August Broil an seine Frau Marga, 1. Dezember 1944

Am 1. Dezember 1944

Meine liebe Marga,

noch ist unsere Reise nicht zu Ende. Sie schlängelt sich regelrecht vom einen Tag zum andern langsam weiter. Mir macht das weiter keine Sorgen, wenn auch ein paar Unannehmlichkeiten damit verbunden sind. Viel größer sind ja diese unangenehmen Dinge für die armen Frauen, die mit ihren Kindern heimatlos sind. Aber wenn ich sie so warten sehe auf ihren Abtransport, dann sind sie mir vielmehr heldenhaft als all die Soldaten, von denen man es gewohnheitsmäßig sagt. Jetzt gerade hatte ich den Genuß eines zwar seltsamen und den Ohren nicht gerade so wohlklingendes aber doch anheimelndes Konzerts: Das Schrei- und Weinkonzert mehrer kleiner Kinder. Wir haben in Bonn im Bunker umnachtet – ausgezeichnet geschlafen – und dabei solches erlebt. Man kann dabei überhaupt allerlei Schönes erleben.

Ach Liebste, ich muß Dir einiges erzählen von der Reise; denn es war mir teilweise eine Reise, die mich zuweilen ganz tief bewegte und mich tief im Herzen ansprach. Wir waren bis Düsseldorf gekommen und da fragte es sich, wohin weiter. Unsere Waggons wurden einem Personenzug nach Lennep angehängt. Mir wurde dabei ganz wohl ums Herz; denn damit gings doch ins Bergische Land. Da habe ich natürlich immer an der offenen Tür gestanden und die Bilder, die mir so lieb und wohlbekannt waren, in mich aufzunehmen. Welch hohes Gefühl bemächtigte sich meiner und auch vieler Kameraden

als der Zug die Höhen hinaufkletterte und wir tief zu unseren Füßen das herrliche Tal der Wupper von der Höhe der Brücke sahen. Über Remscheid nach Lennep kamen wir an all den trauten Örtchen vorbei, die wir erwandert und geliebt haben in vielen Jahren unser Jugend: Hückeswagen, Wipperfürth, Gummersbach, Overath, Siegburg. Diese Umwegfahrt, sicherlich durch Fliegerbeschädigung der Bahnstrecken bedingt, war mir ein frohes Geschenk, von dem ich Dir ein wenig mitgeben möchte.

Später im abendlichen Dunkel, als die Landschaft im Mondenschein noch zu erkennen war, ging die Fahrt von Bonn nach Euskirchen. Ich brauche Dich nicht zu fragen, welche Dinge mein Herz erfüllten und was meine Gedanken waren. Kottenforst erinnerte mich an den Morgen der [..]fahrt und an die Flerzheimer Tage – einige der schönsten und tiefsten in unserer jungen Ehe. Rheinbach hat mich an unser Wiedersehen erinnert und an Dein großes Ereignis und Opfer. – Winfried. Es ist schwer, die Gefühle zu schreiben und zu schildern; Du weißt aus eigener Erfahrung wie schwer das ist und darum auch, wie die Gefühle wirklich sein müssen.

Ich muß jetzt zum Ende kommen – leider – denn lieber möchte ich noch lange bei Dir sein in diesem Brief. Doch die Gedanken, die die Gefühle hervorbringen, sind Dir und unserem gemeinsamen Erleben ja so nahe!

So grüße ich Dich aus der Ferne die doch unsere Heimat ist und aus der Heimat, die sich jetzt über Deine Ferne freut.

Grüße alle lieben Bekannten von mir

Dein August