Marga Broil an ihren Mann August, 25. Februar 1944

Nun ist unseren Wünschen, Sehnen und Hoffen, das in den letzten Wochen all mein Denken gefangennahm, die beglückende Gewißheit geworden: der Herrgott hat unsere schöne Liebe gesegnet, hat gleich zu Beginn unseres Weges seinen göttlichen Lebensodem über unserem Wirken wehen lassen. So grüße ich Dich, Du unser Kind, das nun unter meinem Herzen zu leben beginnt. Seitdem mir heute das freudig-bange Ahnen um Dein Dasein bestätigt wurde, ist ein solcher Jubel in meiner Seele, daß ich verhalten muß im Getriebe des Alltags, um immer wieder hineinhorchen zu können in die Tiefen des Herzens, deren Stimmen in einem einzig großen Jubelchor mir den Grund meiner Freude zusingen: daß Du da bist, Du unser KInd; daß ich nun nie mehr alleine zu sein brauche, obgleich Dein Vater so weit von mir entfernt ist. Die ganze Fülle der Liebe zu ihm, die so groß ist, daß ich oft glaube mein Herz sei zu klein sie zu fassen, darf ich nun in Deine kleine werdende Seele hineingeben, die einmal das lebendige Zeugnis unserer Liebe vor Gott werden soll. Ach Du, mit wieviel Freude sehe ich den kommenden Monaten Deines Wachsens in mir entgegen und mein Herz schlägt höher wenn ich daran denke, welche Freude ich mit der Botschaft von Deinem Dasein Deinem Vater bereiten werde. Vor mir liegt ein Brief an ihn, den ich heute morgen begonnen habe. Lange sitze ich sinnend davor und such nach Worten, die ihm das Unfaßbare, Unsagbare mitteilen sollen. Aber keines scheint mir würdig, Träger der Frohbotschaft zu sein; ich bringe es nicht fertig die Kunde, die so entscheidend für unser beider Leben ist, dem geschriebenen Wort anzuvertrauen. Der Brief spricht von äußeren Dingen, die für das Wachsen usnerer Familie von Bedeutung sind; von der Wohnung, die ich gefunden, den Dingen, die ich erstanden habe. Aber das Eigentliche, das Mittelpunkt all meines Denkens und Tuns geworden ist, das Wissen um Dein Dasein, kann er ihm nicht vermitteln. Es kommt mir wie eine Unehrlichkeit vor, es verschwiegen zu haben, aber ich war noch nicht fähig dazu, es auszusagen. Die Kunde müßte von Mund zu Mund, von Herz zu Herz gehen können!

In den Stunden der Nacht habe ich lange Zwiesprache mit Dir gehalten, Kindlein, und Dir ganz viel von Deinem Vater erzählt. Wie lieb ist mir nun die Stätte unseres ersten Einsseins, ich freue mich darin alleine zu sein, denn dann sind wir in Gedanken beisammen, die wir so eng zusammengehören: Du, der Vater und ich.

Kaum bin ich erwacht, da kommt mir die Nachricht, daß Dein Vater am nächsten Tag die norddeutsche Stadt verlassen wird, um irgendwo an den Brennpunkten des Kampfes eingesetzt zu werden; da verlangt es ihn noch einmal nach einem Wiedersehen. Obwohl der Anlaß ein so ernster ist, erfüllt mich die Aussicht auf das baldige Zusammensein mit solcher Freude, daß ich nur immer wieder jubelnd beten kann: Herrgott ich danke Dir! Denn das Wünschen und Bitten der Nacht, ihm die Botschaft von Deinem Dasein, Kindlein, selbst bringen zu dürfen, soll nun seine Erfüllung finden. Ich darf Dich zu ihm hintragen, dessen Liebe ich Dein Leben danke, und wir werden dann eins sein in Dir.

Auf der langen Fahrt halte ich Zwiesprache mit Dir und lasse mich von dem Bewußtsein beglücken, Mutter zu sein. Dann stehen wir uns im Getriebe der Stadt gegenüber, Dein Vater und ich, und die Freude über seine Nähe verschlägt mir zunächst alle Worte. Er zeigt mir die Stadt, in der er nun schon ein halbes Jahr weilt; ich erfreue mich an ihren Bauten und Schönheiten, aber die Freude, die mir von Dir kommte, überwiegt alles andere und mein Herz fiebert danach, ihn an dieser Freude teilhaben zu lassen. Aber es bedarf dazu der Stille, außen und innen. Beim Verlassen der Johanniskirche, der einzigen, die noch in Wahrheit Haus Gottes ist, verbindet uns ein Händedruck herzinnerlicher Freude, die mein ganzes Sein durchrieselt und auch Dich umfängt, unser Kindlein.

Am Abend sitzen wir im Heim der Kameraden zusammen und singen noch einmal unsere Lieder: Weiß mir ein Blümlein blaue, Kumme kumm Geselle min, die Röslein sind verglommen, u. a. Das Lied von der kleinen Spanne Zeit und das Wiegenlied, das eine Mutter ihrem Kind ersonnen hat, sind mir an diesem Tag von besonderer Bedeutung.

Dann findet uns die Verschwiegenheit der Nacht in innigster Vermählung und ich spüre so recht wie Dein Dasein, Du unser Kind, die Mitte unserer Gemeinsamkeit geworden ist. Das Glück dieses Erlebens löst mir dann die Worte an Deinen Vater, die mich zutiefst erzittern lassen: „Weißt Du, was ich Dir sagen will?“ Die ganze Spannung des Augenblicks schwingt in seiner Antwort: „Ja, ich glaube, ich weiß es.“ Dann aber findet das Erhoffte und Erahnte Bestätigung: „Der Herrgott hat unsere Liebe gesegnet und wird uns ein Kindlein schenken!“ Mit der gleichen Gewichtigkeit wie das Ja-Wort am Altar gehen diese Worte von meinen Lippen; mein ganzes Inneres mit seinem Jubel schwingt darin mit.

Ach Kindlein, wie müssen Dir diese Stunden selig-stillen Vereintseins wohlgetan haben! Nachdem mein Geheimnhis, das Wissen um Dein Dasein, nun unser Geheimnis geworden ist, ist eine schöne Ruhe in mich eingekehrt, die selbst die herannahende Abschiedsstunde nicht zu trüben vermag. Vorher halten wir noch Einkehr in dem kleinen Kirchlein, das nicht wegzudenken ist aus der Bremer Zeit Deines Vaters, denn es war ihm Heimat in der Fremde. Der schlichte klare Raum scheint mir all seine Gedanken + Gebete eingefangen zu haben, die er hier vor den Herrn getragen hat.

Dann müssen wir am Bahnhof Abschied nehmen, inmitten vieler Soldaten, ihren Augen und Ohren preisgegeben. Nur die Wärme des Blickes und der Druck der Hand kann vermitteln, was im Innern vor sich geht.

Auch die Schwere dieser Stunde wird in Dich eingegangen sein, Kindlein; all das, was Du in mir erlebst, wird Dir erzählen, laut und leise, wie lieb wir uns haben, der Vater und ich.

Daheim bricht die Fülle des Erlebens auf mich ein; nur die Verantwortung um Dein kleines, werdendes Gemüt läßt mich Herr bleiben über die anstür-

menden Gefühle.