Marga Broil an ihren Mann August, 16. Januar 1944

Köln, am Sonntag den 16.I.44.

Mein lieber August!

Es ist Sonntagnachmittag, die Stunde der Dämmerung, die wir beide so sehr lieben. Ich halte Deinen Brief in den Händen, das erste Zeichen Deines Gedenkens, das wieder aus der Ferne zu mir herüberkam. Oftmals habe ich ihn gelesen und da die Dämmerung den Augen das Licht versagt, halte ich ihn still und fest in meinen Händen und in meinem Herzen.

Wie klingt es in mir auf, daß wir nun ganz und ungeteilt und ohne Vorbehalt einander gehören, ich Dir und Du mir, mit Herz und Sinnen, Verstand und Willen, Seele und Leib. Wir haben in diesem völligen Einandergehören in diesem letzten Einssein die ganze Fülle menschlichen Lebens und menschlichen Glückes erfahren und verkosten dürfen. Das hat unsere Herzen, unser ganzes Sein, wie ein gutes Licht hell und strahlend gemacht, hat unsere Seelen emporgehoben, daß wir einander aus innerstem Verlange zurufen: Laßt uns danksagen dem Herrn, der uns das Glück solchen Erlebens gnadenhaft hat zuteil werden lassen!

Ferne überwinden läßt. Indem sie den Bogen spannt zu dem, von dem uns alles Gute kommt, läßt sie uns zugleich einander begegnen, so innig, froh und stark, daß aller Schmerz der Trennung, obwohl er größer war als je zuvor, weichen muß.

All meine Gedanken gehen zurück zu den Erlebnissen der Tage unserer Hohen Zeit, nicht wie das Erinnern an etwas Vergangenes, nein, sie bewegen sich darin wie in etwas, das fortdauert und kein Ende nehmen will. Ja, und obwohl der Alltag längst wieder begonnen hat, unsere Festtage werden noch lange in uns fortdauern, als Gnade und Aufgabe unser ganzes Leben lang. Denn sie sind so lebendig in uns eingegangen, daß aus ihrer Füller der Alltag seinen Segen erhält und uns neue, festliche Stunden zu bereiten vermag. Noch nie habe ich mit soviel Bereitschaft und Freude all meine Pflichten erfüllt, die mir sonst als Last erschienen. Wenn die Sonne so hoch im Mittag steht, dann erfüllt sie alles mit ihrem Glanz und nirgendwo ist ein Schatten zu finden, selbst das Unschöne wird verklärt.

Liebster, all meine Gedanken an das Erleben unserer Gemeinsamkeit sind ein Gespräch mit Dir; könnten sie doch nur so unmittelbar zu Dir gelangen! Du, wie manches Gespräch haben wir doch miteinander führen können, indem auch die geistige Stellungnahme zu unserem Erleben eine gemeinsame wurde. So schlicht, offen und wahr gingen die Worte vom Herzen des einen zum anderen und bestätigten das, was wir in der Unmittelbarkeit des Erlebens erahnt und gespürt haben. Wie wohl tat es uns, zart und behutsam, wenn auch erst zaghaft, die letzten Tiefen unseres Seins einander auftun zu können. Mein August, wie schön und gut, wie bis zum Rande gefüllt waren doch alle unsere Stunden, wie vermögen sie mich wieder und wieder zu überwältigen, und ich weiß nicht in welcher die Gedanken zuerst verweilen sollen; sie möchten alle zugleich umspannen und ihre Köstlichkeiten in vollen Zügen aufnehmen. Es wird noch eine Zeit dauern, bis wir aus dem Wohllaut des Zusammenklangs aller Töne die Schönheit der einzelnen Akkorde heraushören und ihren Wert recht erkennen. Sie in diesem Erkennen und gedanklichen Durchdringen wieder neu als Geschenke, Gnaden und Gaben anzu-

nehmen und zum Segen unserer Gemeinsamkeit, unseres Einsseins auszuwerten, soll unser Tun füreinander und miteinander sein in der Zeit der Trennung. All mein Verlangen geht ja dahin, recht viel für Dich tun zu können, ganz für Dich da zu sein und alle Möglichkeiten zu benutzen, die mir jetzt dazu gegeben sind. Liebster, es ist wahrlich unsere Hohe Zeit, die Tage unseres gemeinsamen Erlebens, unseres völligen Einsseins und die Zeit in der wir jetzt stehen. Die Höhenwege des Lebens dürfen wir beschreiten und sie führen uns in jene ungeahnten Regionen des Glücks, die all unsere Erwartungen übertreffen. Klopfenden Herzens haben wir in der Zeit der Bereitung darauf Ausschau gehalten und nun, da wir durch das große Tor hindurchgegangen sind in das neue Land, wissen wir, daß alles Wünschen und Träumen an das Erfahren nicht heranreichen kann. Ach, könnten wir uns doch all dieses Glückes würdig erweisen, könnten wir uns doch dafür so recht dankbar zeigen! Die Menschen sprechen immer nur davon, daß Not beten lehre; tut das Glück und die Freude es nicht in noch viel größerem Maße. Ich habe beides in unmittelbarer Folge erleben dürfen und sage Dir, daß ich wohl noch nie mit soviel Innigkeit zu beten vermocht habe, wie in

