelzen gibt es nicht und mein Fuß verbietet mir den weiten Weg - könnte ich ganz traurig werden. Möge der Geist des Herrn, der „weht wo Er will” den Weg in die Einsamkeit Deines und meines Herzens nicht verschmähen.

 

 

Recklinghausen, am Abend des 2. Pfingsttages.

Mein lieber August! Wer hätte geglaubt, daß das Pfingstfest einen solchen Verlauf für mich nehmen würde, denk' Dir, ich bin auf dem Wege nach Hause. Die Ereignisse, die dazu führten, überstürzten sich derart, daß ich es selbst noch garnicht verstehen kann, daß es wirklich wahr ist. Komm August, setze Dich her zu mir und ich will Dir erzählen wie alles gekommen ist: Am Samstag hatte ich in aller Frühe mein Stübchen für das Pfingstfest gerüstet und wir schickten uns an aufs Feld zu gehen. Da kam die Nachricht, in Bodenteich würde das Russenlager geräumt und die von den Russen gestohlenen Fahrräder könnten wieder in Empfang genommen werden. Da machten wir uns gleich auf den Weg, erfreut über den unerwarteten Morgenspaziergang. Herrlich leuchtete das Grün der Birken im Sonnenglanz, die Lerchen trillern über den Feldern ihr Lied, weit geht der Blick über die Wiesen und die Weite der Heideflächen, in der Ferne sieht man die roten Dächer von Lüder. Wie lieb und vertraut ist mir in der langen Zeit meines Hierseins dieser Weg nach Bodenteich geworden, den ich zum ersten Mal mit Dir zurückgelegt habe als wir auf dem Bierwagen saßen, glücklich das Ziel der mühsamen Fahrt erreicht zu haben.

Den Zweck meines Weges nach Bodenteich, das Zurückholen der Räder, haben wir nicht erreicht, aber es mußte wohl so sein, daß ich den Weg machte. Auf dem zerstörten Bahnhof sah ich einen langen

Güterzug stehen, zum ersten Mal seit dem Unglück. Die Bauern luden Kartoffel in die Waggons. Auf meine Frage, wo der Transport hingehe, antwortete mir der Bahnhofsvorsteher: „nach Herne in Westf.” Als ich das hörte, schlug mir doch das Herz höher, das wäre ja die beste Gelegenheit nach Hause zu kommen. Ich informierte mich noch mal genau und bald war der Entschluß gefaßt, daß ich mitfahren wollte. Die Abfahrt war für 2 h angesetzt, also blieben mir noch 3 Stunden. Der Rückweg nach Reinstorf war der reinste Eilmarsch. Auf dem Hof wollte man mir zunächst mein Vorhaben garnicht glauben, Frau Meier kamen die Tränen, als sie merkte, daß es wirklich mein Ernst war. Das Packen war schnell geschehen, da wir die letzte Zeit ja ohnehin aus dem Koffer gelebt hatten. Ein Glück, das ich gestern schon die Kartons im Garten ausgegraben u. neu verpackt habe, das wäre mir ja so schnell garnicht möglich gewesen. Die Flüchtlinge auf dem Bön bereiteten mir ein richtiges Abschiedsmahl, ich spüre wie schwer es ihnen wird mich fahren zu lassen, während für sie noch garkeine Aussicht auf Heimkehr besteht. Die gleichen Sorgen, das gemeinsame Leben in der Fremde und die gegenseitige Hilfe hat eine herzliche Verbundenheit zwischen uns geschaffen. Auch Familie Meyer macht keinen Hehl daraus, daß sie mich ungern scheiden sehen. Ich bin ihnen doch zu großem Dank verpflichtet, daß sie mir die lange Zeit ein Heim geboten haben. Zwar hat ihr Verhalten gegenüber den Flüchtlingen und den Soldaten

 

 

mein Einvernehmen mit ihnen etwas gestört, aber darüber darf ich ja die Dankespflicht nicht vergessen. Jetzt, da es ans Abschiednehmen geht, spüre ich erst recht wie sehr ich auch den Dingen hier verbunden war. An der Tür meines Stübchens schaue ich mich noch einmal lange um, dankbar für die stillen, einsamen Stunden, die ich darin verlebt habe. Es sieht jetzt so kahl darin aus, nachdem ich die Bilder von den Wänden genommen habe und all meine Dinge verpackt sind, denn gerade sie geben dem Raum erst die persönliche Note. Nachdem ich all meine Habe auf dem kleinen Handwagen verstaut habe, sage ich noch schnell den Nachbarn Lebewohl. Elfriede und Elisabeth sind ganz traurig, Elisabeth sagt: „Meine liebe Mama (so hat sie mich meist genannt) komm bald wieder!” Erika und Gerhard umarmen mich stürmisch, die ganze Hausgemeinschaft ist an der Türe versammelt, viel gute Wünsche muß ich noch entgegennehmen, dann ziehe ich mit meinem kleinen Wagen los, Vater Groß, Anngard, Frau W. + W. geben mir noch das Geleit. Bald liegt Reinstorf hinter mir und damit ein halbes Jahr, das mir wie ein eigener Lebensabschnitt vorkommt. Am liebsten möchte ich immer wieder stehen bleiben und mir das Bild der Heide tief ins Herz senken, daß es unverlierbar darin bleibe. Als ich sie zum ersten Mal sah, mit Dir, da trug sie das braune Kleid des Herbstes, nun, da ich sie verlasse, hat sie das schönste Frühlingskleid angelegt. Der kleine Wagen holpert bald über das Pflaster der Straße

