August Broil an seine Frau Marga, 29. Dezember 1944

am 29. Dezember 1944

Meine liebe Marga,

nach dem gestrigen trüben und nebligen Tag liegt heute wieder herrliche Wintersonne über dem Land. Und mit der Sonne gehen und kommen die totbringenden Vögel der Menschen, die die Luft erzittern lassen unter ihrem Gedröhne. Oben ziehen sie ihre gleichmäßige Bahn, unten rauschen die eigenen Ferngeschosse dem Feinde entgegen, die einen die andern übertönend – ein furchtbares und wildes Konzert. Der strahlende Sonnenschein, der offene, weite Himmel waren immer unsere Freude. Nun aber hat der Krieg uns auch die trüben und regnerischen Tage schätzen gelehrt, nicht nur, wenn wir uns im Sommer nach Kühlung sehnen, sondern vor allem auch dann, wenn das Übermaß an Regen und Nebel uns sonst überdrüssig machen würde. Ein großer Lehrmeister ist der Krieg schon, das haben wir so häufig während seiner langen Dauer erfahren. Er nimmt uns ungeheuer viel, manchen Menschen alles, materiell wie geistig, aber er kann auch genau so viel geben, wenn wir es recht erfassen und begreifen lernen.

Gestern habe ich wieder einen Brief von Dir bekommen – es war der dritte von neun Briefen. Du erzählst mir darin von den gemeinsamen Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest im Kreise der Familie Meier. Ich freue mich darüber, daß Du Dich in das gesamte Leben dort nach besten Kräfte einzugliedern

suchst, denn nur so ist es möglich, das Leben wie es Dir jetzt aufgetragen ist, zu erleben. Darauf kommt es jetzt in allen Lagen, die ja so vielfältig sind, an, daß wir nicht als Außenstehende und Fremde es uns unnötig schwer machen. Sondern wenn wir darin aufzugehen suchen, es mitzuerleben trachten, dann wird manche harte und einsame Stunde uns immer auf dem Posten finden.

Dein Brief erzählt mir dann davon, daß Du Dich auch körperlich wohl fühlst. Das ist ja eine wichtige Voraussetzung für das Gesamtwohlbefinden des Menschen. Aber die Nachrichten scheinen doch recht spärlich hin und her zu gehen, ein Umstand, den wir von je her als besonders schmerzlich empfunden haben, weil hiervon außer den Gedanken und dem Vertrauen das Wissen umeinander abhängt. Bis zum 12. Dez. war wohl noch kein Brief von mir bei Dir eingetroffen. Aber ich glaube doch, daß Du bald Nachricht von mir bekommen wirst, vor allem weil ich auch unterwegs schon geschrieben hatte. Alle Briefe werden Dir dann davon erzählen, wie es mir in dieser uns so vertrauten Gegend so gut geht und wie ich so viel schönes hier erlebt habe. Doch bald werden wir hier scheiden müssen, wie immer einem unbekannten Neuen entgegen, aber doch in der Zuversicht, daß wir überall unseren Mann stehen werden, um das Leben recht zu erleben.

Meine Liebste, mit diesem kleinen Brief grüße ich Dich heute ganz herzlich. Bald beginnt ein neues Jahr, und dann haben wir wieder viele Gebete zum Herrn des Vaters zu senden für die ungewisse Zukunft, die unser wartet

In Liebe und Treue Dein August.