August Broil an seine Frau Marga, 17. September 1944
Bonn, den 17.9.1944
Meine liebe Marga,
wir haben noch einige Tage in Duisdorf bei Bonn gelegen. Ich hatte gehofft, daß diese Wartetage in den Samstag und Sonntag hineingehen würden, und ich versprach mir davon, noch einmal in der seit langem schon ersehnten Art den Sonntag feiern zu dürfen. Meinen Weg zwischen Quartier und Antreteplatz mußte ich immer an einer großen schönen Kirche vorbei nehmen. Dort wollte ich am Samstagnachmittag das hl. Bußsakrament empfangen und am Sonntag das hl. Opfer mitfeiern. Aber mein Wunsch wurde nicht erfüllt; denn am Samstagnachmittag wurden wir verladen, um mit der Bahn in das Innere Deutschlands befördert zu werden. Nun stehen wir am Sonntag noch hier auf dem Bahnhof und warten auf die Abfahrt bis zu der es noch etwas dauern kann. Da wir den Bahnbereich nicht verlassen dürfen, werde ich den Sonntag wieder auf Soldaten art irgendwie gestalten. Und ich habe einen wunderbaren Sonntagmorgen erlebt. Es wurde mir geschenkt durch Deine Briefe, deren Abschriften Du mir mitgabst. In dem Aufenthaltsraum einer Fabrik habe ich still in einer Ecke gesessen und diese Briefe gelesen. Wie in einem feierlichen kleinen Raume saß ich da ganz für mich abgeschlossen, fern der mich umgebenden Welt. Ich habe zunächst einmal die Briefe der Reihe nach gelesen. Dabei gingen die vergangenen Wochen wie in einem Buch in meinen Gedanken vorüber. Meinen Kalender mit den Ortsaufzeichnungen hatte ich daneben liegen. So konnte ich mir immer ein schönes Bild von der jeweiligen Lage machen, in der ich mich zur Zeit des Briefschreibens befand. Ganz wunderbare Gedankenverbindungen konnten so hin
und her gehen. In Deinen Briefen, Liebste, ist eine solche Fülle von Gedanken, auf die ich am Liebsten im einzelnen eingehen möchte und es auch wohl noch tun werde, wenn mir Zeit und Gelegenheit es irgendwie erlauben. Besonders für unser späteres gemeinsames Leben gibst Du unter dem Eindruck der verschiedenartigen Charaktereigenschaften, die sich aus unseren Briefen immer mehr offenbaren, so positive Fingerzeige. Besonders in dem Brief, der zu der „passiven Lebenshaltung“ Stellung nimmt, erkenne ich, wie Du gedanklich das ganze Problem in vielen Stunden durchgearbeitet hast, um zu den Ergebnissen zu kommen, die Du mir zu schreiben fähig warst. Es bedarf – wie ich schon sagte – auch meinerseits noch einmal einer besonders tiefen gedanklichen Durcharbeitung bei günstigen Umständen. (Heute will ich nur von dem allgemeinen Eindruck schreiben und dem Übermaß von Glück)
Du, Marga, nachdem wir nun die Stunden zusammen waren, kann ich die Sehnsucht nach dem Wiedersehen und das lange Warten besonders gut verstehen. All das Glück, das Dir durch das Wachsen unseres Kindleins unter Deinem Herzen bereitet wurde, war wahrlich zu viel für Dich allein. Wenn Du auch versucht hast, in all Deinen Briefen so recht aus der Tiefe Deines Herzens alles Glück mitklingen zu lassen, so ist das doch mit der Wirklichkeit, die wir uns nun in den wenigen Stunden des Zusammenseins schenken durften, nicht zu vergleichen. Ach und wie muß es Dir im Herzen wohlgetan haben, der in langen Monaten aufgespeicherten Sehnsucht nun endlich ihre Erfüllung zu geben. Aber ich habe dabei auch empfunden, wie fein und gut es war, daß Du in all Deinen Briefen
versucht hast, Dich und mich auf diese Stunde vorzubereiten. Denn so konnten wir beide wohlgerüstet in diese Stunde gehen. Ach und wie Du dann in den Stunden selbst versucht hast, alles zu mir hinzutragen, was in Dir lebte. Wenn ich denke, unter welch seltsamen äußeren Umständen wir zusammen waren: in fremdem Haus, bei fremden Menschen, nicht wirklich allein und doch in unserem Glück so abgeschlossen, als wären wir doch allein gewesen, dann spüre ich, wie die lange Zeit der Trennung uns innerlich gerüstet hat, auch mit solchen Verhältnissen fertig zu werden und uns unsere Erlebenskraft nicht durch äußere Umstände trüben zu lassen.
Meine liebe Marga, nachdem wir nun so zusammen waren, nachdem ich danach Deine Briefe gelesen habe, sehe ich unserer späteren Gemeinsamkeit mit ganz neuer, tiefer Zuversicht entgegen. Ja es wird vieles schwer werden, und manches Problem wird zur Lösung unserer gesammelten inneren Kraft bedürfen. Aber welches glück der Einheitlichkeit und des guten Willens haben wir jetzt voraus. Da dürfte uns eigentlich vor den Ereignissen der Zukunft im Großen wie im Bereich unseres kleinen Kreises nicht bange sein. Diese unsere Zuversicht soll uns jetzt stets bereit finden.
Du, meine Liebste, jetzt dunkelt der Sonntagabend grau herein – die Zeilen dieses Briefes sind kaum noch zu erkennen. Wir saßen in den Abend hinein und warteten, ob uns auch die Nacht noch zum gemeinsamen Erleben geschenkt würde. Und dann haben wir die Nacht miteinander verbracht. Zwar haben wir nicht viel erzählen können. Dich erzählte uns das stille Beieinanderliegen so viel und vor allem hat uns unser Kindlein eine ganz lange Geschichte erzählt, ohne Worte zwar, aber um so eindrucksvoller und tiefer.
Komm, meine Liebste, laßt uns nun den kommenden Dingen fest und zuversichtlich entgegensehen. Sie sollen uns bereit finden. Und der Herrgott, der alles bisher so gut gefügt hat, wird uns auch dann seinen Segen nicht versagen. In tiefer, herzlicher Liebe bin ich mit ganzer Kraft meines Herzens
Dein August