bald schlurft er durch den weichen Heidesand. Wo die Schneise durch den Wald abgeht verabschieden sich die beiden Frauen, wir haben alle den einen großen Wunsch füreinander, daß unsere Männer heimkehren mögen, damit wir ein neues Leben miteinander führen können. Jeder versucht der aufsteigenden Gefühle so gut wie möglich Herr zu werden, aber die Tränen lassen sich doch nicht ganz unterdrücken. Es geht noch durch den Marsch, die Wiesen, wo ich mir so manches Mal einen Strauß für mein Stübchen geholt habe. Der Wind spielt in den Blättern der Birken am Weg als wollten auch sie mir Lebewohl sagen. Am Güterzug haben sich schon eine Menge „blinder Passagiere” eingefunden, die alle die Fahrt in die Heimat antreten wollen. Mein Gepäck wird in einer Ecke des Waggons auf den Kartoffelsäcken verstaut, ich hole mir noch ein Bund Stroh zur besseren Sitz- und Schlafgelegenheit, dann könnte es los gehen: Aber bis zum Abend läßt sich noch keine Lokomotive sehen. Wir sitzen auf der Rampe im warmen Sonnenschein und Plaudern von daheim. Um ½ 7 geht endlich der langerwartete Pfiff der Lokomotive, schnell hat jeder sein Plätzchen auf den Kartoffeln gefunden, dann setzt sich langsam der Zug in Bewegung. Ich stehe an der offenen Wagentüre und lasse noch einmal die Bilder der Heide an mir vorüberziehen. Ernst und verhalten grüßt der Kirchturm von Bodenteich herüber als könne er noch nicht vergessen, daß er einmal Totenhaus gewesen ist. Die Heide zeigt

 

 

sich an diesem Abend, da ich sie zum letzten Mal schaue, in ihrer ganzen Schöne. Ja, die Zeit, die ich in ihr verlebt habe, war trotz allem schön. Die Leute auf der Straße und in den Bauernhäusern nahe an der Bahn schauen verwundert dem Zug nach, der sicher einer der ersten ist, die wieder verkehren. Auf den Feldern winken uns die Mädchen mit den weißen Kopftüchern freundlich zu. An den Bahnstationen, wo der Zug hin und wieder anhält, verkriechen wir uns ins Wageninnere und verhalten uns ganz still, damit wir von den wachhabenden Amerikanern nicht entdeckt werden. Es dunkelt schon, als der Zug in Giffhorn längeren Aufenthalt nimmt. Einige von unserer Reisegesellschaft schlafen schon, nur die 5 Flackhelferjungen, meist im Westerwald beheimatet, sind immer noch munter. Es ist ein Jammer, was die Erziehung in HJ und Wehrmacht in ihnen für Früchte gezeitigt hat. Sie führen Reden, die selbst den Soldaten zu toll sind. Welch ein Chaos von Menschenseelen tut sich dabei vor einem auf. Es wird einer starken, mit viel Liebe geführten Hand bedürfen um die schiefgeratenen jungen Stämmchen wieder gerade zu biegen damit daraus ein starker Baum werde, der allen Stürmen gewachsen ist. - Ich bin noch ganz in diese Gedanken verloren, als plötzlich an der Türöffnung ein Amerikaner erscheint, der ganz erstaunt ist außer den Kartoffelsäcken noch Menschen hier anzutreffen. Keiner wagt sich zu bewegen und der Ami gibt uns leise Verhaltungsmaßregeln: „Pst .. all slipe” Er meint

es offenbar gut mit uns, denn er sagt der Offizier dürfe uns nicht hören, sonst müßten wir heraus. Als es völlig dunkel geworden ist und der Zug sich wieder in Bewegung setzt, kommt er wieder und will wissen, seit wann wir mitfahren und wer uns das gestattet hat. Nachdem alle Verständigungsversuche der anderen nicht gelingen versuche ich auf Englisch mein Heil: „Oh, you speak english, give me your hand”. Er merkt meine Zurückhaltung und sagt er wolle nichts von mir, er freue sich nur sich ein wenig unterhalten zu können. Darauf erzählt er von Chikago, seiner Heimat, Familie + Beruf. Als er sich eine Zigarette anzündet merke ich erst, daß er ein Schwarzer ist. Er holt seine Brieftasche heraus und zeigt mir 4 Bilder von deutschen Mädchen, die er auf der Strecke aufsucht. Ist es nicht traurig, daß sich deutsche Mädchen zu so etwas hergeben? Wie tief ist doch unser Volk gesunken, daß Frauenehre so leichtfertig preisgegeben wird. Ich möchte mich in diesem Augenblick schämen selbst eine deutsche Frau zu sein. Ich sage dem Ami, daß ich müde bin, die Augen fallen mir zu. Sogleich ist er still, wirft mir ein Stück Schokolade herüber, wünscht gute Nacht und verschwindet. Ich drehe mich fest in meine Deck ein und überdenke noch einmal die bunten Erlebnisse dieses Tages. Wie oft habe ich mir so vorzustellen versucht, wenn Du von den Fahrten im Güterwagen erzählt hast, nun erlebe ich es selbst. Die Fahrt in der Nacht ist mir sehr lange geworden, nach kurzem Halbschlaf lag ich immer

 

 

wieder wach, da habe ich meinen Dank und meine Bitte im Rosenkranzgebet vor den Herrn getragen. Als es dämmerte, sahen wir, daß wir in Lehrte standen. So begann dann der Pfingsttag und obschon er äußerlich so armselig war in dem dumpfen Güterwagen auf den Kartoffeln, war er doch ein Festtag für mich. Immer wieder lenkte ich die Gedanken auf den Inhalt des Festes das Kommen des Hl. Geistes „Komm o Geist der Heiligkeit aus des Himmels Herrlichkeit sende deines Lichtes Strahl” Ach, möchte doch die gemeinsame Not die Menschen zu dem einmütigen Ruf um den Geist Gottes, den Heiligen Geist veranlassen. Nur Er, der die Liebe ist, vermag die Wunden zu heilen, die der Haß geschlagen hat. Er ist ja auch der Ursprung aller echten menschlichen Liebe - ich denke daran wie wir vor 2 Jahren an diesem Seinem Hochfest vor Ihm und allen Menschen unsere Liebe zueinander bekundeten. Was ist nur aus diesem Pfingsttag alles verwachsen, höchstes menschliches Glück und auch leidvolles Erleben: das volle Menschenleben. Mein lieber August, ob auch Du Dich in dieser Stunde der Stunde unseres Verlöbnisses in der Krypta erinnerst, die sich heute zum 2ten Male jährt? Möge uns auch heute ein inniges Gebet vereinen - heute wie da.

