August Broil an seine Frau Marga, 13. Januar 1945

am 13. Jan. 1945.

Meine liebe Marga,

gestern abend habe ich schon versucht, einen Brief an Dich zu schreiben. Er ist nicht weit über das Anfangsstadium hinausgekommen, weil die Kameraden zu viel zu erzählen hatten und ich mich nicht ausschließen wollte und konnte. Es war sogar gut so; denn heute kamen wieder drei Briefe von Dir an, einer trug sogar den Stempel vom 3. Jan. und war noch aus Bansin, die beiden anderen sind vom Advent. (Sonntag Gaudete) Nun wollte ich, wie ich Dir im vorigen Brief versprochen habe, all Deinen Briefen, die in den letzten Tagen von Dir zu mir kamen eine Antwort geben – so ist es doch am schönsten beim Hin und Her der Schrift gewordenen Gedanken. Aber ich muß ehrlich bekennen, daß ich da in mir wieder recht große Schwierigkeiten habe. Wenn ich jetzt sagen würde, daß ich zuweilen das Empfinden habe als ob mir die vielen Gedanken und Probleme manchmal zu reichhaltig werden, dann besteht die Gefahr, daß Du das anders auffaßt als ich es meine. Versteh mich also recht. In der Vielfalt des soldatischen Lebens, das auf den ganzen Menschen, auch auf das Persönlichste sich auswirkt und ihn mit Beschlag belegt, ist dieses Schönste und Wichtigste im Menschenleben manchmal recht schmal und eng. Dazu kommt noch die persönliche Unzulänglichkeit, die einen von allen äußeren Umständen zu sehr abhängig macht. Du Liebste, hast selbst diese Schwierigkeit am besten erkannt. Wenn Du von Zeit zu Zeit Deine Sorge darüber mitteilst, ob die von Dir so tief und ernst empfundenen Gedanken nicht in eine ganz unpassende Situation zu mir hinkommen. Wir sind uns also dieser Schwierigkeiten und Unvollkommenheiten

unseres Briefwechsels voll und ganz bewußt. Aber gerade deshalb haben wir auch immer wieder das Wagnis auf uns genommen, stets alles und auch das Letzte zu schreiben in der Gewißheit, daß für jeden Gedanken und jedes tief heraufgeholte Wort die rechte Stunde des Gebens und Aufnehmens kommt.

Ich habe wieder ein paar Tage kaum etwas schreiben können, teils wegen vieler Arbeit aber auch wegen eigener Schwierigkeiten und Hemmungen. Noch gestern abend war es so, und der Brief wollte nicht vorangehen. Sicher war es auch gut so, denn nun ergibt sich für meinen Brief wieder ein ganz anderes Bild, nachdem ich weitere Nachricht von Dir habe. Meine ursprüngliche Absicht, Dir auf all Deine Briefe wie sie jetzt vor mir liegen zu antworten, ist dadurch wieder zunichte geworden, und so mußte es wohl auch sein, weil eben – wie ich vorhin schon klar zu machen versuchte, viele Dinge noch nicht reif sind zur Antwort.

Schon lange wartete ich sehnlich auf eine Nachricht, ob unser wunderbares Gemeinsamsein kurz vor meinem Weggang so gesegnet worden sei, wie wir es insgeheim hofften. Nun ist ein Brief da, der mir berichtet, daß unsere Hoffnung jetzt nicht erfüllt würde. Wir wollen nicht fragen warum, und unsere Hoffnung geht weiter für eine spätere Zeit. Glücklich dürfen wir sein, daß der Herr uns die Gnade gab so zu handeln, daß wir nicht Menschenwollen gegen Gottes Willen gesetzt haben, und unser ganzes Tun Seiner Allmacht mit Zuversicht anheim gestellt haben. Du weißt, Liebste, daß es mir nicht leicht war, als ich nach den Tagen der Trennung wieder bei war, verantwortungsvoll das Rechte zu tun. Der Wunsch nach einem Kindlein ist in uns beiden sehr sehr stark. Aber ich bin doch hart mit mir zu Rate gegangen, ob wir es nach den schweren Erschütterungen der vergangenen Wochen wagen durften, neuem Leben Raum zu geben. Aber wie wir jetzt so

deutlich und klar erfahren haben, löst alle unsere bangen Fragen um Schicksal und Zukunft der Herr selbst doch am besten. Für unser späteres Leben wird diese Erfahrung, die wir jetzt so handgreiflich machten immer richtungsweisend sein.Wie dankbar können wir sein, daß der Herr uns so offensichtlich Seinen Willen kund tut.

