Marga Broil an ihren Mann August, 27. Januar 1944

Köln, den 27. Jan. 1944.

Mein lieber August,

heute muß ich zuerst ein paar amtliche Fragen mit Dir besprechen, damit es schneller geht, laß mich es schon auf der Maschine tun.

Heute morgen war ich bei der Städt. Stelle für Familienunterhalt. Ich schicke Dir den Antrag hier mit. Die angeforderte Verdienstbescheinigung habe ich mir von der AEG schicken lassen, außerdem ist noch eine Bescheinigung Deines Truppenteils nötig mit Angabe des Einberufungstermins. Unterschreibe bitte die Anträge und schicke mir beides baldmöglichst wieder zurück. Die Miete konnte ich nicht höher einsetzen, da ich den Gesamtpreis und die Anzahl der übrigen Räume angeben mußte.

Ich kann garnicht verstehen, daß wir von Lore und Matthias nichts hören. M. hat von Wupperthal aus Heinens geschrieben und wollte noch die Maße vom Sprungramen der Betten wissen, die wir in Benutzung haben, um sich neue anfertigen zu lassen. Demnach rechnet er doch sicher noch mit dem Zimmer.

Es ist vielleicht möglich, daß ich nächsten Monat hier auf Bezugschein ein Schlafzimmer bekommen kann, natürlich nur in der Art wie die Eltern eins haben. Hältst Du es nicht für richtiger, daß ich mich darum bemühe, da die Sache mit Heinens doch noch so unsicher ist? Wenn M. ja ein neues Zimmer gemacht bekommt wollte er uns dieses ja ohne Schein überlassen, dann hätten wir für das gekaufte ja immer noch Verwendung, denn die Eisenbetten der Zwillinge sind noch nicht eigener Besitz. Ueberlege die Sache mal und schreibe mir was ich tun soll. Am besten wäre ja, Du würdest nochmal nach Großburgwedel schreiben.

Den Brief an Overs habe ich sofort weitergeschickt, sie werden sich gewiß darüber freuen. Herr Fieth kam gestern abend noch kurz vor sieben zum Büro, um sich für Deinen Brief zu bedanken. Es war ihm ein willkommener Anlaß noch eine halbe Stunde mit mir zu plaudern, Thema Krieg, Heiraten usw. Er wollte dabei auch meine Einstellung zum Kind heraushören und ich habe sie ihm dann auch klar gemacht. Er war etwas enttäuscht darüber, nicht weil er grundsätzlich nicht damit einig geht, sondern weil er im andern Falle länger mit mir rechnen kann.

Ich will mich jetzt auch darangeben die Glückwünsche zu beantworten, wenn es jeden Tag nur einige sind, komme ich doch bald drüber. Und es ist doch eine so schöne Arbeit. Für heute abend hat Therese sich angesagt, ich kann mich garnicht so recht über ihren Besuch freuen, denn trotz allem Bemühen kommt keine rechte Herzlichkeit mehr zwischen uns auf. Vielleicht muß ich mal direkt aufs Ganze gehen und sie fragen was los ist, denn miteinander sprechen und doch spüren, daß beide sich nicht klar gegenüberstehn, das fällt mir sehr schwer.

Gleich will ich nach Büroschluß noch nach Bayental gehen, ich bin schon eine ganze Woche nicht da gewesen, aber es ließ sich wirklich nicht einrichten. Deine Mutter war etwas traurig, daß Du noch nicht geschrieben hast. Es kommt ihr immer mehr zum Bewußtsein, daß sie Dich hergeben muß und das fällt ihr sehr schwer. Schreib ihr mal ein gutes Wort, sie hat es nötig und wird sich drüber freuen.

Mit meiner Mutter komme ich jetzt denkbar gut aus. Sie sieht, daß ich jetzt für die Dinge des Haushalts mehr Interesse zeige und freut sich, daß ich ihre Arbeit und ihre Sorgen mehr respektiere. Ach, wenn wir uns recht bemühen ist es garnicht so schwer allen Menschen, auch denen unserer engsten Umgebung gerecht zu werden.

Die Zeitung habe ich noch in der Woche als Du fortfuhrst an Deine Adresse umbestellt, aber sie wurde trotzdem ich öfter noch angerufen habe immer noch gebracht, gestern blieb sie zum ersten Mal aus. Wird sie Dir jetzt zugestellt?

Die Gedichte von Thurmair habe ich von Hermann bekommen. Er kommt jetzt montags abends zu uns mit einigen aus dem Bachmannkreis, dann wird das, was Bachmann aufgeworfen hat weiter verarbeitet. Augenblicklich beschäftigen sie sich mit Dostojewski an Hand eines Buches von Guardini, das einen guten Querschnitt durch die Werke des russischen Dichters gibt und verständnisvoll in die Schau und die Sprache des Dichters hineinführt. Ich will mich nicht festlegen immer dabei zu sein, aber die beiden Abende, die ich bis jetzt mitgemacht habe, waren mir wirklich eine Freude und Bereicherung.

Mein lieber August, zwischen der Arbeit, mit mancher Unterbrechung, habe ich Dir aufgeschrieben, was mir erwähnenswert schien. Aber ich kann das Geschriebene nicht abschicken, ohne Dir mit meiner Hand einen Gruß geschrieben zu haben. Zu meinem Brief von gestern, den ich gewaltsam beenden mußte, hätte ich Dir noch so viel sagen mögen, aber ich konnte ihn nur in Gedanken weiterführen, da ich zum Schreiben keine Möglichkeit mehr hatte. Am Abend aber in der Stille unseres Zimmers, da fühlte ich mich Dir so nahe, daß ich nicht fähig war etwas anderes zu tun, als mit meinen Gedanken bei Dir zu sein und des tiefen

Einsseins inne zu werden, das uns zuteil geworden ist. Du, das sind mir die allerliebsten Stunden, in denen wir uns begegnen können, in unseren Herzen. Aus ihrer Kraft und ihrem Glück muß sich unser Einssein in den Tagen der Trennung immer wieder erneuern. Wie habe ich mich gefreut, als Du mir schriebst, wie auch Du dieses Begegnen erlebst und erfährst und daß uns beiden darin jene wundersame Beglückung geschenkt wird.

Liebster, komm, laßt uns auch jetzt in dieser Stunde, da der Tag sich neigt, uns die Hände zu diesem seligen Begegnen reichen und in unseren Herzen ganz beieinander sein, ich bei Dir, Du mein lieber August, und Du bei

Deiner Marga.