August Broil an seine Frau Marga, 9. Dezember 1944
am 9. Dezember 1944
Meine liebe Marga,
in dem beiliegenden Brief habe ich Dir meine Gedanken zu unserem ersten Weihnachtsfest, das wir in unserer Gemeinsamkeit feiern, als Gabe für das hohe Fest aufgeschrieben. Lies ihn bitte erst, wenn in Deinem Herzen die Glocken läuten zum Eingang in die Geheimnisse des Festes.
Ganz herzlich tief werde ich an Dich denken
Dein August
In der Adventszeit 1944.
Meine liebe Marga,
wenn dieser Brief bei Dir sein wird, dann wird das hl. Weihnachtsfest schon ganz nahe sein oder vielleicht schon angebrochen sein. Weit herum in der Landschaft sehe ich zuweilen schon das weiße Winterkleid, das mich an die bevorstehenden Festtage gemahnt. In mir kommen so viele Gedanken auf, Gedanken der Erinnerung Gedanken der Wehmut und auch Gedanken der Zuversicht. Denn uns allen, nicht nur Dir und mir, unseren Lieben und unseren Freunden liegt die Feier dieses Festes so sehr am Herzen. Kaum ein deutscher Mensch wird sein, der nicht mit gleicher Wärme und Tiefe an die hohen Tage denkt, an die Lieben, an die Familie, an Daheim und an das Heim. Auch in der verhärtetsten Seele wird etwas wach werden, das warm machen muß.
Wir wissen, daß nicht all diese Menschen, die da mit guten Gedanken bei diesem Feste sind, die Gnade haben, davon zu wissen, was uns das Fest erst so hoch und groß macht. Früher haben wir vielleicht oft mit leisem Spott auf diese Menschen herabgesehen, die da so bürgerlich Weihnacht feiern. Und doch hat selbst diese bürgerliche Feier all den Menschen soviel bedeutet, daß sie heute so tief, fast mit Liebe daran denken. Es mag das zum Teil daher kommen, daß das Nichtmehrbesitzen all des Liebgewonnenen wie überall besonders herzlich stimmt. Aber dazu muß doch noch mehr
kommen. Es ist etwas Unsagbares, Heimelndes; und es muß doch im tiefsten Innern etwas wirken, daß unausgesprochen Wünsche nach dem Befreienden, von aller Weltschwere losgelösten wach werden läßt. Die ganze Tiefe und Vielfalt des menschlichen Seins, seiner Seele ist darin leise und angedeutet sichtbar, wie sie empfindet und erlebt in allen Stunden, bewußt und noch viel mehr unbewußt. Überall kann diese wundervolle Menschenseele aufnehmen, erleben und daran schön und froh werden.
Wenn wir, meine Liebste, uns hineindenken, ganz tief in diese Gedanken, dann müßten wir zuweilen etwas wie Glück empfinden, daß Gott unsere Seele so geschaffen hat, daß sie immer wieder sich Kräfte und Glückseligkeiten aus den Tiefen herausholen kann auch und gerade dann, wenn äußerlich unser Leben garnicht dazu angetan zu sein scheint. Wie ist es denn mit uns beiden, meine liebe Marga? Was alles könnten wir aufzählen, um daraus zu schließen, daß das hohe Fest für uns beide ein trauriges Fest sein müßte! Ich will garnicht erst damit anfangen, denn Du weißt zur Genüge selbst, was da alles hingehört. Nun aber möchten wir einmal – nein viele Male immer tiefer in uns hineinhorchen! Ja die Ferne und die Trennung, das Alleinsein in der Fremde – um nur ein weniges von dem Schweren zu sagen – Sind sie es, die gerade uns die Freude
an der hohen Festfeier und die Liebe dazu wirklich beeinträchtigen? Wenn wir am Äußerlichen stehen bleiben wollten – Ja! Sieh, meine Liebste, Du stehst nun dort draußten, in fremder Landschaft, bei fremden, wenn auch guten Menschen, entbehrst alle liebgewordenen Bräuche der Heimat und der Freunde. Aber ich weiß, wie weit gerade unter dem Eindruck all dieser Entbehrungen Dein Herz wird, wie sich Deine Seele auftut, um all Deine innere Kraft zu entfalten, die sich den geheimsten Dinge gerade dieses hohen Festes hingibt. Du bist wirklich von allem losgelöst und wie entbunden, und doch gerade deshalb so verbunden wie niemals sonst in Deinem Leben. Zwar sind diese Blüten ganz aus dem Innern ungeheuer zart und unscheinbar – im Getriebe der Tage, wie sie uns kommen, stets in Gefahr, verschüttet und damit unfruchtbar zu werden. Wir wollen darum besonders gut auf sie achten und ihnen unser inneres Ohr leihen. Wir dürfen uns glücklich schätzen, daß uns in dieser Zeit solches Geschenk wird.