Furchtbare Bilder ziehen an uns vorüber, da der Zug sich dem Stadtgebiet von Hannover nähert, eine tote Stadt. Hier und da hausen noch Menschen in den Trümmern, auf ihren Gesichtern steht noch das Grauen der durchlittenen Nächte und auch der Hunger

hat schon seine Runen hineingegraben. Dieser Anblick dämpft ein wenig die Freude der Heimkehr; wie mag es erst sein, wenn ich die liebe Heimatstadt in solchen Wunden wiedersehe! Als der Zug wieder eine Strecke durch Felder und Wälder fährt, mildert die Schönheit der Landschaft wieder die Schwere der eben empfangenen Eindrücke. Je höher die Sonne steigt, umso schöner wird die Fahrt. Im Bückeburger Land kommen die Bauern in ihren schönen bunten Trachten von der Kirche zurück durch die Felder, ein Bild tiefsten Friedens, welch ein Kontrast zu dem eben noch geschauten. Hier und da begegnen uns auch auf dem Lande Spuren des Krieges, zerschossene Panzer und Fahrzeuge, zerstörte Brücken und Bahnanlagen, aber die Städte haben doch die Hauptlast des Krieges zu tragen gehabt. Wir fahren an der Porta Westfalica vorüber. Wieviel hohe und schwere Stunden deutscher Geschichte hat sie schon miterlebt, aber eine so traurige und erniedrigende wie die unserer Tage wohl noch nie. Unter den Mitreisenden wird die Lage der Dinge eifrig erörtert, die meisten urteilen aus Erbitterung heraus. Aus den Worten der Soldaten spricht die Trauer um die „sinnlos” gebrachten Opfer, die nutzlos verbrachten Lebensjahre. Wir könnten wirklich an der Sinnlosigkeit des Geschehens verzweifeln, wenn uns nicht der Glaube hielt, der uns oft entgegen aller Vernunft den ewigen Sinn vor Gott in allem Geschehen erkennen läßt. - Die fünf Flakhelfer singen Lieder, die man nicht mit anhören kann. Die Jungen haben zum Teil recht

 

 

gute Stimmen, schade, daß die natürliche guten Anlagen in ihnen nicht in die rechten Bahnen gelenkt wurde. Der Soldat, der mit seiner jungen Frau neben mir seinen Platz hat, fragt nur ganz einfach, ob sie nichts anderes zu singen wüßten. Bald singen alle zusammen die schönen alten Volkslider, die Heimatlieder vom Rhein, Westfalen, vom Berg. Land u.s.w. So etwas ist wohl nur unter Rheinländern möglich. Es tut so gut nach mancher trüben Erfahrung in der Fremde auf der Heimfahrt den Vorzügen der Menschen unserer Heimat zu begegnen. - In Herford stand unser Zug lange auf totem Gleis, wir hatten schon geglaubt vor morgen nicht weiterzukommen, aber dann ging es gegen 10 h mit neuer Lokomotive und neuer, wieder schwarzer Zugbewachung doch noch weiter. Mr. Jimmy hatte seinen Kameraden verständigt, daß er uns unbehelligt ließ. Dafür wurde aber der amerikan. Lok.-Führer während eines längeren Aufenthaltes in der Nacht umso unangenehmer. Zweimal hat er versucht mich aus dem Wagen herauszuholen, zuerst mit Versprechungen von Kaffee u. Schokolade, nachher in so dreister unmißverständlicher Weise, daß mir wirklich Angst und bange wurde. Ich war gerade etwas eingeschlafen, da suchte er mit seiner Lampe den ganzen Wagen nach mir ab. Das einzige Argument, da er gelten ließ, war, daß der kleine Junge neben mir, den ich in meiner Not als mein Kind angab, nicht allein bleiben konnte. Vielleicht hat das Kind ihn an sein eigenes Kind erinnert, denn er gab darauf

sofort seine Bemühungen auf mit dem Bemerken, daß ich meinen Mann sehr lieb haben müßte. Er sagte, ich solle das, was er vorher mit mir gesprochen habe, vergessen und suchte sich sogar zu rechtfertigen im Hinweis darauf, daß er seine Frau über 2 Jahre nicht gesehen habe und das Soldatenleben nicht leicht für ihn sei.

Wieder versuchte er mich umzustimmen, indem er auf mein schlechtes Lager auf den Kartoffeln zu sprechen kam, er wolle mir gern ein besseres in seinem Wagen anbieten. Als ich das wieder entschieden ablehnte, wünschte er eine gute Nacht, gab mir einen Riegel Schokolade und den beiden Soldaten vor mir ein paar Zigaretten und verschwand in der Dunkelheit. In einem innigen Gebet dankte ich für die überstandene Gefahr und schlief bis zum Morgen noch fest. Als ich wach wurde, regnete es draußen vom Himmel hoch, wir standen auf den zerstörten Bahngeleisen von Hamm, soweit man sehen konnte nur Trümmer, auf den Geleisanlagen ein Trichter neben dem anderen. Furchtbar war dann auf der Weiterfahrt der Anblick des zerstörten Ruhrgebietes, kaum einmal ein Baum, ein Stück Wiese, woran sich das Auge hätte erfreuen können. Am frühen Nachmittag erreichten wir Herne, den Zielort. Beim Transport von einem Bahnsteig zum anderen mußte ich einsehen, daß ich mit den 8 Gepäckstücken so nicht weiterkam und entschloß mich, erst einmal in Recklinghausen Station zu machen. Ich gab mein Gepäck, das wir nachher mit einem Handwagen holten, auf

 

 

und machte mich zu Fuß auf. Als ich vor der Türe von Tüpfers Wohnung stand und Tante Mienchens Stimme hörte, überkam mich die Freude, wieder bei Menschen zu sein, die zu mir gehören, mit solcher Gewalt, daß ich nur schwer der Tränen Herr werden konnte. Nun sitze ich zwischen ihnen auf dem Sofa und wir plaudern von all den Erlebnissen der letzten Zeit.

