Marga Broil an ihren Mann August, 21. Januar 1944

Köln, am Fest der hl. Agnes 1944.

Mein lieber August!

Als ich eben in Deutz lange zeit auf die Bahn warten mußte, stand groß und klar das Sternbild des Orion am Himmel. Ich freue mich immer wenn ich es so klar erkennen kann, dann gehen meine Gedanken und meine Sehnsucht ganz besonders innig zu Dir hin. Es erinnert mich jedesmal daran, wie es war als Du mir sein Bild zum ersten Mal gezeigt hast, es war auf dem Weg von Edelrath nach Schlebusch und ich erinnere mich noch des eigenartigen Gefühls, als ich Dein Kinn auf meinem Scheitel spürte. Wie fein uns die Gegenwart doch immer wieder Anlaß gibt der zarten Anfänge unserer Gemeinsamkeit zu gedenken.

Mein Liebster, die Woche neigt sich schon dem Ende zu, es war eine harte Woche, da ich ja so viel nachzuholen habe und so manche Unterlassungssünde wieder gutzumachen ist. Auch heute abend bin ich recht müde, aber ich muß dennoch ein wenig zu Dir kommen und wenn ich auch nicht mehr vermag, als etwas mit Dir zu plaudern. Du, ich brauche jetzt die Stunden des Alleinseins

mit Dir so sehr. Wenn ich nur die Türe unseres kleinen Heims hinter mir zumachen kann und ein paar Minuten ganz still da sitze und meine Gedanken zu Dir hinübergehen. Ich bin den Eltern so dankbar, daß sie mich gewähren lassen, wenn ich mich zurückgezogen habe.

Mein August, Dein Sonntagsbrief hat mir so viel erzählt von Deinem guten Bemühen, auch in dern Stunden alles in unsere Gemeinsamkeit hineinzulegen, da die Tiefen des eigenen Seins dunkel und unzugängig scheinen, da es aller Kraft des guten Willens bedarf, um nur ein wenig davon ans Licht zu heben. Du, ich spüre ja so gut, wenn ein Brief aus solcher Situation entstanden ist, wenn Du Dir manches hast abringen müssen, um es so zu mir hinzutragen. Und weil ich weiß, daß Du so viel dafür eingesetzt hast, daß es Dich etwas gekostet hat, darum sind sie mir doppelt kostbar.

Ich bin froh darum, daß Du es auch sagst, daß es Dir manchmal Schwierigkeiten macht, denn damit ist es ja fast schon überwunden. Das hat mir dieser Brief so recht gezeigt, denn der zweite Teil bringt die Gedanken und Empfindungen so unmittelbar in flüssiger Folge, daß ich annehmen kann, daß es Dir nicht mehr so

schwer war wie zu Anfang. Eine besondere Freude war es mir wieder, so manchen Gedankengang darin zu finden, der mich am gleichen Tage als ich Dir schrieb auch bewegt hat. Wir haben früher einmal davon gesprochen und sind uns froh bewußt geworden, wie aus der Gemeinsamkeit des Erlebens die Einheit des Denkens und Empfindens hervorgeht. Wenn wir das schon vom Erleben unserer Brautzeit sagen konnten, wieviel mehr jetzt, da wir das innigste menschliche Einssein erfahren durften. Ja, Liebster, auch mir ergeht es so, daß sich jetzt im Nachempfinden und Bedenken erst die ganze Höhe, Tiefe und Erhabenheit des gemeinsam Erlebten auftut. Diese Erkenntnis wird sicher für die Gestaltung unseres Lebens von Bedeutung sein, wenn wir es einmal immer in voller Gemeinsamkeit führen dürfen. Wie wird das einmal sein, wenn auf die Freude des Wiedersehens kein Abschied mehr folgt, wenn wir Alltag, Sonntag und Festtag in ungeteilter Folge miteinander erleben und erfahren dürfen! Wir wissen nicht, wie lange wir auf die Gewährung dessen noch warten müssen, was wir uns ersehnen, aber all unser Leben und Tun, das Gemeinsame, und das war der Einzelne an sich zu wirken hat, soll uns dafür reifer und bereiter machen.

Als ich Deinen Brief vom Sonntagabend mit dem Bericht über unseren Hochzeitstag erhielt, war ich erst ein wenig enttäuscht, weil er nur wenig das persönliche Erleben durchblicken ließ. Aber ich habe nicht bedacht, daß Du den Bericht ja nicht für mich geschrieben hast, sondern für die Freunde, und für sie hätte er nicht besser sein können. Wenn wir für uns allein etwas über den Tag niederlegen wollten, müßte noch so vieles dazu ausgesagt werden, das jetzt noch garnicht ausgesagt werden kann. Vielleicht bedarf es dieser Aussage garnicht. Wir wissen darum, daß es in die Tiefen unseres Seins hinabgesunken ist, von wo wir es immer in das helle Licht unseres Bewußtseins hervorholen können, zu neuem fruchtbaren Wirken. – Aus Deinem Bericht geht besonders gut die Symbolik der Handlung hervor. Nur an 3 Stellen habe ich ein paar Worte eingefügt, einmal um unsere persönliche Beziehung zur Krypta noch besser deutlich zu machen, bei der Spendung des Sakramentes die Gemeinsamkeit des Tuns der Brautleute mit dem Wirken Gottes, und bei der Erwähnung des Brautsegens und Ite missa est die Bedeutung mehr herauszustellen. Ich hoffe, daß es Dir so recht ist. Wenn Du mit der Anzahl nicht auskommst, schreibe ich es nochmal, ich hatte bis heute keine Gelegenheit mehr dazu.

