August Broil an seine Frau Marga, 20. Januar 1945

O. U., den 20. Januar 1945

Meine liebe Marga,

wohin mögen die Wege unseres armen und bedrängten Volkes führen? Nun ballt sich im Osten die Gewalt, die uns überrennen will, wieder zusammen, so daß höchste Gefahr droht. Ich darf fast nicht darüber nachdenken, und wenn ich es trotzdem tue, so krampft sich das Herz im Innern vor Schmerz zusammen. Oft muß ich jetzt an das denken, was wir damals in Aachen besprochen haben – fast zwei Jahre ist es jetzt her. Ob unserem Volke trotz allem die große Sendung beschieden ist, trotz aller Not und gerade wegen der Not? Immer mehr scheint die Entwicklung darauf hinauszulaufen. Es ist jetzt noch nicht an der Zeit, diese Gedanken wirklich auszusprechen, wohl aber können wir uns damit vertraut machen und uns wappnen, um nicht noch schlimmeres zu erleben. Und ist es nicht so, daß wir gerade deshalb den Glauben an unser Volk und seine seelische Kraft stärken haben müssen als je sonst. Das Herzvolk Europas wird es immer bleiben, und es wird wirklich das Herz sein, ohne das der Leib nicht leben kann. Was aber der Herrgott mit diesem Herzvolk vorhat und wie Er es in Seinem Plane den ihm bestimmten Platz geben wird, das können wir nicht wissen. Aber wir müssen uns ganz demütig hineinzustellen versuchen in diesen Plan mit dem festen Glauben, daß ihm der rechte Weg beschieden wird. Ist in allen Völkern wie sie kamen und vergingen Sein Name heilig geworden, haben sie alle Sein Werk von Ewigkeit her verherrlicht? Auch das ist eine Frage, deren Antwort wir nicht geben können. Doch hat ein jedes Glied im Volke seinen Ursprung letztlich bei Ihm und somit auch das Ganze des Volkes. Und Er wird jedes Glied wieder zu sich nehmen wie Er es braucht, so auch uns und alle ansere Brüder und Schwestern. Wenn gesagt wird, daß unser größtes Tun nur sein kann unser Wirken für das Volk und sein Wohl und seinen

Bestand, dann ist das ein Wort, dem Wahrheit innewohnt. Das von Gott geschaffene Volk zu leben ist unsere heilige Pflicht und Gesetz göttlicher Ordnung. Doch nie um des Volkes selbst willen, sondern um des Volkes willen als großes und herrliches Werk Gottes, durch das Er Seinen Namen verherrlichen will. So stehen wir sehr nahe dem rechten Denken über unsere Pflichten als Glieder unseres Volkes.

Heinz Virnich schrieb einmal in einem Brief an die Freunde, daß die Stunde in ihrem Ernst wohl so stünde, daß unser Volk in der Gefahr sei, die Gnade des Glaubens an den einzigen und wahren Gott zu verlieren und in das Dunkel des Unglaubens gestoßen zu werden, wie es dem russischen Volke ergangen sei. Diese Gefahr ist groß, und wir können es kein Spiel mit ihr mehr nennen. Trotzdem kann ich nicht so verzagt sein, zu glauben, daß wir dies Schicksal noch auf uns nehmen müssen. Der Weg unseres Volkes mag durch tiefe dunkle Täler vielleicht gerade deshalb gehen, um es vor endgültiger Nacht des Unglaubens zu bewahren.

Wenn wir in diesem Glauben, der eine große Hoffnungskraft in sich trägt, fest sind, dann können wir nicht desto weniger ruhig in das Dunkel der Zukunft blicken. Wir müssen unserem Beten eine Kraft verleihen, eine himmelstürmende Kraft. Es wird gesagt, wir sollten handeln anstatt zu beten. Wir aber wollen handelnd beten. Wir wissen, daß wir dazu in dieser Welt sind, uns zu rühren und zu wirken, aber es soll hineingebettet sein in die Kraft des Gebetes, es soll geheiligt sein durch seine Gnade, die es erwirkt. Unsere Haltung sollte wesentlich betend sein. Und nicht so, daß wir mit niedergeschlagenen Augen und auf den Knien rutschend unterwürfig bitten, sondern offen und frei vor dem Herrgott stehen in unserem ganzen Wirken und Schaffen, nicht stolz oder selbstbewußt, sondern in der rechten Würde des