Samstag, den 26. Mai. Die Tage hier in Recklinghausen rinnen so schön dahin, sie sind der beste Übergang zwischen dem Leben in der Fremde und dem daheim. Morgens gehe ich mit Tante Mienchen in die kleine Kapelle zur hl. Messe, da weht einen so recht heimatliche Luft an, wenn man den Tag wieder so beginnen darf.

Meine Bemühungen, eine Fahrgelegenheit nach Hause zu bekommen, waren bisher alle erfolglos, heute bin ich sogar bis Datteln gefahren, um dort einen Unternehmer aufzusuchen, aber alles vergebens. Aber ich will Geduld haben, solange hat alles so gut geklappt, so wird es auch schon weitergehen.

Montag, den 28. Mai. Mein lieber August, nun bin ich wieder bei den Lieben daheim in dem kleinen Häuschen auf dem Ferrenberg, wo ich sie alle noch heil angetroffen habe. Nach all den furchtbaren Erlebnissen der letzten Monate ist die Familie wieder zusammen, nur Du fehlst nun noch, Liebster, und wo ich nun mit den Eltern und den Schwestern wieder zusammen bin, wird mir das Warten auf Dein Kommen nicht ganz so schwer

werden als in der Fremde. - Nun will ich Dir erzählen, wie es kam, daß ich so schnell den Rest der Heimreise zurückgelegt habe. Durch entfernte Verwandte wurde mir eine Firma angegeben, die in Düsseldorf mit einem LKW Persil abholen wollte. Schon früh um 6 h schiebe ich mit meinem Gepäck durch die Stadt. Nach Überwindung mancher Schwierigkeiten, Motorschäden u. Benzinmangel ging gegen Mittag endlich die Reise los. Unterwegs stieg noch ein Soldat mit ein, der als einer der ersten aus einem Gefangenenlager entlassen worden war. Wieder geht die Fahrt durch zerstörte Städte und Dörfer, und wo die Brücken und Wege nicht von Fliegern zerstört wurden, ist es durch Sprengungen geschehen. Die Sonne scheint so gut vom blauen Himmel, daß es uns tüchtig warm wird unter der Wagenplane. Am Ruhrübergang und an verschiedenen Straßenkreuzungen ist Paßkontrolle, da muß ich mich etwas zurückhalten, denn ich besitze ja weder Paß noch Passierschein. Bald ist das Stadtgebiet von Düsseldorf erreicht, furchtbar sind hier die Verwüstungen. Die Henkelwerke, vollkommen unbeschädigt, sind der reinste Hafen der Lastwagen, leere fahren ein und beladene hinaus. Der Portier ist ständig von Reisenden umlagert, die mitfahren wollen. Und fast jeder findet hier eine Möglichkeit fortzukommen. Ein Wagen, der an die Sieg fährt will mich ein Stück mitnehmen, aber derweil ich mein Butterbrot esse ist er schon fort. Ich bin zuerst etwas traurig darüber, aber der freundliche Pförtner verspricht mir dafür

 

 

zu sorgen, daß ich fortkomme. Nach ein paar Minuten ruft er mir freudig zu: Was wollen sie denn noch mehr, hier ist ja ein Wagen direkt aus Berg. Gladbach. Ich hätte am liebsten einen Luftsprung vor Freude gemacht, aber als der Wagen von der Laderampe zurückkommt, ist er so hoch mit Säcken beladen, daß ich nicht weiß, wo ich mit meinem Gepäck noch Platz finden soll. Der Fahrer antwortet auf meine Frage lachend: „Oben drauf”. Ich klettere über Kotflügel, Kühler, Fahrerhaus hinauf und verstaue mit seiner Hilfe so gut wie möglich mein Gepäck zwischen den Säcken, und finde auch hoch oben ein Plätzchen, wo ich einigermaßen fest sitze. Dann läuft auch schon der Motor an und die Fahrt beginnt. Der Fahrer meidet nach Möglichkeit die Schlag- u. Bombenlöcher und so geht es besser als ich erwartet habe. Nur in den Kurven gerät das Ganze ein wenig ins Wanken. Oft muß ich den Kopf ducken, weil mein Hochsitz mit den Zweigen der Bäume in Konflikt gerät. Die Linden blühen so schön und erfüllen die ganze Luft mit ihrem Wohlgeruch. Über Langenfeld, Opladen kommen wir bald ins Berg. Land. Ja, das ist die Landschaft, wo ich mich zutiefst daheim fühle. Herrlich wogen die Felder, das Vieh weidet in den Wiesen, die bewaldeten Höhen steigen immer mehr an, hie und da steht mal ein bergisches Haus, schwarzweißes Fachwerk mit grünen Türen u. Fensterläden. Kurz hinter Opladen tut sich ein Blick in die Ebene auf und da

schaue ich ihn wieder in der Ferne: den Dom. Ich hätte es hinaus jubeln mögen mit dem Lied der Lerchen über den Feldern: Herrgott, ich danke Dir, daß ich heimkehren darf. Solange die Berge den Blick freigeben muß ich hinüberschauen zum Dom, er steht noch da wie immer, seine Wunden kann man aus der Ferne nicht sehn. Und weil er noch da ist, kann auch Köln noch nicht ganz tot sein und muß es für uns Kölner noch eine Heimkehr geben. Wie furchtbar war es uns, als wir bei unserer Flucht im Oktober den Dom in der Ferne kleiner und kleiner werden sahen nun darf ich ihm wieder entgegenfahren. Wir fahren die gleiche Straße, die ich nach unserem unvergeßlich-schönen Sommer-Sonntag mit dem Rad zurückgefahren bin und es wird wieder in mir wach, was mich damals erfüllte. Ach August, wieviel reiche, glückliche Stunden sind uns aus unserer Liebe schon erwachsen; ich kann garnicht glauben, daß das nun schon vorbei sein soll, sicher hat das Leben noch mehr solcher Stunden für uns bereit.