diesen Tagen. Da wir die Herrlichkeit unseres Menschenlebens erfahren durften, leuchtete uns darin die Herrlichkeit, Größe und Weisheit des Schöpfers entgegen, der das alles so weise eingerichtet in Seinem Schöpfungsplan, der allem Leben seine Bahnen gewiesen und uns beide, Dich und mich, in die Ordnung und den Rythmus Seines Planes hineingestellt hat und uns in heiliger Berufung durch unser Tun daran teilhaben läßt. Muß da unser Beten nicht aus viel tieferen Schichten unseres Seins aufsteigen als früher, da uns solches Erfahren noch nicht geschenkt war? Daß es uns möglich ist, unserer Liebe, dem innigsten Verlangen unseres Herzens, der Fülle menschlicher Sehnsucht in dem innigsten Einssein Ausdruck zu verleihen, läßt uns jede große Beseligung erfahren und wir ahnen etwas von der Harmonie, die zwischen Seele und Leib besteht, die unser ganzes Menschsein überstrahlt, wenn es in der gottgewollten Ordnung gelebt wird. Alle unsere Kräfte von Seele und Leib haben wir mit bebenden Händen zum Einsatz gebracht und in diesem Tun konnten wir etwas von der Größe und Heiligkeit spüren, die in ihnen ruht. Ja, wir haben allen Grund von der Herrlichkeit des Lebens und dem Wunder unseres Leibes zu sprechen. Da der Vater allen Lebens uns im

Sakrament Seines Sohnes befähigt und geweiht hat, dieses Leben in seiner ganzen Fülle zu besitzen und unseren Leib mit all seinen wundersamen Kräften und Funktionen in Seinem Auftrag recht zu benutzen, zieht uns die Erfüllung dieses Auftrages mit aller Gewalt zu Ihm hin, um Ihm Dank zu sagen für die Gnade der Berufung, ja, um zu danken für das Leben schlechthin, das Er aus der Fülle Seines göttlichen Lebens hat hervorgehen lassen; für das Wunderwerk unseres Leibes, das Er uns anvertraut hat, das wir nur in Ehrfurc ht und Freiheit recht verwalten können. Ach, und für so vieles sind wir dem Herrn Dank schuldig, daß Er gerade uns beide zu diesem verantwortungsvollen Tun zusammengeführt hat und daß Er es uns in so wundersamer Weise erleben ließ.

Liebster, da das völlige Einssein mit Dir die stärkste Hinwendung zu Gott in mir bewirkt hat, ist nicht damit das Problem überwunden, das mich in unserer Brautzeit so stark beschäftigt hat, der Zwiespalt zwischen der Liebe zu Gott und der Liebe zu Dir gelöst? Mein August, ich kann Dir garnicht sagen wie froh mich das alles macht und daß ich auch Dich in unseren Tagen so recht von Herzen froh

gesehen habe, das macht meine Freude vollkommen.

Heute morgen war ich in aller Frühe im Dom zur Feier des Sonntages. Wieviel hat die Liturgie gerade uns heute zu sagen. Der Herr bei der Hochzeit zu Kanaa. Beim Beginn des Lebensbundes zweier Menschen setzt Er den Anfang Seines öffentlichen Wirkens und der Evangelist sagt am Ende des Berichtes: Er offenbarte damit Seine Herrlichkeit. – Erscheinung des Herrn, Offenbarwerden Seiner Herrlichkeit, das ist der Sinn der Festzeit des Kirchenjahres in der wir stehen, in die auch unsere Hohe Zeit fällt, die auf das gleiche Ziel ausgerichtet ist. Auch zu unserer Hochzeit war Er als der vornehmste Gast geladen; daß es uns doch mit Seiner Gnade gelingen möge, auch unser Leben zu Seiner Herrlichkeit zu gestalten! Wie wir dieses hohe Ziel erlangen, sagt uns Paulus in der Lesung: Seid in brüderlicher Liebe einander zugetan!

Wir haben die ganze Wonne dieses Zugetanseins verkosten dürfen und wollen darum bitten, daß unserer Liebe auch die Kraft geschenkt sei allen Anforderungen, die unser Leben gewiß noch an sie stellen wird, die der Apostel in ihrer Mannigfaltigkeit aufzählt,

gewachsen zu sein. Wo uns der Herr dazu alle Quellen menschlicher und göttlicher Kraft geöffnet hat, brauch uns um die Erreichung unseres Zieles nicht bange zu sein.

Liebster, über dem Schreiben ist es Nacht geworden. Du wirst längst in Deinem Soldatenbett liegen und schlafen. Ehe ich mich niederlege, da, wo unsere Stätte ist, nimm wie allabendlich das Zeichen des Kreuzes an, das meine Hand Dir bietet. Möge damit der Segen des Herrn über Dich kommen

Deine Marga.