Doch unser Glück ist ja damit noch lange nicht erschöpft, sondern damit fängt das eigentliche Erleben ja erst an, das uns in dieser Festzeit geschenkt wird. Wenn schon der auf das Weltliche und Bürgerliche ausgerichtete Mensch an diesen Festtagen und in dieser Zeit durch eine unnennbar tiefe Wirkung aus dem Innern
heraus tief glücklich wird, dann muß uns, die wir an diesen Tagen das Geheimnis der Menschwerdung Gottes feiern, etwas berühren, das uns wirklich über alle Erdennot und -schwere hinaushebt. Liebste, wir haben in unserer Liebe das Glück der Menschwerdung selbst erfahren, dankbar dürfen wir uns wissend nennen. Ist es vermessen zu sagen, daß unser Kindlein ein Gott wohlgefälliges Schöpfungswerk war, da Er es doch, so wie es geschaffen war in Sein herrliches Reich berief? Doch aller Zeiten herrlichstes Schöpfungswerk – wenn wir als Menschen überhaupt irgend einen Maßstab anlegen dürfen – war das, Seinen Sohn zu zeugen und Mensch werden zu lassen, Bruder unserer Menschen all und doch Gott. Und seine Ankunft, die damals wie heute in der Menschheit ist, war begleitet von dem jubelnden Sang Seiner Engel, die den Frieden der Menschheit kündeten, um Seine Ehre zu preisen. Wir Menschen des Krieges wissen was es um den Frieden ist. Wir wissen diesen Schatz zu würdigen: Frieden unter den Völkern und Frieden im Volk. Aber der uns verkündete Friede ist ja noch etwas viel Höheres und Größeres; denn der Friede im Reiche Gottes ist und da verkündet worden. Ich glaube, dieser Friede ist etwas so Großes, daß wir ihn als Menschen kaum erfassen können, sondern nur in der Tiefe unseres Selbst ahnen. Wie vollkommen, wie unsagbar schön muß
dieser Friede sein. Ob überhaupt in unserer Welt ein solcher Friede möglich ist? Er ist uns verkündet: Friede den Menschen auf Erden, sagt der Engel und fügt hinzu, den Menschen, die guten Willens sind. Seinen Willen sollen wir vollziehen, nach Seinem Willen unser Leben gestalten und bauen, Seinen Willen zu erkennen und zu tun, das ist die Forderung und Aufgabe, aus der der wahre Friede des Reiches Gottes wachsen kann und auch wachsen wird; denn so ist es uns ja verheissen. Wie oft sind uns doch gerade in der Zeit unserer Gemeinschaft diese Gedanken nahe gegangen, und sie haben sich uns aufgedrängt aus unserem eigenen Erleben. Und immer wieder haben wir sie als unsere Aufgabe erkannt, dankbar und freudig waren wir, wenn unser Erleben und unser Denken uns dahin führte. Nun ist bald wieder Weihnachten, und wir erleben die Gedanken, den Sinngehalt dieses Festes in einer früher nicht gekannten, einprägsamen und zwingenden Form, frei von allem, was wir an äußeren Zeichen daran lieb gewonnen haben. Wir wollen nicht sagen, daß etwas an der Feier des Festes dadurch besser oder schlechter geworden ist, sondern nur das eine, daß die Feier ungeheuer tief ins Innere geht und da sicherlich Großes wirkt.
Du, meine Liebste, wenn wir jetzt unter diesen Gedanken
uns die Gnade eines rechten und guten Weihnachtsfestes erflehen und wünschen, dann ist darin begriffen die Hoffnung auf die Feier in ungetrübter Gemeinsamkeit, wenn einst der Friede der Welt, der den Frieden des Reiches Gottes nie ersetzen kann, aber doch ein Schritt ist auf dem Wege zu ihm, uns in seine gütigen Arme nimmt. Dann werden wir immer denken müssen an diese Einsamkeiten und Stillen in der Fremde, die unseren Herzen so tief wohlgetan haben werden.
In unseren Herzen also kann Freude sein, und in dieser Freude wissen wir umeinander, und dann sind wir, wo immer uns das Fest der Geburt des Gottmenschen finden mag, eins im Herzen.
Gottes Gnade, die durch des Sohnes lichtwerdende Geburt uns sich zuwandte und durch des Geistes liebende Kraft in uns wirksam wurde, sei an diesem Feste ganz mit Dir.
In aller Herzlichkeit und Liebe
Dein August