Bald haben wir die Odentalerstraße erreicht, auf der wir so manches Mal frohen Herzens nach Altenberg gezogen sind. Hoffentlich hat der Dom im Walde die Schrecken des Krieges gut überstanden. Die alte Kirche in Paffrath steht wie eine Festung, sie hat die Stürme überdauert. Am Anfang von Gladbach hat der Wagen sein Ziel erreicht, ich lade mein Gepäck auf eine kleinen Handwagen und ziehe damit dem Ferrenberg entgegen. Kurz ehe ich dort bin

 

 

überqueren zwei Menschen die Hauptstraße, von weitem schon erkenne ich sie an Gang und Gebärde. Auf mein Rufen wendet Vater sich um, Mutter aber geht weiter: „das gilt uns nicht.” Als ich wieder rufe bleibt Vater stehen: „Vater” rufe ich ihm zu. Dann ist Mutter aber die Erste, sie weiß garnicht, wie sie ihrer Freude Ausdruck verleihen soll. Gemeinsam geht es dann den Berg hinan, und in dem kleinen Haus ist große Freude über die Heimkehrerin. Die Zwillinge und Elisabeth kommen nacheinander heim und jedesmal werde ich mit großem Freudenruf empfangen. Ach August, es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wieder daheim zu sein, nach der langen Zeit in der Fremde wieder unter Menschen zu sein, zu denen man gehört, die einem in Liebe zugetan sind. Nur Finni fehlt noch, sie ist gerade für einen Tag in Köln. Ich habe vorerst ihr kleines Dachstübchen bezogen, das sie so nett hergerichtet hat. Nun fehlst Du nur noch, Liebster, dann mag das Leben sonst noch so schwer sein, es muß dann ein gutes werden.

Das Wiedersehen mit Finni war mir heute, Dienstag, das schönste Ereignis des Tages. Sie sah meinen Mantel an der Garderobe: „Ist Marga da?” Und da flog sie mir auch schon entgegen: „Mensch, gut daß du da bist!” dabei rannen ihr die Tränen über die Backen. Die folgenden Stunden reichten zum Erzählen nicht aus, bis in die Nacht hinein saßen wir beieinander und hatten uns trotz der langen Trennung schnell wieder gefunden.

Wie haben die Ereignisse doch an allen geformt. Finni ist eine ganz andere geworden, reif, besonnen, dazu hat sie eine Sicherheit des Auftretens bekommen, die mich erstaunen macht. - Mutter ist in ihrer unverwüstlichen frohen Lebensart zu bewundern. Sie hat es mit Vater, der wohl am meisten unter allem gelitten hat - ich habe mich entsetzt als ich ihn sah - bestimmt nicht leicht. Aber in gemeinsamem Bemühen werden wir ihn bestimmt wieder hoch bringen. Er ist noch so interessenlos an allem, seine Energie scheint ziemlich gebrochen zu sein; ob er nochmal so weit kommt, daß er den vollen Lebensunterhalt der Familie erarbeiten kann? Ich glaube es kaum. Bei der Erwägung dessen, was ich nun beginnen solle, drängt er sehr darauf, daß ich meine Arbeit beim Bauring wieder aufnehme. Ach, daß ich doch all diese Fragen mit Dir besprechen könnte, denn sie gehen uns doch gemeinsam an.

Am Fronleichnamsfest. Wie hatte ich mich darauf gefreut, dieses Fest daheim in der Gemeinschaft mit der Kirche zu feiern, aber ich war wie eine Fremde in all dem mich sonst so erhebenden Tun der Kirche. Hat mich das lange Alleinsein in der Diaspora all der Dinge entwöhnt, daß ich innerlich nicht die rechte Beziehung zu ihnen finden kann? Ich hätte lieber ein Klagelied angestimmt, anstatt das Te Deum mitzusingen. So oft ich mir auch vorzustellen versuchte, was wir dem Herrn alles zu danken haben, gerade jetzt, da wir die furchtbaren Geschehnisse des Krieges so gut überstanden haben und von der

 

 

ständigen Bedrohung durch die Flieger erlöst sind, die Hochstimmung, in der die Menschen um mich beteten und sangen, konnte in mir nicht aufkommen. Mein Herz ist zutiefst verwundet von den Geschehnissen des Krieges und all dem Furchtbaren, das Tag für Tag mehr offenbar wird. Welch grauenhafte Schuld haben die Menschen auf sich geladen, wie tief ist unser Vaterland gesunken, daß solche Dinge möglich waren. Doch gerade in seiner Verirrung, in der tiefen Erniedrigung, in der es nun steht, spüren wir erst recht wie sehr wir es lieben, wie uns sein Wohl und Wehe am Herzen liegt. Dazu kommt das Wissen um das harte Los der Männer, die jahrelang in treuer Pflichterfüllung dem Vaterland gedient haben und nun die Schmach des verlorenen Krieges unter Verlust ihrer persönlichen Freiheit am härtesten spüren. Zu all diesen Belastungen kommt dann die Sorge um Dein Geschick, Du mein lieber August, die doch nicht fortzuleugnen ist, wenn ich auch keine direkte Unruhe um Dich habe. Und wenn diese Dinge das Herz erfüllen, dann ist es doch nicht verwunderlich, daß es zu dem, was Ausdruck der Freude sein soll, Fahnen, Kerzen, Blumen, festliche Menschen und feierliche Musik keine rechte Beziehung finden kann. Trotzdem blieb es nicht ohne Einfluß auf mich, denn als ich am Schluß der Prozession noch eine Weile in der Kirche kniete, dem Nachklang der Orgel lauschte und all das Erlebte verklingen ließ, fühlte ich mich seltsam still getröstet und eine leise Freude nahm Besitz von mir.