Menschen als Gottes herrlichstem Geschöpf. Versteh mich recht, meine Liebste, wenn ich solche Worte zu Dir schreibe. Nichts will ich damit schlecht machen oder herausstreichen. Das Knien und das Niederschlagen der Augen kann und soll genau so hoheitsvoll und groß sein wie alles Andere, wenn ihm die rechte Gesinnung zu Grunde liegt. Die aufrechte Haltung, von der ich sprach, ist ja nur das Gesamtbild, das alles andere in sich schließt. Und diese Haltung ist ja der Ausdruck unseres Glückes, daß wir in unserem Beten der Herrlichkeit Gottes uns am meisten nähern können.

Nun habe ich hier wieder meinen Gedanken ihren Lauf gelassen. Es war so, daß ich den Brief beginnen wollte, daß ich gar nicht recht wußte, wie ich meine Geanken, die mich in diesen Tagen und viele unserer Brüder und Schwestern ebenfalls bedrängen, aufschreiben sollte – ich konnte erst gar keinen Anfang finden. Lange habe ich vor dem leeren Blatt gesessen, und ich wußte nur, daß ich Dir etwas davon schreiben müßte, was uns alle jetzt so erschütternd schwer berührt. So habe ich denn aus dieser recht trüben Stimmung begonnen, und habe Dir’s einfach so hingeschrieben, wie die Gedanken kamen. Ich weiß, meine Liebste, daß Du Dich in ähnlicher Weise mit den schweren Problemen dieser Tage abmühen wirst. Und in unserem gemeinsamen Leben soll ja dies immer mit am Anfang unseres ganzen Mühens stehen. So ist es von Anfang an mit uns beiden gewesen, uns so wird es stets bleiben müssen.

Du, meine Marga, in Deinem Brief vom Hochzeitstage klingt eine so gute, ich möchte sagen optimistische Haltung durch. Ich glaube gar, daß da ein Punkt ist, wo wir beide uns wirklich ergänzen können. Denn es ist ja bei mir so, daß ich immer geneigt bin, schwärzer zu sehen, manchmal sogar schwärzer als die Wirklichkeit Anlaß gibt. Und bei Dir mag es vielleicht ein wenig nach der Gegenseite ausschlagen. Zwischen beiden aber liegt der rechte Weg. Und Du hast mir

mit Deinen guten Worten in vielen Dingen wieder Auftrieb gegeben, das tut mir besonders gut in dieser jetzigen Situation. Denn es muß uns klar sein, daß der Weg, den wir zu gehen haben werden – nicht nur der unsrige – in seinen zahllosen Opfern immer mehr von uns fordern wird. Nach den schweren Kriegsjahren werden wir, wenn das Schicksal uns gnädig ist, ein ganz bescheidenes und einfaches Leben aufbauen müssen, und wir können dankbar sein, wenn uns dazu Ruhe und Muße geschenkt wird. Und selbst wenn das nicht so wäre – auch diese Möglichkeit müssen wir einbeziehen – müssen wir uns trotzdem bemühen und versuchen auf jedem nur möglichen Weg die Voraussetzungen zu schaffen, daß unsere Familie Grund und Halt hat zu wachsen und zu gedeihen. Das Leben in seiner Vielfalt wird uns keinen Augenblick Zeit lassen, die Hände tatenlos in den Schoß zu legen, sondern es will gelebt sein in all seinen Zweigen. Unsere ganze Sehnsucht ist es, eines Tages gemeinsam das Werk fortzuführen, das wir jetzt gezwungen sind, ein jeder für sich nach besten Kräften zu tun. Wir wissen nicht, wann diese glückhafte Stunde des gemeinsamen Beginns einmal sein wird. Doch unsere Hoffnung darauf ist unerschütterlich. Laßt uns also, meine Liebste, diesem glückhaften Zeitpunkt entgegenleben mit aller Kraft unserer liebenden Herzen, und laßt uns vor keiner Not, die dazwischentritt, erschrecken.

Ich grüße Dich, meine Marga, in inniger, tiefer Liebe

Dein August.