Der Bericht hat mich wieder daran erinnert Dir zu sagen,

daß ich es am Morgen unseres Hochzeitstages versäumt habe mir den Segen der Eltern geben zu lassen. Als ich sie gleich nachdem ich fertig war darum bitten wollte, waren sie noch zu sehr in der Hast der letzten Vorbereitungen. Dann bin ich eine zeitlang ganz still für mich in unser Zimmer gegangen zur letzten inneren Bereitung, damit ich ganz gesammelt den Weg zum Altare antreten konnte. Als ich nachher nochmal den Versuch machte die Eltern zu bitten, waren sie schon auf der Treppe. Es hat mir sehr leid darum getan, denn wenn wir auch wissen, daß die Eltern uns allen Segen und alle guten Wünsche mit auf den Weg geben, es wäre doch schön gewesen, wenn das in dieser Stunde sichtbaren Ausdruck gefunden hätte, wie wir es uns gedacht hatten.

Erst habe ich geglaubt, wir müßten den Bericht deswegen abändern, oder meinst Du es wäre unehrlich, wenn wir es trotzdem stehen lassen?

Deine Fragen am Rande habe ich Dir zum Teil ja schon beantwortet. Beim Wehrmachtfürsorgeoffizier, der für Familienunterhalt zuständig ist, habe ich bis jetzt noch nicht ankommen können, ich werde es am Montag noch mal versuchen. Bei der Bezirksstelle werde ich mich auch anmelden und Anträge für Bezugscheine

von Heiratsgut stellen, die in geringer Zahl doch noch ausgegeben werden. – Bei der anderen Ärztin bin ich auch gewesen, sie hat mir ein Mittel zum Einreiben der Kopfhaut gegeben und ab nächster Woche soll ich zur Bestrahlung kommen. Vielleicht läßt sich dadurch do noch verhüten, daß Du allzu früh eine kahlköpfige Frau hast.

Gestern abend konnte ich den Brief doch nicht mehr fertig schreiben, zu sehr mußte ich gegen die Müdigkeit ankämpfen, dann kam noch Alarm und Mutter ließ mir keine Ruhe mehr.

Es ist Samstagmittag. Eigentlich müßte ich ja noch arbeiten, aber wo die Woche so stramm war, will ich mir noch eine Weile gönnen, um im Brief zu Dir zu kommen. Am liebsten würde ich alles, was aus dem eigenen Wesen aufsteigt und was die Geschehnisse des Tages an mich heranbringen im Brief aufnehmen und zu Dir tragen. Immer stärker wird mir bewußt, daß alles, was mich anrührt und betrifft, Dir gehört, denn ich gehöre ja jetzt auch ganz Dir.

Liebster, mit Spannung habe ich darauf gewartet, daß uns in diesen Tagen Gewißheit werde, ob der Schöpfer der Frucht unserer Liebe Seinen Segen

geschenkt hat, ob Er uns schon gleich am Anfang unserer Ehe das köstlichste Geschenk, das Kind, anvertrauen will. Auch Du wirst sicher darüber nachgedacht haben, aber das, was inzwischen mit mir geschehen ist, läßt weder eine positive noch eine negative Deutung zu. Also müssen wir noch ein wenig Geduld haben.

Du, August, muß die Ehrfurcht vor unserem Leib jetzt nicht viel größer sein, da wir kraft der Weihe und Berufung des Sakramentes uns so ganz einander schenken durften, um völlig eins zu sein? Wir sind Wissende geworden, denn das Geheimnis des Lebens ist uns aufgeleuchtet. Nun wollen wir unsern Leib, unser Denken und Wollen, unser Herz und all unsere Sinne ganz bewußt bewahren für den heiligen Dienst, den wir miteinander vollziehen dürfen, wollen uns füreinander bewahren, um uns in Reinheit und starker Liebe ganz einander hinzugeben. Wie schön ist doch das Leben, das der Schöpfer in unendlich weiser Bahn lenkt. Wir nehmen es dankbar beglückt in unsere schwachen Hände und wollen Ihn bitten, daß wir es schöner und durch unser Wirken vollkommener in Seine Hand dereinst zurücklegen können.

Eben habe ich Marlis angerufen. Es ist ihr doch schwer geworden an unserem Tag nicht dabei zu sein. Und wie sehr sie sich mit uns freut, und mit wieviel Freude sie ihr Kindlein erwartet! Sie meinte etwas zaghaft, ob ich dann nicht nach dort kommen könnte. Wer weiß wie es bis Anfang Mai mit uns steht, vielleicht läßt sich der Plan sogar verwirklichen. Gestern war ich eine Stunde mit Elisabeth Muckes zusammen. Es tut richtig gut wenn man spürt, wie sehr die Freunde all an unserer Freude teilnehmen. Wir haben recht froh miteinander geplaudert, von den Schwierigkeiten mit E. Bielefeld hat sie mir erzählt und von all dem herrlichen Erleben in der Natur und mit den Menschen in Ostpreußen. Sie ist so ein frischer froher Mensch und hat sich wohl auch da die Herzen schnell erobert.

Liebster, nun muß ich Dir Lebewohl sagen. Morgen ist wieder Tag des Herrn, am dem wir uns ganz besonders innig verbunden wissen. All meine guten Wünsche für Dich

Deine Marga.