Montag, den 4. Juni. Die Tage fließen so recht schön dahin, viel Arbeit gibt es daheim, aber auch davon gilt es: Es ist so schön zu sorgen für Menschen, die man liebt .. Besonders tief beeindruckt mich jedesmal das Wiedersehen mit den Menschen aus der Gemeinschaft; die kleine tapfere Anneliese mit ihrem Michael, ganz das Ebenbild des Vaters; Maria Schroellenbach mit ihrer Marlene, die bald schon ihr zweites Kindchen erwartet. Die kleine Mechthild hat während der Fronleichnamsprozession leise zu Franziska gesagt: da ist ja auch Tante Marga. Es tut doch gut zu spüren, daß sich die andern über meine Heimkehr freuen. Als Agnes am Samstag kam, fiel sie mir vor Freude um den Hals.

Dienstag, den 5. Juni. Fest des hl. Bonifatius. Wenn Winfried noch lebte, hätten wir heute zum ersten Mal seinen Namenstag gefeiert aber auch so, da der Herr ihn zu sich heimgeholt hat, soll er uns ein besonderer Tag sein, er soll in unserer Familie ein Festtag bleiben an dem wir dem Herrn unseren Dank sagen, für die Gnade der hl. Taufe, die Er unserem Kind hat zuteil werden lassen. Unter diesem Gesichtspunkt habe ich heute die hl. Messe gefeiert und es drängte mich dabei mit der Seele unseres Winfried wieder jene stille Zwiesprache zu halten, die mir die Zeit, da er unter meinem Herzen weilte, so kostbar gemacht hat. Sein kleiner Leib war lebendiges Zeugnis unserer Liebe, möge seine Seele, die nun vor Gott steht, uns die Gnade erflehen, daß wir einander immer tiefer und inniger lieben,

 

 

daß uns aus unserer Liebe die Kraft erwachse, die Zeit der Trennung recht zu bestehen und aus ihr ein neues, gemeinsames Leben zu bauen. Manchmal möchte mich eine Angst befallen, daß Deine Liebe zu mir unter dem Druck der Erlebnisse, die Dich jetzt sicher stark bedrängen, erkalten könne. Dann rufe ich mir immer wieder Begebenheiten unserer gemeinsamen Tage ins Gedächtnis zurück, die mir Deine Liebe versichern. Wie können nur solche Zweifel in mir aufkommen? Ich möchte sie wie Versuchungen abtun und sie bewirken schließlich die eine große flehentliche Bitte an den Herrn, daß Er mir nur dies heilige Gut erhalten möge in allen Stürmen der Zeit, Deine Liebe, mein August. - Heute bin ich zum ersten Mal tiefer ins Berg. Land hineingekommen. Mit Vater fuhr ich über Spitze auf Bechen zu, wo uns eine gute Bauersfrau jede Woche 2 l Milch gibt. Diese Fahrt war mir eine solche Wonne, daß ich hätte aufjubeln mögen vor Glück. Ja, das ist doch die Landstraße, in der wir zutiefst daheim sind, die sanften Höhen mit dem frischen Grün ihrer Wälder, Wiesen und Felder in lebendigem Wechsel und mitten hineingebettet in den Atem der Natur, die Dörfer, deren Mittelpunkt das Haus der Herrn ist. Da ich das alles schaue, bemächtigt sich meiner die Freude des Daheimseins erst völlig, und läßt mich dafür tief dankbar sein. Die Sonne brennt, aber wir fahren unter dem schützenden Blätterdach der blühenden Linden und schauen das sonnendurchglühte Land.

Donnerstag, den 7. Juni. Heute bin ich erst richtig heimgekehrt, heim in unser liebes Köln, das uns trotz seiner Todeswunden Heimat geblieben ist. Was war es für ein überwältigendes Gefühl, als wir - nachdem wir uns der Entlausung unterzogen hatten - zum ersten Mal wieder am Rhein standen. Hoch wallte die Freude in mir auf, wieder daheim zu sein, aber als ich dem Gesicht der Heimat näher kam, ergriff mich ein Grauen wie der Krieg es zugerichtet hat. Die stolzen Rheinbrücken liegen in den Fluten, die sich unwillig über das ungewohnte Hindernis an ihren Wracks schäumend brechen. Von dem herrlichen Chor der Türme, die in vielfältigen Stimmen ihr Sursum corda zum Himmel sandten, ist nichts mehr übrig geblieben, einsam ragt der Dom aus dem Trümmerfeld, gleichsam als Träger der Anklage all des geschehenen Unrechts. Über die vom Fremden geschlagenen Brücke überschreiten wir, Vater und ich, den Rhein und stehen dann endlich wieder auf dem geheiligten Boden unserer Stadt. Wie ein Alp legt sich mir der Anblick der Trümmer auf die Seele, als wir durch die Straßen des Altstadt fahren. Unser erster Weg führt zum Dom, dem Herzen und geheimen Mittelpunkt unserer Vaterstadt. Wenn man all die Zerstörungen ringsum betrachtet, erscheint es fast wie ein Wunder, daß er noch so erhalten ist. Was bewegt nicht alles das Herz, als ich in der weihevollen Stille der Kapelle vor dem Herrn knie, es läßt sich nicht alles in Worte fassen, ich kann nur die Seele

 

