1945 - Brieftagebuch Marga Broil 2 (16. Juni 1945 - 13. Januar 1946)

Mein lieber August!

Als ich das erste Buch begann, in das ich Dir täglich etwas von meinem Leben, meinem Denken und Tun erzählen wollte, hoffte ich im Stillen, daß ich das doch nicht lange nötig hätte, daß Du mir mit Deiner Rückkehr das Schreiben bald ersparen würdest. Das ist nun schon einige Monate her und ich muß doch noch ein zweites Buch beginnen, ob ich auch das noch zu Ende schreiben muß ehe Du kommst? Wir wissen es nicht, und es ist vielleicht gut, daß wir es nicht wissen; aber ich meine, es könne garnicht mehr so lange dauern, Du müßtest eines Tages wieder vor mir stehen und sagen: Warum hast du dir denn Sorge gemacht, Du weißt doch, daß ich wiederkomme, ich bin doch immer noch zurückgekommen! Und dabei geht ein so liebes Lächeln über Dein Gesicht, das das Wissen um die Fragwürdigkeit dessen, was Du sprichst, verbergen soll. Ach, möchte das doch bald Wirklichkeit werden! Aber der Herr allein weiß, zu welcher Zeit Er uns Seine Gaben gewährt, so auch die für uns köstlichste Gabe des Zusammenseins. Wir wollen unsn ihm bereiten und uns von Herzen darauf freuen. Diese Freude wird uns die Schwere des Wartens erleichtern und fruchtbar werden lassen.

Deine Marga.

Samstag, den 16. Juni 1945. Die erste Woche inmitten der Trümmern hat heute einen guten ausgleichenden Abschluß gefunden. In der Frühe des Morgens sind Vater, Hanni, Rosi, Echen und ich mit zwei kleinen Handwagen losgefahren, um ein Teil unserer Sachen auf Schickberg abzuholen. Es ist so schwer einen Transport für alles zu bekommen, so wollen wir wenigstens das Wichtigste holen. Ich bewundere Vater, daß er das so selbstverständlich mitgemacht hat, obschon man ihm anmerkte, daß ihm die 6 Stunden Weg sauer wurden. Es hat uns allen manchen Schweißtropfen gekostet, aber es war auch viel Freude und Lachen in unserer kleinen Karawane. Auf der Höhe über dem Scherfbachtal haben wir uns auf einer schattigen Bank ein wenig ausgeruht, da gesellte sich der alte Bauer des nahen Hofes zu uns. Es ist so schön, mit diesen Menschen zu plaudern, die die Freundlichkeit des Rheinländers mit der Kargheit u. Derbe des Bergischen Menschen in sich vereinen. Er muß trotz seiner 75 noch tüchtig mitschaffen bis der Sohn, der junge Bauer heimkehrt. Und das Land ringsum die Wälder und Felder im Sonnenglanz, im lieblichen Wechsel von Höhen und Tälern, es tut dem Herzen so wohl und bietet so manchen Anlaß zur Freude. Ach, August, wann mag es uns wieder vergönnt sein, dies alles gemeinsam zu schauen und zu erleben! Dann erst kann meine Freude voll und ungetrübt sein, wenn Du sie mit mir teilst. Wenn ich mich jetzt an

 

 

etwas erfreue, dann ist der zweite Gedanke: Wie mag es ihm ergehen, derweil ich so Schönes erleben darf? Dann drängt sich mir die bange Ungewißheit mit besonderer Gewalt auf und es verlangt mich danach, alle Beschwer von Dir fernhalten zu können und Dir alles Gute zuzuwenden. Ich muß mich dann immer in einem herzhaften Gebet von diesen Gedanken losreißen um nicht ganz traurig zu werden.

Sonntag, den 17. Juni. Es war ein guter Sonntag heute. Bei der Feier des hl. Opfers habe ich wieder die tiefe Verbindung zu Gott spüren dürfen, die mir lange versagt geblieben ist. Alles Mühen und Streben vermag sie uns nicht zu erringen, sie bleibt Gnade Geschenk. Und ich bin in meiner Liebe zu Dir so weit gegangen - war es nicht Vermessenheit? - den Herrn zu bitten, daß er mir lieber dies Geschenk versagen wolle, um es Dir nur umso mehr zuwenden zu können. Und ich bin versucht anzunehmen, daß meine Bitte Erhörung gefunden hat, denn es blieb mir lange Zeit jeder Trost gefühlsmäßigen Erlebens im Gebet versagt, ja ich sah mich in eine Kälte und Leere gestellt, daß sich mir manches Mal der Klageruf des Herrn entrang: Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen! - Und ich will auch solche Bitte nicht mehr tu, vielmehr all meine Liebe zu Dir einsetzen und bitten, daß sie Dir zugewendet werde; daß wir beide auf unserem Weg dem Herrn nahe kommen dürfen, um dann

gemeinsam nur umso mehr Seiner Ehre leben zu können.

- Das war ein richtiger Kinderbesuchstag heute in Gladbach. Zuerst kam Maria Schwellenbach mit ihrer Marlene, das zweite Kindlein unter dem Herzen. Sie soll ihr kleines, schönes Heim für die Engländer räumen, alle Beredungskunst half nichts; aber wir haben wenigstens das Eine erreicht, daß sie ihre Möbel herausholen kann. Von Hans hat sie auch noch keine Nachricht. Das Zweite war Anneliese mit ihrem Michael. Ein richtig wilder Bub ist es. Wenn ich ihn sehe, stelle ich mir vor, daß Winfried jetzt auch schon so groß wäre. Ja, wenn er noch bei mir wäre, liefe mein Leben in anderen Bahnen also so und zusammen könnten wir gewiß besser auf Dich warten. Bei diesen Gedanken muß das Ja zum Willen des Herrn, das wir einmal gesprochen haben, in seiner ganzen Wucht erneuert werden, der Anblick jedes kleinen Menschenkindes fordert es mir ab. Wie ich das denke, bemerke ich einen wehen Zug in Annelieses sonst so frohem Gesicht. Ja, sie hat noch ein schwereres Ja zu sagen als ich. Wir wollen jeder unser Kreuz aufnehmen, auf daß es uns hinführe zu Seiner Nachfolge.

Noch 2 andere junge Mütter kamen mit ihren Kinderchen, eine gab der anderen die Tür und ich muß bekennen, daß ich froh war, als die Besuche zu Ende waren. Die Wunde ist noch nicht verheilt.

 

 

Freitag, den 22. Juni. Die Tage in Köln lassen es nicht zu, daß ich täglich Dir in dieses Buch hinein etwas von meinem Tun und Denken erzähle, und doch gerade jetzt hätte ich es nötig, mehr mit Dir sprechen und überlegen zu können.

Das Leben in der zerstörten Stadt ist schwer, sowohl wegen seiner äußeren Entbehrungen wie auch der seelischen Belastungen, die es uns auferlegt. Man kann lange durch die Altstadt gehen ohne einem Menschen zu begegnen. Da komme ich mir so verloren vor inmitten der Trümmer, wie ausgeliefert an die Macht, die sie verschuldet hat. Aber wenn ich den mit Pappe zugeschlagenen Fensterrahmen schließe und die Tür in die Öffnung stelle, versuche ich wieder still zu werden in meiner kleinen Behausung, die mir darum so lieb ist, weil wir in ihr manch glücklich gesegnete Stunde miteinander verlebt haben und die selige Zeit, in der ich Winfried erwartete, sich dort abgewickelt hat. Meine Gedanken weilen in diesen Erinnerungen, wenn ich abends in den Schlafsack steige, während draußen die Kommunisten ihre Parolen über die Straße schreien.

Armes Deutschland, unser Vaterland, wie tief bist du gesunken, nachdem der Feind von außen dich bezwungen, streiten deine Söhne im Innern gegeneinander und dieser Kampf wird deinem Herzen tiefere Wunden schlagen als der erste. Aber der Herr hält auch dein Geschick in seiner Hand, Ihm sei es anheimgestellt.

Meine Tätigkeit besteht jetzt hauptsächlich darin, gestohlenes Gut wieder an den rechtmäßigen Besitzer zu bringen und den Heimkehrenden, die nichts mehr vorfinden, zu einer Unterkunft zu verhelfen. Der kleine Raum ist Büro-, Empfangsraum, Ess- u. Schlafzimmer, alles in einem. Herr Abels ist darin mittags u. abends mein ständiger Gast, da wir gemeinsame Malzeit halten. Ein Glück, daß die Schwestern uns noch zur Ausgabe des Essens angenommen haben, ich wüßte sonst nicht wie wir bestehen sollten. Die Leute haben schon wochenlang keine Kartoffeln mehr bekommen und für Brot steht man stundenlang Schlange. Wenn es auch nicht so gut schmeckt wie zu hause, ich werde jeden Tag satt und dafür muß man schon dankbar sein. Nebenbei beteilige ich mich an den allwöchentlichen Fahrten nach Badorf, wobei etwas Zusatzverpflegung für mich abfällt. - Es ist gut, daß Herr Abels zu den Mahlzeiten zu mir kommt, so bin ich nicht immer allein, das Essen wird mit mehr Ruhe eingenommen und die Gespräche, die wir dabei führen, greifen tiefer als die üblichen Unterhaltungen. Einmal bekannte er mir ganz offen seine Schwierigkeiten mit Religiösen und ich hoffe ihm dazu das rechte Wort gesagt zu haben. Wenn mir jemand solches Vertrauen schenkt, bedrückt es mich immer, daß ich es nicht erwidern kann. Das war von jeher schon ein Mangel in meiner Beziehung zu

 

 

den Menschen, daß ich nicht fähig war die eigenen Tiefen zu öffnen, selbst wenn andere sie mir ganz weit auftaten.

Nur eine Kraft war dazu fähig, meine Liebe zu Dir, und wie hat es uns beide beglückt, wenn wir ihr Wirken verspüren durften. Möge es doch bald wieder geschehen; wie lange wird dieses Hoffen und Sehnen noch dauern, ob es wirklich nur eine kleine Spanne Zeit ist?

Sonntag, den 24. Juni. Das Wochenende in Gladbach ist gut für mich, da kann ich alle Beschwer der woche hinter mir lassen und mich den Dingen im Haus zuwenden, die mir jetzt so viel Freude machen. Gestern haben wir die Vorbereitungen zu Vaters Namenstag getroffen, gekocht und gebacken. Wann darf ich wohl zum ersten Mal für Dich einen Festtag bereiten?

Die Stunde der Komplet gestern abend in dem stillen Haus inmitten der Bäume des alten Parks ist hier ein ganz eigenes Erleben. Als ich nachher durch die Anlagen heimwärts ging, in der die Natur kultiviert, aber nicht beherrscht und ihrer Ursprünglichkeit beraubt ist, kam jene Ruhe über mich, die ich lange entbehren mußte. An den Himbeersträuchern boten sich mir ein paar rote Beeren verlockend dar, und am Rande des Feldweges lachten mir rotbackige Äpfel entgegen. Durch das Birkenwäldchen oberhalb der Bonnschlade strich der Abendwind, der kleinen Wiese dahinter, die unseren einzig schönen Sommer-

sonntag gesehen hat, schicke ich immer einen besonders herzlichen Gruß herüber. Dies alles, das Schauen und Erleben der Natur und das Anklingen der Erinnerung, tat mir so wohl und schenkte mir eine tief innerliche Freude.

Vaters Namenstag heute war wieder ein so schöner Tag im Kreis der Familie, wie wir sie von jeher daheim zu feiern gewohnt sind. Agnes und Fam. Over waren dabei zu Gast und taten das Ihrige dazu, den Tag festlich zu gestalten.

Sonntag, den 1. Juli. Wieder liegt eine Woche hinter uns, voll Mühen und Arbeiten, aber hin- und wieder auch mit kleinen Freuden. An einem Abend war ich bei Richard und Cordula, die sich gemeinsam mit Elisabeth eine schöne Wohnung in Sülz eingerichtet haben. R. hat es wie so viele andere gemacht und sich einfach in eine Wohnung hereingesetzt; er sagt mir, daß die gleiche W. über ihnen noch zu haben sei, ich solle nur zugreifen. Aber - so verlockend es im ersten Moment sein mag - ich brächte das nicht fertig, der Gedanke, einem anderen Menschen das Heim genommen zu haben, würde mir jede Freude darin vergällen. Und denk Dir nur, ein paar Tage später hat sich auch für uns die Frage gelöst, so gut, wie wir es uns nur wünschen können. Im Haus Oberländerwall 30 wurden mir die gleichen Parterre-Räume zur Verfügung gestellt, die wir in der Mainzerstr. hatten, außer den Fenstern sind sie unbeschädigt.

 

 

Da will ich denn, sobald sie frei werden, beginnen, uns wieder ein neues Heim zu gründen, Dir ein Zu-Hause zu bereiten, in dem Du bei mir daheim sein kannst, wenn Du wiederkommst. Ach, wie schön wird das werden und wie dankbar müssen wir sein, eine solch günstige Möglichkeit gefunden zu haben. - Richard u. Cordula verbindet ein herzliches Zugetansein, Cordula scheint ihre Persönlichkeitswerte, die sie anfangs bedingungslos preisgab, wieder erlangt zu haben. Nur eins stört ihr Glück und Cordula brannte darauf mit mir davon zu sprechen, Richard verneinende Haltung gegenüber dem Kind. Sie hat Cordula in furchtbare Gewissensnähe gebracht. Es war mir schwer, etwas dazu sagen zu müssen, zumal mir der freie Ton fremd ist, der bei Gilliams herrscht, aber es schien mir so, daß das, was ich sagen konnte, auf guten Boden fiel. Echen ist in großer Sorge um ihren Franz, der auch im Westen eingesetzt war. Der kleine Bruno wird von allen Dreien erzogen und Richard macht dabei seine Sache als „Vater i. V” recht gut. Die Menschen leben ganz aus dem Impuls heraus, verstandesmäßige Erwägungen richten bei ihnen mehr Unheil an als sie nützen. Uns aber wäre es nicht erlaubt, ein solches Leben zu führen, weil auf Grund unserer persönlichen Veranlagung und Erkenntnis anderes von uns gefordert wird. Wir wollen hoffen und beten, daß jeder von uns der Forderung zu entsprechen vermag, die an ihn gestellt wird, und somit

Gloria Dei werde, Sein Reich in uns und auf dieser Erde. -

Heute habe ich endlich Hermann einen Besuch gemacht. Er liegt schon monatelang im Krankenhaus, seine Krankheit hat ihn hart an den Rand des Lebens geführt. Zu so langer Passivität verurteilt zu sein, war für ihn, der vor Aktivität glüht, sehr schwer. Aber ist nicht den Menschen unserer Zeit der Weg des Leidens, Duldens, der Ergebung und Hingabe als der Weg zu Gott gewiesen worden? Wir müssen es uns immer wieder vergegenwärtigen, manchmal wollen wir es nicht recht wahr haben, suchen nach äußeren Taten als der Bestätigung unserer Seinsberechtigung, die unsere menschliche Armseligkeit vielleicht übertünschen, nie aber aufheben können. Entscheidend ist doch allein, ob unser Leben mehr und mehr eine Hinwendung zu Gott ist. So gesehen, kann doch eine Zeit äußerer Untätigkeit, in der wir nur zum Leiden, Dulden und Warten verurteilt sind, fruchtbarer sein als manche Tat, die in der Vielschichtigkeit ihrer Beweggründe auch manche wertmindernde Möglichkeit in sich schließt. Hermann scheint sein langes Krankenlager wirklich eine Gnadenzeit gewesen zu sein.

Montag, den 2. Juli. Heute ist das Fest Mariä Heimsuchung, sein Geheimnis ruft zugleich so viele gute Gedanken wach an das Geheimnis der Menschwerdung überhaupt und daran, wie ich dies Geheimnis im vorigen Jahr tief erleben durfte, da Winfried unter meinem Herzen ruhte. Ach August, wie groß wird da die

 

 

Sehnsucht, dieses Glück, dem Leben in seinen Urgründen begegnenn zu dürfen, wieder zu erfahren. Möchte der Herrgott, wenn es Sein Wille ist, Dich mir doch bald wiederschenken, auf daß uns aus dem geheiligten Wirken unserer Liebe die Begegnung mit dem Wunder der Menschwerdung erwachse. Weißt Du noch, wie ich voriges Jahr an diesem Tag durch die fruchtschweren Felder und Gärten in Wittlich gewandert bin, selbst die schönste Frucht der Schöpfung in meinem Schoße tragend? Es war die Erstlingsfrucht unserer Liebe und der Herrgott hat sie ganz für Sich haben wollen, indem Er unser Kindlein so bald wieder zu Sich heimgeholt hat. Ihm sei's gegeben und geschenkt und ich versuche täglich neu mein Ja dazu zu sagen, trotz aller Bitterkeit. Ich muß ehrlich gestehen, daß ich an seinem Verlust hier härter trage als in der Fremde. Allzu oft haben meine Gedanken ihn in diese Umgebung hier hineingestellt, wo ich jetzt alleine bin, und das Unbefriedigende der Büroarbeit läßt nur umso stärker nach den Pflichten und Freuden des Frau- u. Mutterseins verlange. Täglich sehe ich die Zwillinge im Nachbarhaus, die 3 Wochen vor unserem Winfried geboren wurden. Ich kann mir garnicht vorstellen, daß er nun auch schon so weit sein könnte wie sie. Möge uns der Herr die Gnade schenken, auch dieses Heranwachsen des jungen Menschenkindes und all das Tun für sein Heil in der Familie einmal erleben zu können.

Samstag, den 7. Juli. Heute ist mein Geburtstag. Solche Tage sind mir immer Anlaß zu einer besonders innigen Hinwendung zu Gott und ich suche sie trotz aller Beschränkung der äußeren Möglichkeiten auch dem entsprechend zu gestalten. Gestern bin ich schon nach Gladbach herausgefahren, um heute in aller Frühe meinen Dank für das verflossene, so ereignisreiche Lebensjahr im hl. Opfer vor dem Herrn tragen zu können. Alles Glück und Leid, alles Versagen und Erliegen, sowie die kleinen, mit Seiner Gnade errungenen Siege habe ich auf Seinen Altar gelegt. Wie der Rückblick auf das hinter uns Liegende so beschäftigt uns auch der Ausblick auf das Künftige an solchem Tag, und dabei sind die Gedanken wieder ganz Dir zugewandt, Liebster, denn davon, ob und wie Du zu mir heimkehren wirst, wird doch mein Leben maßgeblich beeinflußt werden. Komm, wir wollen es vertrauensvoll in Seine Hände legen, Er wird unserem Leben die Richtung geben, die uns zum Ziel führen wird. Daheim hat im Getriebe des Tages niemand an meinen Tag gedacht. Ob Du Dich wohl daran erinnert hast?

Es drängte mich heute zu einem besonderen Tun, so habe ich mich aufgemacht, nach Altenberg zu wandern. Allein kann man den Weg nicht wagen, wegen der Russen, die überall im Wald den Vorübergehenden auflauern, so habe ich Elisabeth mit mir genommen. Das Berg. Land hat uns auf diesem Weg wieder

 

 

seine ganze Schönheit schauen lassen, und es war mir eine besondere Freude, daß Elisabeth mit offenen Augen und empfindsamem Herzen durch die schöne Gotteswelt ging. Immer wieder machte sie mich auf etwas aufmerksam; wie das Sonnenlicht auf den Höhen lag, die mosaikartige Zusammenführung der Felder, Wiesen und Waldflächen, aber auch manch kleiner Blume schenkte sie ihre Bewunderung. Immer wieder blieben wir am Wegrand stehen um eine Handvoll reifer Himbeeren zu pflücken. Wenn Echen eine besonders schöne gefunden hatte, schob sie sie mir in den Mund. Daheim im Zusammensein mit den Zwillingen, denen sie sich gleichberechtigt glaubt, ist sie meist widerspenstig und schnell mit einem harten Wort dabei, wenn ich aber mit ihr alleine bin, ist sie ganz anders. Ihre unbeholfenen Versuche, mir ihre Zuneigung zu äußern, sind manchmal köstlich. Dieses gute Miteinander des Wanderns löste wie von selbst manche Frage, die sie gewiß schon lange auf dem Herzen hatte. Hier und da sangen wir ein frohes Lied, wie es uns gerade in den Sinn kam und gingen auch schon mal eine ganze Strecke schweigend nebeneinander her. Die Straßenbiegung an der Dhünbrücke, wo man den ersten Blick auf den Dom und das Haus tun kann, läßt mich immer etwas verweilen. Die hellen Strahlen der Mittagssonne erfüllten die hohen Hallen, als wir in den stillen Dom traten, der auch in der ungelegensten Stunde nie ohne Beter ist.

Das Bild der Madonna ist wieder an seinem alten Platz erhöht worden. Lange verharrten wir in schweigendem Gebet, dann machten wir dem Pfarrer einen Besuch. Er ist ein wirklich guter Hirte, Güte strahlt sein ganzes Wesen aus. Ein frohes Leuchten liegt in seinem Blick, all seine Gebärden haben Zucht und Maß, wunderbar paart sich in ihnen die Würde des Alters mit der Wachheit des Geistes und der jungen Beschwingtheit des Herzens. Freundlich erwägt er mit mir alle Möglichkeiten, wie ich meine Sachen von Schickberg nach Gladbach bekommen kann. Aber als wir nachher in Schickberg ankommen ist die Frage schnell gelöst, der treue Sylvester will sie mir mit Pferd und Wagen herunterbringen. Es kann gleich Montag mittag geschehen, Maria knüpft allerdings die Bedingung daran, daß ich solange da bleibe. Am Abend bringe ich Echen mit dem Rad nach Odenthal zum Autobus. Auf dem Umleitungsweg, den der Verkehr wegen der gesprengten Brücke machen muß, ist der Lastwagen mit dem lachenden Paar, dem wir auf dem Hinweg begegneten, die Böschung heruntergestürzt. Wie unmittelbar sind doch Tod und Leben beieinander, es packt einen ordentlich, wenn man ihren Auswirkungen so nahe begegnet. Die Rückfahrt durch die stille abendliche Natur ist ein besonderes Erlebnis. Unterwegs hatte ich das schwere Gepäck einer Frau aufgeladen, die sich furchtbar damit abquälte. Dieser kleine Liebesdienst hat zu einer feinen

 

 

Stunde in Haus Altenberg geführt, denn als ich die Sachen dort abgeben wollte, stand Rektor Reiermann vor mir. Wir waren beide über dies unerwartete Wiedersehen erstaunt. In seinem notdürftig eingerichteten Giebelstübchen fand wir uns zu gutem Gespräch zusammen. All die feinen Dinge, die er mir in Hildesheim voll Freude gezeigt hatte, hat er zu guter Letzt noch alle verloren. Nach 4-jähriger Verbannung steht er wieder an der Stelle seines Wirkens und man spürt aus jedem Wort, wie sehr er diese Stelle liebt. Trotzdem wird er nur bei der Neueinrichtung des Hauses, das seiner alten Bestimmung wieder übergeben wird, mithelfen; die endgültige Leitung will er in jüngere Hände legen und sich selbst der Ausbildung des Lehrernachwuchses widmen. Die Dämmerung mahnt zum Aufbruch, so gehen wir in herzlicher Freude auseinander. - Maria freut sich, mich mal so lange da halten zu können, sie muß immer über alles sprechen, wenn ich da bin. Ich versuche sie so viel wie möglich zu entlasten, denn ihr tut eine ruhige Stunde mal not. Die Arbeit des Tages ist hart und wochenlang müssen sie wegen der Russen, die jede Nacht versuchen ins Haus einzudringen, Nachtwache halten. Das werde ich diese Nacht übernehmen, ich freue mich schon darauf.

Sonntag, den 8. Juli. War das eine herrliche Nacht, sie war mir ein Erlebnis, das tief in mich eingegangen ist.

Lauschend sitze ich am offenen Fenster und wie in der Stille die leisen Stimmen des Natur vernehmbar werden, das Käuzchen im Wald, das Zirpen in den Wiesen, das Atmen der Tiere im Stall, vergesse ich fast die Ursache meines Wachens, vor der Bosheit der Menschen auf der Hut zu sein. Ich fühle mich ganz hineingestellt in den Frieden der Nacht, wer vermag da Gedanken des Mißtrauens und der Furcht zu hegen? Hoch stehen die Sterne am Himmel, der Aufblick zu ihnen erfüllt mich immer mit vertrauender Zuversicht. Es ist ein erhebendes Bewußtsein, ganz allein wachend die Augen zum Himmel zu erheben, während ringsum alles schläft und mir kommt es immer vor, als ob in solcher Stunde unser Gebet leichter zum Herzen Gottes dringen könne. Irgendwo unter dem weiten Sternenzelt weilst auch Du, mein Liebster, die Nacht hat den Bogen der Ferne verkürzt und Dich mir in eine selige Nähe gerückt. Ist nicht der leise Nachtwind, der an meine Wange streicht, da ich mich aus dem Fenster beuge, wie ein zarter Hauch von Dir? Da packt mich die Sehnsucht mit Macht, ich lasse mich von ihr tragen und gieße all ihre Kraft hinein in ein inbrünstiges Beten für Dich. Dann wird es langsam stiller in mir, vor meiner Seele erstehen die Geheimnisse des freudenreichen Rosenkranzes, während die kleinen Perlen sanft durch meine Hände rinnen. Der Herr schenke Dir etwas von dem Frieden dieser Stunde und Dein Engel möge Dir die Kraft meiner

 

 

Liebe zutragen.

In aller Frühe bin ich mit Maria nach Altenberg gegangen. Da ich kein sonntägliches Kleid hatte, gab sie mir kurzerhand ihr dunkelblaues Jackenkleid mit weißer Bluse, und weil es mir wie angegossen paßte, schenkte sie es mir. Der Kirchweg durch den Wald ist etwas Herrliches. Die Natur bereitet das Gemüt so recht zur Teilhabe an dem heiligen Geschehen, das im Dom eine würdige Stätte hat. - Der Sonntag auf dem Hof hat so etwas Beruhigendes an sich. Gemeinsam bereiten wir das Essen und versorgen den kleinen Josef, der eine Person für sich allein beansprucht. Für solches Tun ist mir keine Stunde zu kostbar, während ich bei der Büroarbeit mit jeder Stunde geize. Während Maria Mittagsschlaf hält, fahre ich mit Josef hinaus ins Feld. Was ist mehr zu bewundern, die Natur um mich her oder das kleine Menschlein? Beides bewirkt das eine Bewußtsein in mir: Gott, bist du groß! An den Hecken warten überall die reifen roten Himbeeren, jemand mit ihrer Süße zu erfrischen. Da ich sie dem kleinen Buben in den Mund schiebe, denke ich daran wir gerne Du Dir von mir solche Früchte in den Mund stecken ließest; wie dabei Deine Lippen meine Finger berührten und diese Nähe mein ganzes Sein durchrieselte. Welche Fernen, welche Schranken haben nun die sehnenden Gedanken zu überbrücken, ach, daß uns doch bald das Glück der Nähe geschenkt werde.

Dienstag, den 10. Juli. Nun sind wir doch ein gutes Stück weitergekommen, all unsere Sachen sind in Berg. Gladbach und warten nun noch darauf nach Köln weitertransportiert zu werden Maria's Fuchs hatte seine liebe Mühe den hochbeladenen Wagen die Berge herunter- u. herauf zu ziehen.

Herrlich war die Fahrt im strahlenden Sonnenschein, ich thronte hoch oben auf dem Bock und kam mir wie ein König vor, noch eine solche Habe zu besitzen. Du hast sie im Winter für mich fortgeschafft und ich hole sie nun im Sommer für Dich - so hoffe ich - wieder zurück. Wie neu geschenkt habe ich beim Aufladen jedes Teil liebevoll in die Hand genommen. Möge es uns gelingen damit wieder ein Heim zu bauen. -

Köln bevölkert sich mit jedem Tag mehr. Jeden Tag trifft man neue Bekannte, die kurzen Worte, die man miteinander wechselt, verbergen Geschehnisse und Erlebnisse von ungeheurem Ausmaß. Jeder von uns hat in den Tagen dieses Krieges eine Geschichte erlebt, gegen die die erdachten Geschichten der Bücher verblassen. Herr Fieth ist mit seiner Frau aus Flensburg wieder zurück, Frau Kohlhas trägt schwer an der Ungewißheit um Franz; auch Frl. Bolten habe ich getroffen, die die Sorge um ihre Familienmitglieder von einer Stadt zur anderen getrieben hat. Eine große Freude war mir der Besuch von Franz Weyerstraß, der aus der Gefangenschaft entlassen wurde.

 

 

Donnerstag, den 12. Juli. Als ich heute morgen erfuhr, daß die beiden Zimmer im Hause Oberländerwall 30 frei wurden, konnte ich es kaum mehr abwarten bis ich mit Marias Hilfe den Umzug bewerkstelligen konnte. Nun habe ich mir zunächst den kleinen Raum eingerichtet, der später Schlafzimmer werden soll. Der kleine Schrank sieht mit den neuen Gardinchen recht freundlich aus. Auf dem Klavier, das vorläufig noch stehen bleibt, habe ich mir die wichtigsten Bücher aufgestellt. Die Chaise, mein Nachtlager, in der einen Ecke, der Tisch mit der blau-weißen Decke in der anderen, ein paar Sommerblumen in der Vase, es sieht schon recht behaglich aus.

Freitag, den 13. Juli. Nun ist heute der Tag meines Namens, ganz allein muß ich ihn begehen; voriges Jahr war Winfried noch bei mir, auch er ist von mir gegangen. An solchen Tagen droht das Alleinsein die Bitterkeit der Verlassenheit anzunehmen. Aber da stelle ich mir vor, wie Du mir sicher ein besonders herzliches Gedenken schenken wirst, wenn Datum und Tag Dir bewußt werden. Und Du möchtest mich an diesem Tag froh wissen, ja Liebster, so will ich versuchen der Traurigkeit Herr zu werden. Ich lege ein sonntägliches Kleid an, um den Tag auch nach außen hin aus dem Werktag hervorzuheben. Die Feier des hl. Opfers, die an solchen Tagen ein besonderer Dank für unsere Berufung und Erwählung in der Taufe sein soll, läßt ihn

erst recht zum Festtag werden. Dann mache ich einen Gang in das Bißchen Natur, das mir auch hier in den Trümmern nahe ist. Verwildert sind die sonst so schönen Beete des Hindenburgparks, es fehlt ihnen die pflegende Hand. Doch sie haben auch in dieser Verwahrlosung eine eigene Schönheit. Mit dem kleinen Messer schneide ich mir ein paar Rosenknospen ab, und wie ich damit beginne, möchte ich immer mehr haben: Freude sollen sie mir bringen. So pflücke ich mir selbst meinen Festtagsstrauß, ob es mir einmal vergönnt sein wird, ihn aus Deiner Hand zu empfangen? Ein einzig Mal hast Du mir einen Strauß geschenkt, am Anfang unseres Weges war es, im Winter. Blühende Blumen konnten es nicht sein, denn die Blume unserer Liebe war noch nicht erblüht; Fichtenzweige waren es, die in ihrem Grün die Kraft u. Treue der Bergwelt eingefangen hatten. Den ganzen Winter habe ich mich an ihnen erfreut und als es Frühling wurde und auch die Knospe unserer Liebe sich behutsam auftat, da fingen auch die herben Zweige zu blühen an. - Zum Tag unserer Hochzeit habe ich mir einen Strauß Kallen gewünscht. Schau sie Dir einmal genau an, wie die weiße Blütenschale sich um den gelben Stengel schmiegt und sich dann weit auftut, in sanfter Gebärde nach unten gebogen; nicht um zu halten, was sie füllt, sondern um auszugießen, zu verströmen. Ich meine, damals hätte eine geheime Beziehung bestanden

 

 

zwischen diesen Blumen und unserer Gemeinsamkeit. - Und wenn ich mir heute einen Strauß wählen dürfte, dann müßten es Rosen sein, rote oder weiße oder gelbe, Rosen in verschwenderischer Pracht. Sie würden jetzt zu mir passen, sag' auch zu Dir August.

So nehme ich mir denn die Röslein mit ins Heim; dort erblühen sie, in der kleinen braunen Vase neben Deinem Bild, an der Wand vor dem Kreuz und bei den Büchern, und still lasse ich den Blick von einem Sträußchen zum andern gehen. - Im Büro tue ich heute nicht viel, mein Feiertag rechtfertigt das. Frl. Feuser hat an meinen Tag gedacht, einen großen Strauß Margaretenblumen hat sie mir gebracht, die gehören einfach zu meinem Tag und so freue ich mich, sie auch in diesem Jahr nicht entbehren zu müssen.

Am Nachmittag fahre ich nach Gladbach heraus. Es verlangt mich danach heute mit Menschen zusammen zu sein, die mir nahe stehn, die mich lieb haben. Sieh' August, das ist auch ein ganz neuer Zug in meinem Wesen, den unsere Gemeinsamkeit bewirkt hat: das geheime Verlangen geliebt zu werden. Was in anderen Frauen die Natur grundgelegt hat, das Bedürfnis sich hinzuschenken an das geliebte Du, in liebender Sorge ihm zu dienen, das haben in mir erst die Geschehnisse des Lebens bewirkt. Und ist es nicht schon zur Regel geworden in meinem Leben, daß dann, wenn die Fähigkeit in mir erwacht ist und

danach ruft, sich auswirken zu können, ich auf ihren praktischen Vollzug verzichten muß? So war es mit den Kräften der Mütterlichkeit, die erst durch das Muttersein in mir geweckt wurden, und so ist es auch mit all den Kräften meiner Liebe zu Dir: kaum erwacht, wird ihnen schon das Glück versagt, in die ihnen in der Ordnung Gottes zugedachte Erscheinung zu treten.

Aber vielleicht ist es undankbar, wenn ich das sage, im geistig-seelischen Raum liegt doch noch ein so ungeheures Betätigungsfeld, dem sollte ich mich umso mehr zuwenden, als mir das Wirken im natürlichen Bereich versagt bleibt.

Und in Gladbach hat man mich nicht vergessen, der Tisch ist festlich gedeckt, die schönsten Blumen aus Mutters Garten sind zu meiner Freude da und jeder hat etwas gefunden, um mich damit zu erfreuen. Nach der langen Zeit des Alleinseins in der Fremde empfinde ich das Wohltun solcher Liebe doppelt stark und das Gemüt, das sich lange gegen die Traurigkeit gewehrt hat, ist machtlos dem Wirken der Liebe und Freude ausgeliefert. Ich flüchte mich in die kleine Mansarde und lasse der befreienden Flut der Tränen endlich wieder freien Lauf.

Frau Weiß hat mir ihre 3 Gratulanten geschickt, wie leuchten die Kinderaugen als sie mir die Sträußchen schenken und aus meinem Herzen steigt ein inniges Gebet, die Freude dieses Anblicks auch einmal an unseren eigenen Kindern erleben zu dürfen.

 

 

Sonntag, den 15. Juli. Den ganzen Tag haben wir gestern in Gladbach auf den Transport gewartet, der unsere Sachen nach Köln gebracht hat, am Abend hat es denn endlich geklappt. Am lieben würde ich jetzt gleich alles auspacken, aber da Schrank u. Kommode nicht mitgekommen sind, muß ich eins nach dem anderen tun. Mit jedem Teil feiere ich stilles Wiedersehen. Unser Verlobungskiste steht jetzt glücklich am zehnten Ort. Ob es uns hier vergönnt ist die Dinge in Gebrauch zu nehmen und uns daran zu erfreuen? Wir wollen es hoffen. - Am ersten Sonntag im neuen Heim schwelge ich so richtig in Besitzerfreuden und es ist mir erst garnicht recht, daß Maria + Franz mich darin stören. Draußen ist so schönes Wetter, da ist es wohl auch besser ihrer Einladung zu einem Spaziergang ins Grüne zu folgen. Maria will das Schöne mit dem Nützlichen verbinden und ihre Beziehungen zu den Schwestern in Raderthal spielen lassen. Seit Tagen ist bei uns Schmalhans Küchenmeister, wenig Brot, keine Kartoffel, kein Obst. Die Schnitten werden für jede Mahlzeit abgezählt, das ist bei der vielen Arbeit nicht erfreulich. Franz und ich sitzen draußen auf dem Rasen während Maria ihr Heil versucht. Es dauert lange, Franz sieht darin ein günstiges Zeichen. Endlich erscheint Maria an der Klosterpforte und winkt uns hereinzukommen. Aus dem weihevollen Raum schlägt uns Kühle entgegen, es ist so still in dem Haus als ob garkein Leben darin wäre. Vor dem Sprechgitter steht

ein kleiner Tisch und darauf Dinge, die wir bestimmt nicht verachten. Kaffee, reichlich Brot, Butter, und eine große Schüssel mit Birnen. Wir lassen uns nicht zweimal bitten und hören nicht eher auf, bis auch die letzte Schnitte verzehrt ist. Abschließend stellen wir alle drei fest, daß wir uns lange nicht mehr so satt gegessen haben. Außerdem gibt die gute Schwester uns noch allerhand mit, Kartoffel, Äpfel, Gemüse und Obst u. Brot. Wir fühlen uns so wie Kinder nach der Bescherung. Ich glaube die stillen Klosterhallen haben lange nicht solche frohes Lachen gehört als während dieser unserer Kaffeestunde. Auf dem Heimweg begegnet uns Hans H[..] wir laden ihn gleich zum Abendessen ein. Das war ein richtiger Festtagsschmaus, dieser erste Gästeempfang im neuen Heim.

Ein Essen mit 4 Gängen, es kommt uns wie ein Märchen vor. Von den Mirabellen, die ich zum Nachtisch gegeben habe (von Fieth's) blieben sogar noch einige übrig. Wir sitzen noch eine gute Weile plaudern beisammen, schauen unsere alten Fahrtenbilder und erzählen aus diesen Zeiten als ob sie schon ein Menschenalter hinter uns lägen. Die Erlebnisse, die dazwischen liegen, sind ja auch so reich, daß sie ein ganzes Menschenleben füllen könnten.

- Voriges Jahr an diesem Sonntag habe ich ja auch Gäste im Heim und wie sehnlich habe ich da schon gewünscht, bald meinen liebsten, wertesten Gast für immer bei mir zu haben. Ein ganzes Jahr ist seitdem verflossen und immer noch bin ich allein, die

 

 

quälende Ungewißheit ist heute größer noch als damals. Möge sie bald in Deiner Heimkehr ihre Erlösung finden. - Nachdem sich die Gäste verabschiedet haben, wird es wieder still in meinem kleinen Heim und ich bin mit Dir allein, Liebster, laß all meine sehnenden Gedanken zu Dir hingehen und hole mir zum ersten Mal nach langer Zeit wieder Deine Briefe hervor. Darin stehst Du ganz vor mir, ich spüre Deine Nähe, umfange Dein ganzes Wesen mit seinem Licht u. Dunkel, seiner mich bergenden Ruhe u. Kraft, und auch all seinen Kämpfen u. Gegensätzlichkeiten, und meiner Liebe; ja August, so wie ich Dich in meinem Herzen trage, so wie Du wirklich bist und lebst, sollst Du immer neu, immer tiefer und reiner geliebt sein.

