August Broil an seine Frau Marga, 22. Dezember 1944
am 22.12.44.
Meine liebe Marga,
heute bin ich dabei einen Teil meiner Briefschulden zu begleichen, und ich mache das um Zeit zu sparen auf der Schreibmaschine. Sollst Du bei diesem vielen Schreiben leer ausgehen? So ergibt sich also heute wieder einmal die Gelegenheit, Dir auf der Maschine einen Brief zu tippen – ausnahmsweise natürlich.
Ich muss noch einmal auf Deinen letzten, von Sorge um das Wohl Deiner Lieben durchwobenen und von einer gewissen Traurigkeit und Schwermut getragenen Brief zurückkommen. Wenn ich die Gesamthaltung dieses Briefes, die ja Ausdruck Deiner eigenen inneren Verfassung ist, so recht auf mich wirken lasse, so glaube ich darin eine ganz neue Saite Deines Gemütes zu erkennen, die mir in der früheren Zeit viel weniger angeklungen ist. Wie tief sind die Wandlungen, die ein Herz erfahren kann unter dem Eindruck der auf es einstürmenden Erlebnisse und Ereignisse! Sicherlich war Dir auch früher eine solche Gemütsverfassung möglich, aber unter der Freude und den Auswirkungen all der guten Ereignisse, die Dir bevorstanden, brauchte diese Saite nicht zu klingen. Nun aber ist da etwas Neues, ein übergrosses Leid zu tragen aufgegeben. Und nun wird weiter und tiefer, was zuvor noch verschlossen bleiben konnte; nun öffnen sich auch diese Quellen, deren Wasser bisher verborgen waren. So stelle ich mir das alles vor, was in Dir vorgegangen ist und noch vorgeht. Glaube nicht, Liebste, dass diese Erkenntnis mich etwa bedrücke oder belaste. Sie lässt mich vielmehr Dein Wesen und Deine Tiefe in noch viel hellerem Lichte erkennen.
Da schreibst Du von Deinem Gang durch die Heide, der Dich von Gewalten der Natur auslieferte und Dich wie nackt und ungeschützt vor ihnen stehen liess. Im Kiefernwalde fühltest Du Dich wieder geborgen. Ein wunderfeiner Zug ist dieses Fliehen nach dem Geborgensein, ein Zug, der mir Deine Fraulichkeit in weitem Masse offenbart. Und dass jetzt diese Fraulichkeit in ganz besonderer Weise an vielen kleinen Dingen kundgetan wird, das ist mir ein Zeichen dafür, was Winfried Dir gewesen ist und was er in Dir bewirkt hat. Es ist eine zarte und doch so grundlegende Wandlung, ein Werden des Frauseins und ein Warten auf das Muttersein. Starke und ungeahnte Kräfte werden wach in der Mutter für ihr Kind und doch ist die Sehnsucht nach Schutz und Stütze, nach Geborgenheit und Frieden nicht grösser als gerade im Hinblick auf dieses neue Glück. Es ist nun leider ein hartes Los, dass unter diesen Zeitumständen diese Sehnsucht nur wenig Erfüllung finden kann. Darum Liebste, muss ich Dich bitten, mir davon immer frei und offen zu schreiben; denn dies ist jetzt der einzige Weg, der uns hierin wenn auch nur aushilfsweise etwas helfen kann. Du machst mir absolut keine Angst, wenn Du mir solche Gedanken und Empfindungen mitteilst; denn ich erkenne ja darin nur die natürliche Wandlung, die Dir als rechter Frau und Mutter kommen muss. Und es ist auch so, je mehr ich erkenne und spüre, dass diese Entwicklung in Dir vor sich geht, um so mehr kann ich meine Kräfte auf den Plan rufen, die Dir helfen können. Ich glaube, es ist da ein ausserordentlich zarter und feiner Berührungspunkt unserer Gemeinsamkeit, dem wir tiefste Aufmerksamkeit schenken müssen.
Meine Marga, nun trennen uns nur noch wenige Stunden vom heiligen Weihnachtsfest. Ich glaube, dass wir Weihnachten noch in unseren alten Quartieren sein werden. Vielleicht habe ich dann auch die Möglichkeit, am
weihnachtlichen Gottesdienst teilzunehmen. Das würde mir das Fest hier in der Eifel besonders lieb machen. Du wirst sicherlich in Uelzen Gelegenheit haben. Heute haben wir unser Arbeitszimmer schon hergerichtet und morgen wollen wir es weihnachtlich ausschmücken. Wir werden auch einen kleinen Tannenbaum aufstellen. So wird doch vieles ganz gut werden, und mache Gedanken werden bei dieser Arbeit hin zu Dir gehen, und erst wenn die Tage selbst da sind, wird es ganz stark zu Dir hinüberrufen.
Liebste, wir feiern unser Fest in Freude und Hoffnung, wir wollen nicht verzagen und unsere Gemeinsamkeit wird auch daran wachsen.
Dein August