August Broil an seine Frau Marga, 5. Dezember 1944

Am 5. Dezember 1944.

Meine liebe Marga,

diese Fahrt zum neuen Unterkunftsraum war für mich doch etwas sehr Schönes, wenn ich diesmal davon absehe, daß es wieder in den Krieg hinausgeht. Auch das ist eigentlich nicht richtig gesagt, weil wir doch ständig und überall im Kriege sind, Du und ihr alle in der Heimat so gut wie wir draussen. Wir tun ja überall unsere harte Pflicht. Aber die Fahrt war schön. Weißt Du, ich sah so viele liebe, vertraute Bilder, die an frühere Tage erinnerten, an all das, was ich erlebt habe auf Wanderungen und Fahrten, bei denen sich das Auge volltrank von den Schönheiten der heimatlichen Landschaft. Es ist so viel in der Entwicklung und dem Wachsen eines Menschen mit all dem verbunden, was die Landschaft uns geben kann. Jede Landschaft formt ihre Menschen, daß sie auch in unserem deutschen Lande so unterschiedlich sind.

Am Samstag abend kam ich am Zielort an. Auch da wieder ist es so, daß mir die Berge vertraut sind, weil ich sie früher schon so oft sah und doch auch wieder fremd und drohend, wenn ich wie diesmal aus der Weiträumigkeit der Heide mit ihren breit hingelagerten Dörfern in die Schroffheit und Beengtheit der Berge komme. Jetzt in der rauhen Herbstzeit mag das Landschaftsbild wohl besonders herb sein. Ich sah sie meist nur in der Pracht und Grüne des Sommers oder in der Buntheit des frühen Herbstes, als Du auch bei

mir warst. Der Regenwind fegt über die Berge und jagt die Wasser in die Felder, Wiesen und Wälder. Die Kämme und Spitzen der Berge reichen bis in den Dunst der Regenwolken hinein. Die Häuser in den Dörfern liegen eng beieinander und große Höfe findet man nicht, wie wir es jetzt in der Heide kennen lernten. Das Bild ist wechselvoll, und das Auge kann sich überall her seine Schätze holen.

Am Sonntag haben wir das neue Jahr der Kirche begonnen. In unserem Heim haben wir an diesem Tag das erste Licht des Adventkranzes angezündet, dessen Grün wir in unseren Wäldern suchten. In unserem Arbeitszimmer hängt auch ein Adventskranz – ich war darüber glücklich überrascht. Am Sonntagabend haben wir seine Lichter angezündet und eine ruhige und sogar besinnliche Stunde des Plauderns und Erzählens und auch zuweilen des Schweigens gehabt. Unser Oberzahlm. hatte dazu eingelanden. Diese Stunden waren recht wohltuend, weil sie eine Feierstunde unter Kameraden war, die einmal nicht laut wurde. An die Gestaltung solcher Stunden zuhause mit ihren Liedern und Gedanken mußte ich mich herzlich erinnern. Du hast sicherlich Gelegenheit zu einer ähnlich besinnlichen Stunde gehabt? In Reinstorf bei Meiers?

Als ich am Vorabend des Sonntages allein auf meinem Lager lag, gingen meine Gedanken rund um die Ereignisse der Zeit wie sie an der Schwelle des neuen Kirchenjahres uns besonders

berührern. Was können wir jetzt besserres tun als gerade jetzt all unsere Sorgen, unsere Ungewißheit, unser Bangen um das Schicksal und die Zukunft bewußt und fest in die Hand des Herrn zu legen. Haben wir nicht in dieser Zeit, die wir nun ganz einandergehören, ganz unermeßliche Schätze seiner Gnade geschöpft? Besonders all das Schwere war doch eigentlich ein Gnadengeschenk, weil der Herr uns berufen hat, wirklich etwas tun zu dürfen für Sein Reich.

Meine Liebste, nun ist nach der viel zu kurzen Zeit des Zusammenseins und der innigen Gemeinschaft wieder die Trennung da. Nun ist wieder die Zeit der Gedanken und Briefe, die schon so vieles in unserer jungen Ehe getragen und bewirkt haben. Das Glück des Zusammenseins hätte nie so groß sein können, wenn nicht diese beiden uns lange Monate hindurch so verbunden und gegeneinander aufgeschlossen hätten. So soll es auch jetzt wieder sein. Wir wissen zwar noch nicht, ob uns das tiefste Band der Gemeinsamkeit wieder geschenkt werden wird, aber wir haben den Wunsch und die Hoffnung, daß es uns werde.

Gleich, wenn ich mich zur Ruhe lege, sollen die Gedanken wieder besonders nahe bei Dir sein. Und dann werde ich wieder spüren, wie auch das Auge Deiner Gedanken auf mir ruht. Sei tapfer und ruhig, Liebste und Gottes Schutz sei bei Dir.

Dein August.

Herr Lt. Thiermann, der fragte, ob ich einen Brief an Dich schriebe läßt Dir und Familie Meier herzliche Grüße schicken.