Mittwoch, den 18. Juli. Es gibt Tage und Zeiten, da ich ganz gut mit der mir auferlegten Beschwer fertig zu werden glaube. Es herrscht wieder die still innerliche Freude in mir, die jeden Morgen im hl. Opfer neue Kraft empfängt. Ich wundere mich dann oft selbst darüber, wie ich trotz all meiner Sorge um Dich zu diesem Frohsinn fähig bin. Es ist mir jetzt schon öfter passiert, daß mir jemand sagte: Sie können wohl froh sein, ihren Mann wieder zu haben. Wenn ich dann erwiderte, daß ich noch keine Nachricht von Dir hätte, waren sie sehr erstaunt; man sähe mich immer nur mit frohem Gesicht und hätte dann einfach daraus gefolgert, daß Du wieder da sein müßtest.

Aber es ist nicht immer so. Ich habe auch Tage, da meine ich die Last ginge über meine Kraft, da muß ich wirklich mein Herz in beide Hände nehmen, damit die Traurigkeit nicht Gewalt über mich gewinnt. Und alle Dinge, die mir begegnen, scheinen sich mit der Traurigkeit verbündet zu haben. Von draußen, wo Mütter ihre Kinder spazieren führen, dringt Kinderlachen zu mir herein, das reißt die Wunde um Winfrieds Verlust wieder ganz weit in mir auf, ich muß mich wieder neu zu dem einmal gesprochenen Ja durchringen und bin dankbar, wenn die aufbegehrende Bitterkeit durch das erlösende Rinnen der Tränen hinweggespült wird.

Oder mein Blick fällt auf Menschen, die sich in Liebe zugetan sind. Dann flammt die Sehnsucht ganz groß in mir auf, daß auch uns das Erleben unseres Zusammenseins wieder geschenkt werden möge, daß ich alle Fragen, die mich beschäftigen, all die Gedanken, die der Ergänzung harren, zu Dir hintragen kann; daß ich die Geborgenheit Deiner Nähe wieder spüren darf, mein Haupt an Deine Schulter legen und glücklich stille sein, wenn Deine liebe Hand darüber fährt; daß wir das Leben wieder in seiner ganzen Fülle verkosten dürfen und das ganze Glück zu Zwei-in-Einem-Seins über uns komme. - Sieh' Lieber, auch das will ich Dir sagen und bekennen, denn Du sollst ganz wissen, wie es in mir aussah, während Du ferne warst. Vor Dir brauche ich ja nichts zu verbergen, Dein bin ich und so sollst Du mich auch

 

 

ganz besitzen. -

Ich habe jetzt zuweilen Schlafgäste bei mir. Wenn Hanni + Rosi nach Badorf fahren, bleiben sie meist über Nacht bei mir. Dann sorge ich immer, daß ich ihnen ein paar schöne Stunden mache. Als sie Montagabend hier waren, habe ich ihnen Rilkes Cornett vorgelesen. Über das Gespräch, das wir an jedes Kapitel anknüpften waren sie ganz glücklich und stellten abschließend fest, daß sie heute erst etwas von dem Werk verstanden hätten. So habe ich es am liebsten, wenn Menschen zu mir kommen, die ich gastlich empfangen kann, daß sie nicht nur ein Lager für die Nacht finden, Stärkung für den Leib, sondern daß aus dem Zusammensein für sie und für mich auch eine geistig-seelische Bereicherung erwachse, denn daran gebricht es uns allen doch viel mehr als an allem andern. Ich versuche dann auch das Gespräch über die viel besprochene Nähe und Anliegen des Alltags, die Sorgen und Nöte um Wohnung, Nahrung und Kleidung hinaufzuheben zum Wesentlichen, die Bedeutung unserer Zeit und ihr geheimer Wert, der uns verborgen bleibt, an den wir uns nur ahnend herantasten können.

Freitag, den 20. Juli. Ich bin wieder 2 Tage in Gladbach gewesen im Kreise der Lieben. Es tut mir so wohl, Mutter dann für mich sorgen zu lassen. Sie hat wieder viel Aufregungen gehabt, die Tochter des früheren Wohnungsinhabers, die sich wegen ihrer

NS-Tätigkeit bis jetzt bei Bauern versteckt gehalten hat, wollte die Möbel herausholen. Aber das Notwendigste ist den Eltern doch noch geblieben. - Mit Maria Schwellenbach war ich ein paar gute Stunden zusammen, sie baut mit solcher Zuversicht auf Hans' Heimkehr und sieht mit Freude ihrer großen Stunde entgegen. Auch bei Overs habe ich einen Besuch gemacht. Es fällt mir heute - trotz aller Herzlichkeit, die sie mir entgegenbringen, - schwerer denn je die Kluft zu überbrücken, die sich zwischen unserer Lebensführung und der Unseren auftut.

Samstag, den 21. Juli. So gern ich wieder einmal bei den Eltern war und bei den Freunden, am liebsten bin ich doch in meinem kleinen Reich, weil ich Dir dort am nächsten bin und die Gedanken ungestört zu Dir hingehen können. So drängte es mich einfach, heute wieder nach hier zurückzukommen. Lange schon hatte ich auf eine Gelegenheit gewartet, Samstagsabends wieder einmal bei der Komplet dabei sein zu können. Wir mußten über die Schutthalden und Trümmer von St. Georg steigen, um in die Krypta hinunterzusteigen, wo sich die Gemeinschaft zusammenfindet. Eigenartig berührt der starke, unversehrte Raum unter den Trümmern. Drei große Kerzen vor dem schlichten Altar und dem Bild der Gottesmutter erhellten den Raum, durch den bald wieder die Bitte erklang: Gib den Segen Herr!

Machtvoll war das Beten und Singen, durch die vielen Stimmen

 

 

der Heimkehrer bereichert. Der Priester wies uns Aufgabe und Berufung inmitten der Trümmer unserer Stadt; sie sollen uns ein mächtiger Anruf des Sursum corda sein, das erst in den Seelen wieder lebendig sein muß, im Leben der Menschen, ehe Köln auch nach außen hin wieder die heilige Stadt werden kann. Nach dem Gebet junger Kirche, in das ich wieder all meine Sorge und Liebe für Dich hineinlegen konnte, zogen wir wie neugestärkt und geweiht aus. Draußen gabs ein herzliches Wiedersehen mit vielen Freunden und Heimkehrern. Als die vielen jungen Menschen so zusammenstanden wurde mir auf einmal bewußt, daß wir langsam der tragenden Schicht der Kompletgemeinschaft entwachsen sind, Jüngere sind nachgerückt, die mit Begeisterung das Werk aufnehmen und weitertragen, das wir begonnen haben. Jungfrau Muckes wäre mir aus Freude über das Wiedersehen am liebsten um den Hals gefallen, auch Therese war wieder da. Was liegt alles zwischen unserem letzten Zusammensein und heute! In manches liebe allvertraute Gesicht haben die Erlebnisse neue Linien gezeichnet, ernster und reifer sind sie geworden.

Sonntag, den 22. Juli. Das war wieder ein Sonntag, wie ich ihn am allerliebsten habe, still und gesammelt, ganz für mich allein zu sein, das tut nach dem Getriebe der Woche besonders not. Am Abend holte mich Maria Weyerstraß herüber und ihre Mutter

frug, was ich den ganzen Tag über allein gemacht hätte, es müsse mir doch furchtbar einsam sein. Du weißt, wie sehr ich dieses Alleinsein liebe, denn ganz allein bin ich doch nie; geistig hole ich mir doch immer einen lieben Gast in meine Nähe, Dich, Du mein Liebster, und soll ich mich da des Alleinseins nicht freuen, wenn es doch unsere Gemeinsamkeit in sich birgt? Ach August, mögen auch Dir aus ihrem Erleben solch reiche Stunden geschenkt werden, wie ich sie heute wieder erleben durfte.

Sonntag, den 29.Juli. Wieder ist Sonntag, Tag des Herrn. Die Wochen eilen dahin ohne daß ich der Vielfalt der Geschehnisse Erwähnung tun kann. Wenn ich auch nicht mehr so oft und ausführlich im geschriebenen Wort zu Dir kommen kann, von Zeit zu Zeit soll es doch geschehen, es drängt mich einfach dazu.

Gestern abend bei der Komplet gab es wieder ein besonders frohes Sich-Wiederfinden, Maria Vogel ist aller Schwierigkeiten zum Trotz heimgekommen. Sie ist noch das frisch-frohe Mädchen wie früher. Ich habe sie mit zu mir genommen, mein Matrazenlager hat schon manchen beherbergt. Ihr munteres Plaudern tat mir wohl, an ihrer Einstellung mußte man Freude haben. Den Morgen haben wir über Büchern und Bildern zugebracht, wobei wir gute Gespräche miteinander führten. Mittags fingen wir nach Ehrenfeld, wo wir unerwartet in eine Namenstagsfeier hineingerieten. 6 feine junge Mädchen hatten sich dort zusammengefunden, wie haben

 

 

wirklich festliche Stunden miteinander verlebt. Als wir schon aufbrechen wollten, griff eine zur Laute, da konnte ich noch nicht fort, hat doch das Singen immer schon so große Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Die Auswahl der Lieder und die Art wie sie gesungen wurden, hätte Dir bestimmt Freude gemacht. Ich habe ihnen dann auch einige unserer Lieder gesungen. Das war ein gegenseitiges Geben und Nehmen, das allen zur Bereicherung wurde. Auch der ganze Stil der Lebensführung dieser Menschen gefiel mir so gut, schlicht, einfach, offen, fein u. geistgeprägt. Die Art, wie die Gastgeberin die Blumen in die Vase stellte, hat mir schon viel von ihrem Wesen offenbart.

Mit Liesel Klöckner waren wir am Abend noch einige Zeit zusammen, sie konnte viel von ihren Erlebnissen erzählen, aus Kriegseinsatz u. Gefangenschaft. So war es ein recht bewegter Sonntag heute, viel Schönes habe ich aus den Begegnungen mit den Menschen heute erfahren; ich bin recht dankbar dafür, denn sie gleichen manche Enttäuschung wieder aus, die uns tagtäglich bereitet werden. Es gibt auch noch Menschen, die ihr Leben auf das Hohe, Reine, Gute, Heilige ausgerichtet haben, dieses Bewußtsein erfüllt mich mit Freude und Zuversicht und ist die schöne Frucht eines solchen Tages. Mag der Herr auch Dich auf Deinem Weg mit Menschen zusammenführen, die ein möglichst herrliches Abbild Gottes in sich tragen.

Samstag, den 4. August. Wenn ich heute die Woche, die wieder hinter uns liegt, betrachte, leuchtet mir aus dem Dunkel der Schwierigkeiten, Ärgernisse und Sorgen doch auch mancher Stern der Freude auf. Und von diesen Freuden erzähle ich Dir immer besonders gerne. Die größte Freude habe ich gestern erlebt. Ich war im Büro, draußen hatten die vielen Bittsteller Schlange gestanden, es wurde abend, endlich hatte sich der Sturm gelegt und ich freute mich darauf bald Schluß machen zu können. Da ging wieder die Türe auf und Herr Raskop stand vor mir. War das ein Wiedersehen nach so langer, ereignisreicher Zeit! Bald saßen wir in meinem kleinen Reich beisammen - Finni kam noch dazu - und langsam ließ er seine Erlebnisse der letzten Zeit Wort werden. Ich war überwältigt von dem, was in diesen schlichten Worten verborgen war und dachte betend: Herr, wie groß bist Du, daß Du solches in den Menschenherzen bewirkst! Dazu durch Erlebnisse, die eher dazu angetan wären den Menschen des Adels seiner Menschlichkeit zu berauben, Krieg, Hunger, Elend, Gefangenschaft. Ist das nicht spürbar das Wirken der Gnade, am Ende einer solch harten Zeit sagen zu können - ohne Pathos, schlicht + demütig: sie ist mir zum Segen geworden. Finni sagte mir später sie habe über diesen Abend nur das Eine aufgezeichnet: Heute bin ich einem Sieger begegnet. August, wenn Du nur etwas von diesem Sieghaften mitbrächtest,

 

 

das ich heute an H. Raskop erlebt habe, wie wollte ich dankbar dafür sein. Es ist Geschenk, Gnade, und ich will helfen, daß sie Dir zuteil werde. - Es ist etwas Kostbares um wirkliche Begegnungen, sie können tief eingreifen in das Menschenleben, es wandeln und ihm vielleicht eine neue Richtung geben. So ist mir die Begegnung mit Herrn Raskop zu einem „Abenteuer des Lebens” geworden.

Darüber möchte ich Dir heute etwas sagen, soweit solche Dinge, die in die Tiefen des Menschenlebens hineingreifen, überhaupt sagbar sind. Ich war einige Wochen in der Bank, ein kleines Rädchen unter vielen ohne einem anderen persönlich nahe gekommen zu sein. Da tauchten wir eines morgens in St. Gereon gemeinsam die Hand in den Weihbrunnen und es durchfuhr mich mit Freude: Einer von uns, auch Einer, der dem Tagewerk in dem seelenlosen Haus eine Weihe gibt und größere Ausrichtung. Seitdem sahen wir uns öfter bei der Feier des hl. Opfers vor Beginn des Tagewerks, gingen gemeinsam den Weg und konnten manch gutes Gespräch miteinander führen. Am Abend jeden Tages mußte ich meine Papiere bei ihm abgeben, wenn dann die dienstlichen Dinge erledigt waren, kamen wir oft auf Fragen des Glaubens und des persönlichen Lebens zu sprechen. Seine Konsequenz und die Unerbittlichkeit mit der er sein Leben nach dem Glauben zu gestalten suchte, ließen mich mit Hochachtung und vielleicht sogar ein Wenig Bewunderung zu ihm aufblicken. Langsam zog ich Eine nach der anderen der Schranken hoch, mit

deren Hilfe ich jeden Einblick in mein Inneres verwehrte und ich versuchte zum ersten Mal Fragen des religiösen Lebens, die mich zutiefst beschäftigen, Wort werden zu lassen. Es war vielleicht geistig die erste zaghafte Abhebe von der bisherigen jungfräulichen Abgeschlossenheit, die nachher in der Hinwendung zu Dir ihre glückhafte Erfüllung fand. Ja, ich mußte später oft denken, ob diese Begegnung nicht der Begegnung in der Liebe mit Dir die Wege bereitet hat. Ich lernte zum ersten Mal neben dem eigenen Urteil, das mir bis dahin allein maßgebend war, das Urteil eines anderen voll und ganz gelten zu lassen. Herr R. übte damit einen starken Einfluß auf mich aus, der sich besonders im Religiösen auswirkte. Ihm verdanke ich, daß ich zur Marienverehrung, die mir lange Zeit fremd war, wieder eine Beziehung fand; den Rosenkranz habe ich mir damals erst erobern müssen. Wertvoll war es auch, wenn wir ein Buch gelesen hatten und es nachher miteinander besprachen. Ich durfte verschiedentlich im Kreis seiner Familie sein; die Sorgen um die Geburt des kleinen Josef und der Marie-Theres habe ich stark mitgetragen. Seine Frau war mir so recht das Bild einer guten Mutter, die ihr Leben erfüllt in der Hingabe an die Ihren. Sie bewahrte trotz aller Sorge für das Zeitliche die rechte Rangordnung der Dinge, auch die geistigen Interessen teilte sie mit ihrem Mann. - Als der Sinn unserer Begegnung erfüllt war, trennten sich unsere Wege, nachdem ich vorher auch an ihm die

 

 

menschliche Begrenztheit erfahren hatte. Während seiner Soldatenzeit ging zuweilen ein Brief hin und her; sie waren mir wertvoll. Er war dann der Erste, dem ich eine „Vor”-Anzeige unserer Verlobung schickte, ebenso war es bei dem Ereignis unserer Hochzeit und der Geburt unseres Winfried. Wie großherzig Frau Raskop sich zeigte nachdem wir alles verloren hatten, weißt Du ja. Ueber die Art ihres Schenkens habe ich mich ebenso gefreut wie über die Dinge selbst. So ist es wirklich eine Freundschaft geworden, die mich mit diesen Menschen verbindet und ich bin froh darum, daß Du durch Deinen Briefwechsel mit einbezogen bist. Denn nur so ist Freundschaft zwischen ehrlichen Menschen möglich, daß sie Beide umschließt. - Lange haben wir miteinander gesprochen und dabei löste sich in mir vieles, was lange mich beschäftigt hatte. Vor allem beeindruckte mich seine unbedingte Ergebenheit in den Willen Gottes, die er mit einer geradezu erschreckenden Konsequenz lebt. Ich glaube, daß diese Haltung in vielen Kämpfen erkauft ist, aber man muß dahin kommen, wenn Gott wirklich zum Mittelpunkt unseres Denkens und Tuns geworden ist. Jede Begebenheit unseres Lebens müßten wir dann als Anruf Gottes an uns betrachten und den geheimen Auftrag, der darin verborgen ist, zu erkennen und zu erfüllen suchen. Herr Raskop bringt das in einem derartigen Maß fertig, wie es mir noch bei keinem anderen Menschen begegnet ist. Wir müssen wirklich um Gnade dazu bitten.

Ich bereite meinen Gästen ein Mahl und es macht mir Freude sie bewirten zu können. Das Ende der Ausgehzeit mahnt zum Aufbruch, herzlich reichen wir einander die Hand: „Es war mir eine große Freude” unbewußt muß ich diese Worte sagen, der Dank für die neuerliche Begegnung klingt darin an.

„Es sind doch die Beziehungen zu den Menschen, die das Leben so reich macht”. An dieses Wort mußte ich denken, als ich wieder allein war. Seitdem aber lastet die Trennung von Dir doppelt schwer auf mir. Wenn die Zwiesprache mit einem Freunde schon solche Bereicherung schenkt, wie verlangt es mich dann erst recht nach der Begegnung, dem Zusammensein mit Dir, Du mein August, dem ich allein meine Tiefen ganz auftun kann, dem nicht nur die geistigen, sondern alle Bezirke meines Menschseins gehören. Denn es geht ja nicht nur darum, die Gedanken und Probleme, die mich beschäftigen, aussagen zu können, sondern sie mit Dir zu teilen, der Du mir doch das zweite Ich geworden bist. Wie brennt mir doch oft die Bitte im Herzen und auf den Lippen, daß der Herr Dich mir bald wiederschenken möge. Und doch wage ich es nur selten, sie wirklich auszusprechen. Daß der Herr Dich alle Gegebenheiten Deines jetzigen Lebens im rechten Geist ertragen lasse, daß sie Dir zum Heil gereichen mögen, das ist mein eigentliches Anliegen. Dann aber, wenn die Sorge um Dich und der Schmerz der Trennung wie eine große dunkle

 

 

Woge über mir zusammenschlagen, dann bin ich keiner Worte, keiner Bitte mehr fähig, dann kann ich nur mein armes, weinendes Herz mit all seiner Liebe und Sehnsucht vor den Herrn tragen, daß Er es erschaue bis auf den Grund und dann Dein Heil wirke nach Seinem Willen.

Sonntag, den 5. August. Der Tag war so reich an kostbaren Erlebnissen. Kapl. Angenendt hatte mich gebeten an dem Bräute-Tag für die Hochzeit und die Gestaltung des Hochzeitstages etwas zu sagen, und so war ich heute mitten unter den bräutlichen Paaren, die sich ihrem großen Tag bereiten. Viel hätte ich Dir darüber zu sagen, vielleicht kann es später einmal geschehen; für heute sollst Du nur wissen, daß der Tag mich froh gemacht hat und ich für die Freude dankbar bin.

Mittwoch, den 8. August. Heute bin ich einen großen Schritt weitergekommen, nun wird es bald ein Heim. Vater hat mir den Durchbruch im großen Zimmer zugemacht und aus Luftschutzbettenbretter ein Bücherregal gezimmert. Mit Finnis Hilfe habe ich dann im kleinen Zimmer die Betten aufgeschlagen, Schrank, Chaise, Tisch und Stühle ins große Zimmer transportiert und nun kann es ans auspacken gehen. Ist das eine Freude, jedes Teil begrüße ich mit besonderem Dank. Aus unserer Verlobungskiste, die jetzt am 10. Ort steh, schaut mich jedes Stück wie ein Gruß aus längst vergangenen Zeiten an. Wenn ich nicht

daran dächte, daß ich diese Dinge einmal für Dich und unsere Familie gebrauchen werde, könnte mich ihr Besitz bedrücken. Vielleicht dürfen wir anderen damit auch mal einen Dienst leisten und Freude machen. Deine Bücher sind noch voller Sand und Schmutz, sie müssen sich erst ein gründliches Säubern gefallen lassen, ehe sie im neuen Regal ihren Platz finden. Die neue Lampe gefällt mir recht gut, zwei schlichte Holzbalken über Kreuz, sie teilen den Raum in vier Ecken: in der einen, gleich links neben der Türe hängt das Kreuz, Kerze und Blumenvase dabei, ihm gebührt der Ehrenplatz; davor auf dem kleinen Tisch Dein Bild, denn auch jetzt, wo Du nicht wirklich bei mir sein kannst, sollst Du in dem Raum sein, in dem ich lebe. Es wäre zwar nicht nötig, daß Dein Bild dort steht, denn es ist ja tief in mein Herz hineingesenkt, schöner und wahrer als alle sichtbaren Bilder, aber auch die anderen sollen wissen, daß Du mit hier hineingehörst, daß das Heim, die Dinge und ich selbst Dein Eigentum ist. Dann kommt die Bretterwand, die noch durch einen Vorhang verdeckt wird, mit den Büchern. Manch liebes Stück ist darunter aber ich habe noch nicht die Beziehung zu ihnen wie ich es zu den Meinen hatte. In der Ecke am Fenster hängt der Junge Mann von Holbein und der Mädchenkopf von Da Vinci. Davor steht Derichsweilers Stehlampe. Es soll mal mit dem

 

 

Sessel, der noch in Gladbach steht, eine traute Leseecke werden. Auf der anderen Seite des Fensters steht die Chaise, darüber das Bild von Kapitol und Bruegels Heimtrieb der Herde, vor der großen Wand steht die kleine Anrichte, die Franz wieder fein zusammengesetzt hat, nachdem sie von der zertrümmerten Wand stark in Mitleidenschaft genommen war. Sie birgt alle Schätze der Verlobungskiste. Darüber das Gemälde von Herrenstrunden, das mir immer lieber wird. Den Küchenschrank habe ich in der Ecke hinter der Türe untergebracht. Fast in der Mitte des Raumes, vor dem Fenster steht der Tisch mit der grünen Decke. Wenn ich beim Essen oder wenn ich schreibe davorsitze, kann ich gerade so schön durch die eine erhaltene Scheibe hinausschauen, wie die hohen, vom Wind und den in der Nähe niedergegangenen Bomben zerfetzten Baumkronen sich hin u. her wiegen; die Parade der jungen Pappeln quer über den Platz, an der die kleinen Blätter in der Sonne glänzen, ist mir direkt eine Freude: Mein Zimmer hat vier Ecken und durch die kleine Scheibe schaut der Himmel hinein.

Samstag, den 11. August. Gestern bin ich mit der Bahn nach Bensberg herausgefahren, von da nahm ich den stillen, kleinen Weg durch die Wiesen, der sich spielerisch dahinschlängelt und garkeine Eile hat, sein Ziel schnell zu erreichen.

Dieses Zeithaben des kleinen Pfades hat sich mir mitgeteilt, alle Hast des Alltags fällt von mir ab und ich schreite dahin, mich an der schönen Gotteswelt freuend, die sich mir in so vielfältigen Bildern darbietet. An der Heidkamper Kirche kann ich nicht vorübergehen, ohne dem Herrn einen stillen Gruß zu sagen. Erinnerungen steigen in mir auf, aus den ersten Tagen unseres gemeinsamen Lebens, da wir „Erscheinung des Herrn” dort gefeiert haben; an Annelieses Hochzeit und Tonis Totenamt. Lange bin ich nicht mehr bei Anneliese gewesen „im schönsten Wiesengrunde” und mein Besuch macht in dem kleinen Haus viel Freude. Das Kind, der kleine Michael, ist der Sonnenschein für alle. Das Bächlein rauscht durch die Wiesen, an dem großen Birnbaum hängen die reifen Früchte und wo wir voriges Jahr planend, beide in guter Hoffnung auf das Kommende beieinandersaßen, steht der Flickkorb mit Michaels Höschen u. Jäckchen. Einen feinen bunten Strauß und ein paar lachende gelbe Birnen gibt Anneliese mir zum Abschied mit. Auf mein Anerbieten, Ihr gerne in Köln etwas zu besorgen meint sie nur: das können andere tun, wenn Du mir aber Freude machen willst, so komme nur.

Auch daheim gibt's wieder ein paar schöne Stunden, aber über Sonntag kann ich nicht bleiben, es drängt mich

 

 

einfach nach Hause. Ich glaube immer etwas zu verpassen, wenn ich länger fort bin, denn es könnte ja doch einmal sein ... Wieder läßt mich jeder Soldatenschritt aufhorchen, ob es nicht der Deine ist, all mein Leben ist ja jetzt eine einzige Erwartung. Und es ist gut so, denn nur für mich allein würde ich mir gewiß nicht die Mühe machen immer alles so schön zu machen, das Heim, die Dinge darin, und auch auf meine Kleidung würde ich sicher nicht den Wert legen, wenn ich nicht täglich daran dächte, daß Du wiederkommst. Jeden Tag soll alles so sein, daß Du zu jeder Stunde kommen kannst und alles für Dich bereit ist. So habe ich immer frische Blumen in der Vase, die Dir sagen sollen, daß ich in stiller Freude auf Dich warte.

Sonntag, den 12. August. Wenn ich wieder einen so feinen Tag für mich in unserem Heim erlebt habe, gehe ich auch frohen Herzens der kommenden Woche entgegen. Das hl. Opfer habe ich in der kleinen Krypta von Maria Lyskirchen mitgefeiert und mich dann den Tag über mit Lipperts „Abenteuer des Lebens” beschäftigt. Selten habe ich in den letzten Monaten in einem Buch gelesen, es fehlte mir die Zeit, aber auch die Ruhe dazu. Wenn man richtig lesen will, muß man doch fähig sein, alle eigenen Gedanken und Empfindungen einmal zurückzustellen und bereit den Worten und Gedanken des Dichters zu

lauschen. Sieh' und das war mir nicht möglich. Wenn ich zuweilen den Versuch machte, legte ich das Buch bald wieder fort, die Erlebnisse und Begebenheiten des eigenen Lebens waren doch tiefer als alles dort Geschilderte. Dann kam es mir auch vor wie ein Unrecht gegen Dich, wenn ich mich dieser geistigen Freuden hingeben sollte, während Du auf alles verzichten mußt und vielleicht Not leidest an Leib und Seele. Die Zeit, die nicht der Arbeit gilt, müßte Gebet sein Für Dich. Aber ob ich arbeite oder ruhe, ich will alles Gebet werden lassen für Dich. Möge der Herr Dir meine Liebe zuwenden und alles Heil.

Am Abend fand sich wieder Besuch ein, H. Raskop und meine frühere Lehrerin Frl. Lahm. So manchen kann ich nun durch meine Tätigkeit einen Dienst erweisen, ich bin froh darum.

Dienstag, den 14. August. Heute habe ich zum ersten Mal nach langer Zeit wieder Musik gehört. In der Aula der Universität gelangten Werke von Brahms, Haydn u. Schubert zum Vortrag. Wie eine ganz andere Welt und Zeit schlug es mir entgegen, als ich nach dem Weg durch die Trümmer die Aula betrat. Der unversehrte, würdige Raum, festlich gekleidete Menschen, das Orchester auf der erhellten Bühne, ich kam mir zuerst recht verloren vor in dieser feierlichen Athmosphäre. Als dann die ersten Töne erklangen, wurde es mir ganz eigen zu Mute, ich konnte noch keine rechte Beziehung dazu finden, ja, es

 

 

sträubte sich irgendetwas in mir. Aber langsam gewann die Musik Gewalt über mich. Es war, als ob sie mit warmen, guten Händen behutsam ein rauhes Gewand von meiner Seele höbe, das mich am freien Atmen gehindert hatte. Erst vorsichtig, doch immer begieriger sog ich die köstliche Luft in mich ei, der ich so lange entwöhnt war. Noch nie habe ich Schuberts „Unvollendete” so erlebt wie heute. Erinnerst Du Dich noch wie wir sie auf dem Hansaring gemeinsam gehört haben? Es wird wohl kaum Einer dabei das empfinden, was der Künstler wirklich da hineingelegt hat, aber es überkommt einen doch ein Ahnen von dem ungeheuren Reichtum, der Fülle von Gegensätzen, von Glück und Leid, die das Leben birgt. Wenn jeder, der es hört, dabei das Auf + Nieder seines Lebens hineinlegt in die große Sinfonie der Geschichte und von den Tönen hinaufheben läßt vor den Schöpfer, dann hat das Werk seinen letzten Sinn erfüllt: die Gloria Dei.

Das Hören der Musik hat mir gut getan, freier, ja fast beschwingt gehe ich nach Hause.

Freitag, den 17. August. Neben dem Alltag, der Arbeit u. Mühen bringt und mich am Leid vieler Menschen teilnehmen läßt, werden mir aber auch viele feine, kostbare Tage geschenkt, für die ich tief dankbar bin. Heute war wieder so ein Tag. Finni und ich sollten auf Hamsterfahrt gehen, Mutter hatte keine Kartoffel mehr und auch sonst fehlte es. So machten wir uns heute

morgen bereit. Es wollte garnicht recht klappen mit den Rädern, den Behältern und Riemen, ich ging ohnehin nicht mit Freude, denn das Hamstern ist nicht meine Sache. Dazu fing es noch an zu regnen, Finni wollte schneller fahren, ich kam nicht mit, alles trug dazu bei, daß ich recht mißgestimmt war.

Aber unterwegs erinnerten wir uns unserer vielen gemeinsamen Fahrten, bei denen uns nichts erschüttern konnte; Finni schwelgte geradezu in Erinnerungen und riß mich mit fort. Als diei Sonne hinter den dunklen Wolken hervorschaute, waren auch die trüben Wolken in mir bald zerstoben. Kendenich sollte das Ziel unserer Fahrt sein, schon grüßte das hohe Schieferdach mit dem Zwiebeltürmchen zu uns herüber. Fast 2 Jahre bin ich nicht mehr da gewesen, in der alten Burg, und dennoch ist die Verbindung mit ihren lieben Bewohnern nicht abgerissen. Sie gehören zu den Menschen um die man weiß, deren Wohlwollen uns auch aus der Ferne zu Gute kommt. Erhitzt von der Fahrt den Berg hinan, bringen wir unter dem alten Torbogen erst Haar und Kleidung in Ordnung. Auf der Brücke, die über den Wassergraben zum Eingang führt, grüße ich das liebe alte Haus, das mir jetzt noch ehrwürdiger erscheint als früher. Die sonst so blanken Fenster mit den frischen weißen Gardinen wurden meist durch graue Pappe ersetzt, aber die leuchtend roten Geranien davor haben

 

 

den Krieg überdauert. Von der offenen Halle aus hat uns Fräulein von Kempis schon von weitem erblickt, sie kommt auf uns zu und begrüßt uns mit einer Herzlichkeit, als ob sie nur auf uns gewartet hätte. Sie bleibt sich immer gleich die hohe, adelige Erscheinung, das blasse durchgeistige Gesicht mit den feinen Zügen; die grau-blauen Augen, die so viel Güte ausstrahlen, die schmalen, wohlgeformten Hände, die so herzlich die Hand des Gastes umschließen. Schlicht und vornehm ist ihr Kleid; Schritt und Gebärde sind vom Adel ihrer Persönlichkeit bestimmt. Im Salon ist Großreinemachen, da hat sie vorgestern am Fest Mariä Himmelfahrt mit der Dorfjugend, denen sie Sprachunterricht erteilt, Namenstag gefeiert. So führt sie uns in den kleinen Wohnraum neben der Küche und will alles erfahren, was wir in der langen Zeit erlebt haben. Seit dem ich vor vielen Jahren einmal so froh-stille Ferientage bei ihr verlebt habe, nimmt sie innigen Anteil an allen Geschehnissen unseres Lebens. Die kleinste, unbedeutendste Begebenheit hat sich ihr eingeprägt. Ihrer mütterlichen Besorgtheit vertraut man sich gerne an. Lange haben wir so miteinander geplaudert, während all die ungeheuer starken Erlebnisse wieder vor meiner Seele standen. Die Ausgeglichenheit ihres Wesens läßt eine große Ruhe auf den Begegnenden ausströmen. Finni saß bei der Unterhaltung zuerst wie auf heißen Kohlen. Man

merkte ihr an, daß sie bald wieder fort will. Sie hat überhaupt in der letzten Zeit eine Hast an sich, die eigentlich nicht zu ihr paßt. Sie hat aber auch zu viel zu tun, sowohl im Geschäft als zu Hause. - Ich konnte richtig beobachten, wie sich Frl. von Kempis Einfluß bei Finni auswirkte, langsam verlor sich der gehetzte Ausdruck ihres Gesichtes, sie war ganz bei der Sache, auch wenn sie sich, wie es ihre Art ist, liebevoll in Einzelheiten erging. Schließlich hatte man den Eindruck, daß sie wohl fühlte und garnicht mehr fortwollte. Bei Tisch ging wieder alles in der gewohnten Weise vor sich, ich mußte den Platz neben ihr einnehmen und sie bediente uns wie den vornehmsten Gast. Nach dem Essen wurde ein Rundgang durch die Burg unternommen. Durch die Beschädigung des Daches sind erhebliche Schäden eingetreten. Wie sorgsam hatten die beiden Damen immer das Erbe ihrer Väter gehütet, nun müssen sie tatenlos zusehen, wie die alte Burg stirbt. Auch den Garten und Park müssen wir wieder sehen, in dem wir so herrliche Ferienstunden verlebt haben. Der Kahn, in dem wir oft am Abend über den Weiher gefahren sind, liegt halb zerfallen am Ufer in den Wasserpflanzen. Alle Dinge scheinen welk und ergraut und flößen mir eine tiefe Ehrfurcht ein. Was sie noch hält ist das Leben, das aus den guten Augen der alten Damen leuchtet. Wenn ich ihr Leben betrachte, so

 

 

mußte man von Nützlichkeitsprinzip unserer Zeit aus fragen, was hat sie schon geleistet, praktische Arbeit hat sie wohl kaum getan. Und doch ist sie keine Drohne der menschlichen Gemeinschaft, wenn ihr Leben keinen anderen natürlichen Zweck erfüllt, - die übernatürliche Sinnerfüllung ist ja ohnehin gegeben - als daß ihre Güte und Liebe auf andere ausstrahlt und diese davon erwärmt werden, so ist schon genug geschehen. Das ganze Dorf kommt mit seinen Nöten und Anliegen zu ihr, für alle hat sie Zeit, Verstehen und einen guten Rat. Sie ist wirkliche Mutter für viele. Sie nimmt es ganz selbstverständlich, daß wir gekommen sind um etwas zu holen; feinfühlend erspart sie uns darum die Frage, die mir so schwer wird. Sie sucht so lange unter den Vorräten bis alle Taschen voll sind: Kartoffel, Bohnen, Birnen. Aber sie bleibt nicht beim Nützlichen, von der Blumenfülle ihrers Namenstages schenkt sie jedem einen leuchtend bunten Strauß Sonnenastern. Wir haben schon alles verpackt, da fällt ihr Blick auf den schönsten Strauß: weiße Chrisanthemen mit zartem Grün: „Den mußt du haben, er ist wie ein Brautstrauß”. Reich beschenkt nehmen wir Abschied, herzlich froh solch edler Menschenfreundlichkeit begegnet zu sein. Das hat mich recht glücklich gemacht. Finni meint auf der Rückfahrt, ich hätte garnicht verdient, einen solchen Tag zu verleben, weil ich auf der Hinfahrt so mißgestimmt war. „Können wir uns das Gute überhaupt verdienen? Alles Glück ist Geschenk.” Was machte es, daß

meinem Rad auf der Militärringstr. die Luft ausging und ich fast eine Stunde schieben mußte? Wenn die Freude in uns ist, mag uns keine Widerwärtigkeit etwas anhaben.

Aber der Tag hielt noch mehr Freude für mich bereit, daheim wurde ich schon erwartet. Frau Raskop hat die weite Fahrt unternommen, um ihren Mann aus der Gefangenschaft zu „befreien”, da machen sie mir gleich am ersten Tag einen Besuch. War das ein herzlich frohes Beisammensein, wenn Du doch nur hättest dabei sein können!

Die Freude, ihren Mann wieder zu haben, ließ Frau Raskop so munter plaudern. Köstliche Erlebnisse mit den Kindern wußte sie zu berichten. Wie fein war das Wohlwollen zu spüren, das zwischen den beiden Menschen waltete. Er ließ sie ganz die Unterhaltung führen und schien sich an ihrer Art zu sonnen. Wie wohl mußte es ihm tun, wie sie erzählte, wie das Warten auf seine Heimkehr das Leben und Spiel der Kinder bestimmte und jeder den Papa ganz für sich haben wollte. Während wir plauderten, bereitete Finni ein schlichtes Essen, das wir am festlich gedeckten Tisch miteinander einnahmen. Wenn ich meinen Gästen auch nicht viel bieten konnte, ich hatte einfach das Bedürfnis mit ihnen zu speisen. Es bindet die Gemeinsamkeit und gibt die Möglichkeit gemeinsam zu beten. So müssen wir auch in den täglichen Mahlzeiten der Familie mehr sehen, als nur den Zweck des bloßen Sattmachens und dennoch auch der äußeren Form alle Liebe und Sorgfalt angedeihen lassen.

 

 

In der frohen Hoffnung, bald Hausgenossen zu werden, schieden wir voneinander; mein Abendgebet war ein froher Dank an den Herrn für diesen reichen Tag.

