August Broil an seine Frau Marga, 3. Februar 1945

O. U., den 3. Februar 1945

Meine liebe Marga,

vorgestern bekam ich Mutters Telegramm, daß Vater gestorben ist, eine Nachricht, die mich erschreckte. Wir saßen im Kreise der Kameraden zusammen, und da wurde mir das Telegramm gebracht. Es enthielt nur die kargen Worte „Vater gestorben“.

Doch was steht für uns hinter diesen Worten! Ich habe im Bett darüber nachgedacht, welche äußeren Umstände es gewesen sein mögen, die unseren Vater von uns gehen ließen. Ich kann mir nur denken, daß es gut gewesen ist. Wenn ich die letzte Zeit des Leids betrachte, das er unausgesprochen aber für jeden Nahestehenden deutlich sichtbar, ertrug, dann glaube ich, daß sein Leben so vollendet war, wie es zu seinem Heimgange sein mußte. Die furchtbaren Erlebnisse des Krieges in den mehr als fünf langen Jahren hat sein so empfindsames Gemüt nicht länger tragen und überwinden können. So betrachtet scheint es mir für Vater wie eine Erlösung von aller Not, wie ein gütiges Schicksal gewesen zu sein, das ihm nach den Jahren der Prüfung, die viel Geduld von ihm forderten, geschenkt wurde. So wird keiner von uns seinen plötzlichen Tod anders begreifen können als so. Schwer ist es für Mutter. Sie hat nach dem arbeits- und sorgenreichen Leben auf eine ruhigere und sichere Zukunft an Vaters Seite gehofft. Und diese Hoffnung ist jetzt zunichte.

Wie ich Mutter kenne, wird es ihr nicht leicht sein ihr Leid zu überwinden, wenn sie es auch in Tapferkeit und Stärke zu tragen wissen wird, wie sie alle harten Schicksale ihres Lebens getragen hat. Aber wir werden ihr helfen müssen, daß sie fertig wird mit der Not der Gedanken und Erwägungen, die über sie kommt. Wir werden so sein müssen, daß sie an unsn einen Ausgleich haben kann, einen Wirkungskreis, der ihr das Leid leichter tragen hilft. Vater würde in der Fremde von dieser Welt abberufen, und seine Hülle wird in fremder Erde ruhen. Das mag uns schmerzlich stimmen und ist doch auch gut so. Es kommt mir so vor, als ob alle Fäden der Erinnerung an Heimat und Heim gänzlich zerschnitten sind. All die lieben Dinge, die uns an den Heimgegangenen erinnern sind schon lange zuvor in weite Ferne entrückt, und er ist nun wirklich nicht mehr unser, sondern gehört einem schöneren, einem herrlichen Reiche an, das ja unser aller Hoffnung ist. Wenn unser Herz also voller Trauer ist, daß wir unseren Vater, die Mutter ihren Gatten nicht mehr bei sich hat, dann bewegt uns zugleich eine tröstliche Hoffnung, daß nun alles so gut ist für ihn. Hoffentlich ist es möglich, daß ich ein paar Tage Urlaub genehmigt bekomme, um dann mit Mutter und den Lieben in Amelunxen ein gutes Wort sprechen zu können. Das wird mehr helfen als jeder noch so lange Brief.

Meine Liebste, wenn ich Dir diese kurzen Gedanken zu Vaters Tode schreibe, so weiß ich, daß wir beide darüber viel tiefer und

weitgehender sprechen müßten. Ich weiß, daß es alles nur ein Anklingen sein kann an die Tiefen, die sich da auftun, wenn ein lieber Mensch in das größere Leben hinübergeht. Hin und wieder gibt eine stille Weile Gelegenheit zum Nachdenken und Nachsinnen. Harte Trauer soll es nicht sein, die uns da bewegt, sondern glückhaft soll sie sein voll hoher Achtung für die Seele des Heimgegangenen, die ein so kostbares Schöpferwerk Gottes ist. Und unsere Gemeinschaft wird größer und herrlicher mit jeder Seele, die auch aus unseren Lieben vor Gottes Thron stehen darf, ihn zu loben und zu preisen. Unser Blut haben wir von Vater und Mutter, wir durften es hineingeben in unser eigen Kind. Unser Vater und unser Kind sind nun im Tode zu gleichem herrlichen Tun berufen, des einen Lebenswerk ist vollendet und das des andern noch nicht begonnen. Ihre Seelen aber leuchten, so glauben wir es, in Seinem Lichte gleichermaßen. So laßt uns denn im Gebete uns mit ihnen vereinen. Denn die Herrlichkeit Gottes, ihnen offenbar, wird näher bei uns sein.

Liebste, wir stehen in glückhafter Trauer an Vaters Grab ganz zuversichtlich und in der Gewißheit bestärkt, daß des Herrn Wege recht sind. Wir aber werden in unsere Liebe alles dies einzubeziehen suchen, weil doch alles ein großes Ganzes ist im Plane des Herrenwerkes.

Herzlich grüße ich Dich und bin jetzt wie immer

Dein August.