August Broil an seine Frau Marga, 26. September 1944
Reinstorf, den 26. Sept. 1944.
Meine liebe Marga,
heute abend komme ich nun endlich dazu, Dir etwas Näheres darüber zu schreiben, was ich seit dem Montagmorgen, als ich zuletzt mit Dir sprach, erlebte.
Am Mittag dieses Tages setzte sich nach langem Warten unser Transportzug in Richtung Bonn in Bewegung. In Bonn lagen wir bis gegen Abend und kamen so erst in der Dunkelheit in Köln an. Aber ich hatte dort Gelegenheit mit unseren Lieben aus Köln telephonisch zu sprechen und ihnen in ihrer besorgten Lage etwas Trost und Mut zu sagen. Die Lage ist für die nicht mehr jungen Eltern nach allem, was sie in ihrem Leben und besonders jetzt im Kriege mitmachten, sehr entmutigend. Aber wir wollen nicht das Schlimmste befürchten! Ich hatte Glück auf der Fahrt, denn wir konnten mit mehreren Kameraden in einem gedeckten Mannschaftswagen fahren, den wir reichlich mit Stroh versehen hatten, um in der Nacht ein bequemes Lager zu haben. Das Rumpeln und Rollen des schweren Güterwagens hat mir beim Schlaf wenig ausgemacht – Soldaten können eben überall schlafen. Wenn abends die jetzt schon frühe Dunkelheit kam, dann legte ich mich mit wachen Augen auf das Strohlager und dachte an die noch nicht lange vergangenen Stunden, die uns in Gemeinsamkeit geschenkt waren, und an das bevorstehende große Ereignis unseres gemeinsamen Lebens: die Geburt unseres Kindleins. In dieser Stunde konnte ich mich so gut in die Geheimnisse des Rosenkranzes hineindenken, der sich um Geburt und Kindheit des Herrn rankt. Und die Umstände Seiner Geburt können wir unter den augenblicklichen Verhältnissen besonders gut nachempfinden. Ich mußte daran denken, wie Maria, die Mutter in der Erwartung ihres Kindleins die weite Reise
von Nazareth nach Bethlehem auf sich nehmen mußte, wie sie in ein dunkles Schicksal hineinging und doch nicht den Mut verlor und die Freude. Ich mußte daran denken, wie Maria unter den ärmsten und ungünstigsten Verhältnissen ihrem Kinde das Leben schenkte, ausgestoßen von den Menschen, fremd und verlassen. Und wie der Herr doch in dieser Verlassenheit und Not das Heil der Menschheit Bruder der Menschen werden ließ. Verlassen war die junge Familie von den Menschen all, aber der Schutz des Herrn war stets bei ihnen; denn der Neid und die Eifersucht des weltlichen Königs konnte diesem Kinde nichts tun. Christus hat sich nicht gescheut, seinem Leben einen solchen Anfang zu geben, ganz menschlich mit allen Nöten und Drangsalen der Menschlichkeit schon in den ersten Tagen seines irdischen Lebens. Dies schreibe ich nun nicht, Liebste, damit wir heutigen Menschen in unserer Lage einen leichten Trost nehmen können, sondern wir sehen, welche Möglichkeiten die Wege des Herrn haben, um Sein Werk werden zu lassen, das Er bereitet hat. So wollen wir auch denken, wenn wir das Ereignis der Geburt unseres ersten Kindleins in diese Zeit hineingestellt wissen. Es ist der Weg uns der Wille des Herrn, die usn auch hierin aufgetragen sind, wie in allem, was in unserem Leben geschieht.
Unsere Fahrt ging sehr langsam weiter. Als wir kurz vor Hamm lagen, wurde die Stadt gerade schwer von Bomben angegriffen. Die Bahnanlagen wurden wohl schwer zerstört, und unser Zug wurde wieder zurückgefahren. Bei Tage saßen wir auf einer Bank an der weit offenen Waggontür und konnten das Land und die vielfach zerstörten Städte sehen. Oft winkten uns die Arbeiter auf den Feldern und die Mädchen in den Fenstern freundlich zu. Manchmal standen wir viele Stunden auf unschönen Güterbahnhöfen und warteten bis uns ein Zug wieder mitnahm.