Samstag, den 18. August. Beladen mit den Schätzen von gestern sind wir heute nach Gladbach gefahren. Mit Mutter verbindet mich heute ein so herzliches Verhältnis wie nie zuvor. Die wenigen Stunden, die ich daheim bin werden immer gut ausgenutzt. Es macht mir viel Freude dann in der Küche mitzuhelfen, wobei Mutter die Feststellung macht, daß ihre Große doch auf dem Wege ist, eine gute Hausfrau zu werden. Mit Rosi gehe ich am Mittag nochmal auf Hamsterfahrt, aber fast überall sind die Herzen und Türen der Bauern verschlossen. Im Wals auf der Höhe des Landheims in Voiswinkel pflücken wir die herrlich reifen Brombeeren, der Herrgott läßt doch die köstlichen Gaben der Natur für alle wachsen, wenn die Menschen sie uns vorenthalten müssen wir sie eben da suchen, wo sie sich finden lassen. Eine gute Weile rasten wir oben auf der Bank und lassen den Blick über die Berge, die Wiesen, Wälder und fruchtreichen Felder des Berg. Landes schweifen. Dieses Schauen allein war die Fahrt schon wert, wenn sie auch sonst erfolglos geblieben ist. In Voiswinkel retten dann Rottländers wieder die Ehre der Landbevölkerung, wir dürfen Pflaumen schütteln und das Fallobst von der Weide auflesen. Froh fahren wir am Abend heim.

Wenn die beiden „Großen” zum Wochenende daheim sind wird das Plaudern um den Familientisch bis in die Nacht ausgedehnt und wenn die Eltern dann zu Bett gehen findet oben in der Wohnung der Jugend die Fortsetzung statt. Diesmal haben wir sie so ausgiebig gehalten wie noch nie. Ich war sehr müde und hatte mich schon gelegt, da kamen Finni und die Zwillinge noch herein und wir haben ein Nachtgespräch zu vieren geführt, das für alle so kostbar wurde, daß wir die Müdigkeit und die voranrückende Morgenstunde darüber vergaßen. Fragen, mit denen sie sich wohl schon lange beschäftigt haben, wurden erörtert. Ich war über die Tiefe der Gedankengänge überrascht. Liebe, Gottes- u. Nächstenliebe, eheliche Liebe, Gemeinschaft, das Verhältnis des jungfräulichen + des ehelichen Menschen zur Gemeinschaft; Fegfeuer, Gebet für die Verstorbenen, Rosenkranz, das waren die Themen unseres Gesprächs bei dem ich oft einen ziemlich schweren Stand hatte. Ist es nicht etwas Schönes, daß sich 4 Geschwister zu solchem Gespräch zusammenfinden und so die Bande des Blutes durch die des Geistes noch enger geknüpft werden! Wie reich ist doch das Leben, wenn wir alle Kräfte des Geistes in ihm wirken lassen. Ach, daß es uns doch vergönnt sei es bald gemeinsam zu tun.

Gladbach, den 19. August. Wenn ich in der Küche in Gladbach den Sonntag feiere, muß ich immer an unseren einzig schönen Sommer-Sonntag denken. Wie innig hatte ich beim hl. Opfer für

 

 

Dich gebetet und als wir hinauskamen aus dem Gotteshaus, da standest Du plötzlich vor mir. Die Freude kam wie ein großer Schmerz über mich, sodaß ich am liebsten in die Kirche zurückgeeilt wäre um in einem stillen Winkel meiner Gefühle Herr zu werden. - Das Kaffeetrinken am Sonntagmorgen war wieder der liebe altvertraute Familienakt wie früher. Vater kann so aufgeräumt sein, wenn er all seine Lieben um sich hat, und Mutter freut sich, mal wieder für alle zu sorgen. Auch bei Frau Weiß bringe ich eine gute Stunde zu. Sie ist so dankbar dafür, wenn sie sich einmal aussprechen kann. Das, was sie zu tragen hat, scheint manchmal zu schwer: die Sorge um den Mann, die drei Kleinen krank, Keuchhusten, dazu ohne jedes Einkommen. Es ist wirklich nicht zu verwundern, daß sie der Last nicht mehr Herr wird. Jedes gute Wort, das man spricht, fällt auf guten Boden.

Am Nachmittag nimmt mich ein Auto wieder mit nach Köln, ich bin froh darum am Abend des Sonntags noch für mich allein sein zu können. Die Bohnen, die Frl. v. Kempis mir mitgegeben hat, müssen noch verarbeitet werden, ich mache mir gern jede Mühe, um für den Winter vorzusorgen. Ob wir ihn wohl gemeinsam erleben werden?

Donnerstag, den 23. August. Gestern abend bin ich mit Mutter aus Recklinghausen zurückgekommen. Bis Hagen hatte Herr Fink uns mit dem Wagen mitgenommen. Es war eine wunderschöne Fahrt

durch das Bergische Land. Thormanns haben in Hagen alles verloren, Geschäft und Privathaus, so blieben unsere Hoffnungen auf Einkäufe unerfüllt. Es war das erste Mal seit den frühesten Kindertagen, daß ich mit Mutter eine Reise unternahm. Es hat uns einander wieder viel näher gebracht. Das Zusammensein in Recklinghausen mit Tante Minchen und Onkel Heinz, die zwei richtig alte vertraute Menschen sind, hat mich gelehrt dankbar dafür zu sein, daß unsere Eltern in der rechten Weise mit dem Leben und seinen Schicksalsschlägen fertig werden. Die beiden tun mir wirklich leid, sie führen ein richtig freudloses Dasein. Ist es nicht ein Unrecht, daß beide Kinder ihre eigenen Wege gehen? Wie täte den Eltern jetzt Agnes frohe Art not, die ihnen gewiß über vieles hinweghelfen würde. Marianne ist nun auch guter Hoffnung, aber anstatt die Eltern sich mit ihr darüber freuen, sehen sie nur die Sorgen und Schwierigkeiten. Aber Marianne wird sich gewiß dadurch die Freude nicht nehmen lassen. Die Rückfahrt mit dem schweren Gepäck im Güterzug war für Mutter ziemlich mühsam. Von Ehrenfeld aus habe ich alles auf einer kleinen Handkarre vor mir hergeschoben, aber wir sind doch schließlich gut angelangt. Zum ersten Mal konnte ich Mutter in meinem Heim bewirten.

Dein Bett hat jetzt schon so viele Schlafgäste aufgenommen, wann wird es wohl seinen Besitzer wieder beherbergen? Wenn ich morgens wach werde, suche ich mir manchmal vorzustellen wie schön es

 

 

wäre, wenn Du so neben mir lägst und ich Dich in Deinem Schlafe anschauen kann, wie ich es immer so gerne getan. Wann werden uns wohl diese Freuden des Zusammenseins wieder geschenkt werden?

Samstag, den 25. August. Heute habe ich ein paar Stunden ganz still mit Dir zugebracht, mein lieber August. Ich hatte in den Ordnern mit Deinen alten Briefen geblättert, die mir manches aus Deinem früheren Leben erzählt haben. Mag das Bild, das sie mir von Dir malen hell oder dunkel sein, ob sie die Licht- oder Schattenseiten Deines Wesens zu Tage treten lassen, alles was ich von Dir erfahre ist mir nur Anlaß, Dich immer noch mehr lieb zu haben und Dir alle Kraft meiner Liebe zuzuwenden.

Sonntag, den 26. August. Zum ersten Mal nach langer Zeit habe ich heute den Sonntag im Dom gefeiert. Schlicht und weihevoll ist der kleine Raum, die frühere Schatzkammer, für den Gottesdienst hergerichtet worden. Auf dem großen Altar stehen die alten silbernen Leuchter, die schon so manchen festlichen Gottesdienst gesehen haben. Die gelben Blumen in den hellen Glaskugeln heben sich gut von dem roten Vorhang im Hintergrund ab. Es ergreift mich zu tiefst wieder an der Stelle das hl. Opfer mitzufeiern, die alle Tage meiner Kindheit und ihr religiöses Leben miterlebt hat. Es kommt mir vor, als ob die Gnade an dieser Stätte leichter mein Herz berührt als

überall sonst. Mit innigen Worten spricht der Priester von der Vorsehung Gottes, nach den Worten der Bergpredigt von den Vögeln des Himmels u. den Lilien des Feldes. Sie dringen tief in mein Herz und erfüllen mich mit großem Vertrauen. Nach der Feier des Opfers verharre ich noch eine gute Weile vor dem Bild der Mailänder Madonna. Still, in wirklich sonntäglicher Freude gehe ich durch die Trümmer der Dompfarre, wo wir unsere unvergeßlich schönen Kindertage verlebt haben, der Brücke zu, einer Einladung von Jungfrau Muckes folgend. Mitten in den Trümmern haben sie sich ein nettes Heim geschaffen. Was ich an Elisabeth immer bewundere, ist die feine Art, mit der sie ihren Eltern begegnet. Sie ist ernster geworden durch die Erlebnisse der letzten Zeit. Über dem Plaudern aus alten Tagen fliegt der Tag nur so dahin. Abends gehe ich mit Weyerstraß noch in Eure Wohnung Goltsteinstr. Es greift an Herz, die Dinge, die lange Jahre hindurch Dein Leben begleitet haben, die Räume, wo Du gelebt, so zerstört zu sehen. Ich hatte gehofft, im Keller noch Briketts zu finden, aber alles, was irgendwie noch verwendbar war, ist gestohlen worden.

Der Heimweg am Abend tut mir gut, denn das lästige Übel meiner Kopfschmerzen hat wieder mit aller Heftigkeit eingesetzt. Es ist wohl, mit Paulus gesprochen, der Stachel in meinem Fleische, gegen den kein Kraut gewachsen ist. So muß ich es eben ertragen.

 

 

Dienstag, den 28. August, am Fest des hl. Augustinus.

Mein lieber August! Heute ist Dein Tag. Still sitze ich in unserem kleinen Heim, das ein festliches Gewand trägt. Der Brautstrauß aus Kendenich steht unter dem Kreuz, daneben unsere Brautkerze bei Deinem Bild. Ihre kleine leuchtende Flamme soll heute stellvertretend für Dich vor dem Herrn brennen, wenn ich all meine Liebe, meine Sehnsucht, das ganze Wünschen u. Verlangen für Dich vor Ihn hintrage. Wenn auch solche Tage zutiefst eine Wehmut in uns wecken, da das Alleinsein uns besonders hart bedrückt, ich will so tun, als ob es für Dich geschähe und ihn mir zum Festtag gestalten. In aller Frühe, wenn sich die Stadt erst vom Schlaf erhebt gehe ich zum Dom, um dort das hl. Opfer für Dich zu feiern. Wo Du auch sein magst, irgendwann wirst Du heute meiner gedacht haben und wissen, wie sehr meine Gedanken bei Dir sind. Und beim Gebet wurde ich wirklich innerlich ganz froh. Der Herr kann sich den Beten, das die Liebe beflügelt, nicht verschließen, rührt es doch den innersten Bereich Seiner unendlichen Vollkommenheit an. Ist uns nicht gerade das Leben Deines großen heiligen Namenspatrons Ansporn unser ganzes Sein betend und vertrauend einzusetzen? War es doch das inbrünstige Gebet seiner Mutter Monika, das ihn aus dem Dunkel der Sünde herausgeführt hat auf den lichten Weg der Gnade. Und wissen wir nicht, ob der Herr die Gnade, die

Er dem Menschen, den wir lieben, zu geben bereit ist, nicht vielleicht von unserem Gebet für ihn abhängig macht? Ach, ich tute ja noch viel zu wenig für Dich; fortan will ich mir keine Nachlässigkeit mehr verzeihen. Die Mitte meines Betens für Dich ist die Bitte, daß der Herr Dir nahe bleiben möge, daß das Bewußtsein Seiner Nähe Dich nie verlassen möge in allen Gegebenheiten Deines jetzigen Lebens, und daß der Herr alle Beschwer zu Deinem Heil gereichen lasse. Daß das Herz auch danach verlangt, um Deine baldige Heimkehr zu bitten, ist klar, und so lege ich all meine Bitten vor Ihn hin: Sieh, Herr, das ist mein Verlangen + Begehren, nimm es hin und verfüge darüber nach Deinem heiligen Willen.

Und auch Deinem Namenspatron, St. Augustinus, empfehle ich all meine Wünsche für Dich. Der „menschlichste der Heiligen” wie er genannt wird; dürfen wir von ihm, der alle Tiefen und Höhen des Menschenlebens durchschritten hat, nicht besonders viel Verständnis für die Entwicklung Deines Lebens erwarten? Mit scheint es wirklich nicht von ungefähr zu sein, daß Du gerade seinen Namen trägst. Möge es uns helfen, daß auch Du auf der Höhe des Lebens die Ausrichtung auf den Herrn nicht verlierst und die Schuld der verborgene Weg der Gnade werde.

Vom Dom aus, den ich heute wieder so tief erlebt habe wie selten zuvor, bin ich durch die Straßen der Altstadt gegangen

 

 

planlos mit innerer Ruhe und Festtäglichkeit. So kam ich nach St. Gereon. In der Krypta, in der ich lange Zeit täglich das hl. Opfer mitgefeiert habe, und wo ich auch so manche Frage unseres gemeinsamen Lebens betend zur Entscheidung gebracht habe, halte ich auch jetzt wieder stille Zwiesprache mit dem Herrn. Als ich von diesem Gang nach Hause komme, erwartet mich dort wieder eine Festtagsfreude. Leni Kohlhas - inzwischen Frau Rochels -, die ich fast 2 Jahre nicht gesehen habe, will mir an Deinem Tag mit ihrem Besuch Freude machen. Einen großen Strauß Goldjasmin hat sie mir mitgebracht, den ich in die braune Kugel auf einen Hocker stelle. Nun ist es erst recht ein Festtagszimmer geworden. Die Freundschaft der Kindertage ist doch eine enge Bindung, das habe ich in den Stunden unseres Zusammenseins so recht empfunden. So manche Erinnerung wurde wach, immer wieder hieß es: weiß du noch ... Ja, diese Begegnung war mir wirklich eine große Freude, besonders weil Leni das Bedürfnis hatte, mir ganz bewußt, gerade heute eine Freude zu machen. - Die Arbeit lasse ich heute mal Arbeit sein damit ganz Festtag sei. Der Mittagstisch trägt auch ein festliches Gepräge und dann bin ich ein paar Stunden ganz allein, allein mit Dir, Du mein August ... Ach, ich finde garkeine Worte, um Dir zu sagen, was mir solche Stunden bedeuten; möchte doch nur ein Wenig von ihrem Glück Dir zuteil

werden. Am Abend kam Hans Hens zu mir, er will Hochzeit halten und lädt mich dazu ein. Ich freue mich über das Vertrauen, das er mir schenkt. Wieder zwei Menschen, die den Schritt ins volle Leben wagen wollen, möge es ihnen zur Erfüllung ihres Wesens und zur Verherrlichung Gottes gereichen.

Beim Abendgebet vor dem Kreuz, leuchtet noch einmal die kleine rote Flamme am weißen Leib unserer Kerze auf. Sie hat mein Beten gehört und wenn Du wieder bei mir bist, kann sie Dir vielleicht wieder etwas davon mitteilen.

Freitag, den 31. August. Zwei Tage war ich wieder in Schickberg, habe die herrlich herb-frische Luft des Berg. Landes geatmet, bin von der ungewohnten Arbeit körperlich müde geworden - es ist eine ganz andere Müdigkeit als sonst, ich möchte sie fast wohltuend nennen. Es tut mir so gut, einmal allem Geschehen des Alltags ganz enthoben zu sein. Und Maria freut sich, wenn ich komme, ich darf immer ein Wenig ihrer Verlassenheit von ihr nehmen. - Heute abend winden nun die Mädchen bei Weyerstraß das Kränzchen für Hans' Braut. Es wird spät, bis die letzten Vorbereitungen getroffen sind, ich denke an den Vorabend meines Festes, unseres Tages.

Ach August, es war alles so schön, daß wir oft glaubten, es überstiege unser Fassungsvermögen; aber es war gut so, wer weiß wie lange wir noch davon zehren müssen. Dem Herrn sei Dank.

 

 

Sonntag, den 2. September. Gestern haben wir Hans Hens' Hochzeit gefeiert. Die Feier in der Kirche war so schön, wie man es sich nur wünschen kann, auch ohne meine Anregung hatte er sich die Gestaltung so ähnlich gedacht wie es bei uns war. Was bewegt nicht alles das Herz, wenn man bei den Freunden das miterlebt, was für uns selbst Mitte und Angelpunkt der ganzen Lebensführung geworden ist, das Sakrament. Der kleine Raum unter dem Turm von St. Ursula, in dem sich viele Freunde eingefunden hatten, war ein so feiner Rahmen für das hochfestliche Geschehen.

Als die Braut zum Segen an den Stufen des Altares kniete, stieg tiefer Dank aus meinem Herzen, das dieser Segen sich im Leben unseres Winfried so reich erfüllt hat. Im Augenblick, da die Beiden sich das Ja-Wort fürs Leben gaben, war ich geradezu erschüttert von der Gewichtigkeit dieses Geschehens. Wie froh klangen die Lieder von der jungen Gemeinschaft gesungen, beim Lied: Erde singe, durchfuhr mich wieder der ganze Jubel, den wir an unserem Hochzeitstag da hineingelegt haben.

Die häusliche Hochzeitsfeier war eine einzig große Freude. Es war dabei wohl schwer, eine einheitliche Linie in der Gestaltung des Tages zu bringen, dazu war die Kluft zwischen den Familienmitgliedern und den Freunden zu groß. Man müßte überhaupt die Leitung in eine bestimmte Hand legen, vielleicht würde es ein Freund des Bräutigams übernehmen, sich in die Wünsche

des Brautpaares - denn darum geht es doch in erster Linie, ihnen ihren Tag für sie so schön wie möglich zu machen, - hineinzudenken und danach den Tag zu gestalten. Für manche Heimkehrer war der Tag die erste Gelegenheit wieder mit den Freunden in Gemeinschaft zu sein und glaubten das Zusammensein so zu halten wie früher, da sie noch Jungen waren. Aber sie spürten bald selbst, daß sie darüber hinausgewachsen sind und die Romantik der Fahrtenlieder ihnen das nicht mehr sein kann, was es früher war. Ihre an den Soldatenschritt gewöhnten Füße stehen unsicher und ungelenk auf dem Boden des zivilen Lebens, sie bedürfen einer liebevollen Führung, um sich wieder hineinfinden zu können. So war das Festfeiern mit diesen Gästen einerseits und der durchaus bürgerlich eingestellten Verwandtschaft andererseits nicht leicht. Zum Glück aber haben sich wohl nur Wenige solch kritische Gedanken darüber gemacht wie ich, die Meisten sind wohl recht befriedigt von diesem Hochzeitsfest nach Hause gegangen; die seltenen Genüsse des Hochzeitsmahles gaben schon genug Anlaß dazu. Finni war den ganzen Tag entweder in der Küche oder mit der Bedienung der Gäste beschäftigt „das ist für mich die einzige Möglichkeit Feste zu feiern” sagte sie mir nachher.

Der Tag war mir wieder eine Bestätigung dafür, wie wichtig es ist, daß wir an den Bräutetagen die Gestaltung der Feste besprechen. Als ich abends mit Maria durch die Trümmer nach Hause

 

 

ging, galt dem Brautpaar, dem sich in dieser Nacht die ganze Fülle des Menschenlebens auftun sollte, mein besonderes Gebet. Auch in Maria wurde durch das Fest der Freunde die Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit dem geliebten Menschen wach. Ich muß sie bewundern in ihrer unbeirrbaren Zuversicht auf Josefs Heimkehr.

Heute haben wir den zweiten Bräutetag gehalten. Jan Kolber machte einen Gang durch das Kirchenjahr und erwähnte dabei die vielen Möglichkeiten katholischen deutschen Brauchtums, an denen wir doch so reich sind. Er wußte es recht lebendig und spannend darzustellen, sodaß es tiefen Eindruck hinterließ. Seine humoristische Art ist recht glücklich, er schafft damit schnell Gemeinschaft. Jungen Menschen gegenüber ist es freilich oft eine Gefahr der Entgleisung, sie werden übermütig und können nicht so schnell umschalten, wenn es wieder ernsthaft wird.

Sein abschließendes Wort galt der Freude des Christen. Wir müßten uns durch unser Frohsein von den Anderen auszeichnen, selbst die Trümmer dürften uns nichts anhaben. Mit dieser Auffassung kann ich nicht einige gehen, das Leid wird uns doch nicht geschickt, daß wir uns lächend darüber hinwegsetzen, sondern es muß wirklich durchlitten werden, es muß uns an Ende unserer Kraft führen; selbst Heilige standen oft in Gefahr darunter zu sinken. Und was die Trümmer angeht, sie müssen uns doch etwas anhaben dazu sind sie doch da; sie sollen uns nicht entmutigen, wir

müssen uns der Kunde öffnen, die sie uns bringen sollen, damit wir das Wort vernehmen, das Gott durch sie zu uns sprechen will. - Das, was die Einzelnen bei der Diskussion äußern, läßt einen Einblick tun in ihre Einstellung. Bei der Frage, wann und wie der Tag morgens begonnen werden soll, antwortete ein junger Mann ganz schlicht: „Wir stehen zusammen um 6 h auf, um den Tag im hl. Opfer beginnen zu können. Nachdem ich 6 Jahre fast auf alles religiöse Leben mit der Kirche verzichten mußte, ist es mir ein Bedürfnis, jede Gelegenheit zu nutzen, um dem Herrgott zu danken, daß Er uns all das Schreckliche überwinden ließ und nun den Anfang setzten können zum gemeinsamen Leben.” Möchten doch noch recht Viele mit dieser Gesinnung in die Ehe hineingehen, ich meine dann braucht uns um unsere künftigen Familien nicht bange zu sein.

Montag, den 3. September. Herr Hönneknösel hat heute die Nachricht bekommen, daß er wegen seiner Mitgliedschaft zur Partei nicht mehr eingestellt wird. Solch ein Schlag ist für Diesseitsmenschen wie sie kaum zu verwinden. Die Maßnahmen die gegen PG's ergriffen werden, stellen ungeheure Härten dar, man müßte ihnen doch wenigstens eine geringe Existenzmöglichkeit lassen.

Heute abend hat Hans mir mit seiner jungen Frau den

 

 

ersten Besuch gemacht. Finni kam auch noch dazu, so war es ein munterer Kreis.

Mittwoch, den 5. Sept. In diesen Tagen habe ich den Leuten in der Heide wieder mal geschrieben; wie schön muß es jetzt dort sein, wenn die Heide blüht und überall die Bienen summen. Die anderen Jahreszeiten, Herbst, Winter, Frühling u. Sommer habe ich ja dort erlebt, nur die schönste Zeit, die der Heideblüte nicht. Ob es uns später wohl mal vergönnt sein wird, gemeinsam Ferien dort zu halten? Ach August, immer wieder versteigen sich meine sehnenden Gedanken in dieses Luftschlösserbauen, wie gerne verweile ich darin! Und es ist gut so, denn wenn wir auch das nicht mehr können, wäre das Leben doch zu freudlos.

Heute war ich nach Jahren zum ersten Mal wieder in Bayenthal im Kloster, wo ich so herrliche Tage der Schulzeit verlebt habe. Das Sprechzimmer atmet Ernst u. Feierlichkeit, klösterliche Strenge und Ordnung. Herzlich empfängt mich die Oberin, eine frühere Lehrerin, der ich viel zu danken habe. Es wird mir schwer auf die Fragen zu antworten, weil es all die Dinge wieder berührt, die ungeheilte Wunden meines Herzens sind. - Über die Nachricht, daß Schw. Ehrentraud aus dem Kloster ausgetreten ist, bin ich sehr erstaunt. Was mag sie wohl zu diesem Schritt bewogen haben?

Freitag, den 7. Sept. Herz-Jesu-Freitag. Lange habe ich diesen Tag nicht mehr besonders erwähnt und begangen; ich war beschämt, als Herr Raskop davon sprach, daß er es als besondere Fügung betrachte, gerade am Herz-Jesu-Freitag nach Hause zu kommen. Der Kern der Herz-Jesu-Verehrung, der Sühne-Gedanke, müßte er uns heute nicht besonders beschäftigen, ja unser innigstes Anliegen sein? Wenn die Menschheit Sühne leisten soll für die begangene Schuld, so müssen wir es zuerst tu, wir, auf denen die besondere Erwählung ruht. Denn nur der In-der-Gnade-Stehende vermag zu sühnen, so konnte ja auch Adam seine Schuld nicht selbst sühnen, dazu mußte der Herr kommen, der Schuldlose, auf dem Gottes Wohlgefallen ruhte, und er hat es durch sein Leiden und Sterben. Muß die Kirche als der fortlebende Christus nicht so ein Erlösungs- u. Sühnewerk fortsetzen in der Geschichte? Darum sind wir es, die Gliedes seines mystischen Leibes, die die Hefe des Leidenskelches der Welt trinken müssen, soll er seine reinigende + heiligende Wirkung tun. Darum finde ich es ganz „in der Ordnung” wenn wir mehr zu tragen haben, als die Kinder dieser Welt, wenn man auf uns herabsieht während die anderen Thriumpfe feiern, und es berührt mich immer recht eigenartig, wenn mal jemand auf Grund seiner rel. Einstellung irdische Vorteile genießt. Es sind nur Einzelerscheinungen und wenn das Hosianna wirklich noch mal in der Geschichte laut

 

 

wird , dann folgt ihm nur zu bald das „Kreuzige ihn”. So werden sich heute alle verrechnen, die glauben, die schwarze Karte sei wieder Trumpf.

Sühne kann nur aus einer Liebe heraus geleistet werden, und weil in der menschlichen Vorstellung das Herz als Organ der Liebe gilt, darum verehrt die Kirche das Herz des Herrn als den Sitz seiner göttlichen Liebe zu uns und zum Vater.

Wir sind darüber hinaus, an der persönlichen Auffassung und der manchmal schiefgeratenen Form Einzelner die Herz-Jesu-Verehrung an sich abzulehnen, wie wir es in früheren Jahren getan haben. Als ich bei den Eltern im Geschäft war und mit ihnen die Sorge um die große Familie trug, hat sich mein vertrauendes Gebet oft in einer mich fast erschreckenden Weise erfüllt. Mit einer Bitte wandte ich mich nur in äußerster Not an das Herz des Herrn, dann aber konnte ich auch ihrer Erfüllung sicher sein. Wenn ein großer Wechsel zu bezahlen war und das Geld nicht ausreichte, wurde mir meine Bitte meist in letzter Minute gewährt. Dann war ich so voller Dank u. Freude, daß ich, nachdem ich bei der Bank die geschäftlichen Dinge erledigt hatte, eine gute Weile in St. Andreas in stillem Gebet zugebracht habe. Ach August, ich müßte Dir noch so viel erzählen aus dieser Zeit, wir haben doch bisher viel zu wenig Gelegenheit dazu gehabt.

Heute mittag bin ich nach Gladbach gefahren. Dort sagte man

mir, daß in Dellbrück in der Kaserne, wo deutsche Soldaten gefangen gehalten werden, Listen französischer Gefangenenlager auslägen; da wollte ich natürlich gleich hin, denn ich möchte doch nichts unversucht lassen, um etwas von Dir zu erfahren. Es war mir eine Freude so in dem lauen Herbstwind zu fahren. Mit roten Backen und wehendem Haar kam ich an der Kaserne an, aber vergebens, es war nur die Liste der Lagerinsassen dort. Am frühen Abend kam ich zurück und habe Maria Schwellenb. noch einen Besuch gemacht. Wunderschön hat sie sich ihr kleines Reich in der Baracke eingerichtet. Und erst die Kinder .. Ich muß immer mein Herz in beide Hände nehmen, wenn ich so ein kleines Geschöpfchen sehe, dann heißt es jedes Mal neu Ja sagen. Maria ist aber auch ganz glücklich in ihrem zweifachen Muttersein. Der kleine Mann ist ganz das Bild seines Vaters, von dem Maria gestern Nachricht aus russ. Gefangenschaft bekam. Ich will mich zunächst mit den anderen freuen, denen die bange Ungewißheit genommen ist. Auch in der Verteilung der Dinge ist der Herr gerecht, wo 3 Menschen warten tut es mehr not als da wo nur Einer steht. So will ich Geduld üben, bis auch meine Stunde kommt.

Ein kurzer Besuch bei Frau Weiß sagt mir, daß es bei ihr jetzt wirklich 5 Min. vor 12 ist. Kein Geld mehr, alle drei Kinder krank, Ursula so schlecht dabei, daß es beängstigend ist, da

 

 

wäre es wirklich an der Zeit, daß der Vater die Bürde auf seine Schultern nimmt.

Daheim gibt es wieder ein paar gute Stunden im Kreise der Familie. Hanni u. Rosi erzählen von ihren Erlebnissen aus der Schule. Es ist einfach köstlich, wie sie ihre Aufgabe anfassen. Die Kinder sind so begeistert für ihre Lehrerinnen, daß, als Rosi ein Kind mit Nachsitzen bestrafen mußte, die ganze Klasse rief: „Darf ich auch hier bleiben?” Einem kleinen Jungen hat Rosi nach der Stunde das Rechnen erklärt, plötzlich leuchten die Augen auf, er hat es begriffen, schnell läuft er an seinen Platz, holt seinen roten Apfel aus seiner Tasche und legt ihn auf Rosis Pult. Es war ihm einfach ein Bedürfnis Rosi aus Dankbarkeit eine Freude zu machen. - Es ist zu nett, was die Beiden erzählen, sie haben das erreicht, was ich mir in meinen Mädchenjahren immer gewünscht habe. Wenn ich nicht verheiratet wäre, könnte ich sie beneiden. So aber steht mir ja das andere Ideal vor Augen, das gemeinsame Leben mit Dir im Kreise der eigenen Familie, dagegen müssen alle früheren Bilder verblassen.

Sonntag, den 9. Sept. So schön die Stunden daheim bei den Lieben immer sind, den Samstagabend und Sonntag verbringe am Liebsten in meinem kleinen Reich allein. Wie so oft in früheren Jahren beschließe ich die Woche im Beten + Singen der Komplet inmitten der Gemeinschaft junger Kirche. Gestern abend stand das Kreuz,

das Jungen aus den Trümmern von Kapitol ausgegraben haben, im Mittelpunkt des Blickfeldes. Mein Gemüt war ganz wach und empfindsam für all die Eindrücke, die sich mir bei diesem abendlichen Beten und Singen boten. Vorher schon hatte ich eine rechte Gnadenstunde in der Notkirche von St. Johann. In dem großen Raum des früheren Gewerkschaftshauses, wo vor einigen Monaten noch um Kriegsschädengelder verhandelt wurde, hat man die Wohnung Gottes hergerichtet. Mir kommt es vor, als ob uns der Herr in solcher Armut noch viel näher sei als früher in unseren herrlichen Kirchen. Das Bußsakrament, das ich dort empfing, war wirklich Begegnung im Hl. Geiste. Es ist Gnade, wenn man im Angesichte Gottes die ganze Kleinheit und Armseligkeit des eigenen Herzens erkennen darf. Ja, ich habe sie in dieser Stunde wieder so recht gesehen und bin dankbar dafür. Ich mußte mich auch mit dem Konflikt in der Liebe wieder auseinandersetzen, der mich in letzter Zeit stärker beschäftigt hat.

Wenn ich mir über mein religiöses Tun Rechenschaft ablege, so muß ich bekennen, daß ich letztlich alles für Dich getan haben, um Dir Gottes Gnade + Segen zu erflehen. Somit habe ich die Liebe zu Gott der Liebe zu Dir nachgesetzt und nicht mehr die rechte Rangordnung eingehalten. Aber hat der Herrgott Dich mir nicht zum Gegenstand meiner Liebe gegeben? Ach August, ich darf Dich nicht weniger lieben, ich muß Dir einfach die ganze

 

 

Liebesglut meines Herzens zuwenden und dann will ich so vor den Herrn treten und sagen: Sieh' an unsere Liebe, erschaue sie bis in ihre letzten Beweggründe, die Dir nicht verborgen sind, sieh', es ist das Schönste und Kostbarste unseres Selbst, nimm es hin, laß es an Deinem Wohlgefallen sich vertiefen und verneuern und schließlich dem einen großen Ziel dienen: Deiner Herrlichkeit.

Heute morgen wollte ich den Sonntag im Dom feiern, aber alle Pforten waren verschlossen, still und einsam war es um ihn her. Wegen der Gefahr, daß bei den ständigen Brückensprengungen sich Steinblöcke lösen, wagt sich niemand in seine Nähe. So bin ich schließlich wieder in der Krypta von St. Gereon gelandet. - Am Nachmittag war bei Weyerstraß Namenstagskaffee, da mußte ich mit dabei sein. Abends machte mir dann H. Raskop noch einen Besuch. Jede Unterhaltung mit ihm ist eine Bereicherung, wenn Du doch nur mit uns all die Fragen und Probleme erörtern könntest.

Nun aber geht der Tag zur Neige und die letzten Gedanken dieses Sonntags sollen ganz Dir gehören, Du mein August. Ob der Tag auch für Dich ein Sonntag war? Ich wünsche es Dir so recht von Herzen. Unsere Liebe und meine sehnenden Gedanken mögen uns in dieser Abendstunde über alle Trennung hinweg zueinander führen. Schlaf wohl, Du mein Liebster, der Segen des Herrn sei mit Dir allezeit u. in dieser Nacht.

Montag, den 10. Sept. Den ganzen Morgen habe ich beim Wohnungsamt zugebracht. Es ist furchtbar wie die Menschen dort um ein Obdach kämpfen, wie sie einander Schwierigkeiten bereiten u. jeder nur an sich denkt. Wie froh bin ich durch meine Stellung schon so manchem helfen zu können. Der Kampf gegen den Egoismus derer, die noch alles besitzen, ist natürlich nicht leicht, aber angesichts der Not nehme ich mir immer wieder ein Herz dagegen anzugehen. Gestern konnte ich wieder 2 junge Studenten unterbringen, die ganz glücklich waren aus ihrer wirklich menschenunwürdigen Behausung herauszukommen. - Auf dem Ring fuhr wieder eine ganze Kolonne Fahrzeuge mit entlassenen Soldaten durch. Ich bleibe stehen und mein Auge sucht die Gestalten ab, ob Du nicht dabei bist, Du, auf den ich mit allen Fasern meines Seins warte. Einmal mußt Du doch zurückkehren.

So oft schon in diesen Tagen durfte mein kleines Heim Herberge sein; heute abend ist's ein Ehepaar, dem auch die Wohnung genommen ist u. nicht weiß, wo es bleiben soll. Sie kommen in ihrer Not zu mir und sind von meinem Angebot sie aufzunehmen ganz überrascht. Die Meisten glauben garnicht mehr daran, daß es Menschen gibt, die ohne eigenen Vorteil zu suchen anderen Gutes tun, sodaß sie dann, wenn es ihnen mal begegnet, aus ihrem Vorurteil

 

 

und Mißtrauen garnicht herauskönnen. Was mir eine Selbstverständlichkeit schien, konnten sie garnicht begreifen. Ach, und wie tut den Menschen heute ein bißchen Güte und Liebe not, es ist mir immer eine Freude, anderen von den Schätzen mitgeben zu können, die ich so oft erfahren durfte.

Mittwoch, den 12. Sept. Draußen in den Wiesen vor meinem Fenster hat ein Arbeiter für sich + seine Familie eine prächtige Holzbaracke gebaut. Auch für Hund + Katze, Hühner + Enten hat sich da noch ein Dach gefunden. Dadurch dringen zuweilen wieder die altvertrauten Laute an mein Ohr, die mir in der Heide eine liebe Gewohnheit geworden sind. Heute mittag wurde ich durch das Flügelschlagen auf eine Taubenschar aufmerksam, die sich wie eine Wolke aufschwang und wieder senkte. Da erst fiel mir ein, ob wohl die vielen Tauben die in den Fialen u. Bögen des Domes ihre Nester hatten u. früher vom Domplatz nicht wegzudenken waren, alle in dem Bombenregen mit umgekommen sind? Heute passen sie nicht mehr in das Bild der Zerstörung, die Sinnbilder des Frieden würden uns das Chaos nur noch furchtbarer empfinden lassen.

Donnerstag, den 13. Sept. In den letzten Tagen häufen sich im geschäftlichen Leben die Schwierigkeiten derart, daß ich oft nicht ein noch aus weiß. Heute mittag hatte ich es so schwer, daß

ich spürte, es geht nicht mehr. Da habe ich mich kurz entschlossen aufs Rad geschwungen und hinausgefahren. Es ist ein herrlich schöner Tag, von der raschen Fahrt klopft mir das Blut in die Schläfen und bald bin ich den unliebsamen geschäftlichen Dingen ganz entrückt. Ich fahre an der Peripherie der Stadt die Wälle herunter und erfreue mich an jedem Baum, jedem Stückchen Grün, das mir begegnet. Da fällt mir ein, daß ich Cordula einen Besuch machen könnte, die sicher schon darauf wartet. In ihrem kleinen Heim herrscht reges Leben. Echens Franz ist zurückgekommen. Klein Bruno, der Mittelpunkt der erweiterten Familie, wird von allen gut erzogen, es herrscht eine Eintracht bei ihnen, an denen man seine helle Freude haben muß. Richard u. Cordula sind nun so weit, daß sie sich von Herzen ein Kindchen wünschen, aber der Herrgott scheint ihnen zeigen zu wollen, daß das neue Leben nicht von der Lust u. Laune des Menschen bestimmt werden kann, sondern ein Gnadengeschenk Seiner Allmacht ist. Ich würde ihnen schon gönnen, daß sich ihr Wunsch bald erfüllt, aber ich gebe ihnen, da sie das Gespräch auf ihre bisherige Haltung Stellung zum Kind und das eheliche Zusammenleben bringen, ganz offen meine Meinung zu erkennen. - Bei Franz stehen die Berufssorgen im Vordergrund. Er ist schon 8 Wochen am Schutt schippen u. kommt nicht davon los, da er keine Stelle

 

 

finden kann. Die Anzeichen für den Beginn einer neuer Arbeitslosigkeit sind groß. Wenn man doch nur helfen könnte. Nachdem wir ein paar Stunden herzlich miteinander geplaudert haben, fahre ich in den sinkenden Abend heim. Die Bäume im Grüngürtel legen langsam ihr herbstliches Kleid an, begierig nehme ich all die Schönheit schauend in mich hinein. In einem verlassenen Schrebergarten leuchten mir die gelben Sterne der Sonnenblumen entgegen, Goldjaspe, Margrethenblumen, einen ganzen Arm voll nehme ich mir mit, sie sollen mir die Freude der Natur mitbringen in mein kleines Heim. Aber die ist auf dieser kleinen Fahrt, die ich mit Recht: Flucht aus dem Alltag, nennen kann, ohnehin so tief in mein Herz gedrungen, daß es des äußeren Zeichens kaum noch bedarf. Wie ich so in großem Bogen um unsere Stadt fahre unter den herbstlichen Bäumen her, die Domtürme von Ferne grüßend, muß ich daran denken, wie wir vor 3 Jahren den gleichen Weg zum ersten Mal gemeinsam machten. Auch damals begannen die Blätter zu fallen; wo magst Du in diesem Jahr das Vollenden und Sterben der Natur miterleben? Ach, daß doch nur Dein Herz wach und Dein Auge offen bleibe, um all das recht zu erleben. Möge Dir aus solchem Schauen, das uns keiner nehmen kann, wenn wir bereit sind, - die Freude erwachsen, die als ein kleines Licht Dein jetziges Leben erhellen möge.

