August Broil an seine Frau Marga, 18. Dezember 1944

Am 18. Dezember 1944.

Meine liebe Marga,

gestern nach der Rückkehr von Bergisch Gladbach schrieb ich Dir davon, daß die Post lange auf sich warten lasse, und das wollte sie sich sicher nicht sagen lassen; denn heute brachte sie mir den ersten Brief von Dir. (Nr. 4) Und dazu noch zwei Päckchen, die ich aber erst Weihnachten öffnen werde. Drei Briefe müssen also noch kommen. Es tut ja so gut, wieder die Schrift Deiner Hand zu sehen, die jetzt so lange Zeit für mich glückhafte Ruhe hatte. Und wer weiß wie lange der Brief und unsere Gedanken wieder die einzigen Mittler unserer Gemeinschaft sein werden. Wir haben das schon längst erkannt, welchen Wert gerade diesen Mittlern beizumessen haben. Wenn einmal der Tag kommt, daß wir das nicht mehr brauchen, dann werden wir lernen müssen, auch im direkten Wort alles einander zu sagen. Es mag seltsam klingen, daß ich sage, wir müßten das lernen. Aber es ist wohl so – das haben wir immer dann festgestellt, wenn wir zusammen waren. Es war oft recht schwer ins rechte Wort zueinander zu kommen. Weißt Du, es geht ja nicht ums Worte machen, sondern um das Wort-

werden unserer Gedanken und Probleme. Darin nehmen wir beide es stets sehr ernst. Manchmal sind wir bei solchen Gelegenheiten erst nach vielen Schwierigkeiten weiter gekommen. Das ist ja auch nicht verwunderlich, weil wir doch dazu so wenig Gelegenheit hatten. Wenn aber dann die Anknüpfung herbeigeführt war, dann haben wir sehr tief ausgeholt. Sieh, das müssen wir wohl lernen, diese Anknüpfung besser und selbstverständlicher zu finden. Dazu gehört nicht nur ein gelegentliches Beisammensein mit all seinen Überraschungen und Freuden, das eben dadurch schon reich ausgefüllt ist, sondern ein langes Zusammenleben auch im Alltag, darin die Dinge sich entwickeln und ausleben können. Viele Menschen hatten vor diesem Alltag Angst wegen der daraus zu befürchtenden Gewohnheit, die abstumpfend und gleichgültig machend sei. Der Krieg aber war da ein guter Helfer; denn er hat uns gelehrt, den Alltag und das Leben in der Gewohnheit, wie es einmal werden wird, als eine stetige und ruhige Entwicklung zu sehen, die ihre Vielschichtigkeit nicht fehlen lassen wird. Doch wird sie stetiger, aufbauender sein, während ich den jetzigen Zustand mehr „gewaltsame

Entwicklung“ nennen möchte. Diese Stetigkeit der Entwicklung, die Ordnung und Regelmäßigkeit werden uns dann helfen, einander in all unseren Lebensgewohnheiten und Eigenheiten mehr und mehr kennen und vor allem schätzen zu lernen, und daraus wird sich auch die Möglichkeit häufigerer und aus dem gemeinsamen Tun und Schaffen erwachsender Anknüpfungen ergeben. So denke ich mir jenes aufbauende Leben, das wir nach Gottes Willen hoffentlich recht bald beginnen dürfen im Gegensatz zu unserer jetzigen mehr mosaikartig zusammengeführten Gemeinsamkeit. Dabei sind wir uns beide ganz klar darüber, daß so und so die Grundsteine zu aller Gemeinsamkeit endgültig und unverrückbar gelegt sind.

Meine Liebste, in diesem jetzt zu Ende gehenden ersten gemeinsamen Jahr können wir mit Freuden solche Gedanken einander nahe bringen, weil wir uns beide darüber Rechenschaft geben, wo wir mit unserer Gemeinsamkeit stehen. Der Herrgott hat uns fest und unzertrennlich zusammengefügt, Er hat uns Glück und Freude, Leid und Schmerz gesandt, um sie noch immer fester zu fügen. Wir müssen in allem, wie es uns geschieht, sein Werk sehen und darauf unser ganzes Tun einrichten. Fragen wir uns, ob wir das in unserer

Gemeinsamkeit vermocht haben! Wenn wir es überblicken, dann ist es so, daß der Herrgott uns viele Gelegenheiten dazu gegeben hat. Aber wir müßten noch viel bewußter Sein Werk und Seinen Willen darin sehen. Wir kommen zwar an Ihm nicht vorüber, aber die volle Freiheit zu Seinem Willen ist immer noch unsere Aufgabe.

Wenn das Leben eines Tages in seine geordneten Bahnen zurückkehrt, dann werden wir viel gelernt haben aus den Stürmen der Erlebnisse die jetzt noch ständig über uns sind. Dann werden die Stürme manches welke Blatt undn alle schlechte Frucht weggefegt haben. Auf diese Zeit können wir mit aller Zuversicht hinblicken. Die Gemeinsamkeit wird innig und tief und voll Vertrauen zueinander, in der Gemeinsamkeit aber voll Vertrauen zum Herrgott sein.

Meine Liebste, in Deinem Brief schreibst Du von unserem letzten Tag in Uelzen, dem Tag des Abschiedes, sehr fein, daß wir beide unausgesprochen das Gleiche empfunden haben. Es mußte noch eine herzlichere, feinere Stunde kommen, weil die erste am Mittag zu herb, zu hart, zu grell war – wie in der Sonne geblendet, um dann nichts mehr zu sehen. Diese zweite Abschiedsstunde war uns glückhaft geschenkt.

Nun hat hier im Westen die Schlacht wieder begonnen. Unsere kämpfenden Einheiten sind schon im Einsatz. Alle beurteilen die Lage hoffnungsvoll. Wir werden mit den Versorgungseinheiten auch bald nachgezogen. Wollen wir hoffen, daß man den vielen bedrückenden Monaten der Rückzüge und des Verhaltens das Blatt sich wieder wendet und unserem Volke das baldige Ende des furchtbaren Krieges näher bringt. Der Herr möge uns helfen, unsere Pflicht auch weiterhin zu tun.

Liebste, dieser Brief wird Dich vor dem hohen Feste der Weihnacht wohl nicht mehr erreichen. Du wirst ein rechtes frohes und gutes Fest in der Stille des Dorfes gefeiert haben, und das Glück Deiner Gedanken und Erinnerungen wird groß in Dir gewesen sein. So soll es auch bei mir sein.

Ich bin in aller Herzlichkeit und Treue

Dein August.