August Broil an seine Frau Marga, 8. Januar 1945
am 8. Januar 1945
Meine liebe Marga,
heute hätte eigentlich ein ganz großer froher Tag sein müssen. Ich will ihn nicht unfroh nennen, aber nicht jeden Tag kann man sich nach Belieben gestalten. Jetzt gerade drängt die Arbeit wieder ziemlich, und es ist mir ja, wie Du weißt, immer etwas schwer, dann so ohne weiteres umzuschalten, um den arbeitsreichen Tag der auch am Abend noch von den Kameraden abhängig ist, zu einer Feierstunde umzugestalten. Da muß ich oft etwas Geduld haben und bessere Zeit und Gelegenheit abwarten. Aber nun habe ich Dir noch nicht gesagt, warum der Tag besonders froh sein müßte. Es sind Deine vier Briefe gewesen, die mir heute gebracht wurden, vier Briefe verschiedenen Datums, darunter als besonderes Geschenk Dein Weihnachtsbrief. Nun darfst Du nicht traurig darüber sein, daß ich ihn erst heute bekomme. Ich habe ihn heute abend das erste Mal gelesen. Ich weiß, daß ich ihn erst in einer ganz besonderen stillen Stunde wieder lesen muß, um alle Tiefe dieses weihnachtlichen Briefes, um Dich selbst darin zu erkennen, so wie Du mir darin sein wolltest. Dann erst werde ich recht darauf das Wort finden,
das Dir darauf werden muß. Das Aufgetansein für die Geheimnisse des Festes und die Beziehung unserer Gemeinsamkeit dazu befähigten Dich zu solchen Worten, die darum nicht nur für die Tage des Festes selbst, sondern für alle Tage unserer Gemeinsamkeit gelten. Am Feste selbst waren unsere Gedanken, wie ich Dir schrieb, durch viele glückliche Umstände tief miteinander verknüpft, auch ohne das unmittelbare Wort, nun können sie sich noch weiter vertiefen und reichere Früchte tragen. Wie fein hast Du das Zweiglein mit der weißen Kerze hineingetan – freudiges Erinnern an das vorjährige Erleben. Ich danke Dir von ganzem Herzen sehr, meine liebe Marga.
Ein anderer Brief war vom zweiten Adventsonntag. Auch er enthält so viele ernste Gedanken und Probleme, die im Einzelnen von mir noch erarbeitet werden wollen. Warten muß ich allerdings auf eine günstigere Stunde.
Freude hat mir bereitet Deine Karte aus Berlin, die mir davon berichtet, daß Du auf dem Wege nach Bansin bist, um das hohe Fest mit den Schwestern zu feiern, von denen ich ebenfalls heute einen Festgruß bekam. Und daß Du meinen Weihnachtsbrief mitnehmen konntest, hatte ich bei der Langsamkeit der Post
schon garnicht mehr zu hoffen gewagt. Das muß eine feine, tief erlebte Feier des Festes gewesen sein. Dein Brief vom Tage des hl. Stefanus und vom Feste der Unschuldigen Kinder erzählt mir so schön davon. Immer wieder klingt in allen Briefen und in dem Erleben, von dem Du berichtest und in den Gedanken, die Du aufzeigst das warme und volle Lied mit, das das Gedenken an unseren Winfried Dir wachruft – bei mir ist es nicht minder so. Muß er doch stets auf eine geheime geistige Weise an allem teilhaben. Von dem Land an der Ostsee habe ich Dir schon so oft erzählt, wie ich es in jenem Sommer erlebt habe. Nun darfst Du es, wenn auch im Winter, ebenfalls sehen. Ach, es gäbe wieder so viel zu schreiben, um all das zu Dir zu tragen, was mich jetzt bewegt. Laß es noch ein wenig ruhen.
Vorgestern erzählten mir zwei Briefe, daß Du die erste Post von mir bekommen habest und Du nun weißt, wie ich jetzt wieder mein Soldatenleben in der Fremde zu führen beginne. Nun wird die Post hoffentlich wieder rascher laufen.
Ich lege diesem Briefe eine Päckchenmarke bei. In unserem neuen Einsatzraum scheint man damit etwas großzügiger zu sein. Es gab für Dezember und Januar eine. Diese hier