Freitag, den 14. Sept. Wie nach einer gewonnenen Schlacht habe ich heute das Wohnungsamt verlassen, als ich endlich die Einweisung für die Wohnung Raskop in der Tasche hatte. Das sind so Stunden, in denen ich mich mit meinem „Beruf”, der mir im Allgemeinen eine liebe Not ist, wieder aussöhne. Wenn es mir gelungen ist, anderen zu helfen, Menschen eine Stätte zu bieten, wo sie ihr Leben als Familie führen können, oft nach jahrelanger Trennung, dann kann mir aus der Erfüllung meiner Pflicht auch ein gewisses Glück erwachsen.

Samstag, den 15. Sept. Heute mittag hatte ich Hochbetrieb: Else, Maria und Gertrud kamen unerwartet zu Besuch. Finni kam auch noch dazu, da war mein kleines Reich voll. Munter ging das Geplauder hinüber und herüber und obschon die Mahlzeit kärglich war, sprachen ihr alle ordentlich zu. Else berichtet von der Einrichtung ihrer Wohnung in den Trümmern. Ich kann nicht verstehen, daß sie es fertig bringt, die Kinder in Amelunxen zu lassen. Ich glaube, die meisten Frauen sind in der Hauptsache Gattin des Mannes und erst an zweiter Stelle Mutter ihrer Kinder. Es wird nicht leicht sein wenn, wie in Elses Fall, Entweder-Oder gestellt wird, die Entscheidung zu fällen; aber sie ist letztlich nur das Offenbarwerden der Grundeinstellung, die ständig da ist. Ich weiß nur, daß ich mich anders entschieden hätte.

 

 

Bei der Feier der Komplet war wieder alles auf das Kreuz ausgerichtet, das morgen wieder an seinen alten Ort nach Altenberg gebracht werden soll. Wie es geholt wurde zu Fuß auf den Schultern der Jungen getragen, so soll es auch wieder zurückkommen. Dieses Geschehen ist Anlaß des ersten großen Jugendtreffens in Altenberg, es ist sicher nicht von ungefähr, daß es gerade unter dem Zeichen des Kreuzes steht. - Ein feines Mädchen aus der Gemeinschaft, die morgen bei Tagesgrauen mit beim Kreuzgeleit sein will, wird diese Nacht bei mir zubringen. Am Abend sitzen wir noch ein paar gute Stunden zusammen, Herr Raskop, den die Fragen um seine Wohnung oft hierin führen, erzählt uns von seinen Erlebnissen in den Bergen. Kostbar sind solche Gespräche, mir legt sich nur immer der eine Schatten auf die Freude, daß Du nicht mit dabei sein kannst.

Sonntag, den 16. Sept. Lange habe ich erwogen, ob ich heute mit nach Altenberg gehen soll oder nicht. Dann bin ich doch hier geblieben, ich sah mich seelisch und körperlich nicht dafür aus. Vor der Masse machte ich mich regelrecht bange, so habe ich mich entschlossen, die Wallfahrt an einem anderen Sonntag ganz allein nachzuholen. Ganz still ist dann der heutige Sonntag verlaufen, meine Gedanken weilten in den kostbaren Erinnerungen unserer gemeinsam verlebten Tage. Wie reich waren sie doch, welche Fülle des Glücks ist uns geschenkt worden, daß die

Erinnerung allein schon so zu beglücken vermag. Am Mittag bin ich dann nach Gladbach gefahren, die Verbindung ist noch garnicht gut, besonders sonntags, aber wenn ich innerlich ausgeglichen bin, kann mich selbst der lange Aufenthalt nicht aus der Fassung bringen, dann ist es auch keine verlorene Zeit. In Gladbach sind alle über meinen späten Sonntagsbesuch noch sehr erfreut. Und auch für mich gibt es eine große Freude, Herr Weiß ist da.

Der Herrgott hat ihn seiner Familie gerade im richtigen Augenblick zurückgeschenkt, habe ich doch bei meinem letzten Zusammensein mit Frau Weiß gespürt, daß die Last über ihre Kräfte ging. Die Freude, ihren Mann wieder da zu haben, hat sie völlig umgewandelt, man spürt richtig wie sich der Eine von des Anderen Liebe getragen weiß. Ach August, ich will mich vorerst mit all den anderen freuen, die wieder zusammen sein dürfen, vielleicht wird auch uns dann eines Tages die Freude zuteil.

Dienstag, den 18. Sept. Ich habe mich wirklich ehrlich mit den Beiden gefreut, daß sie wieder zusammen sind, aber die gemeinsame Stunde mit ihnen hat mich doch die Trennung von Dir viel schmerzhafter empfinden lassen. So geht es mir jedesmal wenn ich zwei Menschen begegne, die sich in Liebe zugetan sind; am liebsten würde ich es ihnen zurufen, daß sie das Geschenk des Zusammenseins doch recht zu schätzen wissen und dankbar dafür sind. So hatte ich gestern einen wirklich schweren Tag, die

 

 

Traurigkeit wollte mich fast übermannen und es bedurfte wirklich aller Kräfte, um dagegen anzukämpfen. Wenn die Liebe zu Dir so stark nach Erfüllung drängt und die Trennung wie eine schwere Bürde auf mir lastet, dann ist die Gefahr groß, daß man sich im eigenen Leid verschließt und das der anderen Menschen nicht mehr sieht. Ich versuche immer ganz bewußt dagegen anzugehen, ja aus dem Reichtum der Liebe zu Dir auch den anderen mitzugeben. Aber nur selten gelingt es mir.

So hörte ich von den beengten Verhältnissen, in denen Frl. Gittler, Lehrerin von Ha Ro, untergebracht war. Ständig die Duldung spüren zu müssen, mit einer fremden Kollegin in einem Bett schlafen, keine Stunde für sich sein zu können, das ist gewiß nicht leicht. Kann ich es da verantworten, daß mein Sofa trotz der vielen Schlafgäste so oft leer steht? Ich muß gestehen, daß es mich einen Kampf gekostet hat bis ich ihr das Angebot machte, daß sie zu mir kommen könne. Ich bin zu sehr an das Alleinsein gewöhnt, als daß ich es so ohne weiteres gegen die Gemeinschaft mit einem fremden Menschen tausche. Aber jetzt muß alles persönliche Interesse vor der Not des anderen schweigen. - So hat Frl. Gittler also gestern Einzug bei mir gehalten. Das arme Wesen ist in der letzten Zeit so viel hin und hergeflogen und ist für jede kleine Aufmerksamkeit so dankbar. Mir selbst tut es auch gut, jemand bei mir zu haben, für den ich sorgen kann, dem ich durch die

Bereitung der Speisen, die Gestaltung des Heims und des gemeinsamen Lebens eine Freude machen kann. Besonders im Kochen gebe ich mir jetzt viel mehr Mühe, während mir für mich allein jede Arbeit zu viel war. Ach August, wieviele Freude wird es mir erst machen, wenn ich all das für Dich tun darf.

Heute abend schellte Frl. Bolten ganz zaghaft bei mir an, ob sie sich ein paar Kartoffel bei mir kochen dürfe, sie kann ihrem Gast - Frl. Schmitz ist bei ihr - im Heim noch nicht mal eine Tasse Kaffee anbieten. Wenn ich so etwas höre, kommt mir das Glück ein eigenes Heim zu besitzen, ganz besonders zum Bewußtsein. So habe ich ihnen dann bei mir ein feines Abendessen bereitet und wir haben ein paar gute Stunden miteinander zugebracht.

Mittwoch, den 19. Sept. Heute besuchte mich ein früherer Kollege von der Bank: So habe ich mir das Heim von Frau Broil auch vorgestellt, viel Licht, viel Blumen, Bücher und Bilder. Ich habe mich über das Urteil von Herzen gefreut.

Freitag, den 21. Sept. Seit einigen Tagen sind wir abends ohne Licht und weil ich mit den Kerzen haushalten muß, bin ich dazu verurteilt früh ins Bett zu gehen. Es ist etwas Schönes, so wach zu liegen und zu träumen und wenn die Gedanken dann zu Dir gehen durchfährt mich schon etwas von dem Glück, das uns im wirklichen Zusammensein geschenkt wird. Ach, möchte es doch nur recht bald Wirklichkeit werden.

 

 

Gestern abend spät, wir hatten wieder kein Licht, kam unerwartet das Auto mit unseren restlichen Sachen aus Berg. Gladbach an: Schrank, Sessel, Bilder, Nähmaschine, Nachttischchen und Bettzeug. Vater, Finni, Hanni und Echen waren als Transporteure mitgekommen, da hatte ich meine liebe Not alle mit Essen und Nachtlager zu versorgen, aber es hat geklappt. Heute habe ich unser Heim nun endgültig einrichten können, ich bin ganz glücklich, daß alles so schön geworden ist, könntest Du Dich doch nur bald daran erfreuen! - Heute abend mußte ich mit meinem Stopfzeug zu Weyerstraß gehen, weil dort Licht ist. Über die Arbeit haben wir recht vergnügt geplaudert, sodaß die Bitte, diesen Abendbesuch doch recht oft zu wiederholen ganz von Herzen kam.

Sonntag, den 23. September. Gestern mittag habe ich es mir daheim recht gemütlich gemacht, im Sessel sitzen und lesen, das war für mich schon von jeher der Inbegriff von Freizeit. Meine Freude an solchem Tun wird nur dadurch meist getrübt, weil ich daran denke, unter welchen Umständen Du jetzt vielleicht leben mußt, derweil es mir so gut geht. Wenn wir doch nur einmal etwas voneinander hören würden, damit jedem die bange Sorge um den anderen genommen wird. Aber wir müssen ausharren.

Gestern abend in der Komplet gab mir die Stelle wieder besonders zu denken wo es heißt: „Nur sollst du es schauen mit deinen Augen und sehn wie den Frevlern vergolten wird.” Darin kommt die

alttestamentliche Einstellung zum Ausdruck, die im Leid nur die Strafe für begangenes Unrercht sah, vor dem der Gerechte gefeit sei. Wir aber haben erkannt, daß das Leid, das im Erlöserleiden des Herrn geweiht und zur höchsten menschlichen Funktion dem Schöpfer gegenüber erhoben wurded, einen viel tieferen Sinn hat. Daß gerade die Menschen seine Bürde tragen müssen, die von Gott in besonderem Maße ergriffen wurden. Denn nur das im rechten Geiste getragene und erlittene Leid kann den Menschen zum Heil gereichen, weil es teil hat an der Kraft des göttlichen Erlösungsleidens.

Nach einem stillen Sonntagmorgen im Heim, habe ich den übrigen Tag in Berg. Gladbach in Gemeinschaft mit der Familie zugebracht. Ich muß ja an den Sonntagen, deren Stunden so kostbar sind, immer Dreien gerecht werden, Dir und unserer Gemeinsamkeit, den Lieben und den Freunden. Am Abend als wir in der kleinen Stube im Kreis der Familie um den Tisch herum saßen, kam Franz Weyerstraß noch an. Er wünschte sich einen Abend mit uns zu singen. Er spielte die Klampfe und fein klang es in den Abend. Schließ Aug' und Ohr für eine Weil' vor dem Gehör der Zeit. Es ist bezeichnend wie unsere Heimkehrer, wenn sie sich in der rechten Umgebung wissen, immer die stillen Lieder der Mädchen wünschen. Im Claudius' Lied fand der Tag einen guten Abschluß. „Laß uns ruhig schlafen und unsern kranken Nachbarn auch.”

 

 

Montag, den 24. Sept. Das heutige Fest „Maria von der Erlösung der Gefangenen” ist mir im kirchlichen Kalender noch nie aufgefallen, heute aber bin ich glücklich überrascht darüber, daß die Kirche dieses Anliegen zum Anlaß eines Festes macht. Wieviel Gebete von Frauen und Müttern, Eltern, Geschwistern und Kindern steigen täglich, besonders aber an diesem Tag mit der Bitte um die Befreiung der Gefangenen empor zum Herzen der himmlischen Mutter. Auch ich will alle meine Sorge um Dich, all mein Bitten um Deine Heimkehr in ihre guten Mutterhände legen.

Fast täglich kommen Familien zurück, die nichts mehr vorfinden, wenn die Wohnung nicht zerstört ist, ist sie von anderen besetzt, die letzte Habe gestohlen. Hilfesuchend kommen sie dann zu mir und es ist mir hart, nicht immer helfen zu können. Aber sie sind schon für ein verstehendes Wort dankbar und oft habe ich mein Mittagsmahl mit solchen teilen können. Heute kamen Fam. Stentrup zurück, mit denen ich all die Schrecken der Fliegernächte im gleichen Keller erlebt habe. Man spürt doch, wie solch gemeinsam erlebte Not bindet.

Dienstag, den 25. Sept. Der heutige Tag war ein besonders schöner Tag für mich. Rel. Weißkichel, dessen Schwester ich eine Wohnung besorgt habe, hat mir zum Dank eine hl. Messe im Anliegen Deiner Heimkehr gelesen. Ich kann Dir garnicht sagen, wie glücklich ich über dies Geschenk war. So bin ich denn in aller Frühe durch die

schlafende Stadt zur kleinen Notkapelle in der Vondelstr. gegangen, wo er amtiert. Dieses Meßopfer ist mir zu einem Erlebnis geworden, das ich nie vergessen werde. Der Priester hatte auf mich gewartet um mir vorher die schlichten Worte zu sagen: ich werde beim hl. Opfer recht innig an ihren lb. Mann denken. Das Wissen darum, daß der Priester mein Anliegen zu dem Seinen machte, gab mir eine frohe Zuversicht, die ich garnicht beschreiben kann. Er sprach über die Bedeutung des hl. Opfers. Weil es die Erneuerung des Erlösungstodes des Herrn ist, vergegenwärtigt es uns alle Gnaden, die wir je empfangen haben. So wird in der Feier des Opfers die Gnade der Taufe und der übrigen Sakramente aufs Neue Wirklichkeit, also auch die Gnaden unseres Sakramentes. Jetzt in der Zeit der Trennung tut uns seine Wirksamkeit vielleicht besonders not. Denn im Alleinsein ein wirklich gutes Leben zu führen ist für den ehelichen Menschen doch viel schwerer als für den jungfräulichen. Die Sehnsucht ruft alle Kräfte des Menschseins auf den Plan und da ihnen die Erfüllung in der Liebe versagt bleibt, bedarf es der starken Hand des Geistes, um ihrer Herr zu bleiben. Ich frage mich oft, wie Du wohl mit diesen Schwierigkeiten fertig wirst und beste darum, daß es Dir gelingen möge. Ich denke oft an den Satz, den ich Dir einmal zu Beginn unseres Weges schrieb, daß wir unseren Leib und unsere Seele nun aus einer doppelten Liebe heraus bewahren müssen, daß neben der Liebe zu Gott die Liebe zu Dir der

 

 

schönste und zwingenste Beweggrund dafür sei. Mein lieber August, wie sehne ich den Tag herbei, da wir einander von diesen Schwierigkeiten erlösen dürfen; denn ich weiß doch, daß Du an diesen Dingen viel schwerer trägst als ich.

Mit frohem Herzen bin ich nach diesem Opfer in meinen Tag gegangen und hatte dabei die stille Befriedigung, wirklich etwas für Dich getan zu haben. Lange habe ich mich gegen den Gedanken gesträubt, eine hl. Messe in dem großen Anliegen für Dich lesen zu lassen, Mutter in Gladbach hat es aus Anlaß Deines Namenstages schon getan. Es liegt wohl daran, daß ich immer noch nicht die rechte Haltung gegenüber dem Bittgebet finden kann. Und doch, ist nicht auch das aus rechtem Vertrauen gesprochene Bittgebet Verherrlichung Gottes?

Heute konnte ich einer Frau, die genau so sehnlich auf ihren Mann wartet wie ich, die erste Nachricht bringen. Es ist etwas, so Schönes, Freudenbringer sein zu dürfen. Aber anstatt für diese Freude dankbar zu sein, stimmt sie ein Klagelied an, sie wisse nicht, wie sie die beiden Kinder satt machen soll u.s.w. Da riß mir doch die Geduld und erzählte mal etwas vom Schicksal anderer Menschen. Sie habe Mann und Kinder gesund, ihr Heim u. ihre Sachen noch heil, da wäre die Klage über das, was Tausende mit ihr neben dem Verlust von Kostbarkeiten zu tragen hätten, Frevel. Darauf sagte sie nichts mehr.

Ach August, wenn ich es mir doch mit irgend etwas verdienen könnte, daß auch mir eines Tages solche Botschaft gebracht würde, wie ich es heute tun konnte. Es hat mich so froh gemacht, und wenn solche Freude in mir ist, dann meine ich immer, Dir müsse es in dieser Stunde auch besser gehen als sonst, irgendwie müßte ich es doch gefühlsmäßig erfahren, wie es um Dich steht. Wenn ich auch im Verlassen auf meine Gefühle sehr vorsichtig bin, ein Zusammenhang muß doch bestehen, daß habe ich nur zu oft erfahren. Wie die Soldaten oft erzählen, denen ein Bein abgenommen wurde, daß sie die fünf Zehen noch zu spüren meinen, wenn sie sie schon längst nicht mehr besitzen, so ähnlich muß es auch bei liebenden Menschen sein, wenn sie voneinander getrennt sind; die Liebe u. Sorge, die ständig um den andern kreist, wird endlich inne, wie es um den anderen steht, erst ahnend, dann mit immer größerer Gewißheit. Wie waren alle erstaunt, daß Lore so fest darauf bestand, daß Matthias lebt, bis sie in seinem Brief dann Bestätigung fand.

Mittwoch, den 26. Sept. Die Tage des Zusammenseins mit Frl. Gittler sind wertvoll für mich. Ich habe jemand, für den ich sorgen kann, dem ich mit manch kleinen Dingen Freude mache. Sie ist so dankbar für jede kleine Aufmerksamkeit. Zuerst ließ ich sie im Wohnzimmer auf der Couch schlafen, doch ist es jetzt ohne Fenster da zu kalt, sodaß ich sie zu mir in Dein Bett geholt habe. Auch das

 

 

hat mich etwas gekostet, aber ich sehe nun erst gegenüber der großen Wohnungsnot eine Berechtigung, die beiden Räume zu haben. Wir nehmen in der Gestaltung der gemeinsamen Abende Rücksicht aufeinander, machen uns dabei aber nicht voneinander abhängig. Wir lesen miteinander, plaudern über der Arbeit, aber wenn jeder für sich etwas tun will ist es auch möglich, daß wir lange Zeit kein Wort miteinander sprechen. Wir sind uns herzlich zugetan ohne daß unser Verhältnis intim wird.

Heute abend kreiste unser Gespräch um Wahrhaftigkeit, Natürlichkeit, Mut zu sich selbst, Zweckhaftigkeit im Reden + Sich-geben als Wurzel der Unwahrhaftigkeit. Viel müßte ich Dir davon erzählen, vielleicht kann es später mal von Mund zu Mund gehen.

Donnerstag, den 27. Sept. 1945, Winfrieds Geburtstag.

Mein lieber August, heute ist es ein Jahr her, daß der Herrgott uns unser erstes Kindlein schenkte. Der Jahrestag hat wieder das ganz große Geschehen, wie ich es erleben durfte, in mir erstehen lassen und der Dank dafür rang sich in Glück u. Schmerz aus meinem Herzen. Den ganzen Tag über wanderten die Gedanken zurück. Ach August, wie ich das alles erlebt habe, das kann ich selbst Dir nicht sagen, aber daß Du es einmal erfahren mögest, das wünsche ich Dir von Herzen; ich glaube, dann hättest Du mich noch viel mehr lieb. Vielleicht wirst Du es dann erst erfahren, wenn Dir die Seele unseres Winfried in der Ewigkeit

entgegenkommt und Dir für ihr Dasein dankt.

Wie werden wir diesen Gedenktag begehen, wenn wir unser Leben wieder gemeinsam führen. Auch jetzt habe ich ihn mir zum Festtag gestaltet. Als am Abend vor dem Bild des Erlösers die Kerze ihren stillen Schein gab, da war ich trotz meiner Einsamkeit nicht allein, ich fühlte mich Euch seltsam nahe, Dir und Winfried, und darüber mußte ich einfach froh werden.

Freitag, den 28. Sept. Das Hineindenken in all die feinen zarten Dinge, die mit Winfrieds Geburt in Zusammenhang stehen, hat mich krank gemacht. So war es ja schon immer mit mir, daß ich seelischen Erschütterungen körperlich nicht so gewachsen war wie körperlichen Anstrengungen. Diesmal hat es mich so gepackt, daß ich zu Bett liegen mußte. Guardinis Aufsatz: „Die Unschuldigen Kinder und die Gnade” war mir Anlaß zu guten Gedanken, die mir über die Trübsale des Herzens hinweghalfen. - Aber vor meinen Mietern hatte ich heute keine Ruhe, einige verstanden es, sogar bis zu meinem Bett vorzudringen. Auch Herr Raskop machte mir einen Besuch. Die Gespräche mit ihm, die über den Alltag sehr bald zu den eigentlichen Fragen des Menschenlebens hinführen, sind mir immer sehr kostbar. Wie schön wird es werden, wenn seine Familie hier ist und Du sie mal kennenlernst. Wir werden ja hoffentlich bald Hausgenossen.

 

 

Am Abend kam Finni noch hinzu. Sie erzählte, daß Herr Hesse den Betrieb nicht mehr betreten darf. Ihm ging ja sein Werk vor alles, selbst die Familie hatte er ihm nachgesetzt. Ich habe dazu bemerkt, daß es auch daran wieder offenbar werde, daß der Herrgott von jedem das Opfer fordert, das ihm am schwersten fällt. Als Finni fort war, erwidert Frl. Gittler darauf: Wollen wir nicht besser sagen, jeder darf dem Herrgott das für ihn schönste und kostbarste Geschenk darbringen?

Ja zu dieser Einstellung müssen wir uns durchringen, nur die Liebe vermag so das Leid zu verklären. Es war mir eine große Freude, diese Gedanken, die in mir selbst mehr und mehr Wurzel fassen seitdem ich dem Herrn in Winfried ein so kostbares Geschenk machen durfte, von ihr zu hören. Möchten doch recht viele Menschen dahin gelangen, damit das Leid wirklich Quelle der Gnade, sogar Quelle der Freude werden kann.

Am Fest St. Michaels. Was bewegt uns nicht alles, wenn wir seinen Namen nennen, Michael? Gerade in den Jahren des Krieges ist uns seine Gestalt so herrlich und groß erschienen. Ihm, der die Sache Gottes gegen den Ansturm des Bösen so glänzend vertreten hat, wollen wie auch unsere Sache, unsere persönliche und die unseres Volkes vertrauensvoll in die Hand legen. St. Michael, sei unser Anwalt an Gottes Thron und laß auch uns den Sieg erringen gegen alles Widergöttliche in uns und um uns.

Hanni u. Rosi waren wieder auf Hamsterfahrt und haben dabei bei mir Station gemacht. Sie haben sich prächtig entwickelt, ich bin so froh darum. Es tut mir leid, daß ich etwas unwillig wurde, als sie mir mein sonntägliches Schlafzimmer mit Rädern und Hamsterpaketen schmutzig machten; das sind Hausfraueneigenarten, die ich garnicht erst angewöhnen will. Aber wenn ich mich nicht wohl fühle, rutscht schon eher mal ein Wort dadurch als sonst. - Den ganzen Tag über bin ich im Haus geblieben, nach Frl. Gittlers Methode eine Decke um die Beine gedreht, denn es ist schon recht ungemütlich. Am Abend aber drängt es mich, dem Herrgott einen Besuch zu machen; wenn ich schon nicht zur Komplet komme, dann will ich doch wenigstens so eine stille Weile bei ihm zubringen. Das ist mir jetzt überhaupt am liebsten, wenn ich still für mich allein vor dem Altar knien kann, zu öffentlichen Dingen es religiösen Lebens kann ich keine rechte Beziehung mehr finden.

Sonntag, den 30. Sept. Heute war in der Klosterkirche 40-stünd. Gebet. Der ganze Tag war ausgefüllt mit Betstunden, nur von 1-2 war kein Programm angesetzt. Und da bin ich hingegangen. - Nach Jahren fiel mir heute zum ersten Mal wieder „die Nachfolge Christi” in die Hand. Ich habe mich nie dafür interessiert und es eigentlich als altmodisch abgetan. Wie voreilig ist man doch oft in seinem Urteil. Als ich das Buch aufschlug, fiel mein Blick zuerst auf die Forderung,

 

 

die der Apostel auch in der heutigen Epistel stellt: Ziehet an den neuen Menschen! Und die Betrachtungen, die daran anknüpfen sind so, als ob sie eigens für mich gesprochen seien. „Oft mußt du tun, was du nicht möchtest, und was du möchtest mußt du lassen.” Ach, so geht es mir doch täglich, von so vielen Dingen, die mir schwer fallen, zu denen ich keine Beziehung finden kann, wird der größte Teil meines Tages ausgefüllt und für das, was ich gern tue, wonach ich mich sehne, muß ich mir die Zeit fast stehlen. Das geschehen zu lassen, sich immer wieder darein ergeben ist schwer, aber ich bemühe mich täglich darum.

Heute haben Frl. Gittler und ich zum ersten Mal einen Sonntag zusammen in meinem Heim verlebt. Es war wirklich ein schöner Tag, auch das Alleinsein mit Dir, das mir doch immer so feine Stunden bereitet, brauchte ich nicht zu entbehren. Ein paar köstliche Stunden hat uns das gemeinsame Lesen aus R. Schneiders Buch: Elisabeth Karanow geschenkt. Die Gegenüberstellung von Macht und Gnade ist eigentlich das Grundthema seiner meisten Werke. Die Feinheit seiner Darstellung, die unter Schleiern Gewaltigstes auszusagen vermag, ist für mich immer wieder ergreifend. Ach August, wie dankbar müssen wir doch sein, daß uns die Kostbarkeiten des geistigen Lebens so geboten werden. Nur Du müßtest dabei sein, wir müßten sie uns zusammen erarbeiten, dann wäre alles noch viel viel schöner. Ich muß Dir gestehen, daß mir in dieser Hinsicht

das Alleinsein am schwersten fällt. Es war der Berührungspunkt, in dem wir uns zuerst nahe gekommen sind, ohne ihn, die Einheit und Harmonie des Geistes, ist unsere Gemeinsamkeit garnicht denkbar. Das schließt natürlich die anderen Gebiete des Menschenlebens nicht aus, spüre ich doch täglich wie mein ganzes Sein, Seele und Leib nach Dir verlangt. Würde uns doch bald die Erfüllung all dieser Sehnsucht geschenkt! Alle Möglichkeiten der Erkundigungen habe ich erschöpft, aber meine Hoffnung auf diesem Weg etwas von Dir zu hören, ist gering. Ein Wort R. Schneiders soll mir auch darin richtungsweisend sein: „Warum fragen wir die Welt? Sie sagt uns nur falsche Worte. Im Gebet erfahren wir alles.” Möchte der Herr doch auch unserem schwachen Gebet solche Kraft verleihen, daß es unsere Seelen in der Hinwendung zu Gott begegnen läßt über alle Trennung und Ferne hinweg.

Und noch ein Wort über die Liebe will ich Dir heute aufschreiben, weil es mir so viel bedeutet: „Es gibt nur ein Mittel gegen die Einsamkeit, das ist die Liebe; sie dringt durch alle Wände und erreicht das einsamste Herz. Wir können nur in der Liebe leben; sie heilt uns zusammen und macht uns zu einem Ganzen, und wenn sie stark genug ist in unseren Mauern, dann fließt sie über in die Welt; fließt doch auch so viel Liebe zu uns herein. Das ist das ganze Geheimnis, daß wir das Hin- und Widerströmen der Liebe fühlen und uns ihm hingeben; ...

 

 

Montag, den 1. Oktober. In diesen Tagen wandern meine Gedanken so oft zurück zu den wundersamen Erlebnissen, die nun schon ein Jahr hinter mir liegen und doch so lebendig in mir sind, als ob es gestern gewesen wäre; Winfried, unser Kind, steht ganz im Mittelpunkt unseres Denkens. Auch Du wirst in diesen Tagen sicher oft an all die Geschehnisse gedacht haben, die mit seinem Werden u. Wachsen, seinem Kommen und Gehen in Zusammenhang stehen, und ich wünsche von Herzen, daß Du dabei auch die tiefe Beziehung spüren mögest, die auch jetzt noch - und vielleicht gerade jetzt - zwischen ihm und uns waltet.

Seine Seele, die Inkarnation unserer Liebe, die jetzt vor Gott steht, wird sicher unser bester Anwalt für uns bei Ihm sein. Auch in den schwersten Stunden, in denen mir kein direktes Gebet möglich ist, findet mein Herz noch die Hinwendung zu ihm; und wenn die Sehnsucht zu Dir mich mit aller Süße und Bitterkeit erfüllt und ich nicht mehr weiß, wie ich es länger ertragen soll, dann bitte ich: Winfried, Du unser Kind, kostbarstes Geschenk Gottes an uns, Kleinod unserer Liebe, nimm all meine Sehnsucht, meine Liebe, mein Verlangen, trage es hin zu deinem Vater, laß ihn darum wissen. Mußten wir auf das Leben im Leibe mit dir verzichten, damit Deine Seele, in der herrlichen Freiheit des Geistes nicht mehr an Raum und Zeit gebunden, unser Mittler sein kann in der Trennung? Ach, so tue du, der du ihm allzeit nahe sein kannst, Deinem Vater, alles Liebe an, wozu ich, deine Mutter, nicht fähig bin. Raune

ihm alle Worte meiner Sehnsucht ins Ohr und all meine Liebe ins Herz. Trage unsere Seelen über alle Räume der Trennung hinweg zueinander und wende uns das stille Glück unserer Gemeinsamkeit zu. - Vertrauen und Zuversicht strömt mir aus solcher Zwiesprache zu und ich bin gewiß, daß auch Du davon etwas spüren mußt.

Fräulein Gittler bekam heute Besuch, Hedwig, ein Mädchen, wie man es sich unter diesem Namen vorstellen kann. Ich freue mich, den beiden das Zusammensein etwas schön machen zu können. Zwar muß ich meine Hausfrauenpflichten nebenbei noch erfüllen, ich habe ein paar Quitten zum Einmachen bekommen, die noch verarbeitet werden müssen. Über solchem Tun frage ich mich immer, ob es uns wohl vergönnt sein wird, uns an den Dingen gemeinsam zu erfreuen? Die Früchte des vorigen Sommers, die ich so bereitet hatte, sind anderen zu Gute gekommen, nun tue ich es wieder neu im Hinblick auf Deine Heimkehr. Meine Gäste helfen mit, sodaß uns nachher noch Zeit zu geistiger Arbeit bleibt. Ich lese aus der „Dunklen Nacht” den Traum des Tomas Marns, der mit aller Konsequenz das Wort des Herrn erfüllt hat: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers und Gott, was Gottes ist. Für ihn ist allein das Gewissen Richtschnur des Handelns. Auch hier ist die Kontrahierung von Macht + Gnade, Welt + Geist so stark zum Ausdruck. Aber es ist zu schade, nur ein paar Worte über solch feines, tiefes Werk zu sagen, wir

 

 

müßten darüber sprechen können. Aber auch das wird ja hoffentlich auch einmal wieder geschehen.

Nachdem ich meine Gäste in die Betten versorgt hatte, wartete in der Küche noch ein Riesenspül. So lieb mir die gemeinsamen Stunden mit lb. Menschen sind, ich freue mich doch, wenn ich zum Abschluß des Tages noch eine Weile still für mich sein kann.

Besonders heute, wo sich bald die Stunde jährt, das Winfried von uns ging. Es ist 1 h nachts. Meine Gedanken weilen ganz im Geschehen des vorigen Jahres, wie ich seinen kleinen Leib, das Ebenbild des Deinen, in meinen Armen hielt, wie es in den Krämpfen, die das kleine Körperchen schüttelten, die Augen verdrehte und so hilflos dem Wirken des Todesengels preisgegeben war. Zuerst war ich glücklich, wenn solch ein Sturm vorüber war, es ruhig die Äuglein aufschlug und mir daraus ein Glänzen + Leuchten entgegenschlug, das nur aus einer solch lichten Kinderseele stammen kann. Aber als ich es stundenlang so mit ansehen mußte, wie das Lebenslichtlein verlöscht, wurde doch der Wunsch in mir wach, daß es doch bald erlöst werden möchte. Meine Hand ruhte auf dem kleinen Herzlein, das immer noch so stark pochte und immer noch nicht brechen wollte. Dann wurde es plötzlich ganz still, schaute mich noch einmal lange aus seinen schwarzen Äuglein an, bis ins Herz drang dieser Blick, und schloß die kleinen Lider für immer. Meine Hand suchte

vergebens den Schlag seines Herzens zu ertasten, es stand still. Die langen schwarzen Wimperchen ruhten auf den roten runden Wänglein, wie ein Lächeln lag es auf dem schmalen roten Mund. Es lag so friedlich still wie im Schlaf, daß mir der Tod garnicht so schrecklich vorkam, der mir hier zum ersten Mal begegnete. „Was seid ihr traurig, wenn ihr mich lieb hättet würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe” Die Abschiedsworte des Herrn schien mir auch das kleine erstorbene Antlitz unseres Kindes zu sagen, und wenn mich heute der Schmerz um sein Scheiden anfallen will, so denke ich oft daran.

Als ich mich in der Nacht nach diesen Gedanken zur Ruhe legen wollte, war Frl. Gittler noch wach. An solchen Tagen empfinde ich es doppelt hart, daß Du nicht neben mir schläfst. Ich glaube wenn die Not heute nicht so groß wäre, hätte ich es garnicht fertig gebracht einem anderen Menschen Dein Bett zu lassen, aber nun muß es ja sein, und in dieser Stunde ist mir daraus eine Freude geworden, die ich garnicht beschreiben kann. Ich schaute auf die Uhr, die mir auch voriges Jahr die Stunde angezeigt hat, 1 h. „Nun ist schon Schutzengelfest” wurden plötzlich unbewußt meine Geanken laut. Da wendete sich Frl. Gittler mir zu: „Darf ich Ihnen das zum Geburtstag ihres Kindes schenken, ein Lichtlein?” Mit der einen Hand empfing ich die weiße brennende Kerze und die andere suchte dankbar die Hand, die mir diese Freude geschenkt.

 

 

Es war mir, als habe sie mir an Deiner Stelle dies Liebe getan, denn sicher wirst Du an diesem Tag auch besonders danach verlangt haben. Behutsam stellte ich das Lichtlein auf den Leuchter vor das Bild des Kreuzes und sein sanftes Licht strahlte so viel Glück und Freude in mein Herz, daß ich hätte jubeln mögen. Lange stand ich sinnend betend still davor, die Hände gefaltet über der Stelle, wo einst sein kleines Leben pochte. Und ich dachte daran, wie Dir an jenem Weihnachttag die kleine weiße Kerze Symbol meiner jungfräulichen Hingabe an Dich war, nun versinnbildet sie uns mehr noch, die Seele unseres Kindleins, das wir dem Herrn schenken durften. Möchte es als das stille, wärmende Licht auch jetzt in Deinem Leben stehen und Dein Herz hell machen und froh und weit. - Leise rannen Tränen über meine Wangen und ich weiß nicht, ob vor Glück oder Schmerz.

Es gehört Reife dazu, solche Freuden zu bereiten, wie Frl. Gittler es mir heute getan hat. Meist wagt man es nicht, so viel aus dem Innern herauszuholen. Und doch sollte man es tun; wenn so die Liebe unter uns Gestalt gewinnt, können wir einander helfen; auch das Leben selbst wieder liebenswert zu machen. Festlich wie er begann, habe ich Winfrieds Geburtstag zum Neuen Leben auch weiterhin gestaltet. Frische Blumen stehen in allen Vasen, der Mittagstisch ist eine Festtafel, das einfache Klosteressen wird durch eine süße Speise vervollständigt. Am Abend

kommt Herr Raskop. Das Ei, das seine Frau mir damals bei ihrem Besuch mitgebracht hat, habe ich immer für einen besonderen Fall verwahrt. (Am liebsten würde ich ja alle guten Dinge für Dich verwahren) Aber heute soll es dran glauben. Jeder bekommt einen Festtagsapfelpfannkuchen davon. Es macht mir Freude, anderen Freude damit zu machen, ja „Geben ist seliger denn nehmen” Frl. Gittler und Herr Raskop, die ja bald Hausgenossen werden sollen, unterhalten sich sehr angeregt über die Fragen der Zeit, wie sie in Kirche und Volk auftauchen. Auch die Gedanken klingen dabei an, die wir beide uns damals in Aachen um die Berufung Deutschlands und seine Sendung gemacht haben. Es tut gut zu wissen, daß wir darin mit unserer Einstellung nicht alleine stehn. Es möchte einen verzagen machen, wenn man sieht, wie die meisten Menschen einem Vergeltungswahn anheimgefallen sind. Der Haß gebiert immer noch größeren Haß. Ach wie weit hat sich die Menschheit doch schon von der Botschaft des Christentums, der Liebe, entfernt. Und daß es gerade solche sind, die betonen, Christen zu sein, macht mich fast traurig.

Mittwoch, den 3. Oktober. Ich dachte heute abend mal wieder allein zu sein (Frl. Gittler ist ja viel unterwegs) aber Hanni Meier kam zu mir. Sie wird allein nicht fertig mit sich. Ihr Wesen ist mir nicht sympathisch, aber sie sucht nach dem Rechten und nach einem Menschen, der sie versteht. Darf man sich da verschließen?

