August Broil an seine Frau Marga, 1. Januar 1945
O. U. Am Neujahrstag 1945
Meine liebe Marga,
am heutigen Abend muß ich Dir noch einige Zeilen schreiben; denn ich habe jetzt noch eine Weile Zeit dazu. Am letzten Tag des Jahres waren wir unterwegs und sind jetzt weiter südlich in einer mir noch unbekannten Gegend. Das war eine recht schöne Fahrt durch die monderhellte Schneelandschaft. Als wir hoch oben an den Maaren der Eifel vorbeifuhren, habe ich diese schönen Landschaft, die ich in der Winterfrische so schön erleben konnte, Lebewohl gesagt. Seltsam geheimnisvoll lagen die beiden Kraterseen in dem blassen Mondlicht, das Totenmaar mit seiner ehrwürdigen Kapelle und dem sagenumwobenen Friedhof an der einen Seite und das Schalkenmehrener Maar mit seinen umgebenden kahlen Höhen zur anderen. Diese vertrauten und mir lieben Bilder berührten mich schmerzlich, wenn ich an die Leiden denke, die die Eifeler Bevölkerung jetzt auszuhalten hat. Selbst in den kleinen Dörfern steht man stündlich vor der Angst, daß alles in Trümmer gelegt wird. Besonders bedroht sind die kleinen schmucken Eifelstädtchen wie Daun, Gerolstein, Bittburg u.s.w. Von denen wird nicht sehr viel mehr übrig bleiben. Und das Bild der Zerstörung wird im Westen des Reiches immer schlimmer. Wir kamen bei unserer Fahrt auch durch Wittlich – es war schon spät am Abend. Auch dort war schon viel zerstört, und wenn wir das so ausdrücken, dann bedeutet das schon viel, weil wir nicht verwöhnt sind in der Beurteilung dieser Dinge. Trotz der späten Stunde habe ich es ermöglicht, schnell bei Tante Parmena hereinzuspringen. Das Haus ist auch stark beschädigt – vier Schwestern sind tot geblieben, und eine Anzahl Hausinsassen ist verwundet. Oma und Tante Parmena haben die Angriffe bis jetzt gut überstanden. Sie haben sich über meinen plötzlichen Besuch sehr gefreut. Als ich in das dunkle Haus hineinkam
und mich in dem Wirrwarr nach Tante Parmena durchfragte, mußte sie wohl meine Stimme wiedererkannt haben, denn sie rief mir unten aus der Küche, dem Hauptaufenthaltsraum des Hauses, meinen Namen entgegen. Eine große Tüte Gebäck und die Taschen voll Äpfel hat sie mir mit auf den Weg gegeben, dazu viele Gute Wünsche und Grüße an Dich und alle Lieben. Unsere Fahrt ging dann wie vorgesehen weiter. Die Mosel sah ich – und die landfremden Kameraden wurden – obwohl doch bei Nacht nicht allzuviel zu sehen ist, nicht müde, der Schönheit der Landschaft in bewundernden Worten Ausdruck zu geben. Gerne hätte ich das Alles auch noch einmal bei Tage gesehen!
Meine Liebste, nun ist heute der Neujahrstag. Viel Gelegenheit zu ernsten Gedanken oder auch zu einer Feierstunde war nicht gegeben. Es sind wieder so zahlreiche neue Eindrücke, die verarbeitet werden müssen. Aber ich mußte doch zuweilen sehr an uns beide denken, daran was vor einem Jahr war, was jetzt ist und was die Zukunft uns bringen mag. Im vorigen Jahr standen wir beide in der freudigen Erwartung des großen Geschehens, das über uns kam: des Beginns unseres Einswerdens in Fleisch und Geist. Ach, Liebste, was war es eine herrliche Zeit. Nun beginnen wir bald ein neues Jahr unserer Gemeinsamkeit, nachdem uns das erste so ungeheuer tief einander nahe brachte durch Freude, Schmerz und Leid. Doch haben wir mit Gottes Hilfe alles gut gemacht – so glaube ich, dürfen wir überzeugt sein. Was blieb uns anderes übrig zu tuen? Und warum soll das neue, jetzt begonnene Jahr uns nicht die gleiche gute Möglichkeit geben? Der Hilfe Gottes können wir dabei – das haben wir immer tiefer eingesehen – nie entraten, und mit ihr wird auch stets alles gut werden, wenn wir mit besten Absichten unser Werk vollbringen wollen. So sei denn unser ganzes Sehnen und Trachten, unser Wirken und Werken auch in dem neuen Jahr an Liebe und des Lebens ein Gleiches wie bisher. Ganz herzlich und froh grüßt Dich und wünscht den Segen Gottes dazu.
Dein August