August Broil an seine Frau Marga, 28. November 1944

Auf der Reise, am 28.11.1944.

Meine liebe Marga,

es kommt mir ganz eigenartig vor, daß ich nach langer Zeit wieder diese altgewohnten, lieben Worte an den Anfang eines Briefes setze. Als ich zuletzt so schrieb, war unser Winfried noch nicht geboren. Jetzt, da ich schreibe, haben wir nach dem ungeheuren Erleben der dazwischen liegenden Zeit schon neue Wünsche und vielleicht sogar Hoffnung in unserem Herzen. Wenn ich an diese Zusammenhänge denke, dann bin ich so erstaunt und verwundert, welchen untrennbaren Vorwärtstrieb das Leben in sich birgt, ganz beosnders dann, wenn

es wie bei uns durch so zahlreiche Prüfungen und Engpässe hindurch mußte.

Nun haben wir diese, bisher längste Zeit unseres Zusammenseins beendet – vielmehr es wurde uns ihr Ende gesetzt. Ich habe jetzt so den Eindruck, und das wird sich mit der Zeit noch zur Gewißheit verstärken, daß diese Wochen einmal die schwersten aber auch schönsten, zum andern die wichtigsten und entscheidenden waren auf unserem gemeinsamen Wege. In diesen Wochen des Leids und des Schreckens durften wir erkennen, daß erst darin die ganze Fülle des Erlebens und schließlich des Lebens begriffen ist. Denn aus dieser Tiefe

sind uns Stunden des gemeinsamen Glücks und Einswerdens erwachsen und geschenkt worden, wie wir sie auch noch nicht erahnen konnten. Aus dem Leid und dem Schmerz kann uns das neue Glück, aus dem herben Verlust der neue Wunsch. Wie groß ist unser Glück, daß wir hoffen, unser Einssein möge neu gesegnet sein. Du hast es in den letzten Stunden unseres Zusammenseins recht zum Ausdruck gebracht, daß es Dich viel Mühe, viel Unannehmlichkeit, viel Schweres kosten würde, wenn Du wieder gesegnet sein solltest, daß aber die Freude über das gesamte Geschehen, Werden und Wachsen, Dich alles überwinden helfen würde. Und über allem steht ja doch der Wille und

der Weg des Herrn. Hat Er nicht in den schwersten Stunden uns herrliche Winke gegeben, indem Er uns aus aller Trübsal sicher herausführte! Aus all dem Erlebten kann ich nun die noch stärkere Gewißheit mit hinausnehmen, daß wir auf noch so einsamen und schweren Pfaden nie verlassen sein werden.

Diesen Gedanken all, meine Liebste, werde ich in den kommenden Wochen des Alleinseins noch mehr und inniger nachgehen können, um Dir dann davon schreiben und mitteilen zu können.

Die Fahrt ist bisher recht langweilig und umständlich verlaufen. Wenn wir so weitermachen, dauert es noch 14 Tage bis wir am Ziel sind.

Liebste, sei herzlich und froh gegrüßt von

Deinem August.