 

 

Ich muß ihr oft mit aller Deutlichkeit ihre Selbstsicherheit und ihren Geltungszwang vorhalten. Mit dem „Du” hat sie mich eigentlich überrumpelt; aber da ich weiß, daß sie darin meine Bestätigung ihrer Hinwendung zu mir sucht, kann ich es nicht verweigern. Es ist merkwürdig, daß von jeher die Menschen zu mir kamen, während ich selbst mich immer auf mich selbst gestellt habe und nie das Vertrauen und die Herzlichkeit in dem Maße erwidern konnte, wie man sie mir entgegenbrachte. Ich habe eigentlich nie einen Menschen „nötig” gehabt, wohl aber, daß man mich brauchte. Aber seitdem ich Dir gehöre ist das Dir gegenüber anders geworden, ich kann nur noch für Dich da sein und das Wissen darum, daß Du ebenso für mich da bist, ist mir eine Wonne und unsagbares Glück. Und ich weiß, daß ich Dich nötig habe, daß ich Deiner bedarf, um ganz Ich-Selbst zu sein. Ich denke oft, wie es sein wird, wenn Du wieder zu mir kommst, ob ich Dir so gefalle wie ich jetzt bin, wie mich all die Erlebnisse und Geschehnisse geformt haben. Und wie Du Dich wohl verändert haben magst nach den langen Monaten der Trennung? Ich höre oft die Frauen davor bangen, wie ihre Männer heimkommen, aber mache mich selbst keine Sorge darum. Wenn Du nur mal erst zurückbist, alles andere wird sich dann auch finden. Vielleicht wird es ein ganz neues Beginnen sein, das uns dann aufgetragen ist, aber in unserer Liebe wird es uns gelingen. Und ich habe ein so großes Vertrauen in meine Liebe zu Dir, daß ich ganz zuversichtlich

bin. Ich glaube, daß sie alle Wandlungen, die Du in den Tagen der Trennung hast durchmachen müssen, mit umschließt, daß ich Dich vielleicht sogar noch mehr lieb haben muß als früher; denn all die Liebe und Sehnsucht, die ich in der Zeit der Trennung für Dich empfunden habe, kann dann so ganz zur Entfaltung kommen. Komm nur Liebster, komm, kehre heim zu mir und sei dann ganz bei mir zu Hause. Laßt uns das Leben miteinander bauen, dann muß es ein gutes Leben werden.

Je mehr ich mich in die Gemeinsamkeit mit Dir hineinlebe, umso größer wird meine Zurückhaltung anderen Menschen gegenüber; im äußeren Zusammenleben bin ich zwar freier, froher, geselliger als früher, aber die Tiefen des Persönlichen bin ich sorgsam bemüht zu wahren, sie sollen allein Dir gehören.

Samstag, den 6. Oktober. Gestern mittag war Vater bei mir. Es geht ihm täglich besser, er ist wieder so emsig in seinem Betrieb und an allem interessiert. Er ist richtig lieb und so besorgt um mich, jedesmal, wenn er kommt möchte er mir helfen und meist bietet sich ja auch Gelegenheit dazu. Wir sind zusammen nach Gladbach gefahren. Fein waren abends die Stunden im Kreis der Familie. Weil morgen wieder Bräutetag ist, bin ich heute mittag wieder zurückgefahren. Auf dem Weg von Buchforst zur Brücke traf ich Finni, die den umgekehrten Weg nahm. Sie erzählte von ihrem zweiten Chef, Dr. Westhoff, wie lieb sie in seinem Haus aufgenommen

 

 

wird. Für Finni tut es not, daß sie einmal etwas gilt, daß man ihre Person und ihre Arbeit achtet, sie ist meist von Minderwertigkeitskomplexen geplagt. - Daheim erwarten mich meine Hausfrauenpflichten, die ich jetzt so gern erfülle und dann findet die Woche ihren schönsten Abschluß in der Komplet. Wie der kleine, weihevolle Raum der Krypta vom Beten und Singen der jungen Gemeinde widerhallt. Ach, wenn doch auch Deine Stimme mir aus diesem Chor wieder entgegentönen könnte. Ob Du auch jetzt in der Ferne an dieses Tun, das uns beiden so lieb geworden, denkst?

Sonntag, den 7. Oktober. Der heutige Tag, der letzte des Bräutekurs, war wieder ganz wunderschön. Was müßte ich Dir nicht alles davon erzählen: Gemeinsam mit so vielen jungen Menschen, die sich liebend zugetan sind, vor dem Altar zu knien, ist schon ein Erlebnis für sich. Es sich prächtige Menschen darunter und mit einer Natürlichkeit u. Lebendigkeit nehmen sie an den Gesprächen teil, daß man seine helle Freude daran haben muß. Heute hatte der Arzt das Wort. In einer recht feinen Art, ehrfurchtsvoll u. offen spricht er über die Dinge des geschlechtlichen Lebens, und gibt den Brautpaaren damit das Wissen mit auf den Weg, das sie für ihre Ehe nötig haben. Auch mir hat sich dabei manch Neues aufgetan. Er sprach auch über die periodische Enthaltsamkeit. Ich finde, es ist immer eine Gefahr, junge Menschen um diese Einrichtung der Natur, die der Herrgott in Seiner Weisheit geschaffen hat, wissen zu lassen.

Denn das Wissen darum birgt auch die Möglichkeit des Mißbrauchs in sich. Wie oft mag diese Hilfe gegen die Ordnung Gottes angewandt worden sein. Nur eine wirklich persönliche Not, die es nicht zuläßt ein neues Menschenleben in die Gegebenheiten aufzunehmen, berechtigt davon Gebrauch zu machen. Wie oft aber wird die allgemeine Not schlechthin zur persönlichen gemacht und glaubt sich damit gerechtfertigt. Allein das wache, verantwortungsvolle Gewissen kann da die Entscheidung treffen. - In der Pause bin ich mit Dr. Geyer durch den Garten gegangen und habe mit ihm darüber gesprochen. Wenn man hört, daß sogar Menschen aus unseren Reihen den Hochzeitstag berechnen, um sich an dem Segen des Kindes vorbeizudrücken, so verrät das doch eine Gesinnung, die nicht dem Willen Gottes entspricht. Zudem meine ich, sollte man die Tatsache der periodischen Fruchtbarkeit nicht nur da zu gebrauchen wissen, wo das Kind nicht mit Freude erwartet werden kann, sondern erst recht da, wo man sich ein Kind wünscht und ersehnt. Muß das Wissen, daß alle Voraussetzungen gegeben sind, die Empfängnis zu ermöglichen, den Eltern nicht ein besonderes Glück und eine tiefe Ehrfurcht einflößen? Aber das sind nur einige Gedanken darüber, vielleicht können wir im Anschluß an diese Zeilen später einmal davon sprechen. Den Nachmittag habe ich über Taufe, Namen, Patenschaft gesprochen. Wie gern habe ich mich immer schon mit diesen Dingen beschäftigt und so war es mir eine besondere

 

 

Freude, darüber sprechen zu können. Als ich dabei auch einen Entwurf zu einem Taufbrief vorlas, mußte ich daran denken, wie Du damals den Taufbrief für Sepps Adelheid gelesen hast. Immer wieder bieten sich Gelegenheiten, die mich an unsere Gemeinsamkeit erinnern. - Wir hätten noch stundenlang miteinander plaudern können, es tut mir richtig gut, daß sie alle so lebendig auf das eingehen, was ich ihnen gesagt habe. - Den Abschluß des Tages und des ganzen Kurs bildete eine feine Feierstunde, den eine Ehrenfelder Spielschar hielt. In Liedern Gedichten und Lesungen machten sie einen Gang durch die Entwicklung der Liebe in Brautschaft, Ehe und Familie. Alle haben bedauert, daß der Kreis nun beendet war, herzlich froh gingen wir auseinander und viele baten mich um die Anschrift, um später noch in Verbindung bleiben zu können. - Als ich am Abend nach Hause kam, wartete Frl. Gittler schon mit dem Abendessen auf mich. Es ist doch schön, daheim erwartet zu werden. Ich bin so voll von dem Erlebten, daß ich davon erzählen muß. Nur mein Kopf macht mir wieder Kummer, er quält mich so, daß ich noch einen Abendspaziergang machen muß.

Dienstag, den 9. Oktober. In diesen Tagen wird eine Newman-Woche gehalten. Gestern abend sprach Dr. Laros über Newman als religiöse Persönlichkeit, heute über ihn als Theologe + Philosoph. Wie haben doch solch begnadete Menschen um Gott gerungen, Er ist wirklich

das Abenteuer ihres Lebens gewesen. Hat Gott auch in unserer Vorstellung diese Größe und elementare Wucht? Haben wir Ihn nicht viel zu sehr herabgewürdigt und unseren Zwecken dienbar gemacht?

Heute mittag ist Frl. Gittler für 3 Wochen zu ihrer Freundin gefahren. Als Henkersmahlzeit habe ich ihr von unserem 1/8 l Milch für 3 Tage einen Pudding gekocht und fein bereit gestellt. Ach, es ist doch etwas Schönes, solch kleine Freuden bereiten zu dürfen. Und wie sehr sich Gittler über so etwas freuen kann! Sie nahm meine Hand zum Dank.

Donnerstag, den 11. Okt. Gestern war es ein Jahr her, daß wir uns nach den ungeheuren Geschehnissen von Geburt + Heimgang unseres Winfried wiedersahen. Ich hatte die erste Nacht im stillen Kloster von Flerzheim zugebracht und war erstaunt, daß die Schwester mich schon zu so früher Stunde weckte. Mein Herz war beklommen, ich wußte nicht, ob vor Schmerz oder unbekannter Freude; ach, es mußte schon der Schmerz sein, von dem in diesen Tagen mein ganzes Wesen überlief. Da wandte ich mich um und sah in Dein Gesicht. Die Freude wollte mich aufjubeln lassen, doch zugleich brannte die Wunde nur noch tiefer ins Innere hinein; es war, als wolle die Gegensätzlichkeit der Empfindungen mir das Herz zerreißen und ich hätte mich in den weißen Kissen verbergen mögen vor Dir. Leise schloß die Schwester die Tür und da lagst Du in meinen Armen, Dein Hauch umfing mich und durchrieselte

 

 

meinen Leib bis in den letzten Blutstropfen. Schwer ging Dein Atem, vergebens rangst Du um ein Wort; ach, es bedurfte keiner Worte in dieser Stunde zwischen uns. Ganz zart und unendlich behutsam strich Deine Hand über mein Haar; leise tropften Deine Tränen auf meine Lider und rannen mit den meinen vereint über meine Wangen. In dieser Stunde bin ich in einem noch tieferen Sinne Dein geworden, zu dem Ja der Liebe und Freude gesellte sich das Ja des Opfers. Du warst so kalt, Dein Bart rauh, in Deinen Haaren hingen noch die Tropfen des Frühregens vom langen, gefährlichen Weg durch die Nacht. Liebster, da meine Gedanken zurückgehen in diese Stunde, ist es mir, als ob ich sie noch einmal erlebte. Ich möchte wieder die Arme ausbreiten und Deiner harren, Dich an mein Herz ziehen und sagen wie damals: Nun wird alles wieder gut.

Heute feiert die Kirche das Fest Mariä Mutterschaft. Es ist mir Anlaß, Dem Herrn von Herzen für das Geschenk des Mutterwerdens zu danken, das er mich erleben ließ. Dadurch wird die Verbindung mit Winfried so lebendig in mir, daß es wieder drängt, den Ort aufzusuchen, wo sein kleiner Leib der Herrlichkeit der Auferstehung entgegenschlummert. Auf dem Weg dorthin, - ich gehe den gleichen Weg, den wir voriges Jahr gemeinsam gemacht haben - betrachte ich den freudenreichen Rosenkranz, der mir, seitdem ich Winfried unter meinem Herzen trug, so lieb geworden ist. Bald stehe ich vor dem kleinen Fleckchen Erde, das das birgt, was sterblich an ihm war.

So oft ersehne ich mir vergebens, das erlösende Naß der Tränen, hier wird es mir immer zuteil. Still hält mein Herz Zwiesprache mit unserem Kind, und ein tiefer Trost, eine still-frohe Zuversicht bemächtigt sich meiner. Möchte seine Seele, die mir hier, wo sein kleiner Leib ruht, besonders nahe ist, auch Dir nahe sein, Du mein lieber August, und Dich all meine Liebe und Sehnsucht wissen lassen. Sie ist ja die stärkste Brücke, das innigste Band, das uns jetzt in der Trennung miteinander verbindet. So ist mir dieser Tag wirklich ein Festtag geworden. Die mühsam erstandenen Blumen, ein bunt leuchtender Strauß Astern, mit dem ich das kleine Grab schmücke, soll auch nach außen hin von der stillen Begegnung Kunde tun, die sich zwischen dem Heimgegangenen und mir vollzogen hat. Mit einer großen stillen Freude im Herzen gehe ich heim und bin so voll Zuversicht, daß uns unser Kindlein trotz seines frühen Scheidens nicht vergebens gegeben ist.

Am Abend kommen Frl. Riffarth, die Zeichenlehrerin der Zwillinge und ihre Freundin Frl. Müllers zu mir. Wieder darf mein kleines Heim Herberge sein. Da Frl. M. Krankengy. Ist, bitte ich sie um Rat wegen der Beschwerden, die ich seit längerer Zeit habe. Daraufhin hat sie mich eine Stunde in Kur genommen, die nicht ohne Wirkung blieb. Am Abend haben wir es uns recht gemütlich gemacht.

Freitag, den 12. Oktober. Seitdem ich wieder an Winfrieds Grab

 

 

gestanden habe, ist eine Freude in mir, wie ich sie lange nicht mehr erfahren habe. Als ich mich ihrer bewußt wurde, kam sie mir zuerst wie ein Unrecht Dir gegenüber vor. Aber wenn das Frohsein so ganz aus dem Innern aufsteigt, dann meine ich immer es müsse auch mit Dir irgendwie in Zusammenhang stehen; dann müsse es auch um Dich besser gestellt sein als sonst.

Am Abend habe ich mich auf den Weg nach Gladbach gemacht. Ich hatte das Glück, von einem Privatwagen bis Königsforst mitgenommen zu werden und von dort nach Bensberg zu kommen. Von Bensberg hatte ich dann noch einen schönen Weg durch die Dämmerung. Für jede Stunde in der Natur bin ich dankbar, denn ich bin ja so selten draußen. Als ich im Dunkel den Ferrenberg hinaufkam, mußte ich an die stillen Abendgänge denken, die wir in der Brautzeit hier gemeinsam gemacht haben. Um dieser unserer gemeinsamen Stunden willen ist mir Gladbach so lieb. Daheim gibt es immer eine herzliche Begrüßung, schon am Schellen werde ich erkannt. Ich bin kaum da, da stellt Rosi schon fest: Was bist du so froh! Ja, die wahre Freude läßt sich nicht verbergen, sie will ausstrahlen, und so sind wir alle recht froh um des Zusammenseins.

Sonntag, den 14. Oktober. Gestern morgen bin ich wieder nach Altenberg gefahren, Maria ließ mir bestellen die hätte Sehnsucht nach mir. Es ist immer ein Atemholen für Seele und Leib, wenn

ich so mit dem Rad durch die schöne Gotteswelt gondeln darf. Und gerade jetzt, wo der Herbst seine bunten Farbtöpfe schon hat wirken lassen, ist es besonders schön. Ach August, was müßte ich Dir von dieser Fahrt alles erzählen, aber Du weißt ja, wie tief sich die Erlebnisse der Natur stets in mein Herz senken.

Wieder stehe ich im Dom vor dem Bild Unserer Lieben Frau, wieder schicke ich all meine Gedanken, mein Hoffen, Sehnen und Verlangen zu ihr empor. Und all meine Sorge um Dich lege ich in ihre guten Mutterhände hinein, wo könnte ich Dich besser geborgen wissen! Mit Rektor Reiermann verbringe ich wieder eine Stunde in gutem Gespräch. Dann steige ich zum Schichtberg hinauf, wo ich immer ein freudig-empfangener Gast bin. Am Abend, in der Dämmerstunde, aber gehe ich wieder zum Dom. Schön ist es, so allein durch die abendliche Welt zu wandern, die Räume sind so groß, die Ferne verliert ihre Unnahbarkeit, ich fühle mich allen Dingen so verbunden, stehe mitten in der großen Schöpfungsordnung. Als ich aber in den Wald komme und auch der letzte Lichtschein verschwunden ist, fühle ich mich in der Finsternis wie ausgeliefert an die Mächte der Natur. Es kommt mir zum Bewußtsein, daß es notwendig ist, daß auch die Schöpfung teilhat an der Erlösung. Eine Verlassenheit befällt mich, daß ich aufweinen könnte. Mein Herz sucht das Du, Dich, Du mein Liebster, zu dem alle Kräfte von Seele und Leib hindrängen. Da aber denke ich an Den, der ja das Ziel dieses meines

 

 

Weges und all unserer Wege ist. Er ist uns immer nahe, auch in der äußersten Verlassenheit und selbst dann, wenn wir Seine Nähe nicht mehr spüren. Sobald dieser Gedanke in mir aufgetaucht ist, erfüllt er mich mit Trost und Zuversicht, nein, wir haben keinen Grund zu verzagen, steht uns doch stets eine so herrliche Kraftquelle offen. Der Dom wird vom flackernden Schein der Kerzen spärlich erhellt. Ich möchte meine Hände, mein Herz, mein ganzes Sein betend emporheben, so wie die Säulen und hohen Bogen der Fenster und Gewölbe es gemahnen: Gib den Segen, Herr! Schallt es durch den weiten Raum, von zuchtvollen Stimmen getragen. Damit hebt es an, das Beten und Singen, das stets unsere Woche vor den Herrn getragen hat. Und singend löst sich alle Beschwer von mir ab, frei und mit stiller Freude erfüllt steige ich unter dem klaren Sternenhimmel wieder den Berg hinan. Die Stille ist so lautlos, daß ich mein eigen Herz pochen höre. (Ach, könnte ich dem Deinen doch wieder lauschen!) Von Ferne schlägt nur hie und da ein Hund an, dann wieder Stille. Das Mäuschen zeigt mir noch die letzte Wegstrecke durchs Feld an, dann bin ich wieder unter dem gastlichen Dach und bin recht dankbar für diesen Abend.

Montag, den 15. Okt. Schön war der Sonntag gestern. Morgens der Gang zum Dom, die Frühmesse, der Gang durch den Wald mit den Kindern, bei dem ich ihnen Geschichten erzählt habe, wie wir auf der Wiese die letzten Margaretenblumen gepflückt haben und ich

dann reich beladen wieder nach Gladbach geradelt bin, stets auf der Hut, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Mutter ist recht froh um all die Dinge, die ich mitbringe. Wir sitzen noch einige Stunden froh zusammen. Aber auch unten bei Weiß werde ich erwartet. Frau Weiß freut sich immer, wenn ich mal ein Plauderstündchen mit ihr halte, es ist so vieles schwer für sie heute.

Dienstag, den 16. Oktober. Wir haben die Mitte des Rosenkranzmonates schon überschritten; täglich beginne ich betrachtend den Weg durch seine Gesetze + Geheimnisse zu gehn, aber selten bringe ich ihn ganz zustande. Der Tag ist unerbittlich in seinen Forderungen an mich auch am Abend habe ich keine stille Stunde mehr allein, und wenn ich spät ins Bett gehe, nimmt der Schlaf mich allzu schnell in seine Arme. Und doch, wir müßten es möglich machen, unserem Tag mehr Raum für diese Dinge zu geben.

Wenn ich wie jetzt ein paar Tage draußen in der Natur, in der Familie, mit häuslicher Arbeit zugebracht habe, fällt es mir nicht leicht, mich auf die Forderungen der nüchternen Büroarbeit umzustellen. Ich spüre doch täglich neu, daß dies nicht mein eigentlicher Platz sein kann. Nur der Gedanke, daß ich durch mein Ausharren auf diesem Platz vielen Menschen wieder zu einem Heim verhelfen kann, tröstet mich über vieles hinweg. Oft bringt meine Arbeit fast unüberwindliche Schwierigkeiten mit sich. Jedes kleine Zimmer ist ein Streitobjekt. Die Wohnung,

 

 

die ich Familie Raskop zugedacht habe, ist vom WA. einem anderen zugewiesen worden. Gerade dann, wenn ich mich für jemand besonders einsetze + persönlich interessiert bin, ist es am schwierigsten. Mir selbst kosten solche Fälle mehr Gedanken und Aufregungen als denen, die es eigentlich angeht. Und viele nehmen das alles noch so selbstverständlich. Aber es ist gut, daß ich mich von vorneherein nicht darauf einstelle, Dank zu ernten, so werde ich auch nicht enttäuscht. - Gestern habe ich einen jungen Mann mit unsäglich viel Mühe 2 Soutt.-Räume frei gemacht. Es ist schwer gegen die Rücksichtslosigkeit und den furchtbaren Egoismus, der wohl noch nie so in Erscheinung trat wie heute, ankämpfen zu müssen. Aber wenn es mir gelungen ist, einem Menschen zu helfen, dann bin ich für alle Mühe reich belohnt. In diesem Fall tat wirklich Hilfe not: 8 Jahre Soldat, 3 Jahre verheiratet, aus der Gefangenschaft entlassen an der Südbrücke verpflichtet. Seine Frau ist von der Mosel nach Schlesien geflüchtet, von da vor dem Russen nach Bremen und wartet nun darauf, mit den 2 Kinderchen wieder mit ihrem Mann zusammenkommen zu können. In dem Händedruck des Mannes spüre ich schon etwas von dem Glück der Erfüllung dieser Hoffnung.

Gestern bekam ich einen Brief von Marlis, der mir davon erzählte, daß Du noch 2 Tage im Februar in Siebeldingen warst. Ich bin so froh darum, das zu wissen. Es waren sicher noch ein paar gute Stunden

der Ruhe für Dich nach den Ereignissen der Urlaubstage, die ich Dir anders gewünscht hätte. Aber es mußte wohl für uns so sein. Wenn nur keine Bitterkeit in Deinem Herzen davon zurückgeblieben ist.

Wie wünschte ich, daß Dich wenigstens der erste Brief, den ich Dir nach unserem Zusammensein schrieb, erreicht haben möge. Wenn unsere Gemeinsamkeit damals gesegnet worden wäre, dann wäre jetzt bald die Zeit schon erfüllt. Wie habe ich es mir erhofft und ersehnt, wie enttäuscht war ich damals, als ich meine Hoffnung aufgeben mußte. Du stehst noch in der Ungewißheit und hast Dir sicher auch oft Gedanken darüber gemacht. Es ist aber wohl gut, daß alles so gekommen ist. Unter dem Druck der schwierigen, äußeren Verhältnisse fehlte unserer Gemeinsamkeit doch jene Harmonie + Innigkeit, die wir unseren Kindern für den Augenblick ihrer Empfängnis wünschen möchten. Wir wollen den Herrn bitten, daß Er uns bald wieder die Möglichkeit zu gutem, gemeinsamem Wirken schenken möge und wir dann wirklich unser bestes Sein in die Schale unserer Liebe und unseres Lebens hineingeben dürfen, daraus Er neues Leben wachsen läßt.

In der Straßenbahn sah ich heute von weitem einen früheren Kollegen aus der Bank, zu dem ich einmal eine leise Zuneigung empfand. Dies Begegnen war mir Veranlassung für den Einsamen zu beten.

Heute habe ich einen Ofen aufgestellt bekommen, wenn ich nun noch

 

 

Brand beschaffen könnte, wäre ich wenigstens gegen die schlimmste Kälte gefeit. Aber solange keine Scheiben da sind, hat das Heizen wenig Sinn. Und dennoch freue ich mich, einen kleinen Schritt weitergekommen zu sein.

Donnerstag, den 18. Oktober. In den letzten Nächten hatte ich das Glück, im Traum das zu erleben, was ich so sehr erhoffe und ersehne: das Wiedersehen mit Dir, Du mein August. Wir waren wieder beisammen, Du warst mir so spürbar nahe, ich hörte den Klang Deiner lb. Stimme, den Druck Deiner Hand, die Berührung Deines Mundes. Das hat mich so glücklich gemacht, daß ich als ich wach war, noch eine Weile sinnend und träumend liegen blieb, um das Glück ganz zu verkosten. Ach Liebster, wie wird es erst einmal sein, wenn diese Träume Wirklichkeit werden! Und daß sie Wirklichkeit werden, daß Du mir eines Tages zum vollen gemeinsamen Leben zurückgeschenkt wirst, das glaube ich fest und voll Zuversicht.

Hanni Meier, die ab und zu einmal zu mir kommt, um über die Schwierigkeiten zu sprechen, die sie bewegt, hat mir gestern einen Zeitungsausschnitt mitgebracht, in dem eine Begebenheit aus dem Leben Pius X. Erzählt wird. Seine alte Mutter, eine schlichte Frau aus dem Volk, die mit ihrer Hände Fleiß Brot für die vielen Kinder gesorgt hat, steht zum ersten Mal ihrem Sohn, dem Kardinal gegenüber. Dieser sieht, wie seine Mutter den Bischofsring betrachtet, den er ihr zur Verehrung darreicht. Als er ihr von der Kostbarkeit dieses

Ringes spricht, weist sie still auf ihren schlichten Trauring und sagt: Du trügst ihn nicht, hätte ich nicht diesen getragen.

Ja, die Liebe, die im Sakrament der Ehe geheiligte, zur Elternschaft berufene und geweihte Liebe ist doch das Geheimnis des Menschenlebens, von dem alles seinen Ursprung hat. Wir durften dieses Geheimnis erfahren und wünschen und hoffen, daß die Teilhabe daran uns und allen, die der Herr uns anvertrauen will, zum Heile gereicht.

Samstag, den 20. Oktober. Der Tag mag noch so mühevoll sein, es wartet doch überall eine Freude auf uns, an der wir uns wieder aufrichten können. Wir müssen nur mit offenen Augen und bereiten Herzen durch unseren Tag gehen. Ich hatte heute früh eine recht unangenehme Sitzung beim Wohnungsamt, die mich ziemlich mitgenommen hat. Als ich nachher durch die Trümmer der Stadt ging, leuchteten mir von dem Schutthaufen eines früheren Gartens gelbe Blumen entgegen. Ich kletterte über die Trümmer hinweg und fand einen schönen Strauß. „Und neues Leben wächst auf den Ruinen” Es war für mich ein Erlebnis, an der Stätte der Zerstörung Blumen zu finden, Blumen, diese zwecklos sinnvollen Geschöpfe, die nur zur Ehre des Schöpfers und zur Freude der Menschen da sind. Sie stehen nun vor mir in der Vase und werden mich noch lange erfreuen. Eben habe ich unser Heim zum Sonntag hergerichtet, wenn dann alles so schön in Ordnung ist, setze ich mich gern in den grünen Sessel, der schon so manche gemeinsame Stunde erlebt

 

 

hat, und gebe mich der stillen Freude hin, daß das alles uns gehört und wie gut sich in diesem Rahmen das gemeinsame Leben gestalten läßt. Ich will es immer so schön machen in unserem Heim, daß Du jeden Augenblick heimkehren kannst.

Heute nachmittag kam Elisabeth Muches zu Gast. Wir haben geplaudert, gesungen, geflötet. Es ist mir immer eine besondere Freude mit Menschen zusammen zu sein, die Dich kennen und schätzen. So viele Lieder, die wir sangen, riefen die früheren gemeinsamen Stunden in uns wach. Immer wieder kam Elisabeth mit einem: Weiß du noch ... Eine kleine Spanne Zeit .. Die Röslein sind verg[..] damit fand der Tag sein gutes Ende.

Sonntag, den 21. Okt. Elisabeth und ich haben den Sonntag in der kleinen Kapelle Maria Königin gefeiert, die Du mir auf unserem ersten gemeinsamen Spaziergang gezeigt hast. Die Kirche feiert heute das Fest der hl. Ursula, der Patronin unserer Stadt, die auch, wenn der Herrgott uns einmal ein Mädchen schenken wird, seine Namenspatronin werden soll. Möge sie, deren Liebe das letzte für den Herrn zu opfern bereit war, uns Fürbitterin sein, auf daß unsere Stadt wieder die heilige Stadt werde, die ihr kostbares Erbe zu wahren weiß. - Manch stille Stunde hat mir der Sonntag noch geschenkt, wenn auch zeitweise ein Besucher dem anderen die Türe in die Hand gab. Früher war es meist so mit mir, daß ich mit allen Mitteln versucht habe möglichst viele Stunden

meiner kostbaren Freizeit für mich herauszuschlagen, und unzufrieden war, wenn mir das nicht gelang. Es war so viel Verkrampftes in dieser Haltung. Auch heute teile ich mir meine Stunden nach Möglichkeit ein, aber wenn die Gegebenheiten des Tages meinen Plan durchkreuzen bin ich nicht unzufrieden, sondern suche in allem, was an mich herangetragen wird durch Menschen und Geschehnisse den Anruf der Stunde zu erkennen und ihm gerecht zu werden. Das gelingt freilich nicht von heute auf morgen, aber wenn es gelingt macht es mich froh, befreit von der Hast und dem Getriebensein und gibt einer wohltuenden Ruhe Raum.

Als eine Dame (die was davon versteht) die Anordnung der Blumen in der braunen Vase lobt, bin ich aufrichtig froh darüber.

Dienstag, den 23. Okt. Gestern abend hatte ich das Glück, wieder ein Konzert zu hören. Eine Frau am Flügel. Wie die Bewegungen des weiblichen Körpers den Klang der Musik unterstrichen. Mit welcher Anmut die weißen Arme die Hände über die Tasten führten. Und dabei hatte man den Eindruck, daß es nicht um die Geltung der Person ging, sondern daß sie nur der Musik dienen wollte. Und dann das Erlebnis von Beethovens Eroica! Ach August, wir müßten das gemeinsam erleben können. Wenn ich Musik höre, empfinde ich das Alleinsein immer doppelt schmerzlich, dann meine ich immer, Du müßtest neben mir sein und der Druck meiner Hand könnte Dich wissen lassen was ich empfinde.

 

 

Den ganzen Tag war ich dienstlich unterwegs. Ich habe wieder an der Aachenerstr. vor dem Trümmerhaufen gestanden, unter dem unsere Lieben verschüttet waren, wo das Haus stand, das unsere Hohe Zeit miterlebt hat. - Müde von den vielen Wegen, die ich ja alle zu Fuß machen muß, habe ich mich auf einer halbzerfallenen Bank am Aachener Weiher ein Wenig ausgeruht. Wie stark mich der Anblick der Trümmer doch immer wieder beeindruckt. Viele sagen, man gewöhne sich daran und sehen sie garnicht mehr. Ich gehöre nicht zu ihnen. - Wie ich so sinnend vor dem Trichterfeld sitze, wo sich früher frohe Menschen, Enten und Schwäne auf dem blanken Wasserspiegel tummelten, kommt mir die Frage nach dem Sinn des Lebens. Muß es nicht zutiefst erlitten werden, um bleibenden Bestand haben zu können. Die vergangene Zeit hat trotz ihres Nützlichkeitsprinzips keine bleibenden Werte schaffen können, sie hat sogar die ererbten Werte früherer Zeiten mit sich ins Verderben, in die Vernichtung herabgezogen.

Mittwoch, den 24. Okt. Frl. Hertha schrieb mir heute von Becks Gefangenschaft und daß er wieder entlassen sei. Solche Nachrichten sind wieder neue Ungewißheit für mich. Aber im Gebet finde ich immer wieder Vertrauen und Zuversicht.

Freitag, den 26. Okt. Finni ist krank, so mußte ich ihre Arbeit bei Dr. Westhoff übernehmen. Es ist ein recht schönes, persönliches Arbeiten. Mit einer Tüte Kartoffeln beladen mache ich spät abends den Weg

von Niehl heimwärts. Dunkel ist es und regnerisch. Bei diesem Gang durch die abendliche Stadt begegne ich so viel Schmutz, so viel sittlichem Tiefstand, daß ich ganz traurig werde. Die Kartoffel in der Düte werden mir über dem langen Weg unbequem u. als ich sie fester halten will, geht die Düte kaputt und das kostbare Gut fällt auf die Straße. Im Dunkeln springt ein Mann hinzu und hebt sie mir auf, er ist von einer verdächtigen Liebenswürdigkeit, die ich gleich durchschaue. Als er merkt, daß er an die falsche Adresse gekommen ist, reißt er seine Maske herunter und gibt sich mit einer Schamlosigkeit zu erkennen, daß ich erschüttert bin. Mit raschen Schritten eile ich vorwärts und bin bald den lästigen, unheimlichen Begleiter los. Überall begegne ich dem gleichen Bild: herumlungernde Halbwüchsige, Engländer (sogar Neger darunter) und aufgeputzte Frauen u. Mädchen, die ihrer Willkür feil sind. Wie tief ist doch unser Volk gesunken, daß so etwas möglich ist! Bei diesem Gang durch die Nacht überkommt mich ein grausiges Ahnen von der anderen Finsternis, in der so viele leben. Ach, möchte auch sie die Kraft jenes Lichtes erfahren, das unsere Freude ist.

Samstag, den 27. Oktober. Wenn ich Samstagsmittags unser Heim für den Sonntag bereitet habe und alles blank ist, setze ich mich immer eine Weile in den Sessel und lasse die Augen von einem Ding zum anderen wandern, freue mich darüber, daß uns das alles erhalten blieb und denke: Nun magst Du kommen, Liebster.

 

 

Ja August, jeden Tag bereite ich mich selbst und unser Heim Deiner Heimkehr und es tut mir leid, daß ich so selten eine sonntägliche Stunde darin verleben kann. Aber in Gladbach warten die Lieben auf mich, so muß ich fort.

Finni hat 8 Tage in Haus Altenberg zugebracht, das seiner alten Bestimmung als Haus der Jugend wieder dient. Sie ist voll Begeisterung über das Erlebte u. ihr Erzählen schafft frohe Stunden im Familienkreis.

Am Christkönigsfest. Heute huldigt die Kirche, vor allem die Junge Kirche, Christus dem König der Welt. Überall wird seine Herrschaft mißachtet, wir wollen sie wiederherstellen; zunächst in unserem eigenen Leben, dann auch im Leben der anderen und im Leben unseres Volkes, das Ihm so sehr entfremdet ist.

Voriges Jahr waren wir an diesem Tag in Reinstorf zusammen, es war für mich der erste Sonntag in der Fremde ohne Teilhabe am hl. Opfer. Wir standen am Abend in der kleinen Kammer betend nebeneinander beim Schein der Kerze. Unsere Liebe mußte uns alles sein, Eltern, Geschwister, Heimat + Gotteshaus.

Es war ein reicher Tag heute: morgens Besuch einer guten Kunstausstellung, (Kunst = Künden von Gott) ein feiner Spaziergang mit den Eltern durch den herbstlichen Wald, wobei ich unser liebes Sommersonntagfleckchen grüßen konnte; am Abend hörte ich eine Dichterlesung zur Frage der Stunde: Neues Leben aus den Ruinen,

die mir eine Bereicherung war. Es ist Gnade wenn uns aus alledem die Erkenntnis der Schuld geschenkt wird. - Bis in die Nacht hinein habe ich noch mit Agnes gesprochen, sie bringt immer die Probleme vor, die sie bewegen, Ehe, Jungfräulichkeit, Schwere des Alleinseins. Sie hat von Natur die Kräfte des Frauseins, die mir erst durch Dich und meine Liebe zu Dir geweckt wurden.

Dienstag, den 30. Okt. Als ich gestern früh von Gladbach kam, traf ich Miechen Gilliam. War das eine stürmische Begrüßung. Sie steht vor ihrer Verlobung. Es sind goldige Menschen die Gilliams. Gestern abend hatte ich ein gutes Gespräch mit Frl. Gittler. Die Begegnung mit Menschen macht unser Leben so reich. Alles was mir darin geschenkt wird, möchte ich zu Dir hintragen, aber ich muß mich auf ein paar Stichworte beschränken. Gebet, Bitte - Vertrauen Wahrhaftigkeit im Reden + Tun, Kuß - Besiegelung.

Heute habe ich nach langer Zeit wieder gelesen: Die hl. Elisabeth, von Weinrich. Wunderbar stellt der Dichter die Gestalt dieser großen, liebenden Frau dar. Vor allem bewundernswert erschien mir, wie sie den Konflikt zwischen der Liebe zu ihrem Mann u. der Liebe zu Gott Herr geworden ist.

Mittwoch, den 31. Okt. Heute feiert Finni ihren 23. Geburtstag und es ist ein Jahr her, daß unsere Lieben das furchtbare Geschick der Verschüttung traf. Weißt Du noch, wie wir an jenem Abend in Bodenteich zusammen waren und die Gewißheit von diesem

 

 

Unglück über mich kam?

Ich war froh, Finni mit einem kleinen Holzteller aus unserem Bestand eine Freude machen zu können. Sie kam heute abend mit großem Busch selbstgepflückter Tannen, Stechpalmen u. Disteln an. Daraus haben wir wunderschöne Grabsträuße gebunden. So schön war das kleine Gebinde für Winfrieds Gräbchen: Weiße Astern auf den tiefgrünen Zweigen des Lebensbaumes. Grün + weiß, Leben + Reinheit!

Am Fest Allerheiligen. Voriges Jahr bin ich an diesem Tag über die öde, nebelverhangene Heide gegangen und auch in meinem Herzen hatten sich die grauen Wolken der Schwermut zusammengeballt. - Heute durfte ich den Gedächtnistag derer, die ihr Leben zur Verherrlichung Gottes lebten und nun in Seiner beseligenden Anschauung leben, wirklich mit der Kirche als Fest- u. Freudentag feiern. Beim hl. Opfer fand unser greiser Pfarrer schlichte, tiefe Worte über das Wesen der Heiligkeit: die Liebe. Wenn wir ihr den ganzen Raum unseres Herzens auftun, wird uns die Kraft zuteil zu jenem Treusein im Kleinen, das die Helden und Heilige bestanden haben. Ist es für uns nicht ein frohmachendes Bewußtsein, daß auch Winfried, unser Kind, in ihrer Gemeinschaft ist! Ich mache mich auf um die Stätte zu besuchen, wo sein kleiner Leib ruht. Der Gärtner hat das Gräbchen schön hergerichtet: weiße Stiefmütterchen in Buchsbaum-

fassung. Auf dem schlichten Holzkreuz steht sein Name: Winfried Broil. Wenn ich so vor seinem Gräbchen stehe bitte ich seine Seele, die vor Gott steht, all meine Liebe, meine Sehnsucht und was mich bewegt, hinzutragen vor das Angesicht des Herrn, und dann zu Dir, Du mein August, daß Du darum weißt und froh daran wirst. Ja, die Seele unseres Kindes ist die beste Brücke, die uns in dieser Trennungszeit miteinander verbindet. Ein kleines rotes Lichtlein entzünde ich sodann. Es brauch Dir nicht zu leuchten wie jenen Seelen, die noch im Dunkel sind, es mag Dir, unserem Kind, nur ein Zeichen sein von der Liebe Deiner Mutter. Mögest Du einen Strahl jenes Lichtes, in dem Du weilst in mein armes, verlassenes Herz senken und in das Deines Vaters, der so weit von mir ist.

