August Broil an seine Frau Marga, 17. Dezember 1944

am 3. Adventsonntag.

Meine liebe Marga,

das Soldatenleben bringt ständig Überraschung und Abwechslung. So waren auch Deine Eltern und Geschwister überrascht, daß ich am Freitagabend plötzlich bei ihnen war. Ich mußte dienstlich mit dem Lkw. nach Bergisch Gladbach und Wahn, und so bot sich eine gute Gelegenheit, all das zu erledigen, was uns noch nicht möglich war als ich letztens in Urlaub war. Ich glaube die Eltern waren sehr glücklich darüber, daß ihnen die Sorge um unsere noch in Köln zurückgebliebenen Sachen endlich genommen ist. Wir haben nun den größten Teil der Sachen – vor allem auch die Kisten mit den Büchern auf dem Schickberg in Sicherheit gebracht und wollen hoffen, daß sie dort gut aufgehoben und uns erhalten bleiben bis wir sie selbst wieder in Gebrauch nehmen können. Es ist doch ein ganz angenehmes Gefühl zu wissen, daß später doch noch etwas auf uns wartet, mit dem wir wieder anfangen können, einen selbständigen Hausstand einzurichten. Es war so, daß gerade an dem Tage, als ich dort war, ein Brief von Dir angekommen war, in dem Du Deine Sorge über unsere Sachen aussprachst. Die Eltern hatten schon den ganzen Tag davon gesprochen und sich alle erdenkliche Mühe gegeben und wußten gar nicht recht, was sie Dir schreiben sollten. Und da kam ich am Abend an und hatte schon alles auf dem Wagen. Familie Tillmann war wieder sehr nett zu uns und wie immer hilfsbereit. Vater und Finni waren beide mit oben. Wir konnten noch eine

ganze Wucht Äpfel und Birnen mitnehmen. Das ist für Weihnachten besonders schön. Zwei Abende haben wir auf dem Ferrenberg zusammengesessen und erzählt. Geschlafen haben wir in Herrn Märtes Betten, der vor kurzem plötzlich verstorben ist. Die Eltern haben seine Wohnung gemietet; für den Fall, daß Familie Weiß auf ihre Wohnung Anspruch erhebt, haben sie dann eine feste, wenn auch bescheidene Bleibe.

Nun ist Sonntagabend, und ich sitze wieder nach glücklicher Fahrt durch die herrliche Landschaft, über der die feindlichen Flieger ihr unermüdliches zerstörerisches Werk breiten, in meinem Quartier. Zwei kleine Talglichter geben spärliches Licht, doch immerhin genug zu einem Brief an Dich. Das Bild der Landschaft, wenn man mit dem Wagen darüber hinwegfährt ist doch ein so eindrucksvolles, daß man sich immer wieder dabei ertappt, weniger auf die gefährlichen großen Vögel geachtet zu haben als auf die Landschaft selbst. Die Sonne hatte das winterliche Kleid zum Teil wieder weggetaut, nur in den Höhenlagen war der Schnee noch fleckenweise. Aber es war wieder viel von dem herben graugrün dieser Jahreszeit zu sehen, und die Fichten waren richtig drohend dunkel. Rötlich schimmerten die unzähligen Äste und Zweiglein der Laubbäume, und in ihrer Vielzahl hüllten sie die wuchtigen Bergrücken in einen sanften Pelz. Wenn die Straße oben über die kalten Höhen zog, dann war der Blick besonders eindrucksvoll; und ich muß es als ein herrliches, großes Bild bezeichnen, nicht lieblich wie im Bergischen Land, sondern herb und verschlossen – vielleicht auch besonders

in dieser Jahreszeit. Wie schön und groß hat der Herrgott doch seine Welt geschaffen, und warum nur sind die Menschen in dieser Welt nicht froh und zufrieden und freuen sich, daß sie darin leben können? Du, meine Marga, wir beide wollen aber dafür sorgen, daß wir darin leben können!

So habe ich Dir in diesem Brief nun einige sicher Dich besonders froh machende Neuigkeiten erzählt. Das soll für heute genug sein. Sicherlich hast Du schon manchen Brief an mich abgeschickt, aber die Post läßt lange auf sich warten. Aber ich weiß doch, daß Du es gut hast, auch aus dem Brief an die Eltern. Doch für uns beide gibt es ja viel tiefere und wichtigere Dinge zu sagen. Ich warte und bin froh

in diesem Warten.

Meine Liebste, ich grüße Dich herzlich und gut, und wir beten füreinander

Dein August.