 

mit allem, was sie bewegt und erfüllt vor den Herrn tragen. Das Wiedersehen mit dem Bild der Gottesmutter, ohne das der Dom eigentlich garnicht denkbar ist, der Mailänder Madonna, war mir eine ganz besondere Freude. Bruder Josaphat, der treue Hüter des Domes, führt uns durch die weiten, hohen Hallen, die auch noch in ihren Wunden Haus Gottes sind. Ach, daß es sich doch bald wieder füllen möge mit betenden Menschen zum Lobe des Herrn, denn der Mensch allein ist fähig das Lob der übrigen Schöpfung, auch der durch ihn gewordenen, vor den Herrn zu tragen. Obgleich noch eine Leere im Dom herrscht überkommt mich doch eine tiefe Geborgenheit in ihm. Was haben diese Pfeiler, diese zum Himmel strebenden Bögen nicht schon alles geschaut, das Geschick unserer Stadt und unseres Volkes ist in sie eingegangen und das Schicksal all der vielen Menschen darin, die es hier betend vor Gott gebracht haben. Auch alle Stationen meines Weges hat der Dom gesehen, ach, daß ich doch vor der ernsten Forderung seines Blickes bestehen könnte! - Als wir dann wieder durch die Trümmer der Stadt fahren, bin ich noch tief beeindruckt von dieser Stunde im Dom sodaß alles andere daneben verblaßt. Immer wieder müssen wir unser Fahrrad über Trichter und Trümmer hinwegtragen, mir ist als nähmen die Ruinen eine drohende Haltung ein, sodaß ich vor ihnen fliehen möchte. Bald sind wir an der Aachenerstr. angelangt, an der Stelle wo einmal das Haus stand, das uns Heim

bot, wo wir im Kreise unserer Lieben so viele gute Stunden zugebracht, wo wir beide, Du und ich, mein lieber August, den Tag unseres ersten Einswerdens erleben durften. Grauen erfaßte mich, als wir über die Trümmer hinunterstiegen, wie Todeshauch schlug mir die Kühle des Kellerraumes entgegen, in dem unsere Lieben am Rande des Todes standen und das Leben neu geschenkt erhielten. An dieser Stelle wird mir tief bewußt, wie sehr doch unser Leben einzig in Seine Hand gelegt ist, daß Sein Wille allein ihm die Grenzen setzt. - Mein größtes Verlangen geht jetzt dahin die Stätte zu finden, wo der kleinen Leib unseres Winfried der Auferstehung entgegenharrt. In einem verlassenen Garten inmitten der Trümmer blühen weiße Rosen in verschwenderischer Pracht. Still und kaum von Menschenaugen wahrgenommen führen sie ihr zwecklos sinnvolles Dasein, ein Spiel vor Gott. Manche hat im Überschwang des Sich-öffnens und Entfaltens ihre Blätter auf dem grünen Rasen verstreut; andere schließen demütig wieder ihre Kelche, nachdem sie das Höchstmaß ihrer Vollendung erreicht haben und sich willig dem Gesetz des Vergehens unterwerfen. Einen dicken Strauß kaum erblühter Knospen pflücke ich mir ab, um sie unserem Kind aufs Grab zu legen. Tief dringen dabei die Dornen in meine Hände, sodaß ein zartes Rosenblatt rot wird vom Blut. Glückhaft durchrieselt mich dieser Schmerz, so wie mich damals der große Schmerz tief beglückt hat, durch den Du zum Leben erwachtest, Winfried, unser Kind.

Wieder irren wir lange auf dem Friedhof umher, um Dein kleines Grab zu suchen und ich fühle mich in schmerzvollem Erinnern in jene Stunde versetzt, da ich mit Deinem Vater an jenem düsteren Oktober-Sonntag ein Gleiches tat. Auch diesmal scheint unser Bemühen vergebens zu sein, bis sich endlich der Gärtner meiner erbarmt und mich zu dem Feld hinbringt, wo zwischen anderen Kindergräbchen ein kleines Kreuz aufragt: Winfried Broil. Dort ruhst Du nun, unser Kindlein, dort ist Dein kleiner Leib, der das lebendige Zeugnis unserer Liebe war, wieder der Erde anheimgegeben und schlummert der Auferstehung entgegen. Ich sehe Dich vor mir, da ich an Deinem Grabe stehe, wie ich Dich erleben durfte in den 5 kurzen Tagen Deines Erdendaseins, und wieder durchfährt mich der Schmerz um Deinen frühen Heimgang. Aber Deine Seele steht vor Gott und dieser Gedanke gibt mir allen Trost, dessen ich bedarf. Nimm alle Trauer, die in mir ist; alle bange Ungewißheit um das Geschick Deines Vaters, all meine Wünsche für ihn, und alles Hoffen und Sehnen für unser künftiges Leben, nimm es in Deine unberührten, makellosen Hände und trage es vor den Herrn. Sei in allen Stürmen dieser Tage unser Mittler bei Ihm, daß die Liebe, der Du Dein Leben dankst, immer tiefer, reiner u. heiliger in uns erblühe und so die geheime Mitte werde, von der wir unser Leben gestalten zur Gloria Dei, bis wir einst mit Dir vereint ihr ganz und ungeteilt dienen im Ewigen Leben.

Froh und dankbar bin ich, dies kleine Fleckchen Erde wieder zu haben, wo der Leib unseres Kindes ruht und ich mich seiner Seele am nächsten fühle. Die weißen Rosen sind das erste Zeichen der Liebe, das ich ihm erweisen kann, seitdem man den kleinen, in meinen Händen erkalteten Leib der Erde anvertraut hat. Ach August, möge es uns doch vergönnt sein, bald einmal gemeinsam hier zu stehen. Manchmal kommt es mir vor, als ob ich noch lange auf Dich warten müßte. Mein Inneres ist noch so bewegt und erfüllt von der Wucht der Ereignisse, daß ihm noch die Stille fehlt, die es braucht um Dir das zu sein, was Du nötig hast und von mir erwarten darfst wenn Du nach der langen Zeit bitterer Trennung zu mir heimkommst. Vieles muß sich noch klären und sammeln, damit Du wirklich die Ruhe und Geborgenheit finden wirst, um ganz und für immer bei mir zu Hause sein zu können.