Vielfältig sind die Eindrücke einer solchen Transportfahrt immer wieder. Freitag abend kamen wir schließlich in Uelzen, unserem Zielort an. Von dort ging es im Nachtmarsch (auf Fahrzeugen natürlich) weiter in die Lüneburger Heide hinein nach einem kleinen sauberen Dorf – Reinstorf. Als wir im Frühjahr die Heide von Bergen aus verließen, begann sie gerade, sich mit zartem Grün zu beleben. Ich denke noch besonders an das Birkenwäldchen unweit unserer Kaserne, dessen Frühlingserwachen mir Tag für Tag soviel Freude machte. Nun auf der Fahrt sah ich, wie die Blätter der Birken schon herbstlich gelb wurden. Eine leise Wehmut wollte in mir wach werden über den so rasch in der Fremde verlebten Sommer, der ja doch kein Sommer in der Heimat war. In Reinstorf erhielten wir ein gutes Quartier bei einfachen und fleißigen Bauersleuten. Da wohnen wir nun wieder in einem deutschen Ort, bei deutschen Leuten, können mit ihnen sprechen und fühlen uns doch wohler als in Frankreich. Auch vom Kriege spürt man direkt wenig: ganz selten ein Flugzeug; für uns ist das ganz ungewohnt. Viele Kameraden haben die Zeit recht genutzt und ihre Frauen, wenn es möglich war, herbestellt. Ich weiß, daß Du auch gerne alles liegen und stehen ließest und zu mir herkämst. Aber das Werden und Wachsen unserer Familie fordert es anders, und so ist es gut. Allerdings mache ich mir doch zuweilen Sorge darüber, ob Du auch in Ruhe in Rheinbach bleiben kannst. Aber ich will hoffen, daß alles gut war, wie wir es gemacht haben.
Die Arbeit, die mich hier erwartete war recht umfangreich. Jetzt muß all das nachgeholt werden, was in der letzten Zeit des Westfeldzuges nicht mehr getan werden konnte. Auch den ganzen Sonntag über konnte ich mir nicht viel Freizeit gönnen. Ich habe Dir ein Telegramm geschickt,
damit eine schnelle Nachricht zu Dir kommt. Wer weiß wie lange ein Brief braucht; denn auch von Dir kommt keine Post her. Der Krieg hat es so weit gebracht, daß wir selbst im eigenen Lande lange ohne Nachricht warten müssen.
Zu Deinen Briefen, Liebste, bin ich, nachdem ich sie einmal gelesen habe, noch nicht wieder gekommen, und doch pochen sie dauernd bei mir an, weil so vieles darin noch auf Antwort wartet. Auch diese Zeit wird wieder kommen!
Du meine liebe Marga, wenn Du diesen Brief bekommst, dann kann es vielleicht schon sein, wie ich es mir kaum auszumalen vermag: Unser Kindlein, das ich unter Deinem Herzen schon begrüßen konnte wird vielleicht durch diesen Brief zum ersten Mal von seinem Vater begrüßt. Ach Du, was soll ich ihm als erstes Wort auf seinen Weg geben? Sag Du ihm das erste Wort von mir wie Du meinst, daß ich es sagen würde, wenn ich staunend und bewundernd vor seiner Wiege stände. Und stellen wir uns dann alle Drei unter den starken und sicheren Schutz des Herrn.
In Liebe und Freude
Dein August.
Schicke die Post – wie ich telegraphierte bitte an
Rudolf Meier, Reinstorf, Krs. Uelzen Nr. 5.
Da es möglich ist, daß wir eines Tages plötzlich verlegt werden, ist es gut, wenn Du die Nachricht, auf die ich doch so warte, auch an die F.Nr. 07030 schickst.
Dein August.