Marga Broil an ihren Mann August, 25. Dezember 1947
10. Reinstorf, Weihnachten 1944.
Mein lieber August,
wenn jedes Wort, das ich zu Dir sende, mich zu Dir hintragen soll, so mag es erst recht das heutige tun. Ja, Liebster, banne das Getöse des Krieges und der zerbrechenden Welt eine Weile aus Deinem Herzen und laß mich dann zu Dir kommen mit allem was ich bin und wie ich Dir gehöre; laß uns das tiefe, stille Glück unseres innigen Einsseins umfangen und die geistige Verbundenheit mit der Seele unseres Winfried uns bewußt und spürbar werden; dann wollen wir den Herrn bitten mit der ganzen Inbrunst unserer Herzen, aus dem Geheimnis unserers Drei-in-Einem-Seins heraus, daß Er Weihnachten in uns werden lasse, daß Seine Ankunft neu in uns Wirklichkeit werde, die wir mit flehenden Händen, stammelnden Lippen und aus in Liebe und Leid bereiteten Herzen ersehnen. Ganz weit wollen wir uns Seinem Kommen auftun:
„Nun sei uns willkommen, Herre Christ,
der Du unser aller Herre bist,
willkommen auf Erden!“
Zum dritten Mal schon legen wir unser Bitten um Sein Kommen in diese Worte hinein, wie Kilometersteine stehen sie am Wege unserer Gemeinsamkeit, denn ihre Erfüllung im Kommen des Herrn am Fest Seiner Geburt gab auch unserem Weg die entscheidende Richtung: In weihnachtlicher Stunde wurde er grundgelegt durch mein Ja vor Gott, in weihnachtlichen Tagen beschlossen und besiegelt durch unser Ja vor Ihm und den Menschen. Und nun kommt Er zum dritten Mal zu uns, sehnlicher erwartet, inniger erfleht in diesen wahrhaft adventlichen Tagen und wieder wollen wir Ihm unser Ja sagen zu dem, was auf dem Wege vor uns liegt, und wiegt es nicht mehr als die früheren, da es aus der Erfahrung dessen gesagt ist, was hinter uns liegt? Wie der Herr bisher unser Ja mit Seinem Segen erwidert h at, so wird Er auch heute uns Seine segnende, helfende Hand nicht versagen. Er kommt wieder zu uns am Fest Seiner Geburt; zu den Menschen, denen im Toben des Krieges der natürliche Grund unter den Füßen gewichen ist; zu Seiner Kirche, die die Hüterin Seiner Liebe ist, in den Tagen des Triumpfes von Haß + Zwietracht; und Er kommt auch in den kleinen von Ihm geheiligten Bereich
unserer Liebe, und der Gemeinsamkeit, die Er schon zur Familie hat werden lassen und in unserem Kind zur Teilhabe an Seiner Anschauung gewürdigt hat.
Sind wir durch dieses Geschehen dem menschgewordenen Gottessohn nicht viel näher gekommen, der als Kind den Weg unserer Erlösung begonnen hat, und dieses Sein Werk auch heute noch an uns vollzieht? Mein lieber August, am vorigen Weihnachtsfeste am Anfang unserer ehelichen Gemeinschaft sind wir uns bewußt geworden, daß das Ziel aller Schöpfung, die Gloria Dei, der tiefste Sinn unseres gemeinsamen Werkes sei, den wir mit dem ganzen Einsatz unseres guten Willens zu erfüllen suchen. Und wieviel Gelegenheiten haben sich seitdem geboten, diese unsere Gesinnung in die Tat umzusetzen! Das alles wollen wir in dieser Stunde, da wir den Herrn aus der tiefen Gemeinschaft unserer Herzen bitten, zu uns zu kommen, ihm darstellen, mit allen Nöten, Ängsten u. Sorgen, sowohl mit unserer Schwachheit + unserem Erliegen, wie mit den Weihungen Seiner Kraft in uns. Möge Er es segnen, möge Er es annehmen + uns in Seinem Kommen die Gnade zu künftigem guten Ausharren schenken.
Ach Liebster, wenn wir recht bedenken, was der Herr heute wieder an uns vollziehen will am Festtag Seiner Geburt, dann muß in uns die heilige Freude aufbrechen, und das stille Licht Seines Friedens, unsere Seelen erfüllen. Wir wollen uns Ihm
anheimstellen in der vorbehaltlosen Hingabe zu der nur die Liebe fähig ist. Möge Er uns die Fähigkeit zu jenem stillen Frohsein bewahren, das auch den Ernst unserer Tage + all seine tiefen Erschütterungen nicht zu brechen vermag.
Ich hoffe, das weihnachtliche Geschehen der Ankunft des Herrn Ülzen mitfeiern zu dürfen, wo wir am Tag des Abschieds noch gemeinsam vor Ihn hintreten durften. Dann wird mein Gebet uns wieder vereinen zu der beglückenden Gemeinschaft unserer Seelen in Ihm, der ja die Mitte und das Siegel unserer Gemeinsamkeit ist. Und auch die menschliche Sehnsucht zueinander, die die Liebe in solcher Glut zu entfachen vermag, bricht in dieser Stunde in uns auf. Auch sie soll mit diesen Worten zu Dir kommen, so schön + tief + rein, wie ich sie erlebe, um Festtag mit Dir zu halten, Du mein Liebster. Sieh‘, äußerlich muß ich mit so armen bloßen Händen zu Dir kommen, aber Du weißt, wie mein Herz erfüllt ist von dem, was ich Dir zu schenken bereit bin. Und noch eine Gabe habe ich für Dich bereit, die Dich zum heutigen Tage erfreuen sollte: das Leben unseres kleinen Sohnes, die Geschichte jener 5 reichen Tage, die ich in ein paar stillen Worten für Dich aufgezeichnet habe. Ich weiß noch nicht, wann
sie zu Dir hinfinden werden, aber ich hoffe, daß sie Dich dann ein wenig zu erfreuen vermögen. Und das möchte ich doch so gerne, Dir Freude bereiten und Dich froh wissen, da Deine Umgebung Dir so wenig Möglichkeiten der Freude bietet. So laß mich denn zu Dir kommen, mein lieber August und komme Du zu mir, auf daß das Glück des Vereintseins uns wieder erfülle und der Herr uns in der Liebe bereit finde zu Seinem Kommen, zu Seiner Wiedergeburt in uns.
So wollen wir Weihnachten miteinander begehen, zwar räumlich getrennt, aber innig vereint in dem stillen, geweihten Raum unserer Liebe, in dem wir zutiefst daheim sind. Zünde darin das warme, reine Licht der Freude an, nimm meine Hände, meinen Mund und mein Herz und jedes soll in seiner Sprache Dir meine Sehnsucht künden und all mein gutes Wünschen für Dich.
Gnade sei Dir, Friede und Freude, Glück und alles Heil vom Herrn,
Deine Marga.
Nun hätte ich bald vergessen Deine Frage nach meinem Karfunkel zu beantworten. Schmerzen habe ich garnicht mehr viel und der große Kopfverband ist durch ein Pflaster ersetzt worden. Schlafen kann ich jetzt auch wieder gut. Der erste ist also bald überstanden, aber etwas tiefer scheint sich # 2 schon anzusagen. Er soll nur schnell kommen oder warten bis Du Deinen Urlaub hinter Dir hast, denn der ist doch zu schade zum Krankenpflegen.