Vor dem Gräbchen zu meiner Rechten stehen ernst + still die jungen Eltern, Hand in Hand. Der Vater beugt sich vor, um sein Lichtlein zu entzünden u. reicht der Mutter das ihre. Ach, daß auch unserem Kind bald das zweite Licht brenne! Still und gesammelt, mit einer tiefinnerlichen Freude im Herzen gehe ich heim. Du, mein August, bist mir so nahe in dieser Stunde wie selten.

Auch Finni kehrt bald von ihrem Friedhofsgang zurück, und wir sind bei Fam. Abels zu Gast. Die Einladung ist gut gemeint, aber es ist schade um die guten Stunden, die

 

 

mir damit vertun, denn um 3 h ist der Mittagstisch endlich so weit. Es ist schade, wenn die Hausfrau ihrer Aufgabe nicht gerecht wird. (Für mich ein abschreckendes Beispiel.)

Freitag, den 2. November. Es ist heute ein rechter Allerseelentag, es regnet vom Himmel hoch u. will den ganzen Tag nicht hell werden. Beim hl. Opfer denke ich besonders an Vater Broil, den wir dieses Jahr zum ersten Mal in das Gebet des Allerseelentages mit einschließen. Und an all die Brüder + Freunde, die gefallen sind und noch am Reinigungsort weilen. Ist es nicht etwas Großes, daß wir durch unser Gebet ihnen die Hände reichen dürfen, um sie aus den Qualen der Gottesferne zu erlösen! Ich nehme den Tag zum Anlaß Mutter in Amelunxen einen Brief zu schreiben.

Samstag, den 3. November. Immer wieder suche ich nach Gelegenheiten, unser Heim zu verschönern und zu vervollständigen. Heute habe ich aus einem Militär-Bettbezug Vorhänge fürs Schlafzimmer genäht und durch eine Tischdecke als Vorhang die Ecke, wo Briketts, Putzeimer usw. abgestellt werden, gut getarnt.

Mein altes Übel, die Kopfschmerzen, machen mir viel zu schaffen in letzter Zeit. Auch das wird sicher besser werden, wenn Du wieder bei mir bist. Tausend Gründe könnte ich aufführen, die Dein Kommen notwendig machen, aber sie alle vermögen Dich nicht herzuziehen. Das Warten ist doch oft recht schwer.

Sonntag, den 4. November. Heute hat ein neuer Kurs für Brautleute begonnen. Als ich vor Beginn der Gemeinschaftsmesse die Scharen sah, wollte mir Angst und bange werden. 20 Paare, damit hatten wir nicht gerechnet, ganz prächtige junge Menschen sind darunter. Ich hatte geglaubt, heute nur Zuhörer sein zu dürfen, aber Rektor Vospohl stellte mich einfach vor die Tatsache, etwas sagen zu müssen. So aus dem Stegreif habe ich es noch nie getan, aber die Arbeit macht mir so viel Freude, denn sie bietet mir Gelegenheit, die jungen Menschen an der Fülle dessen teilnehmen zu lassen, was wir erleben durften. Es war so groß u. herrlich, daß es undankbar wäre, wollten wir es nur für uns behalten. Das Letzte freilich darf und muß unser Geheimnis bleiben, nur ziel- und richtungweisend läßt sich etwas offenbaren. So habe ich etwas gesagt über junge Liebe, zwei Herzen u. ein Schlag, Brautschaft, Verlobung, Reinheit, Treue, Bewahrung, Erbe, doppelte Liebe, Gottesliebe - bräutliche Liebe.

Bei diesen Worten stand all das, was uns in unserer Gemeinschaft geschenkt worden ist, wieder in seiner ganzen Tiefe u. Schönheit vor mir. Vielleicht kann ich durch dieses Offenbaren, das mir nicht leicht wird, ein klein wenig dafür danken. - Es war ein so froher Tag, all das Gesagte schien mir auf guten, ehrfurchtsvollen Boden zu fallen. Das gemeinsame Singen war von solch echter Freude getragen, daß es mir jetzt noch in Herz u. Ohren klingt. Möge der Herr das Werk segnen, das wir gegonnen.

 

 

Mittwoch, den 7. November. Die Tage sind mit Arbeit gefüllt u. lassen kaum Zeit zur Besinnung. Aber die Abendmahlzeit machen wir uns immer zu einem kleinen Fest, dazu nehmen wir uns Zeit. Nachher trinken wir meist beim Schein der Tischlampe eine Tasse Pfefferminztee u. plaudern miteinander. Frl. Gittler meinte heute, es sei nicht recht, daß die Kirche heute alle diejenigen, die aus Furcht vor dem Nationalsozialismus damals der Kirche den Rücken gekehrt haben, heute so bereitwillig mit offenen Armen wieder aufnehme (Die Buße: 4maliger Besuch der Nachmittagsandacht sei geradezu erbärmlich gering) Aber wie sollte die Kirche als Verwalterin der Gnadenschätze Gottes einem Menschen die Heimkehr zur Kirche verwehren? Gott ist so erhaben in seiner Größe und Majestät, daß selbst dann, wenn das Bekenntnis zu Ihm aus niedriger Berechnung geschieht, Seine Ehre keinen Schaden leidet. Wie tief neigt Er sich zu uns hinab, wie weit gibt Er sich in unsere Hand. - Gegenüber der Beichte nimmt sie eine merkwürdige Haltung ein. Sie glaubt die regelmäßige Beichte verstärke das Schuldbewußtsein, führe zu einer starren Selbstbeachtung die der Natürlichkeit Abbruch tut. Sie hat überhaupt den Begriff von der Güte und Liebe Gottes ausgeweitet in die Ansicht, als ob der Herr die Schuld der Menschen „garnicht so tragisch” nähme. Aber gibt es überhaupt ein Geschehen in der Schöpfung, das Gott nicht ernst nimmt? Christus spricht sogar von den Haaren unseres Hauptes und dem Sperling auf dem Dach. - Und was das Schuldbewußtsein

angeht, war das nicht der tiefste Fehler der Menschen, die in den vergangenen Jahren in Deutschland die Macht hatten, daß sie in sich und dem Volk das Schuldbewußtsein, die Verantwortung vor Gott zu zerstören suchten.

Gestern war wieder ein richtiger Besuchstag, Vater, der ja fast jeden zweiten Tag zu mir kommt, hatte Echen mitgebracht und nachher kam auch Agnes noch. Wir haben am Abend in der Uni ein Konzert gehört: Brahms + Bruckner. Wie wunderbar das Klavier die Themen, die das Orchester gab, aufnahm und löste. Pitney holte dabei alles heraus, man glaubte eine Orgel zu hören. Ich weiß nicht recht, ob ich Musik so verstehe, ob ich das heraushöre, was der Künstler gestalten wollte - ganz ist das wohl nie möglich - aber es wird mir bei solchem Hören manche Frage des eigenen Lebens klar und beschenkt von neuer Zuversicht wirkt es noch lange in mir nach. - In der Sinfonie von Bruckner hat mich die Kontrastierung besonders stark beeindruckt. Wenn die Bläser einsetzten empfand ich es wie ein körperlicher Schmerz und die Musik der Geiger klang wie ein Wimmern, wie ein gequältes Schluchzen. Wieviel Furcht und Schwermut lag darin. Der nächtliche Heimweg durch die Trümmer unterstrich noch den Nachhall des Gehörten. - Wie immer, wenn Agnes da ist, haben wir viele Stunden der Nacht erzählt, immer sind es die gleichen Themen, die sie bringt: Entbehren des Gemeinsamen, Liebe - Menschlichkeit, Leidenschaft, Tod - Vollendung. - Im Konzert trafen wir Curt Over,

 

 

die Begegnung mit ihm hat nachhaltigen Eindruck auf Agnes gemacht, schon die Tatsache, daß er nach dem anstrengenden Tag in den Trümmern allein im Werktagsanzug das Konzert besucht, spricht für ihn. Er hat sich überhaupt geändert, er hat nicht mehr die Sattheit des Weltmenschen an sich, die ihm früher eigen war.

Heute früh um 5 habe ich Agnes zur Brücke begleitet. Ich bin ganz froh um solche „Gewaltaktionen” (das Aufstehen fällt mir in letzter Zeit so schwer) denn es bringt eine kostbare Stunde mit sich, die ich sonst verschlafe. Ganz still war es noch in der Klosterkapelle, nur das Ewige Licht brannte, und auch in mir brannte das Feuer der Liebe stark und froh. Ich bin dankbar für diese Stunde.

Familie Dresen kam aus dem russ. besetzten Gebiet zurück, sie soll noch bei Weyerstraß unterkommen, dann muß ich mit dem Büro weichen. Es wird mir schwer werden die Räume zu verlassen, in denen so viel Erinnerung webt, aber es muß sein, eine ganze Familie kommt dadurch wieder zusammen.

Freitag, den 9. November. Für gestern abend hatte sich Elisabeth Muches angesagt; alles hatte ich bereit, aber sie kam nicht, so mußten Frl. Gittler und ich die guten Dinge allein speisen. - Finni hat mir, weil sie von Irmgard Besuch hat, ihre ganze Wochenarbeit für Dr. Westhoff aufgehalst. Ich war erst ärgerlich darüber, daß sie mir den ganzen Kram so ohne weiteres überließ, aber sie hilft ja anderen auch so selbstverständlich, wie sie es von mir verlangt.

Sonntag, den 11. November. Gestern war wieder ein Tag voll Hast und Aufregung, Montag ist Termin auf Räumungsklage, die unbedingt vermieden werden muß. Über ein Jahr hat sich der frühere Mieter um die Wohnung nicht gekümmert und nun will er die Familie, die sich mit unsäglicher Mühe die Räume hergerichtet hat, herausdrängen. Er hat die Sache durch einen Anwalt groß aufziehen lassen, sich als politisch Verfolgter ausgegeben und glaubt dadurch alles zu erreichen. All meine Bemühungen, für die stille Frau mit ihren 2 Jungen, die sich ohnehin kaum zu helfen weiß, einen Anwalt zu finden, war vergebens. So muß ich mein Heil für sie versuchen.

Es war gut, daß ich gestern wieder nach Gladbach fahren konnte, denn mit dem äußeren Abstand gewinnt man ihn auch innerlich. Auf dem Weg habe ich Jungfrau Muches besucht, die in den letzten Wochen eine wohltuende Anhänglichkeit zeigt. Vor ihrem Haus gerate ich in einen Fackelzug hinein. Wie gut, daß diese schönen Bräuche wieder aufleben. St. Martin hoch zu Roß zieht mit den lichtertragenden Kindern durch die dunkle Trümmerstadt. Möge das Licht der Gnade und Liebe Wohnung nehmen in den Herzen der Kinder, auf daß sie es hinübertragen in die kommende Zeit.

Daheim war Hermann zu Gast, als ich kam. Wir haben miteinander gesungen und gelesen. Es war ein guter Abend. Hanni + Rosi erzählten wieder manch köstliches Erlebnis mit ihren Kindern. (Jetzt war ich neidisch) Ich möchte sie am liebsten alle aufschreiben.

 

 

Heute bin ich in Gladbach mit viel lieben Menschen zusammengekommen. Bei Weiß muß ich gleich einen Besuch machen, wenn ich komme. Norbert u. Johannes kommen mir meist schon entgegen u. Norbert meint: „Tante Marga, ich mein, du wärst lang nicht mehr hier gewesen.” Auch von Klein Ursula werde ich freudig begrüßt. Was ist es doch ein Glück, daß Herr Weiß wieder da ist, er ist grad zu rechten Zeit gekommen, denn seine Frau war ziemlich auf dem Nullpunkt angelangt. So wirst auch Du wiederkommen, mein lieber August, wenn unsere Stunde da ist. - Wieder habe ich mit den Eltern einen feinen Spaziergang gemacht. Vater freut sich immer, wenn er bei Tisch die Frage stellt: Wer geht mit uns spazieren? daß ich mich so froh dazu melde; denn das ist er von früher nicht gewöhnt. Ich habe an meinen Eltern wirklich manch Versäumtes wieder gut zu machen und ich mühe mich darum. - Bei Anneliese Cramer u. dem kl. Michael mache ich auf dem Rückweg einen Besuch. Ich bin oft recht beschämt darüber, daß sie sich alle so freuen wenn ich komme. Es verpflichtet mich, das mir geschenkte Vertrauen zu rechtfertigen. - Am Abend sind wir in dem neugegründeten Kreis Junger Familien zusammen. Die Arbeit verspricht gut zu werden, es ist eine gute Gelegenheit mit all den lieben alten Bekannten wieder zusammen zu sein. (Ehe - Sakrament, Weihe, kleinster Dienst der Liebe - Vollzug des Sakramentes, Natur - Übernatur) und der Abend im Kreis der Familie schenkt auch wieder gute Stunden.

Montag, den 12. November. Mein lieber August. Du wirst Dich gewiß wundern daß bei meinen Aufzeichnungen die Dinge, die doch nur einen so kleinen Raum (zeitlich gesehen) in meinem Leben einnehmen können, - vor Beginn der Tagesarbeit, abends, das Wochenende - die Überhand nehmen und ich der Arbeit, der der größte Teil meines Tages gilt, so wenig Erwähnung schenke. Das wird mir eigentlich heute erst bewußt, da ich über die Arbeit im Beruf etwas sagen wollte. Aber es ist wohl doch erklärlich, daß es so ist. Mit jener Freudigkeit wie früher kann ich nicht mehr im Beruf stehen und doch bin ich dankbar, daß ich diesen Platz ausfüllen kann, denn wievielen kann ich dadurch wieder helfen zu einem Heim und einem geregelten Familienleben zu kommen. - Heute bin ich schon in aller Frühe in Gladbach fort und es war gut, denn ich mußte die größe Strecke zu Fuß zurücklegen weil kein Strom da war. Aber ich war trotzdem noch rechtzeitig zum Termin beim Wohnungsamt. Über das Auftreten des gegnerischen Rechtsanwaltes war ich empört, blieb aber äußerlich ruhig und versuchte sachlich zu entgegen. Dabei waren die Augen des Gegners so wütend auf mich gerichtet, daß es mich wie ein Schmerz durchfuhr: dieser Mensch haßt mich. Und dennoch war ich verpflichtet dem Schwächeren zu seinem Recht zu verhelfen. Und ich glaube, daß es mir fast schon gelungen ist. Daß 9 Menschen obdachlos werden durch die Willkür eines Mannes, der mit seiner religiösen Überzeugung Konjunktur machen will,

 

 

wäre nicht zu verantworten. Ich schäme mich, daß ein Mensch solches Verhalten mit Christentum vereinbart. Auch die beiden Studenten, die ich mit so viel Mühe untergebracht habe, will er um ihr Stübchen bringen. Sie kamen vor Wochen zu mir und baten um Unterbringung. 19 Jahre alt wurden sie nach 5 Monaten Gefangenschaft nach Köln entlassen und zur Arbeit an der Südbrücke verpflichtet. Mit 60 Arbeitern in einem Keller des Forts untergebracht, war ihnen das Leben unerträglich. Mit viel Fleiß + Mühe haben sie in ihren Feierabendstunden geschafft, bis sie den Raum, den ich ihnen gab, bewohnen konnten. - Ich werde keine Mühe scheuen, ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen.

Mittwoch, den 14. November. Die Ereignisse des Alltags, die Schwierigkeiten im Beruf, die Begegnung mit so viel menschlicher Kleinheit, mit Egoismus und Niederträchtigkeit, all das lastet oft schwer auf mir und bedroht die innere Sammlung und frohe Ausgeglichenheit. Körperlich bin ich überanstrengt, und so habe ich jetzt öfter morgens schon die Zeit verschlafen und dadurch den Besuch der Messe versäumt. Das macht mich traurig, auch im Hinblick auf Dich. Denn ich glaube fest daran, daß meine Teilnahme am Opfer des Herrn auch für Dich reiche Gnaden in sich schließt. Verzeih' mir.

Freitag, den 16. November. Frl. Schnir ist wieder einige Tage bei uns gestern kam auch Frl. Riffarth dazu. Solche Gäste sind nie eine Belastung, sie fügen sich der Ordnung unseres Haushaltes ein, wir

plaudern miteinander und versehen doch dabei unsere Arbeit.

Heute früh habe ich Frl. Riffarth um 5 h auch zur Brücke geleitet. Der Weg durch die frische Morgenluft hat mir wohl getan. Aber als ich wieder in der Kapelle dem hl. Opfer beiwohnen wollte, konnte ich nicht die rechte Beziehung dazu finden. Es befiel mich ein solches Gefühl der Unwürdigkeit, daß ich es nicht wagte, den Herrn in der hl. Kommunion zu empfangen. In meiner Hilflosigkeit suche ich meine Zuflucht bei Winfried, unserem Kind. Er möge mir helfen, die Ferne, die sich zwischen Gott und meiner Seele aufgetan hat, zu überwinden; er rühre mein Herz an, daß es wieder zu jener Liebe fähig ist, die ich oft glückhaft erfahren durfte. In solchen Stunden wird mir so sehr bewußt, wie wenig wir doch aus uns selbst vermögen, schon das Verlangen nach der Hinwendung zu Gott setzt Gnade voraus. - Vater war wieder bei mir. Er ist wieder ganz der Alte, so lieb besorgt um mein Wohl, er meint immer etwas für mich schaffen zu müssen, wenn er da ist.

Sonntag, den 18. November. Auch heute hat mich die seelische Bedrückung noch nicht verlassen, ich kann es so nicht wagen, den Herrn zu empfangen. - Im Kreis der Familie haben wir Mutters Namenstag gefeiert. An solchen Tagen ist es immer besonders schön zu Hause. Aber auch der sonntägliche Spaziergang hat nicht gefehlt, die Eltern waren dabei so gesprächig und guter Dinge. Wie egoistisch war ich doch oft in früheren Jahren, wenn ich bemüht war, nur so

 

 

viel Zeit wie eben möglich für mich herauszuschlagen und die Eltern manches entbehren mußten, worauf sie doch eigentlich ein gutes Recht haben. Ich will jetzt die Zeit, die ich ihnen noch widmen kann, recht benutzen, selbst wenn ich dabei auf eigene Wünsche verzichten muß. - Es ist Winter geworden. Die Kastanien an Zanders Fabrik, die beim vorigen Mal noch viel braune Blätter hatten - wir sind oft an herbstlichen Abenden in Deinen Urlaubstagen darunter hergegangen - recken ihre kahlen Äste gen Himmel.

Dienstag, den 20. November. Es gibt Tage, mein lieber August, an denen bist Du mir so nahe, daß ich meine, Deine Hand fassen, Deiner Stimme lauschen und Dein liebes Antlitz suchen zu müssen. Und abends, ehe ich einschlafe, liege ich noch eine Weile wach und träume davon wie es ist, wenn Du bei mir bist, Liebster. Ob es Dir auch manchmal so ergeht? Ach, ich wünsche von Herzen, daß Dir dabei auch solches Glück geschenkt werde, wie ich es erfahren darf.

Mittwoch, den 21. November. Fest Mariä Opferung. Still und fein habe ich den Tag im Heim zugebracht. Ganz groß steht die Mutter des Herrn heute wieder vor mir. Sie war dem Herrn geweiht und ihr Lebensweg stand damit fest umrissen, wie der ihrer Gefährtinnen. Wie muß sie da das Wort des Engels überrascht haben: Siehe, du sollst empfangen und einen Sohn gebären. All ihr Erstaunen legt sie in die Frage: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Als sie aber den Ratschluß Gottes vernimmt, hat sie nur eine

Antwort: Fiat, siehe ich bin die Magd des Herrn. Solche Ergebung, solch bedingungsloses Ja-Sagen zum Willen des Vaters kann nur in ganzer, liebender Hingabe geschehen. - Möge sie auch uns die Kraft und Gnade erflehen, dem Willen Gottes aus ganzer Seele zuzustimmen, auch dann, wenn er unserem Wünschen und Wollen widerspricht. - Die Zwillinge und Finni waren heute da. Es war das erste Mal, daß wir alle zusammen hier waren. Ich habe daraus ein kleines Fest gemacht, aus den vor Wochen geschenkten Kartoffeln u. Öl Reibekuchen gebacken, gesungen, und Storms Angelika gelesen. Wieviel Freude wird mit solchen Stunden bereitet, den anderen und auch mir selbst; und wenn unser Heim den Rahmen für solche Stunden bietet, bin ich besonders froh. Am Abend bat mich Frl. Gittler ihr das Lied von der kleinen Spanne Zeit zu singen, unser Lied; Du weißt August, was mir dabei wieder lebendig wurde.

Donnerstag, den 22. November. Wieder haben sich zwei Menschen aus unserem Kreis einander fürs Leben versprochen: Elli Niermann und Jupp Völker. Ich schreibe ihnen meinen Wunsch und Gedenken.

Freitag, Was ich lange befürchtet habe, ist nun eingetroffen. Ehe Herr Raskop zur Stelle sein konnte sind Cremers in seine Wohnung gezogen. Wir hatten heute abend eine Auseinandersetzung darüber, die so aufregend u. unangenehm war, daß sie mir arg zugesetzt hat. Gerade die Fälle, für die ich mich persönlich einsetze, sind immer am schwierigsten. Aber ich habe wenigstens erreich, daß Cremer

 

 

sich schriftlich verpflichtet hat die Wohnung zu räumen, wenn die entsprechenden Räume oben fertig sind.

Heute abend war Therese zum ersten Mal bei Mir. Wir hatten eine gemeinsame Brikett-Aktion geplant, aber leider ist sie schief gegangen. Nun müssen wir halt weiter frieren bis sich jemand unser erbarmt. Frl. Gittler u. ich sitzen abends in Mänteln und Decken verpackt da.

Samstag, den 24. November. Das war ein recht trauriger, schwerer Tag heute, eine Schwierigkeit reihte sich an die andere, die Handwerker, die für Frl. Gittler ein Zimmer in ihrer Wohnung fertig machen sollten, haben uns draufgesetzt, Frl. Feuser hat mich enttäuscht und ich selbst habe nicht die innere Kraft, nunüber den Dingen zu stehn. Die Arbeit geht bis in den Nachmittag hinein, sodaß unser Heim dabei zu kurz kommt. Am meisten aber drückt mich das Unvermögen, die rechte Beziehung zu Gott zu finden. Es ist mir, als ob sich eine große Kluft zwischen mir und Ihm aufgetan hätte. Es ist ein Schuldbewußtsein in mir, wie ich es noch nie empfunden habe. Ich möchte mich davon befreien, kann aber keine Einzelheiten erkennen. - Abends spät hat Frl. Gittler noch einen Gang zur Kaesenstr. zu machen, ich begleite sie bis zur Vondelstr., in der Hoffnung dort in der kleinen Kapelle beichten zu können. Ich habe keine Gelegenheit mehr dazu, so verweile ich still im Gebet und finde vor dem Herrn in der Stille des kl. Raumes, in dem ich mit Ihm allein bin - nur das ewige Licht brennt - mein inneres Gleichgewicht wieder.

Sonntag, den 25. November. Letzter Sonntag des Kirchenjahres. War das ein schöner Tag heute. In der Bayenthaler Pfarrkirche, der Kapelle des Antoniushauses habe ich nach einer guten Beichte das hl. Opfer mitgefeiert. Es wurde dabei so hell und froh in meiner Seele, alle Beschwer der letzten Tage war vergessen. Der Pfarrer sprach bei der Betrachtung des Evangeliums von den letzten Dingen. Daß Christus dann seine Königsmacht, die Er jetzt so vielfach nur verborgen ausübe, mit Macht und Herrlichkeit aufrichte. Daß Er im Gericht offenbar werden lasse, wer Ihn in diesem Leben als König anerkannt habe. Dabei sprach er ein besonderes Wort an die Eltern. Daß der Herr König ihres ganzen Lebens sein wolle, auch ihres Ehelebens. Der Herrgott habe von Ewigkeit her jedem Menschenkind einen Schutzengel bestimmt, der sie durch dieses Leben geleiten soll. Wieviele Engel Gottes warten vergebens auf ihren Schützling, weil sich die Eltern den Kindern versagen, die der Herr ihnen schenken will. - Es war eine eindringliche Mahnung, die sicher ihre Wirkung nicht verfehlt hat.

Als ich nachher auf dem Weg nach Wisdorf war - Else + Heinrich hatten mich für den Tag geladen - dachte ich daran, wie wir vor Jahren diesen letzten Sonntag des Kirchenjahres gemeinsam in Wuppertal in froher Gemeinschaft verlebt haben. Weißt Du das noch? - In Wisdorf haben wir das Dtsch. Requiem gehört. Wunderbar wie in der Musik das Klagende, Flehende erlöst wird in dem befreienden Ausdruck des Vertrauens. Auch die gemeinsamen Stunden

 

 

mit Else u. Heinrich waren schön. Wie lange ist es her, daß wir zusammen dort waren und die Matthäus-Passion hörten. Ach, wenn wir diese Dinge wieder gemeinsam erleben dürfen ist doch alles nochmal so schön. Am Abend haben wir miteinander gesungen, Heinrich hat Chello dazu gespielt. All unsere lieben schönen Lieder waren dabei u. viel andere, die den gemeinsamen Stunden in der Familie gewidmet sind.

Montag, den 26. November. Else ist heute morgen mit mir nach Köln gefahren. Zum ersten Mal bin ich nach all der Zeit wieder mit dem Mülheimer Böotchen gefahren. Es war für mich ein ganz eigenes Gefühl über den Strom zu fahren, den Rhein, der zu unserer Heimat einfach dazu gehört. Die stolzen Brücken liegen in seinen Fluten, die Wellen springen schäumend über sie weg. Wie in frühen Kindertagen, wenn der Vater uns mit einer Überfahrt nach dem Sonntagsspaziergang überraschte, schwirrten die Möwen um das Schifflein, um die hingeworfenen Brotkrumen zu erhaschen. Sie sind so geschickt dabei, daß auch nicht ein Bröckchen ins Wasser fällt. Dichtgedrängt stehen die Menschen auf dem kleinen Boot, aber ein paar alte Kölsche helfen mit humorvollen Worten über die Schwierigkeiten weg und wenn alles lacht verliert auch der Ungeduldigste seinen Mißmut.

Die Straßenbahnfahrt vom Rhein über den Ring hätte uns bald das Leben gekostet. An der Kreuzung Krefelderstr. und Hansaring, kurz vor der Stelle, wo Du viele Jahre ein- und ausgestiegen bist, fuhr

ein Lastwagen in voller Fahrt gegen die Straßenbahn. Das Auto wurde völlig umgeschleudert und der Führerstand der Straßenbahn ganz zerstört. Else u. ich standen unmittelbar dahinter und sind mit dem Schreck davongekommen. Komisch, ich hatte schon während der Fahrt mit der 0 und auch im Boot ein so unsicheres Gefühl, als ob ich vor irgend einer Gefahr auf der Hut sein müsse. Das war so stark in mir, daß ich aus einer inneren Not heraus zur Muttergottes gebetet habe. Bei diesem Vorfall wurde mir wieder so recht bewußt, wie wir doch täglich in Gefahr sind, das Leben zu verlieren und daher bereit sein müssen - und daß unser Leben in Gottes Händen ruht, daß wir nicht dem Zufall preisgegeben sind, sondern Seiner Liebe.

Abends war ich mit Frl. Gittler allein, während ich arbeitete hat sie mir aus Stifters Brigitta vorgelesen.

Mittwoch, den 28. November. Heute mittag habe ich Mutter Franken einen Besuch gemacht. Sie scheint ihre letzte große Krankheit begonnen zu haben. Zu sehr hat ihr der Krieg zugesetzt. Therese hat die Wohnung direkt großartig hergerichtet und schön eingerichtet. Sie war über meinen Besuch sehr erfreut, aber eine herzliche Beziehung kann nicht mehr zwischen uns aufkommen. Liesel war lieb u. nett. Sie war so froh beschwingt, daß ich fast den Eindruck hatte, als sei ihre Sorge um Theo nicht weit her. Das lange Militärdasein scheint bei ihr doch nicht ohne Wirkung geblieben zu sein.

Ich habe mit den ersten Vorbereitungen zu Weihnachten begonnen.

 

 

Der Kalender von Köln, den ich Vater vor 2 Jahren gemacht habe, soll ein neues Gewand bekommen und auch Deine Mutter soll in der Fremde durch manch schönes Bild aus der Heimat erfreut werden. Bei diesem Tun wird es mir schon recht adventlich zu Mute und die späten Nachtstunden sind mir nicht zu schade dazu. Ich bin so froh darüber geworden; den ganzen Tag warst Du mir so nahe, mein lieber August, daß ich glaubte, Du müßtest jeden Augenblick zu mir hereinkommen. Die Tage sind mir am allerliebsten, mögen sie äußerlich noch so schwer sein.

Freitag, den 30. November. Jupp Völker war bei mir. Er ist ganz der Alte geblieben. Es war ein frisch-frohes Plaudern. Wir waren zusammen in den Trümmern der Aachenerstr. auf Wohnungssuche für ihn und ich glaube, daß wir etwas gefunden haben. Wie er sich auf das gemeinsame Leben mit Elli freut! Wir haben überlegt, wann wir zuletzt zusammen waren. Es war bei Klüppels während Georgs Krankheit. Er lag auf dem Balkon im Liegestuhl, Du, Jupp und ich kamen dazu. Weißt Du es noch? Lang, lang ist's her. -

Heute bekam ich einen Brief von Vospohl, in dem er sich für die Mitarbeit beim Brautleutetag bedankt. Ich habe mich darüber gefreut, doch es war mir zugleich auch Anlaß zu ernster Besinnung, ob die Beweggründe zu meiner Mitarbeit auch wirklich ganz rein u. gut sind, ob sich nicht auch da ein Geltungsbedürfnis mitspricht, von dem wir Menschen uns doch so selten ganz frei machen können.

Ich bin darum oft bemüht, durch das, was ich sage und wie ich es sage, die Aufmerksamkeit von mir selbst abzulenken und eine „Bewunderung” von vorneherein abzulenken. Aber ab + zu muß ich mich doch dabei ertappen, dem armseligen Ich wieder ein paar Weihrauchkörner gestreut zu haben.

Samstag, den 1. Dezember. Der Tag war bis in den späten Nachmittag mit Arbeit angefüllt, auch Finni hatte mir noch allerlei aufgehalst. Familie Weyerstraß tut mir wirklich leid, sie kommt durch den Bürobetrieb garnicht zur Ruhe. Aber ich werde ja wohl die längste Zeit das Gastrecht in ihrer Wohnung in Anspruch genommen haben.

Mit der Komplet am Abend in der Krypta von St. Georg, die immer ein eigenes Erleben ist, beschließen wir das verflossene Kirchenjahr. Unser Weg, das Wachsen und Reifen unserer Gemeinsamkeit steht mit seinem Kommen und Gehen in engem Zusammenhang. Wie fein hast Du das in Deinem Büchlein, das Du mir als Gabe zum Christfest vor unserer Hochzeit geschenkt hast, zum Ausdruck gebracht. An all das muß ich denken, während ich im Beten u. Singen der Gemeinschaft das Jahr dem Herrn in die Hände lege, das Meine und das Deine, denn ich kann ja nun nie mehr für mich allein vor Ihm stehen, immer bist Du miteinbezogen. Kpl. Angenendt, den die Ereignisse des Krieges als Mensch und Priester gereift haben, stellt uns den Ablauf des Kirchenjahres als die Vergegenwärtigung des Lebens und des Erlösungswerkes des Herrn dar. Wie klingt der

 

 

Jubel und Dank an den Herrn in den jungen Stimmen beim Singen des deutschen Te Deum, Herr Gott dich loben wir ...

Der abendliche Gang hat alle Müdigkeit des Tages von mir genommen und mich wieder ganz frisch gemacht. So mache ich mich froh an die Arbeit, den 2. Vortrag für den morgigen Bräutetag zu skizzieren. Es geht um die Häusliche Gemeinschaft in der jungen Ehe. Du mußt Dir die Notizzen darüber einmal ansehen (Noch besser wäre es freilich, Du würdest es im praktischen Leben der Gemeinsamkeit mit mir so erfahren, daß sich jede Theorie, jedes Wort erübrigt.) Es ist natürlich leichter, ein Ideal in Worten zu zeichnen als in der Wirklichkeit des Lebens; aber da mir das letztere noch versagt ist, muß ich mich darauf einstweilen noch beschränken, aber ich hoffe, daß es nicht dabei bleibt.

Am 1. Adventsonntag 1945. Wieder ist Advent, Ankunft des Herrn. Er will in der hl. Weihnacht Sein Kommen, Seine Geburt in uns, aufs Neue heilige Wirklichkeit werden lassen. Wir wollen uns Ihm bereiten. Die Adventsehnsucht der unerlösten Alten steigt auch aus unserem Herzen empor: O komm, o komm Emanuel. - O Heiland reiß die Himmel auf ... Tauet Himmel den Gerechten ...

Mein lieber August! Vor 2 Jahren haben wir unsere Bereitung auf das Hochfest unserer Liebe in Beziehung gesetzt zum Advent des Herrn, unser Advent sollte Sein Advent sein. Können wir es wagen, auch den jetzigen Abschnitt unseres Lebens, das Warten auf unser endgültiges Vereintwerden, wieder in Bezug zu bringen zum Advent, zum Kommen

des Herrn. Er ist ja ständig zu uns „unterwegs” in allen Gegebenheiten unseres Lebens, ganz gleich ob sie glückhaft oder leidvoll sind. Möge diese Strecke unseres Weges, das Warten auf die neue, endgültige Gemeinsamkeit, Seinem Kommen zu uns kein Hindernis, sondern ein Entgegenschreiten sein. So mag die Zeit für uns in einem doppelten Sinn Advent werden.

Mein lieber August. Der Tag war so schön, so froh und reich für mich, daß ich garnicht weiß, was ich Dir zuerst und zumeist davon erzählen soll. Am Morgen das hl. Opfer in der frohen Gemeinschaft der Brautpaare, die gemeinsame Arbeit über Ehe, Sakrament, Hochzeit, Häusliche Gemeinschaft; das frische Singen und Lachen, die gesunde natürliche Einstellung der Einzelnen, das alles hat mich recht von Herzen froh gemacht. Schon die Tatsache, mit einem Kreis junger Menschen solche Dinge zu besprechen, die mit genau so viel Freude, gutem Willen und Idealismus ihren Weg gehen wollen wie wir ihn begonnen haben, macht Freude und schenkt Zuversicht. Nach dem 2. Vortrag am Nachmittag kamen verschiedene zu mir, um sich für das Gesagte zu bedanken. Das hat mich richtig beschämt. Eine meinte so treu, das müsse doch schwer für mich sein, sie alle zusammen zu sehen und über die Dinge des gemeinsamen Lebens zu sprechen, wo ich doch auf all das verzichten müsse. Dabei sprach sie so herzlich den Wunsch aus, Du mögest bald zu mir zurückkehren, daß ich diesen Wunsch

 

 

wie eine Wirklichkeit empfand und der festen Überzeugung war, Du müßtest in der Stunde etwas davon gespürt haben.

Aber keine Freude darf vollkommen sein in dieser Welt. Mein Kopf ist der angestrengten geistigen Arbeit nicht gewachsen und quält mich furchtbar, ich muß noch einen Gang durch den kühlen Abend machen ehe ich mich dankbar für das Geben- und Nehmendürfen des Tages zur Ruhe lege.

Montag, den 3. Dezember. Heute hat mich mein Kopf so arg geplagt, daß ich zu Bett bleiben mußte. Aber auch diese Zwangsruhepause ist mir nicht vergönnt, denn manch geschäftliche Angelegenheit muß ich sogar noch vom Bett aus erledigen. Herr Raskop macht mir die Mitteilung, daß seine Familie noch vor Weihnachten kommt. Das vergrößert wieder meine Lage, daß die Wohnung bald fertig wird. Auch H. Wagner, ein alter Bekannter unserer Familie kommt hilfesuchend zu mir. Wenn ich doch nur allen helfen könnte.

Dienstag, den 4. Dezember. Heute ist wieder Großbesuchtag bei mir. Frl. Schnir, Riffarth + Müllers sind wieder für einige Tage einquartiert. Wie Vielen hat unser kleines Heim schon gute Dienste geleistet. Aber manchmal wird mir der Betrieb doch etwas viel. Ist es eine besondere Prüfung für mich, daß mir fast keine Zeit zu persönlichen Dingen mehr bleibt, weil ich so gerne allein bin? Es fällt mir doch oft recht schwer auf das Alleinsein verzichten zu müssen, denn es ermöglicht mir das schöne geistige Vereintsein mit Dir. Ach, wenn Du wieder

bei mir bist, dann ist freilich alles anders, dann ist die Gemeinsamkeit das schönste Alleinsein.

Mittwoch, den 5. Dezember. Heute habe ich der Familie unten im Soutterain den ersten Besuch abgestattet. Wenn ich abends zu Bett ging oder auch früh am morgen hörte ich Kinderstimmchen, lachend oder weinend, und das hat mich gedrängt einmal nachzuschauen wie es denen da unten geht. Der Mann öffnet mir die Tür und ist über meinen Besuch sehr erfreut. In dem einen Raum spielt sich das ganze Leben der jungen Familie ab, bei aller Dürftigkeit ist es sauber und ordentlich. Die junge Mutter, eine frische Schürze um, kommt mir mit dem Jüngsten auf dem Arm entgegen. Sie scheint scheu und vorsichtig zu sein, aber wo Kinder sind, bin ich bald keine Fremde mehr. Herzlich plaudern wir miteinander, von all dem Schweren, das hinter uns liegt und dem, was wir erwarten; und daß wir hoffen dürfen, daß es langsam, Schritt für Schritt weitergeht, für jeden persönlich und allgemein. Beim Abschied bitte ich darum, daß sie zu mir kommt, wenn sie irgendwie mal Hilfe braucht.

Am Nikolausabend. Was ruft dieser Abend nicht alles in der Erinnerung wach! Selige Kindererlebnisse tauchen aus ferner Vergangenheit auf. - Der Tag war dienstlich so schwer wie kaum einer, Verhandlung beim Schlichtungsausschuß des Wohnungsamtes. Ich wurde zur Verhandlung selbst nicht zugelassen u. war froh darum, denn betend konnte ich für die Familie wohl mehr erreichen als mit noch so vielen Worten.

 

 

Ich war dabei innerlich so erregt, als wenn es um meine persönlichste Angelegenheit ging. Aber es hat alles gut geklappt, es konnte ja auch nicht anders sein. - Heute abend liegt alle Erregung des Tages weit hinter mir. Zwischendurch habe ich mit Mehl, Wasser + Hefe einen Weckmann in Weyerstraß' Herd gebacken, die letzten Äpfel kommen auf den Tisch und so kann ich meinen Gästen, die sonst jeder für sich wären, einen schönen Nikolausabend bereiten. Frl. Riffarth, die Kunstgewerblerin, hat unter viel Bewunderung und Mithilfe von den anderen aus Staniolpapier einen Engel gebastelt. Er ist fein gelungen und steht nun auf dem kl. Tisch unter dem Kreuz, wo auch Dein Bild seinen Platz hat. Wieviel Freude können wir Menschen doch einander bereiten, wenn Herz und Hände sich um den anderen mühen.

