August Broil an seine Frau Marga, 4. Januar 1945

am 4. Januar 1945

Meine liebe Marga,

als ich mich gestern abend zum Schlafe niedergelegt hatte, habe ich in Gedanken das Hochzeitsmotiv, das mir am Morgen nach der Hochzeit so unwillkürlich aus dem Herzen klang, mehrere Male vor mich hin gesungen. Das war der Abschluß des stillen Gedenkens unseres großen Festtages, wie ich es hier in der Fremde beging. Am Abend hatte ich eine zeitlang ganz für mich allein. Zur Feier des Tages habe ich beim Scheine des warmen Kerzenlichtes in Gertrud von le Forts Hymnen an Deutschland gelesen. Ich trage ja diese mir damals von Dir selbst abgeschriebenen Blätter noch immer bei mir. Und deshalb war es mir auch, als ob Du selbst bei mir gewesen wärest und mit mir gelesen hättest. Siehst Du, meine Liebste, wenn ich gestern hätte bei Dir sein können dann hätten wir gemeinsam diesen Tag auf eine uns gemäße Art gestaltet, hätten eine stille gemeinsame Feier beseligenden Gedenkens an die großen Ereignisse des vorigen Jahres gehabt. Und wenn wir einmal wirklich zusammen sind, dann wird das wohl auch immer so sein. Nun da wir ein jeder für sich allein waren, ist die stille Feier nicht minder tief und schön gewesen. Die vielen Gedanken, die an diesem Tage hin und her gingen, haben dazu beigetragen, uns doch im Geiste so sehr zu vereinen, daß wir einander sehr nahe waren. Die Nähe und die Ferne, das sind ja in Wirklichkeit nur relative Begriffe. Körperliche Nähe, die also rein äußerlich der Inbegriff der Nähe sein müßte, kann zuweilen große Ferne sein. Wie oft sind Menschen selbst in der innigsten Gemeinsamkeit sich fremd und fern. Und wiederum kann körperliches Fernsein eine innere Nähe und Wärme in sich beschließen, die alle Weiten überbrückt. Da müssen die Herzen klingen in tiefer Gemeinsamkeit über

alle Fernen hinweg, dann kann die weiteste Ferne nah werden. Und so ist es gewesen an diesem Feiertag bei mir und ganz sicher auch bei Dir, das weiß ich. Ja Marga, wir haben in unseren Briefen schon oft über diese Dinge gesprochen und immer wieder erfahren, wie tief doch unsere Gemeinsamkeit ist. Aber an diesem, unserem Festtage haben wir es besonders innig und tief erfahren.

Nun gehen wir beide mit frischer Kraft in das zweite Jahr unserer Ehe hinein. Doch hat jetzt unsere Gemeinsamkeit schon einen ganz anderen Sinn als damals beim Beginn. Da schlossen wir uns aus der langen Kette unserer Ahnen und Vorfahren zu einem neuen Gliede der Kette zusammen. Wir hatten die Gnade fruchtbares Glied zu sein. Auch das Opfer, das der Herr allen Lebens von uns forderte läßt uns nicht weniger solches Glied in der Kette sein. Und unsere Gemeinsamkeit hat an Seinem Throne ein unbeschreiblich hohes Unterpfand. In diesen Gedanken gehen wir in das zweite Jahr hinein. Der Mut und die Zuversicht sollen uns nicht genommen sein. Als wir zuletzt das Glück hatten ganz innig eins zu sein, da haben wir jubelnd und froh uns Seinem Schöpferwillen anheimgegeben. Und dies Bewußtsein wird uns in aoller Ferne stets so tief beglücken, daß wir alles Weinen und Trauern schließlich in das Glück des neuen Lebens und Werdens umformen müssen.

Du, meine Lieste, meine Frau und Mutter unseres Winfried, laß Dir alle Liebe und Herzlichkeit von mir sagen, laß mich wie am ersten Tage unseres Glückes sein

Dein August