Marga Broil an ihren Mann August, 24. Januar 1944
Köln, den 24. Januar 1944.
Mein lieber August!
War das eine Freude, als die Post mir gestern Deinen lb. Brief zum Sonntag brachte. Und welch ein Brief! Er hat mir wieder eine stille sonntägliche Stunde geschenkt und hat mich den ganzen Tag über begleitet. Alles, worum Du Dich im letzten Brief hast mühen müssen, gelingt Dir hierin wie von selbst und ich freue mich so sehr darüber und ich spüre es aus Deinen Worten, daß es auch Dir eine große Freude ist, so ganz aus der inneren Sehnsucht heraus, aus dem tiefen Einssein, das wir eingehen durften, aus dem Glück unseres gemeinsamen Erlebens, offen und frei mit mir sprechen zu können. Wie fein und zart und wie behutsam hat sich nun alle Verhaltenheit gelöst, aus einer inneren Notwendigkeit heraus – wie im wirklichen Beieinandersein, so auch jetzt in unseren Gedanken und Worten, die uns die Ferne überwinden lassen. Wie die Gedanken und Briefe nun in der Trennung des Raumes zwischen uns hinüber und herübergehen, aus dem Erleben unserer Hohen Tage aufsteigen und immer neue Nahrung finden, so gestaltet sich auch
das gesamte Leben daraus, das innere wie das äußere, das geistige und das leibliche. Es wird ein anderes Leben daraus, ein erfüllteres, ein glückhafteres, aber auch ein ernsteres als bisher. Wie laufen doch alle Fäden unseres Lebens darin zusammen, die hellen und dunklen, und wie beseligt sind wir inne geworden, daß es gut ist, daß sie so beschaffen sind wie sie sind, die Deinen so und die Meinen so, und wir erkennen beglückt wie wundersam sie aufeinander zugeordnet sind.
Mein August, es ist doch herrlich, daß wir nun mit den Gedanken noch einmal und immer wieder alle unsere gemeinsamen Stunden aufnehmen können und sie so wie sie waren aus ganzer Seele bejahen können, ohne irgend einen Abstrich; daß wir uns heute auch kein Jota anders wünschen als es war. Wie gut hast Du mich und das was in unserem Erleben in mir vor sich ging verstanden und ihm voll und ganz gerecht werden können. Du sagst mir in Deinem Brief, Deine Sehnsucht habe verhalten müssen, damit wir uns so einander öffnen konnten wie es geschah: so fein und zart, so behutsam und voller Ehrfurcht. Ach, ich bin ja so dankbar dafür, daß alles so war – an erster Stelle dem Herrgott, sicher, aber laß mich auch Dir Dank sagen.
Oft habe ich noch daran denken müssen, was Du mir von Deiner Weihnacht erzählt hast: daß Du lange das Bild der weißen Kerze auf dem grünen Zweig mit dem weißen Band hast angeschaut, zögernd und in Gedanken verloren, ehe Du sie behutsam in Deine Hand nahmst, damit Du sie entzünden konntest und ihr sanftes, helles Licht Dir leuchte und Dich froh mache. Und Du hast mir erzählt, daß Du dabei an unsere Hochzeit gedacht habest. Jetzt erst, im gedanklichen Nachempfinden, geht mir der tiefe Zusammenhang auf zwischen jenem Bild und der Wirklichkeit unseres Erlebens, und beides, Bild und Wirklichkeit, werden sich unverlierbar in die Tiefe unserer Seele senken.
Liebster, gestern mußte ich den Sonntag vorübergehen lassen, ohne einen Brief für Dich. Den halben Raum meiner Sonntage werden fortan meine hausfraulichen Versuche ausfüllen, denn die praktische Bereitung auf all die Forderungen, die unser gemeinsames Leben in Ehe und Familie an mich richten wird, soll ja mit der anderen Hand in Hand gehen. Die andere Hälfte des Sonntages hatte Agnes gestern mit Beschlag belegt. Wir waren gemeinsam im Bachmann-Kreis. Die Gedanken, die Bachmann bringt, geben viel Anregung zum eigenen
Denken und die Diskussion darüber ist äußerst lebendig und fruchtbar. Bei Bachmann selbst spürt man, daß er ernst macht mit dem, was er sagt, und das Erkannte mit ganzer Konsequenz in seinem persönlichen Leben, in seiner Familie, zu verwirklichen sucht.
Mein lieber August, nun ist schon Dienstagabend und Du wirst sicher schon auf einen Brief warten. Den ganzen Tag über habe ich nach ein paar freien Minuten Ausschau gehalten, es war einfach nicht möglich. Und abends – ich muß es Dir bekennen – bin ich manchmal nicht mehr dazu fähig. Ich kenne mich selbst nicht mehr, aber wenn es auf 10 h angeht, ist mit mir vor Müdigkeit nichts mehr anzufangen. So bin ich in den letzten Tagen früh zu Bett gegangen und ich dachte mir, daß wohl zur gleichen Stunde auch Dein Soldatentag zu Ende geht. Immer schon waren mir die ersten und die letzten Stunden des Tages die kostbarsten, jetzt sind sie es erst recht, denn in ihnen können meine Gedanken am freiesten zu Dir hingehen. So wie ich in diesen Stunden alles vor den Herrn trage, bringe ich es auch zu Dir hin, ganz und ohne Vorbehalt. Liebster, laßt uns so unsere Tage und unser Tun vereinen, daß es ein einziges, unser gemeinsames werde
Deine Marga.