Marga Broil an ihren Mann August, 26. Januar 1944
Köln, den 26. Jan. 44.
Mein lieber August,
es ist noch früh am Morgen. Eben habe ich den Brief für Dich zum Bahnhof gebracht und bin dann im Dom zur hl. Messe gegangen. Nun bin ich im Büro und will vor Beginn der Arbeit noch zu Dir kommen. Ach, es drängt mich ja immer so sehr dazu, und wenn es auch nicht viel ist, was ich Dir sagen kann, gegenüber dem was ich Dir sagen möchte, auch das Wort will immer wieder einbezogen sein in den hohen Bogen, der sich von Herz zu Herz spannt. Es soll Träger der Gedanken sein, wenn es auch ihre Schönheit und Tiefe nur erahnen lassen kann. Weißt Du, alle Worte scheinen mir zu gering für das, was sie aussagen sollen. Ich möchte Dir alles so unmittelbar aus den Tiefen des Herzens hingeben können, damit es so wie es in mir lebt und mich beglückt, auch in Dir leben und wirken kann. Und ich spüre es jetzt schon am Anfang unseres Weges und glaube daran für unsere Zukunft, daß unser Leben nicht nur ein miteinander leben ist, sondern ein ineinander- und füreinanderleben, das dem immer neu sich vollziehenden Einssein entspricht und nur dadurch möglich ist.
Liebster, als ich gestern abend den Brief an Dich beendet hatte, als meine Gedanken so ganz ungestört bei Dir weilten, während ich so still für mich in unserem Zimmer saß, da erst habe ich Deinen Brief geöffnet, den Du mir in der Abendstunde der Woche geschrieben hast. Ich bin so froh darum, daß ich ihn mir für diese gute Stunde bewahrt habe, denn er hat die tiefsten Tiefen meiner Seele so sehr berührt, wie es vorher nur in seltenen, kostbaren Stunden geschehen ist. Alle Deine Worte sind auf den Grund meines Herzens gefallen und ich konnte mich beim Lesen der Tränen nicht verwehren. Es war ähnlich wie damals, als Du mir nach unserer Verlobung den langen Brief Deines Bekenntnisses geschrieben hattest: ich wußte nicht ob es Glück oder Schmerz gewesen sind, die das in mir ausgelöst haben. Und ich will auch nicht danach fragen was es war, Du allein konntest es in mir bewirken, Du, mit Deinem ganzen Sein, das mir immer näher kommt, das sich immer mehr für mich öffnet und das ich schließlich ganz in mir tragen darf. So schreiben wir miteinander von Stufe zu Stufe unser ganzes Leben lang einander die Tiefen erschließend. Schon glauben wir das Sein des anderen ganz umfassen zu können, da tuen sich immer neue
Seiten unserer Erkenntnis auf und an ihnen wird die Liebe, deren Maß uns schon voll erschien, immer größer und weiter, denn sie umspannt jede neue Erkenntnis, jede neue Schau und hütet sie in den verborgenen Kammern des Herzens. Wie glückhaft ist dies in den Tagen unserer Hohen Zeit immer wieder geschehen und geschieht es noch fortwährend, da wir jeden Zug im Wesen des anderen, ganz gleich wie es ausschaut, ob hell oder dunkel, mit Freude entdecken.
Mein lieber August, wie fein und zart hast Du Dich in das Geheimnis des Lebens hineingedacht, das der Schöpfer in unsere Hand gegeben hat. Je mehr ich meine Gedanken dabei weilen lasse, umso unbegreiflicher erscheint es mir, daß der Herrgott unser menschliches, zeitliches Wirken mitbestimmen läßt über das Sein oder Nichtsein neuen Lebens, dessen Seele vor Ihm ewigen Bestand haben soll. Da überragt die Unerschöpflichkeit der Weisheit und Liebe Gottes alles menschliche Begreifen. Muß nicht diese Erkenntnis allein und unsere Liebe zueinander uns die rechte Haltung und die reine, lautere Gesinnung zum Geheimnis des Lebens geben können, ohne alles „Du sollst“ und „Du darfst nicht“ von Gesetzen und Vorschriften?
Bei diesen Gedanken stößt Du wieder auf das Anderssein von Dir und mir. Was bei mir ganz aus dem Unbewußten heraus meine Haltung bestimmt, verlangt bei Dir erst eine gedankliche Verarbeitung und ein seelisches Innewerden. Erst als Du mir Dein Anderssein gezeigt hattest, konnte ich mir des eigenen bewußt werden. Und doch glaube ich, daß es nicht so grundsätzlich anders ist, wie Du es dargestellt hast, wir sind nur aus zwei verschiedenen Richtungen auf das gleiche zugekommen und wissen uns jetzt dort ganz eins, mag auch die Art und die Strecke des Weges eine andere gewesen sein. Liebster, und gerade in dem Punkt ist doch das Einssein, die Gleichheit der Haltung, des Denkens und Handelns besonders wichtig. Müßte es nicht meine Freude trüben, wenn Du sie nicht ganz in Freiheit und Liebe mit mir teilen könntest? Wie wir die Augenblicke tiefster Wonne und innigsten Einsseins miteinander verkosten durften, so soll es uns auch beide beglücken, Dich und mich, wenn der Schöpfer unser Einssein gesegnet haben sollte. Wo sonst im Menschenleben findet der Segen des Herrn so sichtbar und greifbar Gestalt wie hier im Geheimnis des Anfangs! Liebster, wir wollen uns ganz dem Wohltun, dem Segen des Herrn öffnen und bereiten – dessen würdig sein können wir nie – aber dankbar und froh
Deine Marga.