So ist also in unserer jungen Ehe doch alles ganz anders geworden als wir es uns ausgemalt hatten in der jungen Familie mit unserem Winfried. Vor allem für Dich verläuft jetzt das Leben solange in anderen Bahnen bis uns eines Tages wieder das Glück zu einem Kindlein geschenkt werden wird. Schon während der Zeit unseres letzten Zusammenseins haben wir uns über Deine Zukunft Gedanken gemacht und Überlegungen angestellt, was wohl sein wird, wenn Du eines Tages wieder eine Arbeit tun mußt. Das wird ja über kurz oder lang notwendig sein. Gewiß wäre es besser, wenn Du in einer Zeit der inneren und äußeren Ruhe Kräfte für die Ereignisse sammeln könntest, die eines Tages Dein Frausein wieder ganz beanspruchen. Andererseits können wir in der großen Notgemeinschaft unseres Volkes nicht beiseite stehen, wo uns der schönste Dienst an ihm zunächst noch versagt ist. Aber es gibt gewiß noch Möglichkeiten genug, auch darin das rechte zu finden, das nicht ein ödes Muß aufdrängt, sondern eine freudige Freiwilligkeit in sich hat. Wir überlegten, ob der Lehramtsberuf das rechte wäre und welche Landschaft Dir, nachdem in der Heimat selbst kein Bleiben mehr ist, am heimatlichsten wäre. Vor einigen Tagen kam ein Brief von Wilhelm Raskop. Darin berührt auch er diesen Punkt und meint, daß für uns Rheinländer als Wahlheimat der katholische Süden das günstigste sei, weil doch zum rechten Aufblühen des Inneren die Verbindung mit den lebenden Kräften der Kirche unerläßlich sei. Das ist richtig und auch wieder nicht. Wir müssen

heute mehr denn je bedenken, daß wir uns zu bewähren haben auch da, wo die äußeren Umstände uns an einer freien und ungestörten Entfaltung unseres Glaubenslebens hindern. Die Urkirche ist uns darin ein so leuchtendes Vorbild. Hätte sie nicht im Vollbewußtsein ihrer Berufung sich gegen eine vollkommen fremde und feindliche Welt bewährt, nie hätte sie sich so ausbreiten und Frucht bringen können auf der ganzen ERde. Nicht von ungefähr wird heute von tief gläubigen Christen die Verbindung gerade zu den Uranfängen der Kirche gesucht und gefunden, nicht allein in Brauchtum und Rhytus, sondern vor allem in der Gesinnung. Und wir müssen deshalb gerade heute das Wagnis auf uns nehmen, Vorposten zu sein für die Kirche Christi, wenn uns der Herr dazu beruft. Unser Volk kann sich nur für Christus erneuern, wenn es von innen her mit guten Kräften durchsetzt wird. Und ich glaube nicht an eine gewaltsame Auferstehung des Christlichen in unserem Volke als vielmehr an eine wunderbare, gnadenvolle Entwicklung aus dem Kleinen zum Großen. Das Gleichnis vom Sauerteig ist heute genau so handgreiflich wie zur Zeit der Uranfänge unserer Kirche. Aber es ist schwer für uns, es wird mehr Opfergeist von uns verlang, doch es gibt auch viele Freuden wie Du mir selbst schon berichtet hast. Denn überall gibt es aufgeschlossene und offene Menschen, die vom rechten Wege nicht sehr weit entfernt sind. Das also soll für uns kein Hindernis sein, überall unseren Mann zu stehen, wenn uns die Fügung dahinstellt, wo wir uns bewähren müssen.

Meine Liebste, ich bin weit abgewichen von dem, was ich mit Dir besprechen wollte, aber es gehörte wohl dazu. Wir wollen also für unsere Zukunft nicht finster sehen, und wir wollen, wenn der Herr uns irgendwo hinstellt, unsere Pflicht tun. Das heißt ja nicht, daß wir blind irgendwo uns hinwerfen lassen von irgend-

welchen Zufälligkeiten, sondern daß wir verantwortungsvoll prüfen soweit es in unserem Ermessen steht.

Liebste, wir betrachten doch alles nur als einen Vorübergang, diese Zeit sowohl wie unser ganzes Erdenwandern. Und wenn uns jetzt eine Aufgabe gestellt werden sollte, die scheinbar unserem ersehnten und erwünschten Lebenslauf zuwiderläuft, dann wollen wir daran stets denken, daß alles nur Vorübergang ist und daß wir doch eines Tages zu dem kommen, was uns in unserer Gemeinsamkeit bestimmt ist.

Das, meine Liebste, ist nun aus der Antwort auf die vielen Briefe geworden, die ich mir vorgenommen hatte. Und es ist so geworden, wie ich es schon anfangs sagte, daß ich nur den einen Brief vorgenommen habe, der mir jetzt am meisten am Herzen lag. Und mit welch guten Worten Du mir das alles gesagt hast. Ich bin von solchen Briefen, die mir etwas so Ernstes und Hohes sagen recht ergriffen, ich freue mich, wie Du nach den rechten Worten suchst und sie zu finden vermagst, so wie sie am tiefsten in unser Herz eingehen, nicht nur in meines, sondern in unser beider Herzen. Der wunderschöne Brief, den Du mir so geschrieben hast, war doch der als Winfried Abschied von der Welt genommen hatte. Ich habe ihn mit den anderen Briefen bei Dir zurückgelassen. Schicke ihn mir doch bitte wieder mit und mache für Dich eine Abschrift davon.

Marga, meine Liebste, wie groß und schön steht in fast jedem Deiner Briefe von Deiner Sehnsucht nach der innigen, schönen Gemeinsamkeit, die wir bisher ja nur so bruchstückartig und doch tief und schön erleben konnten. Wieviel größer muß Deine Sehnsucht jetzt sein und werden, wo Du nun wieder allein bist. Laßt uns beide diese Sehnsucht fest in unseren Herzen verankern, nicht schmerzhaft und verkrampft, sondern voll der großen

Freude auf ihre einstige Erfüllung. Dann werden wir bereit sein, ach, zu welch großer Freude und welch unnennbarem Glück.

Du Gute, Liebe, laß Dich herzlich küssen auf Deinen lieben Mund von

Deinem August.