Der Leni machen wir auch einen Besuch, die mit ihren Eltern auf der Marienburg alles gut überstanden hat, dann will ich sehen, was aus unserem Heim in der Mainzerstr. geworden ist. Das Haus steht noch, aber innen tut sich mir ein Greuel der Verwüstung auf. Ich glaube, wenn durch Bomben alles restlos zerstört wäre würde es mir nicht so schwer, als hier zu sehen wie menschliche Verworfenheit und Mutwille ihr Vernichtungswerk getan haben. In der ganzen Wohnung findet sich nicht ein einziges Teil, das verschont geblieben wäre. Auch der Keller ist völlig ausgeplündert. Niemand

 

 

nimmt sich der verlassenen Wohnungen an, in denen böse Elemente ihr Unwesen trieben. Ganze Wohnungseinrichtungen sind gestohlen worden, nur hier und da ist eine Familie zurückgekehrt und überwacht ihr Eigentum. Lange halte ich es in diesem Chaos nicht aus, alles treibt mich von hier fort. Müde und überwältigt von den vielfältigen Eindrücken des Tages bin ich froh, daß mich am Abend wieder in Gladbach der stille Friede der Natur umgibt.

Samstag, den 9. Juni. Zum ersten Mal habe ich heute wieder die Komplet gesungen. In der feinen, schlichten Kapelle von Haus Lehrbach fand sich die Gemeinschaft zusammen, ich gebe mich ganz hinein in den Strom ihres Betens und Singens und fühle mich von ihm getragen. Dann gab es ein frohes Wiedersehen mit den Menschen, die uns in Stunden äußerster Not Freunde geworden sind. Auch Therese war herübergekommen und wußte von ihren Erlebnissen viel zu erzählen. Wir sitzen auf dem Rasen unter den hohen Bäumen des Parks, der Abendwind spielt in den duftigen bunten Kleidern der Mädchen, manch ernste Erwägung wird in dem Kreis laut, denn alle sind stiller und reifer geworden durch die Erlebnisse des Krieges. Aber bald gewinnt doch der jugendliche Optimismus die Oberhand und ein frohes Lachen hallt durch den Abend. „Die Röslein sind verglommen, verblüht am Bergeshang, die Nacht ist schon gekommen, uns aber ist nicht bang.” Was durchzieht nicht alles das Herz bei dieser Weise? Erinnerungen süß und wehmutsvoll

erfüllen das Herz. Still gehen wir den Weg durch das Tal dem Ferrenberg zu, er führt an dem lichten Birkenwäldchen vorbei, dahinter die Wiese liegt, wo wir unseren einzig schönen Sommer-Sonntag verlebt haben. Wie gerne weilen die Gedanken in diesen Erinnerungen, sie vermögen uns über die Schwere des Heute hinwegzuheben und lassen mich tief innerlich froh werden.

Sonntag, den 10. Juni. Heute habe ich zum ersten Mal wieder vor dem Bild der Madonna gestanden in dem herrlichen Dom, der unberührt von allem Kriegsgeschehen inmitten der Wälder und Berge des Berg. Landes liegt. Wie oft haben uns Freud und Leid dorthin geführt, zu Ihr, in deren Mutterhänden wir uns so wohl geborgen wissen. Oftmals haben wir gemeinsam vor Ihr gestanden an allen Stationen unseres gemeinsamen Weges; als es zart in uns zu glimmen begann, als wir das Wort zum gemeinsamen Leben uns gaben, als wir endlich zu völligem Einssein gelangt waren; zuletzt noch war ich alleine dort, als Winfried noch unter meinem Herzen schlummerte und ich hegte den Wunsch, unser Kindlein bald auf meinen Armen hier hintragen zu dürfen. Nun aber mußte ich wieder ganz alleine zu Ihr hintreten, und empfinde das Alleinsein gerade in dieser Stunde doppelt schmerzlich. Aber in meinen sehenden Gedanken nehme ich Dich mit hinein in mein Gebet und so sind wir denn trotz aller Trennung wieder vereint. Die Feier des hl. Opfers ist mir doch immer ein besonderes Erlebnis.

 

 

In schlichten, packenden Worten führt der Pfarrer seine Gemeinde in den Sinn der Liturgie ein. Man spürt es an der Einheit des Betens und Singens, daß es wirklich eine Pfarr-Familie ist, die sich um den Altar schart. Herrlich schweben die Klänge der Orgel durch den weiten, lichten Raum. Und wieder gebe ich all mein Danken, Loben und Bitten hinein in die Worte des Altenberger Gebetes, das ich in der Fremde der Diaspora so oft mit meinen Kindern vor dem Abbild der Berg. Madonna gebetet habe: Wallfahrer sind wir, kommen von fern zu Dir, kommen aus dem Land der Jugend, und kommen doch aus Mühsal, Sünde und Leid, wir suchen Dich Mutter, Dich, die Madonna von Altenberg. „Wir weihen Dir unser Herz und unseren heiligen Willen, nimm sie als Weihegeschenk an ..

Ach August, ich brauche Dir garnicht zu sagen, was dabei alles mein Herz durchzog, ich glaube Du ahnst es, auch ohne Worte. Wie so oft, haben wir auch diesmal vor dem Dom auf der Mauer unser Brot verzehrt, wobei manch frohe Wort hin und her ging. Finni u. ich verabschieden sich bald von den anderen und steigen den Berg hinauf nach Schickberg. Dort gibt's ein frohes Wiedersehen mit Maria, dem kleinen Josef, der ein strammer Junge geworden ist, und der alten Mutter Tillmann. Maria freut sich, mal wieder ihr Herz ausschütten zu können, sie hat keinen leichten Stand bei den Verwandten. - All unsere Sachen sind uns erhalten geblieben, dankbar umfängt mein Blick die ganze Habe,