Die beiden Studenten, die ich oben untergebracht habe, kommen seitdem mit allen Sorgen und Anliegen vertrauensvoll zu mir. Der Eine hat sich bei einem Unglück auf der Brücke die Hand schwer verletzt, da er keine Handschuhe besitzt ist die Wunde vor Kälte nicht geschützt. Ich leihe ihm die Deinen, er ist dankbar dafür. Nachdem all meine Gäste zu Bett sind (es sind auch Matrazenlager darunter) fange ich an den Adventskranz zu winden. Ich wollte es gerne in einer stillen Stunde ganz alleine tun. Weißt Du noch wie ich bei Franken den ersten Kranz für Dich gewunden habe, ganz am Anfang unseres Weges? Und wie schön wird es erst sein

wenn wir die Dinge gemeinsam im eigenen Heim erleben dürfen. Sicher wird es im nächsten Advent schon so sein. Doch auch jetzt will ich nicht nur für mich den Kranz winden, ich mache noch einen zweiten für daheim und den dritten für Familie Hönneknövel, der solche Freuden so ungewohnt sind. Es ist weit über Mitternacht, als die drei grünen Kränze fertig vor mir auf dem Tisch liegen. Ach, wie froh hat mich die Arbeit gemacht.

Freitag, den 7. Dezember. Heute mittag waren zum ersten Mal die Eltern zusammen bei mir zu Gast, auch Georg Klüppel kam ganz unerwartet dazu, da war es eine stattliche Tischgesellschaft.

Manchmal habe ich doch meine liebe Not, wie ich all die Gäste satt bekomme, aber bis jetzt hat es immer noch ganz gut geklappt. Mutter schüttelt freilich über meinen 1 Plattenkochbetrieb den Kopf und sagt sie käme nicht damit zurecht. Ich merke ihr richtig an wie froh sie ist, mal wieder in Köln zu sein. Sie bringt zwar keine gute Nachricht mit, der Besitzer der in Gladbach befindlichen Möbel ist aus dem KZ entlassen und will sie herausholen und die Eltern besitzen doch noch garnichts. Aber auch dafür wird sich eine Lösung finden. - Abends hat Finni mit uns Sterne gefaltet, es dauerte lange bis ich es begriffen hatte; der gute Wille muß bei mir in solchen Dingen die mangelnde technische Begabung ersetzen. Es ist doch etwas Schönes um dieses heimliche Wirken und Werken vor Weihnachten. Familie Hönneknövel habe ich einen Advents-

 

 

kranz auf den Tisch gelegt. Wie sich die Menschen doch unter dem Wohltun solcher Freuden wandeln, ich hätte ihnen solches Danken garnicht zugetraut.

Samstag, 8. Dezember, Fest Mariä Empfängnis. Festtag ist heute, da die Kirche das Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter begeht. Im Hinblick auf ihre Berufung zur Mutter Gottes ist sie vom ersten Augenblicke ihres Daseins von jeder Makel der Erbsünde frei geblieben. Sie, die ganz Reine, möge uns beistehen, daß wir in allen Gefahren u. Versuchungen Seele und Leib rein bewahren, auf daß sie so der Herrlichkeit Gottes dienen können. Auch unser gemeinsames Leben in Ehe und Familie wollen wir unter ihren mächtigen Schutz stellen; in ihren reinen Mutterhänden mag es wohl geborgen sein. Still und froh habe ich den Tag begangen und eine tiefere Beziehung zur Gottesmutter gefunden. - Mittags kamen Finni u. Georg Klüppel, der für 14 Tage seine Zelte bei mir aufgeschlagen hat. Fein war die adventliche Stunde der Komplet und der abendliche Gang durch die stille, zerstörte Stadt. Daheim saßen wir um den Adventskranz machten die Adventsehnsucht der Prophetenworte zu unserer eigenen, sangen wieder die schönen, alten Weisen und waren eine gute Weile schweigend beieinander. Alle schauten still + froh in die Flammen der Kerzen, deren Licht in den Augen widerstrahlte. Wir dachten an die vielen guten adventlichen Stunden, die wir früher in unserer Gemeinschaft miteinander begangen haben. Mir wurde besonders jene Advent-

stunde wieder besonders bewußt, die wir beide gemeinsam vorbereitet haben. Was war das doch ein beglückend schönes Tun. - Wir saßen uns am runden Tisch der elterlichen Wohnung an einem Spätnachmittag gegenüber, Du hattest Dir den Aufbau schon ausgedacht und ich Schriftstellen und Lesungen gesammelt, die wir nun zusammen in Deinen Plan einsetzten. Ich übernahm es denn noch über Johannes den Täufer ein paar Gedanken niederzulegen, die ich Dir vor Beginn der Stunde selbst zeigte. Viele Freunde waren an jenem Abend bei Fam. Franken zusammen, es wurde eine frohe, besinnliche Stunde, von der wohl jeder tief beeindruckt war. Hätten wir damals ahnen können, daß diese erste gemeinsame geistige Arbeit der scheue Anfang des Weges war, der uns zur tiefsten menschlichen Gemeinschaft geführt hat?

Am 2. Adventsonntag. Mit wieviel Sehnsucht fleht die Kirche in diesen Tagen uns das Kommen des Herrn; je größer das Bewußtsein der Schuld und der Erlösungsbedürftigkeit in den Menschen ist, umso größer die Sehnsucht nach dem Erlöser. Aber unser Rufen kommt nicht aus Verzagtheit und Verzweiflung, sondern birgt alle Hoffnung und das ganze Vertrauen, zu dem wir fähig sein. „Der Gott der Hoffnung aber erfülle uns mit jeglicher Freude und mit Frieden durch den Glauben, damit ihr überströmet von Hoffnung und von der Kraft des Heiligen Geistes.” Ganz tief sind die Apostelworte der Epistel in mich eingegangen und erfüllen mich mit einer Freude und Zuversicht, daß ich diesen Tag den Sonntag der guten Hoffnung nennen möchte. - Nach dem Opfer in der kleinen

 

 

Klosterkapelle, die mir immer mehr Haus Gottes wird, waren Georg + Jupp Völker zum Frühstück bei mir. Wir waren lange in gutem, ernsthaftem Gespräch beieinander. - Schade, daß die Fahrt nach Gladbach so viel Zeit in Anspruch nimmt, ein gut Teil des Sonntags geht dabei drauf, aber wenn ich sehe, wie die Eltern sich über mein Kommen freuen, bin ich wieder ganz entschädigt dafür. Wir waren viele gute Stunden zusammen. Am Nachmittag kam Frau K. bei der ich mich in den ersten Tagen meiner Rückkehr um eine Wohnung in Gladbach bemüht hatte und bot mir 2 Zimmer mit Küchenbenutzung an. Sie war ganz enttäuscht, daß ich meine Zelte in Köln aufgeschlagen habe. Aber mir fallen gleich Jupp + Susi sein, die bald heiraten und noch keine Wohnung finden konnten. Wieviel Freude löst es bei ihnen aus, als ich ihnen mit der Nachricht komme. Nun können wieder zwei Menschen ihr Leben gemeinsam bauen und Familie werden. Ich bin von Herzen froh, etwas dazu beitragen zu können. Am Abend sind wir in dem Familienkreis zusammen, - viele Gladbacher Freunde: Anneliese Cramer, Johannes + Annelise Höller, Maria Schwellenbach, Weiß u. a. sind dabei - und hatten eine gute adventliche Stunde. Fein ist das Singen und Musizieren und den Aufbau der Lesungen u. Gedichte haben Susi + Jupp gut durchdacht. Wenn ich im Kreis die viele Paare sehe, die wieder zusammen sind, brennt in mir die Sehnsucht ganz groß auch wieder das Glück der Gemeinsamkeit verkosten zu dürfen. Wann mag es uns wohl geschenkt werden? Wenn es an unserer Liebe und

Sehnsucht gelegen wäre, müßtest Du schon längst da sein. Aber ich will nicht unzufrieden sein, so viele, die jetzt wieder daheim sind, haben 6 Jahre und noch länger draußen gestanden, während Du noch hier warst; es ist wohl gerechtfertigt, daß sie vor Dir hier sind. Wir wollen die Zeit der Trennung so gestalten, daß sie trotz allem für unsere Gemeinsamkeit keine verlorene Zeit ist, sondern dann, wenn wir einander zurückgeschenkt sind, ihre Frucht offenbar wird.

Montag, den 10. Dezember. In aller Frühe bin ich heute mittag mit Finni von Gladbach fortgefahren. Der Weg über die Brücke ist mir immer eine Qual, ich fühle mich bei diesen Hasten u. Rennen, Stoßen und Drängen wie ausgeliefert an die Masse der Menschen, von der jeder nur sich selbst zu sehen scheint, rücksichtslos nur auf seine Vorteile bedacht ist und schonungslos alles bei Seite schiebt, was seinen Interessen nicht entspricht. Wenn hier in diesem Gedränge jemand schwach wird und fällt, ich glaube man würde erbarmungslos über ihn hinwegeilen. Und wenn man unter all den hastenden Menschen die vielen Flüchtlinge u. Heimkehrer sieht, die unter der Last ihrer letzten Habe fast zusammenbrechen, kann es einem vor dem Egoismus und der Roheit der Masse Angst + bange werden. Ich atme jedes Mal auf, wenn ich die Brücke hinter mir habe.

Eine stille Freude hat der Sonntag in mir hinterlassen und so beginne ich denn auch die neue Woche.

 

 

Mein lieber August! Ich bin noch ganz gebannt von der großen Freude, die mir der heutige Tag gebracht hat: die erste Nachricht von Dir! Ich kann Dir nicht sagen wie mir ist, ich möchte singen, jubeln und wenn Du hier wärest würdest Du eine ganz stürmische Umarmung über Dich ergehen lassen müssen. Ich weiß garnicht wohin mit all der Freude, so stark hat sie mich ergriffen. Sie leuchtet aus meinen Augen und meinem ganzen Wesen, sodaß die Leute gleich fragen: Haben sie Nachricht von ihrem Mann, daß sie so froh sind? - Als ich heute mittag zum Essen aus dem Büro kam, galt meine erste Frage, wie immer, der Post. Ich stelle die Frage sehr vorsichtig, damit die Enttäuschung nicht gar so groß ist, wenn wieder nichts da ist. Aber diesmal ist es ein ganzer Stoß, schnell überfliege ich die einzelnen Absender. Als letztes halte ich eine Karte in der Hand, nur die Unterschrift fällt mir ins Auge: Dein August. Da überfällt mich die Freude wie ein jäher Schmerz aufjubeln möchte ich und schluchzen zugleich. Zitternd halte ich die Karte in Händen, die vor 4 Wochen in Deinen guten Händen lag. Tränen treten in meine Augen; da sie über meine Wangen laufen ist es mir, als wollten sie allen Schmerz u. alle Sorge der langen Ungewißheit von mir abwaschen. Ich bin nicht fähig mehr zu lesen, als die beiden lieben Worte, die mir alles sagen: Dein August. Überwältigt von Liebe und Freude drücke ich still einen Kuß auf die Stelle, der Dir Antwort sagt: Deine Marga. Fest schließe ich

die Hände ineinander wie zum Gebet und beim Dank an den Herrn wird das aufgewühlte, drängende Herz langsam wieder ruhig. Dann lese ich die Worte, Wort für Wort, die mir die erste Kunde von Dir bringen: In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über Dir Flügel gebreitet! Ist es nicht herrlich, daß gerade dieser Hinweis auf die Barmherzigkeit Gottes mir die erste Gewißheit bringt: daß Du da bist, daß der Herrgott Dich mir erhalten hat und daß Du eines Tages, dann, wenn unsere Stunde gekommen ist, zu mir zurückkehren wirst. Ach August, es konnte garnicht anders sein, trotz aller Sorge und Ungewißheit der langen Monate war mir das doch verborgen irgendwie bewußt. Und daß diese Gewißheit gerade noch im Advent zu mir kommt, ist mir eine besondere Freude. Nun kann in einem doppelten Sinn Advent für uns werden, Bereitung auf das Kommen des Herrn in der Weihnacht und in unserer von Ihm geheiligten Gemeinsamkeit. Könnte ich Dir doch nur recht bald auch Nachricht zukommen lassen, damit auch Du froh werden kannst in der Gewißheit um unser Wohl. Du hast die Karte, die keinen Absender trägt, nach Reinstorf addressiert. Ob Du glaubst, ich sei dort geblieben? Die Sorge um die Lieben, das Heimweh und das Verlangen nach einem Tun, das unserem gemeinsamen Leben die Wege bahnt, ließen mich mit der ersten Möglichkeit zurückkommen und ich glaube, daß es gut war, denn ich habe Vielen dadurch helfen können. - Die Karte war in Mühlacker abgestempelt, es liegt

 

 

nahe bei Stuttgart. Solltest Du wirklich noch auf deutschem Boden sein, ich kann es mir kaum denken, denn dann hättest Du gewiß schon früher eine Möglichkeit gefunden, mir Nachricht zukommen zu lassen. Aber wo Du auch sein magst, Du bist da, und eines Tages wird all meine Sehnsucht in Deiner Heimkehr erfüllt werden. - Das ist ein Festtag heute, der mir so viel Freude gebracht hat und ich will ihn in allem als solchen begehen. Der Mittagstisch ist festlich gedeckt, das übliche Klosteressen wird durch einen Nachtisch vervollständigt. Frl. Gittler u. Georg sind erstaunt darüber, schnell haben sie mir die Freude vom Gesicht abgelesen und freuen sich herzlich mit mir. Am Abend treffe ich Finni auf der Straße, die auf dem Wege zu mir ist. „Was bist du so froh?” ist ihre erste Frage und als sie die Ursache meiner Freude hört, treten ihr Tränen in die Augen. Ja, ich möchte alle teilnehmen lassen an meiner Freude. Abends geben wir dieser Freude in einem feinen Adventsingen beim Schein der beiden Kerzen Ausdruck. Ach August, was hast du mir heute einen guten Tag bereitet!

Mittwoch, den 12. Dezember. Herrn Pastor Köhne, der sich immer so besorgt nach Dir erkundigt hat, habe ich gestern von meiner Freude erzählt. Zufällig wohnt eine Bekannte von ihm in Mühlacker. Ich habe gleich an die Adresse geschrieben, ebenso an das Pfarramt und beiden Briefen ein Wort an Dich beigefügt. Es war für mich ein direkt überwältigendes Gefühl, nach so langer Zeit wieder an

Dich zu schreiben, in der stillen Hoffnung, daß Dich die Nachricht einmal erreichen werde. Ich bin so übervoll von Glück, daß mir alles andere, die kleinen, unangenehmen Dinge des Alltags nebensächlich geworden sind und mich kaum berühren.

Mit den Handwerkern, die garnicht voran machen wollen, habe ich viel Ärger, doch über allem steht die große Freude, alles andere ist Nebensache.

Donnerstag, den 13. Dezember. Die beiden Studenten, die ich oben im Haus untergebracht habe, kommen sich ab und zu mal ein Buch bei mir leihen. Der Eine, mit der wehen Hand, ist anscheinend zu schüchtern Deine Handschuhe anzuziehen. Ich werde ihm nun ein Paar nähen, das er behalten kann.

Freitag, den 14. Dezember. Herrn Fieth's Sohn, der Leutnant, ist wieder da und arbeitet in der Baufirma mit. Manchmal glaubt er den Kasernenhofton, den er den Arbeitern gegenüber anwendet, auch auf mich übertragen zu können. Aber das lasse ich von vorneherein nicht aufkommen, an unserer heutigen Auseinandersetzung wird er gemerkt haben, daß er das mit mir nicht machen kann. Die jungen Leute, die beim Militär eine Rolle gespielt haben können einem leid tun. Sie haben als Offizier lange Zeit nur Befehlt erteilt und nun kommen sie ins zivile Leben zurück, stehen hilflos der neuen Situation gegenüber, möchten krampfhaft an der bisherigen Lebensführung festhalten und ecken überall damit an.

 

 

Bis spät in die Nacht hinein arbeite ich mit Finni noch an den Sternen, recht viele möchte ich davon haben, um Vielen eine Freude damit zu machen.

Samstag, den 15. Dezember. Ich war noch dabei unser kleines Heim heute mittag für den Sonntag zu bereiten, da stellte sich Besuch ein. Nach Georg, der ja augenblicklich mit zur Familie gehört, kam Finni und kurz darauf Cordula und Elisabeth. War das ein Wiedersehen, ein frohes Plaudern nach all der Zeit. Immer wieder, wenn man nach all der Zeit Einen von den Freunden begegnet und erfährt, wie er die Zeit durchlebt hat, ist man überwältigt von all dem, was sie betroffen hat und ist doppelt dankbar dafür, daß man sich so nochmal wiedersieht. Die beiden Frauen Heinen, mit ihrem unverwüstlichen Humor haben uns mit ihrem Plaudern viel Freude gemacht. Wieder brennt auf dem Tisch in der Mitte unseres Kreises der Adventskranz, wir singen unsere Lieder und hören Worte, die uns Sinn und Wesen des Advent deuten. Froh nehmen wir Abschied voneinander, das Wissen um das Gemeinsame, das uns alle trägt, ist wieder neu in uns gestärkt worden.

Am Abend stellen sich wieder einige Schlafgäste ein, Frl. Tillmann, auch eine Lehrerin der Zwillinge und Frl. Rebholz aus Siebeldingen. Da ist das Haus voll und ich habe meine liebe Not, wie ich alle satt bekomme. Aber es hat schließlich doch geklappt. Es war mir eine Freude mich bei Fam. Rebholz einmal revangieren zu können

für die liebevolle Aufnahme, die sie Dir gewährt haben. Wir plaudern noch eine Weile miteinander, die „Pälzer Mundart” höre ich so gern.

Am 3. Adventsonntag, den 16. Dezember. Gaudete - Freuet Euch, ruft uns heute die Kirche entgegen und ich bin so voller Jubel, daß es mir garnicht schwer fällt dieser Aufforderung zu folgen. Bald ist Weihnachten und nun, da ich Nachricht von Dir habe, ist mir die Aussicht auf das nahe Fest viel lieber. - Ich hatte mir den Sonntag für meine Weihnachtsvorbereitungen frei gehalten. Es bleibt noch so viel zu tun, wenn ich für jeden nur eine kleine Freude bereit haben will, und immer kann ja die Nacht auch nicht dazu herhalten. Aber einen Tag ohne Gäste gibt es schon lange nicht mehr für mich. Morgens waren Georg und Jupp wieder da, sie sahen mir beim Sternefalten zu und wollten es auch lernen. Wir haben dabei froh geplaudert, besonders Jupp ließ manch guten Gedanken Wort werden. Am späten Nachmittag kamen die Zwillinge ganz unverhofft zu Besuch. Ganz vorsichtig kamen sie mit der Nachricht heraus, daß Du nach Gladbach geschrieben hast und zwar aus Südfrankreich. Sie sagten so lieb dazu, ich solle nicht enttäuscht darüber sein, so hätte ich doch wenigstens ganze Gewißheit. Sie sind so besorgt um mich und lassen mich ihr Wohlwollen recht herzlich spüren. Zu Hause sei große Freude über Deine Post, wenn Du unser Bruder wärst, sagten die Beiden, könnte die Freude nicht größer gewesen sein. Es tut mir so gut zu spüren, wie sehr sie Dich alle schätzen.

 

 

Montag, den 17. Dezember. Heute war ich den ganzen Tag für Dich unterwegs. Wo ich jetzt Deine Anschrift habe, will ich alles versuchen, damit Du bald Nachricht von mir bekommst. Bei der Post habe ich eine Karte mit 25 Worten aufgeben können. Es ist eine Quälerei, wie soll man in diesen kurzen Worten nur andeuten können, was man sagen möchte, wo das Herz es nicht fassen kann. Beim Generalvikariat habe ich nachgefragt, wie die Möglichkeiten der Verbindung mit Frankreich sind und ob ich einen Entlassungsantrag für Dich stellen kann. Man konnte mir nichts Genaues, aber ich habe mir trotzdem die nötigen Zeugnisse schon beschafft. Domvikar Kleff hat mir gern eine Bescheinigung geschrieben, auch bei dem Pastor von Bayenthal bin ich gewesen. Bei der AEG, wo ich mich nach den Möglichkeiten Deines Berufes erkundigt habe, sieht es sehr schlecht aus. Aber eine Anforderung habe ich wenigstens erstanden. Auf dem Wege habe ich Jean Kolter, dem Mitarbeiter beim Bräutekreis im Büro einen Besuch gemacht. Es war nötig, ihm mal einiges über die Art seines Vortrages zu sagen. Wenn er dabei seine köstlichen humorvollen Beispiele bringt, lenkt er zu schnell auf ernsthafte Dinge über. Die jungen Menschen können nicht so rasch umschalten, wie er es vermag, und oft leiden die Dinge darunter, weil das Frohsein in Ausgelassenheit übergeht. Kolter selbst empfindet das nicht so, aber ich habe es öfter beobachtet. Er ist dankbar für das, was ich ihm gesagt habe u. wir plaudern noch eine Weile

über die gemeinsame Arbeit. - Am Abend erst komme ich müde und abgespannt zu Hause an, aber mit dem frohen Bewußtsein, endlich mal etwas direkt für Dich getan zu haben - indirekt geschieht ja alles für Dich.

Dienstag, den 18. Dezember. Mit Hochdruck habe ich mich darum bemüht, daß ein Büroraum im Hause 14 fertiggestellt wurde. Es sind noch keine Scheiben drin, alles ist nur roh verputzt, aber ich muß das alles mit in Kauf nehmen, um zu verhüten, daß eines Tages ein Fremder in unserer Wohnung ist. Und Familie Weyerstraß-Dresen haben den Raum ja so nötig. So sind wir heute umgezogen und damit wieder ein gutes Stück weiter.

Mittwoch, den 19. Dezember. Da das Büro mich in den letzten Tagen so sehr beansprucht hat, habe ich heute mal eine recht schöne, ganz „private” Arbeit getan: die Weihnachtsbäckerei. Frl. Gittler + Finni hatten mir auch ihre Zutaten dazu gegeben. In der elektr. Röhre Deiner Mutter, die ich mir zu dem Zweck geliehen hatte, ging es wunderschön, Printen, Anisplätzchen, Makronen, alles mögliche habe ich fabriziert und es ist alles gut geraten. Könnte ich Dir doch mal eine Kostprobe davon herüberschicken. Zwischendurch mußte ich natürlich auch noch am Abend meine geschäftlichen Besucher abfertigen, denn trotz aller Mühe gelingt es Gittler doch nicht immer, sie mir vom Hals zu halten.

Frl. Bolten kam noch auf einen Sprung herüber. Immer, wenn die

 

 

Erlebnisse ihres schweren Berufes sie besonders arg bedrücken, muß sie mir etwas davon erzählen. Heute sprach sie von dem Elend der vielen Menschen, die noch in den Bunkern leben. Könnte man ihnen doch nur richtig helfen; man schämt sich fast des guten, warmen Bettes, das man noch hat, wenn man von so viel Not und Elend hört.

Donnerstag, den 20. Dezember. Mit Riesenschritten geht es nun dem Weihnachtsfest zu. Heute ist der letzte Abend, den Frl. Gittler vor den Ferien bei mir zubringt. Trotz aller Arbeit machen wir uns eine schöne gemütliche Stunde. Beim Schein der Tischlampe sitzen wir plaudernd bei einer Tasse Tee und lassen uns die ersten Weihnachtsplätzchen gut schmecken. Dabei packt Gittler ein Päckchen aus, das heute ankam: ein mattgrüner Seidenstoff „nur ein kleines Zeichen meiner Dankbarkeit” sagt sie schlicht. Ich bin so erstaunt und beglückt, daß ich garnichts sagen kann. Ich hätte nie gedacht, daß man mich mit einem Kleid so erfreuen könnte. Aber jetzt, wo ich auf Deine Heimkehr hoffen darf, hat ja alles wieder einen ganz anderen Sinn bekommen, auch diese Dinge. - Noch eine andere Freude hat mir dieser Abend gebracht. Der Student von oben bringt ein paar geliehene Bücher zurück und wünscht mir ein frohes Weihnachtsfest. Er will morgen fortfahren. Als ich die Bücher ins Regal stellen will, ist eins zu unterst zu einem richtigen Weihnachtspäckchen verpackt. Als ich es aufmache, ist ein gutes Buch über die Renaissance darin mit der

Widmung: Die Menschen sind selten geworden, in ihnen habe ich einen gefunden. Dankbarkeit ist doch etwas Schönes, sie ist so wohltuend im Zueinander der Menschen, wenn man sie auch nicht erwartet. Über dieses stammelnde fast hilflose Zeichen des Dankes habe ich mich mehr gefreut als wenn mir von sonstwoher ein großes Geschenk gemacht worden wäre.

Samstag, den 22. Dezember. Nach langem Bemühen ist es mir gelungen einen Installateur für die Heizung zu finden. Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich meinen Mietern machen kann. Mittags sind die Monteure bei mir zum Essen. Der Eine, eben erst aus der Gefangenschaft entlassen, erzählt von seiner Frau u. deren Erlebnisse bei der Besetzung im Schwarzwald. Eine große Achtung gewinnt mir der schlichte Mann im blauen Arbeitskittel ab, er erzählt Dinge, an denen sich die meisten Menschen heute weiden oder zur Sensation machen, mit so viel Zurückhaltung, die ich fast als Keuschheit bezeichnen möchte. Es tut mir richtig wohl, wenn ich heute Menschen begegne, bei denen ich die Sicherheit habe, daß sie gut sind; das hilft über die Enttäuschungen, die ich täglich mit Menschen erleben muß, ein Wenig hinweg.

Am Nachmittag halte ich Weihnachtsputz in unserem Heim. Alles soll zur Feier des hohen Festtages blank sein. Abends feiern wir wieder unsere Komplet in der Krypta von St. Georg. Der Priester führt uns mit feinen Worten in das Geheimnis der Ankunft des

 

 

Herrn, damals bei Seiner Menschwerdung und auch heute, da Er sie gnadenhaft in uns erneuert. Möchte Er in diesen letzten Tagen der Bereitung alle Schuld und Fehle von uns abwaschen, auf daß wir neu und gereinigt Seiner Ankunft entgegensehen können.

Am 4. Adventsonntag. Es war ein stiller Tag letzter Bereitung heute. Allen Lieben habe ich einen Weihnachtsgruß geschickt und wie sich meine Gedanken beim Schreiben mit dem Geschehen des Festes befassen, da fängt es an, auch in meinem Herzen Weihnachten zu werden. Zwei niedlich kleine Tannenbäume hat mir gestern ein Arbeiter mitgebracht, denen ich heute den weihnachtlichen Schmuck anlege; auch für Fam. Hönneknövel will ich Christkindsarbeit tun, es verlangt mich einfach danach, anderen Menschen gut zu sein. Und gerade zur Weihnacht sind die Meisten so empfänglich für ein liebes Wort, eine kleine Freude; wenn wir mit wachen Augen um uns sehen bieten sich so viele Gelegenheiten dazu.

Am Heiligen Abend, wollte ich keinen Dienst mehr tun. Als einige Leute versuchten mich in der Wohnung damit zu behelligen, schien es ihnen sichtlich peinlich zu sein, als sie sahen, daß ich alles schon so festlich hatte. All die kleinen Geschenke, die ich in den letzten Wochen für die Lieben bereitet hatte, habe ich einzeln fein in weißes Papier verpackt, mit Silberkordel verpackt u. einem Tannenzweiglein geschmückt. Ein Schildchen mit dem Namen und einem Verslein läßt gleich erkennen für wen es sein soll.

Vater bekommt den Kalender von Köln im neuen Kleid und die Flasche Wein, die Georg mir aus Siebeldingen mitgebracht hat. Für Mutter habe ich ein gutes Foto von Köln erstanden, das ich auf grauen Karton aufgezogen habe. Sie hat sich immer schon gewünscht, ich sollte ihr die kleinen Verse mal aufschreiben, die ich als Kind mal erdacht habe. Aber bis jetzt hielt mich immer eine gewisse Scheu davon ab, ihr den Wunsch zu erfüllen. Heute habe ich sie ihr aufgezeichnet, in Karton gebunden und vorne drauf eine gepreßte Margretenblume geklebt. Sie wird sich gewiß darüber freuen. Dann habe ich noch ein paar Kaffeebohnen für sie, die ich vor langen Monaten einmal geschenkt bekommen habe. Finne werde ich mit der dunklen nacht von R. Schneider und der blauen Bluse von Lore erfreuen, die ich kaum noch tragen kann. Für Hanni + Rosi habe ich ein selbstgerahmtes Bild mit gepreßten Blumen und noch ein paar andere kl. Freuden. Elisabeth bekommt ein Märchenbuch und einen Beutel feiner Pralinen, die ich lange für sie verwahrt habe. Außer der Familie sind in Gladbach noch mehr, die einen Christkindgruß von mir bekommen. Für die Weiß-Kinder habe ich noch für jeden einen Poulover bekommen u. etwas vom Christkind aus Köln dazu aufgeschrieben. Der Michael von Annelise bekommt einen Baukasten u. Schwellenbachs Marlene ein Bilderbuch. Damit wird der Christkindkoffer bis oben voll. Behutsam lege ich ein Päckchen

 

 

zum anderen und es ist als ob die Freude, die ich damit bereite, schon in meinem Herzen wohnt. Vor lauter Eifer habe ich das Mittagessen ganz vergessen, aber Frau Hönneknövel hat an mich gedacht und bringt mir einen Teller Suppe. Ich kenne sie oft nicht mehr wieder, so lieb und nett ist sie zu mir. - Am Nachmittag habe ich der Fam. im Soutterain ein Weihnachtspäckchen gebracht. Bunt geschmückt steht der Tannenbaum da, den der Vater geschmückt hat. Wie schön wird es werden, wenn wir uns in unserer Familie in diese Christkindarbeit teilen. - Auch einer lieben alten einsamen Frau, die kürzlich ihren Mann verloren hat, mache ich einen Weihnachtsbesuch. Es beschämt mich fast, wie sehr sie sich über mein Kommen freut. Nach einer stillen Stunde vor dem Tabernakel kehre ich heim, um bei Hönneknövels das Weihnachtszimmer zu bereiten. Es ist das erste Mal, das ihnen jemand die Freude macht, was sind das doch innerlich arme Menschen! Bei Kerzenschein sitzen wir eine gute Weile beisammen u. plaudern bis uns die kl. Edith von gegenüber holt, um zu zeigen was das Christkind gebracht hat. Dann bin ich allein in unserem Heim, still wird es in mir, die Weihe des Heiligen Abends ist spürbar und ich bin so froh. Lange schaue ich sinnend in das Licht der 4 Kerzen des Adventkranzes, auch in meinem Herzen brennen alle Lichter der Liebe und der Freude. Ich möchte mit meinen Händen hineingreifen in den großen Raum der Trennung, die zwischen uns liegt, und Dich herholen

Liebster, zu mir in die Stille und den Frieden der Hl. Nacht. Wie meine Sehnsucht und meine Gedanken so zu Dir hingehen, muß ich sie Wort werden lassen in dem Brief an Dich, der durch einen belgischen Arzt an Dich weiterbefördert wird. Daß mir die Möglichkeit gegeben ist, wieder ein Wort an Dich zu richten, aus dem Du etwas von dem erahnen kannst, was mich bewegt, ist mir eine besondere Freude.

Gegen 10 h beginne ich meinen Weihnachtsgang durch die menschenleere Trümmerstadt. Kalt ist die Nacht und in wunderbarer Klarheit wölbst sich der Sternenhimmel über mir. Ich suche den Stern, der uns in unserer Gemeinsamkeit besonders vertraut ist, der Orion; möchte er Dir in dieser hl. Nacht von meiner Lieber + Freude und all meiner Sehnsucht zu Dir erzählen. - Auf der Domtreppe staut sich schon die Menge, die in dem kleinen Raum der Schatzkammer die Mette mitfeiern will. Franz spielt auf der Klampfe die Weisen der schönen Adventlieder und bald summen alle um uns her mit. In den Dombauhütten singen wir die Lieder, die wir während der Mette singen, noch einmal durch. Wie schön wäre es, wenn Du an meiner Stelle da ständest und die Zeichen zu Einsatz und Stärke gäbst! Bald stehen wir in dem festlichen Kirchenraum. Über dem Altar, vom Schein vieler Kerzen erhellt, steht die Domkrippe, die für mich in der schönsten Innigkeit das Wunder der Weihnacht darstellt. Prächtig tragen die hohen alten

 

 

Silberleuchten die schweren Wachskerzen, deren schlanke Leiber sich vom Grün der hohen Tannen gut abheben. Der Tabernakel, aus dem ich zum ersten Mal den Leib des Herrn empfing, die alten kostbaren Gewänder der Priester, die mir von Kindheit an vertraut sind, der ehrwürdige Boden des Domes: das alles bestimmt in mir das Gefühl: hier bist Du zu Hause wie nirgendwo sonst. Die Gestaltung der Mette ist wunderbar durchdacht. Um ½ 12 läuten die Petersglocke den Frieden der Weihnacht über die Stadt, die wie kaum eine zweite die Wunden des Hasses an ihrem Leibe trägt. Still und ergriffen lauschen alle den Worten des Weihnachtsmartyrologiums. Ich denke dabei an jene Feier der Mette, da mir die Gewißheit wurde, daß der gemeinsame Weg in der Liebe für mich der rechte, gottgewollte Weg ist: Einen Leib hast du mir bereitet, siehe ich komme deinen Willen zu erfüllen,” und wieder steigt der Dank an den Herrn, der mir diese Gewißheit geschenkt hat als Vorbedingung unserer Gemeinsamkeit, aus meinem Herzen auf. Allen Jubel der Weihnachtsfreude, die uns so stark erfüllt, legen wir hinein in die frohen Lieder, die wir mit Flöten- und Klampfenbegleitung singen. Zwei Jungen singen mit mir die Herbergssuche, die wir beide zuletzt an unserem Hochzeitstag gesungen haben. Ganz groß und tief geht das Erleben in mich ein und ich wünschen von Herzen, daß auch Du so still und froh Weihnachten feiern mögest. Bei der Wandlung erhebt sich der weiße Leib des Herrn segnend über der

Gemeinde, und auf dem Altare erneuert sich geheimnisvoll das Kommen des Herrn. Während die anderen zur Kommunionbank gehen singen wir die frohen Hirtenlieder. „Menschen, die ihr ward verloren” erhebt sich am Schluß der Opferfeier der Gesang aller und gipfelt in dem weihnachtlichen Lobpreis: Ehre sei Gott in der Höhe! Nachdem die Leute unter dem festlichen Klang der Notorgel langsam den Dom verlassen, empfangen wir an den Stufen des Altares den menschgewordenen Herrn: Möge Sein Kommen so ganz Wirklichkeit in uns werden, daß Sein göttliches Leben immer mehr wachse und erstarke in uns. Ob es auch Dir vergönnt war, in dieser Weihnacht den Herrn zu empfangen? Immer, wenn ich Ihn in meinem Innern trage, richte ich die Bitte an Ihn, daß Er auch Dich mit Seiner hl. Gegenwart erfülle, daß Er Dir alle Freude und alle Kraft schenke, die Du nun brauchst. In dieser Weihnacht aber war mein Beten für Dich besonders innig. Die Fülle dessen, was ich für Dich im Herzen trage, habe ich Ihm anheimgestellt. Das Bild der hl. Familie auf dem Altar ließ mich die Bitte an Ihn tun, daß Er Dir bald eine gute Heimkehr schenke und uns dann Familie werden läßt, wie wir es uns so sehr ersehnen.

Nachdem so jeder für sich still für das weihnachtliche Kommen des Herrn gedankt hatte, erklang noch einmal der Kanon: Ehre sei Gott in der Höhe, Frieden auf Erden .. und den Menschen ein Wohlgefallen. Amen. Amen. Dann gingen wir reich beschenkt

 

 

heim, die anderen in ihre Familien, ich in die Stille unseres Heims, wo ich noch ein paar Stunden mit Dir allein Weihnachten gefeiert habe, während das kleine weiße Lichtlein vor dem Krippenbild brannte.

Am Weihnachtsmorgen habe ich mich mit dem Christkindkoffer auf den Weg nach Gladbach gemacht. Ich bin den Eltern recht dankbar, daß sie mir das Alleinsein am Hl. Abend nicht übelnahmen, nun sollen sie aber auch nicht zu kurz kommen. An der Haltestelle, wo ich fast eine Stunde auf die Bahn warten muß, stehen einige Soldaten, die aus französischer Gefangenschaft entlassen wurden: Gestalten des Jammers, die ein stummer Vorwurf für die menschenunwürdige Behandlung sind, die sie über sich ergehen lassen mußten. Die Leute um mich herum wissen aber alle, was da not tut, jeder sucht in der Tasche und findet irgendetwas, das den Heimkehrern Freude macht: Brot, Obst oder Zigaretten. August, ob auch Du eines Tages so zu mir heimkommst? Wie Du auch aussehen magst, komme nur, Du weißt, daß Du mir immer willkommen bist, ganz gleich wie. - Die entbehrte Nachtruhe der letzten Zeit macht sich doch bemerkbar, ich bekomme meinen Koffer kaum vorwärts. Ein Soldat, der hinter mir her kam, hat das wohl bemerkt und bietet sich an, mir ein Stück zu helfen. Wir kommen ins Gespräch, er ist in Dellbrück im Gefangenenlager, im franz. Gebiet beheimatet u. will nun die Mutter

eines gefallenen Kameraden besuchen. Es gefällt mir, daß er über das Leben im Lager nicht klagt - um Mitleid zu erwecken tun es die meisten - sondern versucht mit der Lage fertig zu werden. Auf meinen Hinweis, daß ich gerne jemand aus dem Gef. Lager nach Hause eingeladen hätte, um ihm Weihnachten Freude zu machen, sagt er ganz zaghaft: „Das soll doch nicht heißen, daß sie mich einladen wollen!” Wir vereinbaren, daß er am 2. Tag morgens zu uns kommt, er trägt mir den Koffer fast vors Haus u. verabschiedet sich. Daheim freuen sich alle über mein Kommen. Die Kerzen werden nochmal angezündet u. gemeinsam gesungen. An solchen Tagen spürt man besonders, wie sehr man zueinander gehört. Dann baue ich meinen Tisch auf, wie sich alle über meine kl. Gaben freuen. Das Mittagessen ist ein rechtes Festmahl und der ganze Tag so ungetrübt froh, wie man ihn sich nur wünschen kann. Am Abend kommen Weiß und Hermann zu uns herauf. Es gibt ein festlich frohes Singen und Musizieren, wobei Hermann noch eine feine Weihnachtsgeschichte liest. „Der Mond ist aufgegangen” klar und schön steht er über der Winternacht als ich dankbar und froh oben im Mansardenstübchen im Gedanken an Dich die Augen schließe.

