August Broil an seine Frau Marga, 19. Dezember 1944

Am 19. Dezember 1944.

Meine liebe Marga,

wer weiß wie lange es mir vergönnt ist, in einer geheizten Stube bei Licht und verhältnismässiger Ruhe im Briefe bei Dir zu sein. Darum will ich diese Zeit noch ordentlich nutzen, Dir zur Freude, und uns beiden zum Besten.

Es ist ja jetzt die zeit, in der wir beide ganz besonders innig aneinander denken, weil wir in dieser Zeit der vergangenen zwei Jahre so wundersames miteinander erlebt haben. Da denke ich zuerst an das Weihnachtsfest vor zwei Jahren. Damals konnten wir noch in der Gemeinschaft der Jungen Kirche das hohe Fest mitfeierend und miterlebend begehen. Als wir von der tiefen Gemeinsamkeit, die einmal über uns kommen würde noch nichts wissen konnten und selbst kaum zu ahnen wagten, hat sich Dein Herz in jener Christnacht so gewandelt, daß Du wie erleuchtet erkanntest: Ein Leib ward Dir bereitet, den Willen des Herrn zu erfüllen. Wie aus einem Traum fandest Du plötzlich in die Wirklichkeit, um diese Erkenntnis als Grundlage zu nehmen für Deine späteren schwerwiegenden Entscheidungen auf dem Wege zu unserer Gemeinsamkeit. Zu unserem Bunde ist vielleicht und sogar sicher die entscheidende Voraussetzung grundgelegt worden, die Dich erkennen ließ, daß des Menschen Leib in der Ordnung Gottes ein herrliches Geschöpf ist, mit dem Sein Wille ganz und voll getan werden kann.

Dann eilte das Jahr vorüber, in dem wir den Entschluß zum ewigen Bunde faßten. Und es nahte das nächste Weihnachtsfest; diesmal mußten wir einjeder es für sich selbst feiern, Du zu Hause und ich in der Kaserne. Aber dieses Weihnachtsfest feierten wir in Wirklichkeit nicht allein, sondern wir standen doch am Vorabend unseres Hochfestes, unserer Hohen Zeit. Mit welcher Innigkeit haben wir da aneinander gedacht, und das schönste Zeichen dafür habe ich Dir nachher erzählt, als ich Dein Weihnachtspäckchen öffnete. Es war dies ein wundersames Sich-hinein-fühlen und Tasten in die Wunder, die uns kommen würden.

Nun feiern wir wieder bald Weihnacht. Äußerlich ist es fast kein Feiern mehr. Wenn wir es nicht wüßten, dann müßten wir sagen, daß der Tag des Festes uns nun ein Tag sein müßte wie jeder andere Tag. Aber wir wissen ja darum und vor allem darum, daß die wahrhaft gefeierten Ereignisse unabhängig sind von jeglichem Zeitgeschehen. Aber wo stehen wir beide an diesem Feste? Ist wie in früheren Jahren auch nun wieder ein hoher Zeitpunkt in unserer Gemeinsamkeit. Ach Liebste, wenn wir so einfach hinschauen, dann ist garnichts besonderes da. Und doch ist es auch diesmal wieder etwas Hohes und Großes mit uns beiden. Allein der Gedanke, daß eben in den Jahren zuvor in diesen Tagen so großes geschah, läßt unsere Herzen höher schlagen. Aber es ist auch außerdem etwas Tiefes, Frohes und Beglückendes in unseren Herzen nach diesem ersten Jahr voller Gemeinsamkeit.

Da hinein müssen wir blicken, um zu schauen, was in uns Großes geschieht: Unsere Gemeinsamkeit wächst tief ineinander. Als ich zuletzt bei Dir war, die wenigen Tage in Reinstorf und Uelzen, da habe ich Deine Sehnsucht, Deine Hingabe, Deine ganze Liebe gespürt, die sich mit unsagbarer Gewalt zu mir hindrängten. Wir beide haben da nicht mehr gefragt nach der Not und dem Leid, nach dem Für und Wider, wir beide haben da nur noch unser Werk getan, ganz klar und voll Tiefe. Ach Du meine Marga, wie hätten wir etwas anderes tun können als so zu sein, ganz weit offen für das Sehnen und Fühlen unserer Herzen! Nun, da wir am hohen Fest ganz besonders an all diese Dinge denken, wird uns bewußt, wie groß auch dieses Fest wieder für uns sein muß.

Wenn ich jetzt in meinen Gedanken weiter gehe, dann weiß ich, daß Du darüber nicht eigentlich traurig werden wirst; denn Du hast ja das Leid, daß uns und Dir ganz besonders durch Winfried zugedacht wurde nicht als eine Geißel hingenommen, sondern wie Du in Deinem Briefe schreibst als Anteil an dem, was der Herrgott uns aus Seinem Reiche schickt. So sind wir beide in diesem Jahre in unserer Gemeinsamkeit nicht mehr nur zwei, sondern drei. Und wie wir beide nur im Geiste gemeinsam das Fest begehen, so ist Winfried im schönsten und vollkommensten Maße geistig in unserer Gemeinsamkeit. Wir können es kaum fassen und begreifen, wie unser eigenstes Leben, das doch wieder Geschenk Gottes ist, nun Seiner inne wird in vollem Maße.

So kommen wir auf verschiedenen Wegen zu der gleichen Haltung dem Leid gegenüber, das uns vom Herrgott geschickt ist. Wir tragen es, und wir sagen in unseren Gebeten nicht: Herr wende das Leid von uns ab, sondern: Herr gib uns die Kraft, es zu tragen, es so zu tragen, daß es uns zum Heile wird und zu Deiner Herrlichkeit.

Meine liebe, teure Marga, unsere Gemeinsamkeit in den vergangenen Wochen des Zusammenlebens war so gestaltet, daß nach dem Warten und Verhalten unsere ganze Liebe uns zueinander drängte. Wie groß ist das Menschenleben vom Herrgott geschaffen, daß Er es nicht stillstehen läßt, sondern seinen Fortgang und seine Entwicklung in all seinen Anlagen fördert. Auch uns und Dir beosnders hat Er Kraft verliehen das Leben weiterzuführen, wie Er es in Seiner Ordnung will. Darüber bin ich so dankbar und ich bewundere Dich zu Deinem Abschiedswort aus Uelzen: „Ich wäre so froh, wenn der Herr unser Leben wieder segnen würde.“ Du, können wir da nicht jubeln und froh sein, daß wir so glücklich sind in unserem Leben, und ist das nicht ein tiefes Geheimnis, welches wir beide in Gedanken an diesem Hochfeste in dieser unserer Zeit begehen dürfen?

So komm denn Liebste, und sei im Geiste ganz in meiner Nähe, unsere Hände fest verbunden und mit unseren Lippen herzlich tief eins. Das tiefste Glück ist die tiefste Gemeinsamkeit im Herrn und zu Seinem Heil.

Dein August.