Am 2. Weihnachtstag, dem Fest des hl. Stephanus, ist die ganze Familie schon früh in Gladbach zur Messe gegangen. Wie vertieft es doch die Gemeinschaft der Familie, wenn alle zu Beginn des

 

 

Tages am Tisch des Herrn gekniet haben. Die Eltern leben die Liturgie der Kirche heute mit einer solchen Selbstverständlichkeit mit, daß ich ganz froh erstaunt darüber bin. Wenn ich denke, als wir noch Kinder waren, genügte Vater die kurze 9 h Messe der Geschäftsleute im Dom, von der er auf seinem Stammplatz im Seitenschiff recht wenig mitbekam. Heute ist auch für ihn eine Messe ohne Kommunion nicht mehr denkbar. - Wieder ist daheim ein so gemütlicher Sonntagmorgenkaffee, wie wir ihn von früher gewöhnt sind. Danach machte ich meine Kinderweihnachtsbesuche. Zunächst bei Fam. Weiß. Norbert sagt wieder bei der Begrüßung: „Tante Marga, ich mein' du wärst lang nicht mehr da gewesen.” Mit leuchtenden Augen hören sie zu, wie ich ihnen vom Christkind aus Köln erzähle, das mir das Päckchen für die drei „weißen Kinder” da gelassen hat. Mit viel Spannung wird es aufgemacht und wie jeder sein Teil entdeckt hat, ist die Freude groß. Die Verslein, die ich ihnen dazu erzählt habe, mußt Du Dir auch mal sagen lassen.

Dann ging ich durch die winterlich-festliche Stille zu Maria Schw. in ihr kleines Heim. Sie sitzt neben dem Ofen auf dem kleinen Bänkchen, schenkt dem Buben Johannes die kostbare Nahrung, in die sich alle Mutterliebe ergießen kann, und Marlene schaut andächtig auf das Brüderchen. „Da kommt ja die Tante Marga”, so werde ich herzlich froh begrüßt. Alle Freude ihres Mutterseins leuchtet mir entgegen. Ach, daß auch ich bald wieder ein Kindlein

unser Kindlein, so in meinen Armen halten darf. Maria hat die gleiche große Weihnachtsfreude wie ich: Nachricht von Hans. Es drängt sie so sehr, mich daran teilnehmen zu lassen, daß sie mir den Brief vorliest. Die gleiche Sehnsucht + Sorge läßt uns einander so nahe sein. Viel zu schnell geht die Stunde des Zusammenseins vorüber. Marlene ist ganz glücklich mit ihrem Bilderbuch, es ist doch etwas Schönes, Kinder zu erfreuen. Ich bin selbst so voll Freude und stiller Dankbarkeit, daß ich auf dem Weg durch den weihnachtlichen Wald zur Bonnschlade die Arme ausbreiten möchte und all meine Freude hintragen über die Ferne hinweg zu Dir. Das Birkenwäldchen und die Wiese dahinter, die unseren schönen Sommersonntag gesehen hat, liegt kahl und öd da. Aber wenn Du wieder bei mir bist und ich mich ganz für Dich bereitet habe, dann wird sich auch die Natur wieder in ihren schönsten Farben zeigen. - Im kleinen Häuschen in der Bonnschlade ist trotz des Schmerzes, der an den Festtagen besonders stark aufbricht, eine verhaltene, stille Freude. Hat nicht der Gottessohn, der selbst ein Kind für uns geworden, einen besonderen Segen an jedes kleine Menschenkind geknüpft, für alle, die es liebend aufnehmen? Oma + Opa Heeger sind wieder jung geworden an ihrem Michael, der ein kräftiger kleiner blonder Bub geworden ist, ganz das Ebenbild seines Vaters - sogar den eigenen Kopf scheint er von Toni geerbt zu haben. Er zeigt mir

 

 

in der Krippe das Jesulein, die Schafe sind die „Hottas” und Maria „Gotteschen”. Anneliese erzählt mir von all der Freude, die sie an ihrem Buben hat, läßt mich aber auch den Schmerz wissen, den sie immer noch um Toni trägt. Sie versucht mit aller Tapferkeit mit ihrem schweren Los fertig zu werden, aber alle Kräfte von Seele und Leib, Geist und Gemüt sehnen sich doch nach der Gemeinschaft mit dem Mann, dem ihre Liebe gehört. Es muß furchtbar schwer sein, damit fertig zu werden; es gehört wirklich schon ein Glaube dazu, der Berge versetzt, und eine alles überwindende Liebe zu Gott.

Kostbar sind solche Begegnungen mit Menschen, sie können uns stets eine neue Bereicherung sein, wenn wir sie recht bewerten. Ich habe die Zuneigung und das Vertrauen, das andere mir entgegenbringen, immer viel zu selbstverständlich hingenommen. Wir sollten es wirklich als Geschenk betrachten, das Gabe und Aufgabe in sich birgt.

Daheim hatte sich unser Weihnachtsgast schon eingefunden. Vater + Mutter waren beide bemüht es ihm so schön wie möglich bei uns zu machen und er fühlte sich auch schon bald recht wohl. Am Nachmittag fand der traditionelle Besuch bei Overs statt. Obschon sie es weder an Herzlichkeit noch an Gastlichkeit fehlen ließen, wird die Atmosphäre mir dort immer mehr fremd und ich war froh, als wir wieder daheim waren. Dort fand

das Fest in einer stillfrohen Stunde „unter uns” seinen Abschluß. Beim Gute-Nacht-Sagen drängte es jeden, dem anderen für das schöne Fest zu danken, denn jeder hatte sein Teil beigetragen, daß es für alle so wurde. - Als ich schon zu Bett lag kam Rosemi noch zu mir, setzte sich auf die Bettdecke und hat noch mit mir geplaudert. Finni gab mir noch den Rat: Marga, mach es ganz richtig! Sie hat wohl gespürt, daß ich immer noch mit manch altem Fehler nicht fertig bin, daß hinter allen guten Beweggründen ab + zu noch Geltungsdrang + Egoismus stehen. Sie hat ein feines Gespür für die Dinge und ich bin ihr für die geschwisterliche Mahnung von Herzen dankbar.

Donnerstag, den 27. Dez. Am Fest des Hl. Johannes. In aller Frühe, es war noch dunkel und regnete, bin ich mit Rosi nach Köln gefahren. Der Weg von der Bahn in Deutz bis nach Hause ist mir recht hart geworden, der Wind peitschte mir den Regen ins Gesicht. Die Arbeit war noch erträglich heute. Als wir naß und müde ankamen, bot Frau Hönneknövel mir gleich ein Fußbad an. Es ist mir eine Freude zu beobachten, wie sie sich mehr und mehr von ihrer egoistischen Einstellung löst u. sich müht andere zu verstehen und ihnen Freude zu machen. - Fein und still war der Abend in unserem weihnachtlichen Heim, ich habe mir Rosi gesungen und gelesen und durch ein festliches Abendessen ihr Freude gemacht. Daheim sind sie immer die

 

 

Gastgeber, so ist es mir eine Freude, sie in meinem Heim zu bewirten. - Vor dem Einschlafen steht das Bild des Jüngers Johannes, den der Herr mit seiner besonderen Liebe ausgezeichnet hat, vor mir. Liebe, Reinheit, restlose Hingabe und Treue sind die Kräfte, die sein Leben bestimmen und gestalten. Immer schon war er mir der vertrauteste aus der Schar der Apostel. Ich wünschte mir, wenn uns wieder mal ein Junge geschenkt würde, daß er seinen Namen trägt.

Freitag, den 28. Dezember. Seitdem Winfried sein kurzes Erdenleben gelebt und wieder von uns gegangen ist, ist mir der Tag der Unschuldigen Kinder ein besonderer Festtag geworden. Denn das, was an ihnen offenbar geworden ist, - daß die Gotteskindschaft, die Berufung zur Teilhabe am Ewigen Leben freies Gnadengeschenk Gottes ist, das wir uns niemals verdienen können - ist ja auch an unserem Kind Wirklichkeit geworden, da der Herr es so früh zu sich heim geholt hat. Je mehr ich jenen Gedanken Raum gebe, umso stärker wird in mir das Bewußtsein, daß es gut war, wie der Herrgott es gefügt hat. Zwar kann mich der Schmerz um den Verlust seines irdischen Lebens auch heute noch mit aller Gewalt befallen, besonders wenn ich eine Mutter sehe, die sich ihrer Kinder freut; aber zuweilen kann mich auch eine stille Freude überkommen bei dem Gedanken, daß unser Kind, unsere von Gott mit einem neuen Menschenleben gesegnete Liebe, nun vor Gott steht und ihn so verherrlicht, wie wir

es garnicht vermögen. Und ich habe die feste Zuversicht, daß seine Teilhabe an der Gleichseligkeit der Anschauung Gottes, auch unserem jetzigen Leben zum Segen gereicht. Was wissen wir von den geheimen Fäden, die von dort zu uns gehen und unser Leben hineinnehmen in die Zeit und Raum überwindende Gemeinsamkeit der Liebe. Wir können ihre Kraft und ihr Wirken nur erahnen und spüren. So bitte ich unser Kind, es möge seine mächtige Fürsprache am Throne Gottes mit meinem schwachen Bitten vereinen, auf daß sie an Dir Wirklichkeit werden.

Eine besondere Freude war es mir, daß heute am Festtag der Unschuldigen Kinder, den ich ganz wie ein Festtag begangen habe, Kinderbesuch zu mir kam: Frau Dominok mit der kleinen Monika die etwas älter ist als Winfried jetzt wäre. Sie ist so zutraulich zu mir, sitzt spielend auf meinem Schoß und läßt sich meine Weihnachtsplätzchen gut schmecken.

Samstag, den 29. Dezember. Im Büro hatte ich heute morgen alle Hände voll zu tun, und am Mittag mußte ich mich auch daheim sputen, daß ich die Arbeit hinter mich brachte, denn Else und Heinrich hatten sich zu Besuch angesagt. Kaum waren die letzten Waffeln aus dem Ofen, da waren sie schon da. Wir haben recht froh miteinander geplaudert! Heinrich versteht es gut, sich seiner Umgebung anzupassen und Else mit ihm. In Amelunxen im Kreis der Familie waren sie ganz anders als jetzt, wo ich mit

 

 

ihnen alleine bin. So sehr diese Anpassungsfähigkeit im allgemeinen zu begrüßen ist, sie läßt doch manchmal die persönliche Selbständigkeit vermissen. Selbst in ihrem eigenen Heim fehlt die Sicherheit der persönlichen Note. - Ich gebe mir alle Mühe, sie so gut wie möglich zu bewirten und ich glaube auch, daß sie sich wohl fühlen bei mir.

Sonntag, den 30. Dezember, der Sonntag ging im Zusammensein mit Else und Heinrich schnell vorüber. Abends kam Leni noch für eine Stunde herüber. Es muß ihr schwer fallen, die Engländer den ganzen Tag zu bedienen, sie in Saus und Braus leben zu sehen während die meisten Menschen unseres Volkes Hunger leiden müssen. Ich glaube kaum, daß ich das fertig brächte. Es tut ihr gut, über das alles sprechen zu können. Die Sorge um Bruno scheint sie doch sehr zu bedrücken, wenn auch ihre frisch frohe Art immer wieder durchbricht. Nachdem sie Else und Heinrich mit zur Marienburg genommen hat, gehören die letzten Stunden des Sonntags ganz Dir, mein lieber August. Ich muß wieder einen Brief an Dich schreiben, obschon ich noch nicht weiß, auf welchem Weg er Dich erreichen wird. Ach, diese Stillen Stunden des geistigen Alleinseins mit Dir sind mir doch die allerliebsten. Möchtest Du doch etwas ahnen von all der Liebe und Sehnsucht, die dann mit ihrer ganzen Wucht über mich kommt. Wir wollen hoffen und bitten, daß sie bald, recht bald ihre Erfüllung findet.

Montag, den 31. Dezember. Der letzte Tag des Jahres ruft so viele gute Erinnerungen in mir wach, wie wir vor 2 Jahren diesen Tag gemeinsam verlebt haben in der Bereitung auf unser Hochzeitsfest. Weißt Du noch, wie wir in der ersten Stunde des neuen Jahres 1944, das ein so entscheidendes in unserem Leben geworden ist, in Bayenthal auf dem Balkon standen und zu den Sternen aufschauten in stiller, inniger Gemeinsamkeit? - Ich konnte es als Kind schon nie verstehen, daß die Menschen die letzten Stunden des Jahres meist so laut begingen. Wollen sie damit die Denkwürdigkeit der Stunde vertuscht werden, ist es eine Flucht vor der Besinnung, die der Abschied des alten Jahres von allen verlangt? Ich weiß, wenn ich rückschauend heute die Ereignisse des Jahres bedenke, daß Du es in ähnlicher Weise tun wirst. Über all dem, was da in unseren Gedanken wieder ersteht, steht der Dank an den Herrn, der darin unser Heil wirkt, wenn es unseren Augen auch verborgen bleibt. - Nachdem ich heute mittag noch etwas für die Silvesterstunde daheim gebacken habe, bin ich nach Gladbach gefahren. Dort freue ich mich immer an der Natur und den Wegen, die wir so oft gemeinsam gemacht haben. Vater bat mich gleich als ich kam, die Gestaltung des Abends ein Wenig in die Hand zu nehmen. Es war mir eine große Freude. Die Eltern gehen so schön mit, wenn wir die in unserer Gemeinschaft gewachsenen neuen Formen in die Familie hineintragen. Ich könnte mir die Gestaltung des Silvesterabends in unserer jungen Familie kaum schöner denken, als ich

 

 

ihn jetzt in der elterlichen Familie begehen durfte. Obgleich ich kein starres Programm aufgestellt hatte, rannen die Stunden so fein vorüber, daß alle recht befriedigt davon waren. Zuerst sangen wir beim Schein der Kerzen des Weihnachtsbaumes einige Lieder und plauderten miteinander. Glühwein und Gebäck erhöhten die Festlichkeit. Nachdem ich einige Stellen aus Lipperts: Abenteuer des Lebens gelesen hatte, lenkte ich die Unterhaltung so, daß sie ein Rückblick auf das verflossene Jahr wurde. Kurz vor 12 Uhr faßte ich das in den Worten zusammen:

„Das alte Jahr neigt sich dem Ende zu, wir schauen zurück auf das, was es uns gebracht hat: Schweres, Bedrückendes; Frohes, Beglückendes, eine Fülle von Erleben, die reich genug wäre, ein ganzes Menschenleben zu durchziehen. Wenn wir es rückschauend betrachten, steigt der Dank an den Herrn aus unseren Herzen, daß Er uns dies alles bestehen ließ; daß wir am Ende dieses ereignisreichen, schweren Jahres wieder alle zusammen sein dürfen; daß wir gemeinsam Herz und Hände zu Ihm erheben dürfen, Ihm Dank zu sagen: Herr, wir danken Dir für alles, was Du uns erleben ließest; für alles Gute, das Du uns erwiesen; für alles Frohe, das Du uns beschwert; für alles Leid und alles Schwere, das uns Dir näher gebracht hat; für jeden Tag, die alle ein Geschenk Deiner Liebe waren. In dieser Stunde stellen wir sie alle, mit ihren Mühen und Sorgen, mit ihrem Siegen und Erliegen von Dein heiliges Angesicht. Schenk Du

unserem Mühen das Vollbringen, auf daß es vor Dir bestehen kann.” - Als draußen die Böller krachten, standen auf und sprachen gemeinsam das Gebet des Herrn, reichten einander die Hände mit dem Segenswunsch für das Neue Jahr und sangen Lob und Dank mit dem Lied Großer Gott wir loben dich .. dann fuhr ich fort:

„Nachdem wir so das alte Jahr beschlossen haben, können wir voll gläubigen Vertrauens auch hineinschreiten in das Neue Jahr, das wie ein großes, unbetretenes Land vor uns liegt. Alles, was es in seinem Schoß für uns verborgen hält, kommt uns, Vater im Himmel, von Deinen guten Händen. Was es auch sein mag, wir wissen, daß Deine Liebe es uns schickt, und darum unser Heil wirkt. So segne uns und dieses Neue Jahr. Laß' uns in Deiner Gnade all seine Forderungen bestehen und den Sinn unseres Lebens erfüllten: Die Verherrlichung Deines Namens!” Dann blieb es lange still zwischen uns. All meine Gedanken gingen hin zu Dir und ich wurde froh in dem Bewußtsein, daß Du in dieser Stunde mit besonderer Innigkeit auch an mich denken würdest. Auch die anderen hatten wohl an Dich gedacht, Vater sprach es zuerst aus: „Nächstes Jahr wird August sicher wieder mit dabei sein.”

Mit der gemeinsamen Opferfeier am Neujahrsmorgen in Gladbach haben wir das Neue Jahr gut begonnen. Nach dem ausgedehnten Frühstück habe ich mit Vater einen wunderschönen Spaziergang in den Wald gemacht. Wenn ich mit ihm draußen bin, ist er immer

 

 

besonders froh und gesprächig. Herrlich war der Weg durch den Wald nach Bensberg; ich hätte noch stundenlang so weitergehen mögen. Zum Nachmittag hatten Overs sich angesagt, ein Grund für mich, daß ich mich gleich nach Tisch verabschieden konnte. Früher war es am Neujahrstag bei uns üblich, daß wir die Eröffnung des Ewigen Gebetes mitfeierten. So bin ich auch heute von der Brücke gleich zum Dom gegangen. Auf dem festlich geschmückten Altar war das Allerheiligste ausgestellt. Es war die gleiche Monstranz, die ich als Kind bei festlichen Anlässen immer bewundert habe; wieder trug der Priester den gleichen Chormantel wie am Tag meiner Ersten hl. Kommunion. Wieder spüre ich, daß ich nirgends so zu Hause bin wie hier. Lange knie ich unter den ständig wechselnden Betern froh darum, endlich einmal Zeit für den Herrgott zu haben, im Getriebe des Alltags bleibt gerade morgens und abends eine kurze Weile für Ihn. Ich habe das Glück, noch eine hl. Messe mitzufeiern. Als ich in stiller Freude den Dom verlasse, ist es schon dunkel draußen und ich suche den Weg durch die Trümmer so schnell wie möglich zurückzulegen.

Mittwoch, den 2. Januar 1946. Den ersten Werktagmorgen des Neuen Jahres war ich nur für Dich unterwegs, mein lieber August. Beim Roten Kreuz, Generalvikariat + Caritas, überall versuche ich Dir eine Nachricht zu schicken; auf einem Weg muß doch mal etwas zu Dir hinkommen. - Gleichzeitig habe ich Herrn Domvikar

in seiner Behausung im Domkeller einen Besuch gemacht. In einem Bretterverschlag steht sein Bett, ein Stuhl u. ein kl. Schreibtisch. Damit ist der ganze Raum ausgefüllt, Besuch muß schon auf der Bettkante Platz nehmen. Als er meine Verwunderung bemerkt sagt er nur schlicht: „Ich entbehre doch nichts, mit dem Herrgott unter einem Dach, immer zur Stelle, wenn man mich braucht, warum soll ich nicht zufrieden sein!” Ja, wenn all unsere Priester so Ernst machten mit ihrer Nachfolge des Herrn wäre es um unsere Kirche besser bestellt. Und nicht nur, daß er sich selbst mit diesen primitiven Verhältnissen begnügt, er hat auch noch Platz dort für solche, die kein Dach mehr haben. In der Ecke, die seinem Verschlag gegenüber liegt, hat er sein „Hilfskrankenhaus” eingerichtet. Irgendwo in einem halb zerfallenen Keller in den Trümmern hat er ein junges Mädchen mit seiner Mutter gefunden, beide krank, hungernd u. halb erfroren. Das Mädchen war so schwach, daß es sich von dem Lager auf dem Boden nicht erheben konnte und auch die Mutter war nicht fähig sich von der Stelle zu bewegen. Kurz entschlossen hat er das Mädchen auf seinen Armen durch die Trümmer getragen u. auf einem Handwagen zum Dom gefahren. Frl. Emmi, die Haushälterin, hat dann Mutter u. Tochter in Kur genommen, sodaß sie jetzt langsam wieder zu Kräften kommen. - Man muß Freude haben an solche praktischer Nächstenliebe, die leider die meisten Priester noch vermissen lassen. - Wir plaudern eine gute Weile froh miteinander, da er-

 

 

innert er sich daran, daß morgen unser Hochzeitstag ist und sagt, daß er an dem Tage das hl. Opfer in unserer Meinung feiern wolle. Ich bin ganz ergriffen von soviel priesterlicher Güte und menschlichem Verständnis.

Der Tag war angefüllt mit Arbeit. Ich hatte schon genug damit zu tun, den Handwerkern ihre Arbeit zuzuweisen. Der Umgang mit den Leuten wird mir oft recht schwer, die Redensarten, die sie offensichtlich in meinem Beisein zügeln, belasten mich trotzdem.

Donnerstag, den 3. Januar 46, am zweiten Jahrestag unserer Hochzeit. Mein lieber August. Festtag ist heute, unser Tag, da gehen meine Gedanken, meine Liebe, meine Sehnsucht, mit besonderer Innigkeit zu Dir hin. Weiß ich doch, daß auch in Dir heute die Erinnerung an all die wundersamen Erlebnisse der Hohen Zeit unserer Liebe wach und lebendig sind. An solchen Tagen, an denen wir die Tiefe unserer Verbundenheit und Zusammengehörigkeit besonders stark erleben, mag uns die Ferne und Trennung wie ein Kreuz belasten, das unserer Schwachheit zu schwer erscheint, unter dem wir zusammenbrechend seufzen müssen: ich kann nicht mehr.

Aber soll nicht gerade die Erinnerung an all die zarten tief in unser Inneres eingegrabenen Erlebnisse dieses Tages jene Dankbarkeit in uns auslösen, die uns befähigt, auch mit der Schwere der jetzigen Prüfung fertigzuwerden? Weißt Du noch, August, wie ich oft

überwältigt von unserem großen Glück gesagt habe, es sei viel zu viel für uns, wir hätten das garnicht verdient, wie Du mir da entgegnet hast: Alles Große ist Geschenk, das wir uns nicht verdienen können. Wir wollen es dankbar hinnehmen, wer weiß, wie lange wir davon zehren müssen und wie wir dessen bedürfen, wenn Schweres von uns gefordert wird. - Wie oft habe ich daran denken müssen in all den Tagen, die mir schwer geworden sind und auch heute, an unserem Festtag.

In aller Frühe, es war noch vor 5 h, bin ich durch die schlafende Stadt gegangen. Klar und leuchtend wölbte sich der Sternenhimmel über mir; ich schritt lustig aus, um die Kälte zu überwinden, meine Augen suchten das Sternbild, das uns besonders vertraut ist und all meine Gedanken waren bei Dir. Ganz groß war die Freude in meinem Innern, sodaß mich auch das Warten vor der verschlossenen Domtüre nicht verdrießen konnte. An unserem Hochzeitstag hast Du ja auch auf mich warten müssen. Ganz allein habe ich dann, vor dem Altar gekniet, als der Priester das Opfer für uns darbrachte. Schmerzlich empfand ich dies Alleinsein, aber nachher war es mir, als ob Du wieder neben mir knietest wie damals. Wieder glaubte ich Deine Stimme zu hören, die mir vor Gott das Ja zum gemeinsamen Leben gab und auch aus meinem Herzen stieg wieder das Ja zu Dir auf und zu allem was das gemeinsame Leben mit Dir im Plane Gottes für mich

 

 

bringen mag. Ich konnte in dieser Stunde mit solcher Innigkeit beten wie lange nicht vorher. All das, was mich an diesem Tag bewegte, alle Sehnsucht und Hoffnung auf Deine Heimkehr habe ich betend vor den Herrn getragen. Vor allem aber die Bitte, daß Er Dir die Kraft gebe, Dein Leben jetzt mit all seinen Nöten und Schwierigkeiten im rechten Geiste zu tragen und daß es mir gelingen möge in dieser Trennungszeit alles in mir aufzuspeichern was uns helfen mag unser gemeinsames Leben zu einem guten gottgefälligen Leben zu gestalten. - Das Gloria habe ich wieder mit solch innerem Jubel gebetet, wie wir damals „Erde singe ..” miteinander gesungen haben. Und als der Herr in der Kommunion wieder zu mir kam, war ich so glücklich wie es jetzt für mich nur denkbar ist. Möge alle Kraft und Gnade unsres Sakramentes in diesem Opfer wieder neu heilige Wirklichkeit an uns werden. Lange habe ich noch vor dem Bild der Mailänder Madonna gekniet und der himmlischen Mutter alle Sorge um Dich anvertraut. Dann bin ich frohen Herzens in den Tag gegangen in unseren Festtag, an dem Du mir sicher auch ein besonderes Gedenken schenken wirst. Daheim habe ich unsere Brautkerze vor dem Kreuz angezündet. Ach, wie schön wird es werden, wenn wir diesen Tag später gemeinsam begehen werden. Ob es nächstes Jahr schon sein wird? Ich glaube es sicher.

Frl. Gittler war so lieb bemüht, mir den Tag auch nach außen

hin zum Festtag werden zu lassen; durch besondere Speisen, einen festlich gedeckten Tisch und besondere Aufmerksamkeit. Am Abend kam Georg aus Siebeldingen, lange saßen wir in gutem Gespräch beieinander. Es ging um Beruf u. Berufung, die Erkenntnis des Willens Gottes aus den Gegebenheiten des Lebens, um Mut und Vertrauen zum restlosen Ja. Solche Stunden sind eine Bereicherung, wenn ich mir auch an diesem Tag mehr Stille und Alleinsein gewünscht hätte. Die habe ich mir genommen, nachdem Frl. Gittler u. Georg schon zu Bett waren, sodaß ich in Gedanken und diesen Worten noch eine Weile mit Dir allein sein konnte. Still brennt die kleine Kerze vor dem Zeichen des Kreuzes, das Du mir am Tag vor unserer Hochzeit geschenkt hast, betend stehe ich davor und schicke Dir über die Ferne hinweg das Zeichen des Kreuzes zum Segen. Der Herr behüte Dich und schenke Dir eine gute Nacht. Deine Marga.

Freitag, den 4. Januar. Es war ein recht bewegter Tag heute. Viele Wege mußte ich machen, um alles zur Beschaffung des Materials einzuleiten, das für die Instandsetzung der Wohnungen nötig ist. So schwer mir diese Arbeit oft wird, all das Hasten und Jagen, das damit verbunden ist, es schenkt doch auch eine tiefe Befriedigung, für andere da zu sein und helfen zu können. Mittags kam Inge Weber zu mir. Sie ist noch immer das ungestüme Mädchen von früher, obgleich sie sehr viel hinter sich hat.

 

 

Manche Begegnung hat sie nach der ersten Zuneigung zu Franz hinter sich. Wenn ich so von anderen erfahre, wie schwer es ihnen wird aus allen Irrwegen und Zwiespältigkeiten ihres Herzens den rechten, von Gott für sie bestimmten Weg zu finden, so bin ich jedesmal doppelt froh + dankbar, daß ich auf so geradem Weg zu Dir und damit zu der mir zugedachten Lebensform gelangen durfte. Es ist wirklich Gnade, aus der eine große Verpflichtung erwächst.

Am Nachmittag kam Hans Hens. Die Krankheit seiner Frau steht als Kreuz über seiner jungen Ehe, bei allem Ernst seiner Worte hat er doch von seiner Fröhlichkeit noch nichts eingebüßt. Mit einer Selbstlosigkeit, die zu bewundern ist, trifft er seine Berufswahl zunächst nach dem Gesichtspunkt, wie er sein Schaffen am besten für die Gemeinschaft einsetzen kann. Der Bau von Wohnungen ist ihm ein besonderes Anliegen, und wir planen, ob wir da nicht gemeinsame Sache machen können.

Am Abend sind Georg und Finni da. Georg versucht die Methode von Ford, den Arbeitseinsatz und die Bewertung der Arbeitskraft wie sie dort üblich ist, zu rechtfertigen, aber Gittler u. ich sind der gleichen Auffassung das eine so überspitzte Rationalisierung der Würde des Menschen nicht gerecht wird, es entsteht daraus eine falsche Rangordnung der Werte, das Werk dient nicht mehr dem Menschen, sondern der Mensch wird zum Sklaven der Maschine. Vielleicht hat die Frau in diesen Dingen ein besseres Gespür als

der Mann, weil ihr ja die besondere Sorge um die persönlichen Bezirke des Menschenlebens aufgetragen ist. Es ist wertvoll sich im Gespräch über diese Dinge auszutauschen, es gibt den eigenen Gedanken manch wertvolle Anregung.

Finni hat am Abend wieder lange für Dr. Westhoff geschrieben. Es stört in dem einen Raum sehr, wenn stundenlang die Maschine klappert, heute empfand ich es besonders lästig, da Frl. Gittler noch Hefte nachsehen mußte u. ich auch noch zu tun hatte. Wenn das alles an einem Tisch geschehen soll, ist es nicht zu vermeiden, daß man einander ins Gehege kommt. Finni tut mir leid, daß sie ihre kostbare Freizeit für diese Dinge opfert. Wenn es sich um eine wirklich cariative Arbeit handelte, könnte ich es noch verstehen, aber dieses trockene, juristische Zeuge, zu dem man innerlich keine Beziehung finden kann, ist einen solchen Einsatz garnicht wert. Wenn man sieht, über welche Fragen die Klöster u. ihre geistl. Berater sich die Köpfe zerbrechen, kann man nur bedauernd feststellen, daß selbst der Krieg es noch nicht fertig gebracht hat, ihren Blick auf das Wesentliche zu richten. Aus diesem Gedankengang heraus war ich wohl Finni gegenüber etwas unduldsam. Ich habe ihr ganz offen meine Meinung dazu gesagt, wenn sie zuerst auch nichts einsah, ich glaube, daß sie sich doch Gedanken darüber macht. Ihre Bereitschaft und Hingabefreudigkeit müßte ein anderes Werk gestalten können.

 

 

Samstag, den 5. Januar. Am Samstagnachmittag muß ich mich immer dahinterhalten, daß ich meine Hausfrauenpflichten erfülle, einkaufen, putzen, waschen, die Woche läßt mir wenig Zeit dazu. Gern wäre ich am Nachmittag, nachdem Georg fort war, allein gewesen, denn wenn G. zurück ist, sind die Stunden des Alleinseins so selten. Da aber überraschten mich die Zwillinge mit ihrem Besuch. Es war ein recht frohes Zusammensein. Sie sind noch so kindlich unbekümmert, daß ihr Frohsinn unwillkürlich auf mich übergeht. Es tut ihnen recht gut, einmal die Würde ihres Berufes abzustreifen und sich wie Kinder herumlängeln zu können. Hanni liegt auf der Chaise, Rosi im Sessel, lachend und scherzend, während ich die Malzeit bereite. Jupp Völker kommt darüber. Ich lade ihn immer gerne zu Tisch, der arme Kerl hat garkeine Pflege u. Gemütlichkeit. Am Abend zünde ich die Kerzen vor der Krippe an. Ihr Licht läßt die silbernen Sterne an meinem kleinen Christbaum glänzen. Wir singen die schönen Lieder aus dem Weihnachtssingebuch, ich lese eine Weihnachtsgeschichte und still kommt die Nacht. - Soll es ein besonderer Hinweis für mich sein, daß ich so oft auf das so ersehnte Alleinsein verzichten muß? Aber ich will nicht bedauern und klagen darüber, sondern die Gegebenheiten der Stunde recht erfassen und versuchen ihnen gerecht zu werden. Und wenn ich anderen eine Freude machen darf, ihnen eine schöne Stunde in meinem Heim bereite, darf mich die Zeit nicht gereuen.

Sonntag, den 6. Januar, Fest der Erscheinung des Herrn.

Das war ein rechter Festtag heute, das festliche Hochamt in der Pfarre und den ganzen schönen Tag für mich - nein besser für uns in unserem Heim. Die Kirche begeht heute das Offenbarwerden Gottes unter den Menschen. Möchte er auch jedem persönlich als der Herr erscheinen und den ganzen Menschen seiner Herrschaft untertan machen. Ach, es bedarf noch so vieles, damit auch an uns die Erscheinung des Herrn sichtbar werde.

Dieses Fest war das erste, das wir unmittelbar nach unserem Hochzeitstag miteinander begangen haben. Ich weiß noch gut, wie wir nach einer ach so schönen Nacht in Gladbach um 10 h in der Heitkamper Kirche das Opfer mitgefeiert haben. Fast jedes Fest des Kirchenjahres ruft so eine Erinnerung in mir wach, die dann auch auf die gegenwärtige Gestaltung des Tages Einfluß gewinnt.

Heute habe ich manche Stunde in Gedanken mit Dir verbracht. Aus den Selbstgesprächen Augustinus habe ich ganz kostbare Dinge gelesen. Wie erhaben groß und doch in Liebe erreichbar war sein Gottesbegriff. Er versucht sich erst ganz in die Unergründlichkeit Seines Wesens ehe er es wagt, Ihm eine Bitte vorzutragen. Es war so schön, als ich in unserem sonntäglichen Heim beim trauten Schein der Lampe mich so ganz mit diesen Dingen beschäftigen konnte.

Im Kloster ist heute Brautleutetag, aber weil Jean Koller da ist, kann ich heute einmal feiern. Hanni Meyer tut zwar, als ob

 

 

es ohne mich nicht ging, sie kommt ein paarmal herüber. Sie ist wirklich ein armes Wesen, man muß viel Geduld mit ihr haben. - Mein August, der Sonntag neigt sich dem Ende zu, wie wird es einmal sein, wenn wir im Alltag und Sonntag unser gemeinsames Leben führen dürfen? Und ich versuche mir immer wieder vorzustellen, wie Du jetzt in der Fremde Deine Tage gestalten magst. Könnte ich Dir doch etwas von der Freude, die mir die stillen Stunden des Alleinseins geschenkt haben, mitteilen.

Dienstag, den 8. Januar. Heute war Hanni wieder bei mir, um von den erfrorenen Kartoffeln zu holen, die ich von Raskop geschenkt bekommen habe. Ich mache den Beiden, deren Tag jetzt auch so ganz ausgefüllt ist, immer einen hl. Feiertag, wenn sie zu mir kommen. Hanni sagt: ich habe immer das Gefühl, daß ich ausruhen u. faulenzen darf, wenn ich zu Dir komme.

Frau Raskop, die heute mittag unser Steckrübenmahl gesehen hat, Steckrüben sind schon länger an der Tagesordnung, heute als Gemüse, morgen als Salat, - brachte mir heute abend 3 Eier aus ihrem Vorrat. Darüber wird Mutter sich freuen! Auch durch die Post erhielt ich heute schon zusätzliche Nahrung: ein Päckchen von den Flüchtlingen aus Reinstorf. Ich finde es wirklich rührend wie sie, die selbst nichts haben, an mich denken und von allem etwas geschickt haben.

Mittwoch, den 9. Januar. Manchmal, wenn hier u. da ein kleiner

Erfolg festzustellen ist, macht mir meine Arbeit wirklich Freude. Heute habe ich in der Beschaffung von Baumaterial allerhand erreicht. Es ist schön, anderen damit helfen zu können, ihnen wieder zu einem Heim zu verhelfen, das die Voraussetzung für ein geordnetes Familienleben ist. Und wieviel Vertrauen die Menschen alle in meine Hilfe setzen! Es beschämt mich manchmal richtig und lastet als Verpflichtung auf mir; ist aber auch wieder Ansporn, alles daranzusetzen, um dieser Verpflichtung zu genügen.

Frau Dominok, die junge Mutter, hat Sorge mit ihrem Jüngsten, das das ganze Köpfchen voll Ausschlag hat. Es ist unverzeihlich, daß selbst für diese Kleinen das Notwendigste fehlt. Ich bin froh, ihr mit der Beschaffung der verschriebenen Salbe helfen zu können.

Donnerstag, den 10. Januar. Heute bin ich meinen Kopfschmerzen mal energisch zu Leibe gerückt. Dr. Senge, ein Freund von H. Fieth, der im gleichen Haus auf der Marienburg wohnt, hat eine Spritzenkur mit mir angefangen. Es paßt mir zwar nicht recht, daß ich dafür 2 x in der Woche einen Abend opfern muß, aber wenn wir Erfolg mit der Sache haben, lohnt es sich.

Freitag, den 11. Januar 46. Viel Arbeit gab es heute für mich im Büro, müde u. abgespannt kam ich nach Hause. Da wartete Karl Paulus, einer aus dem Bräutetag, auf mich. Mit einer Reife u. Offenheit erzählt er mir die Geschichte seiner Liebe. Wie er beim Flötenunterricht Nettchen zuerst kennenlernt, aus dem Felde an sie schreibt, aber nicht

 

 

weiterzugehen wagt, weil er glaubt, sie sei versprochen. In einem Urlaub erfährt er, daß die Bindung, die er vermutete, garnicht bestand; wie er sich ihr Wort holt ehe er wieder zur Front fährt und das Wissen um die Zugehörigkeit zu ihr ihn stark macht. Und wie er nun voll Idealismus das gemeinsame Leben mit ihr bauen will. Möchten doch recht viel junge Familien so gegründet werden. Ich glaube, es würde eine stille Reformation für Kirche und Vaterland geben. - Gern wäre ich heute abend noch eine Stunde in die Kapelle gegangen, wo heute Ewiges Gebet gefeiert wird. Aber nachdem Karl weg ist, ist es zu spät, nur in Gedanken kann ich dem Eucharistischen Herrn mein Gebet geben.

Sonntag, den 13. Jan. Fest der hl. Familie. Der Tag war wieder so reich am Erleben, morgens Meßfeier im Dom, Fahrt nach B. Gladbach in Sturm und Regen, schöne Stunden im Kreis der Familie, nachmittags Konzert im Rathaus, Beethovens Violine-Sonaten, ein herrliches Erlebnis, besonders die Frühlings.-S., bei der mir die Unterschiedlichkeit der Bedeutung der Dur-Tonarten zum Bewußtsein kamen. Am Abend hatte Familie Weiß den Familienkreis in ihr Heim geladen. Mit Singen, Musizieren u. Lesen haben wir gemeinsam einen Gang durch das Jahr der christl. Familie getan. Eine Lesung über den Hausvater Claudius und aus dem Leben der Familie Siebensorg waren ganz köstlich. Ich bin froh über diese gute Gemeinschaft.