Marga Broil an ihren Mann August, 29. Januar 1944

Samstag, den 29. Jan. 44.

Mein lieber August.

Es ist Abend der Woche. Eben haben wir alle Arbeit und Mühe und alle Freude ihrer Tage im Beten und Singen vor den Herrn getragen. Die Krypta trug noch das gleiche Gesicht wie am Morgen unseres Hochzeitstages im Schmuck der Tannen und der weihnachtlichen Symbole. Lange noch habe ich dies festliche Bild am Ende der Komplet auf mich wirken lassen, denn ich werde es in diesem Jahre so zum letzten Mal geschaut haben.

Unser Tun am Samstagabend, das Singen der Komplet, ist immer das gleiche, doch unsere Haltung, die Gedanken, Gefühle und Anliegen mit denen wir kommen, sind dem lebendigen Rythmus des Lebens unterworfen und daher jedesmal anders und neu. So ist mir die Komplet jeden Samstag ein neues Erleben und hinterläßt jedesmal andere Spuren in der Seele: sie läßt das Lob des Herrn stärker aufklingen, den Dank emporsteigen, gibt ein tieferes Bewußtsein unserer Geborgenheit, oder weckt in uns das Erkennen der eigenen Kleinheit gegenüber der Heiligkeit Gottes und trägt unsere Bitten zu Ihm hinauf. Seit unserer Hochzeit, so auch heute, hat mich der

Lobpreis des: Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste! und die darauf folgende Stille besonders beeindruckt, weil die Gedanken unserer Briefe und Gespräche dabei immer wieder neu lebendig werden. Ja, Seine Ehre zu wirken sind wir nun in ganz besonderem Sinne berufen. Möge dieses Wirken uns mit Seiner Gnade gelingen!

Liebster, nach dieser Stunde in unserer Krypta bin ich nun wieder daheim, in unserem Zimmer, in unserem kleinen „Zu Hause“ und will eine Weile noch ganz bei Dir sein, so wie jeden Abend. Vor mir auf dem Tisch stehen die Blumen, die Künder der Freude von unserem Hohen Tage her. Ich erfreue mich täglich an dem frischen Rot der Blüten. Eine kleine Azalee ist mir besonders lieb, mit dem leuchtenden Weiß ihrer Blütenkelche und dem frischen Grün ihrer kräftigen Blätter. Undn in der großen Holzschale – ihr gilt immer mein erster Blick wenn ich heimkomme – liegt ein Brief von Dir und ein Brief von Herrn Raskop. Der Deine ist noch ungeöffnet, er soll mir gleich die letzte Freude des Tages sein.

Den Brief von Herrn Raskop schicke ich Dir mit. Er war mir wirklich eine große Freude. So viel haben

wir den guten Menschen zu danken und wieder bieten sie uns für alle künftigen Fälle ihre helfenden Hände an. Die „Dunkle Nacht“ von R. Schneider hatte ich 3 x vervielfältigt von Hermann Engeländer bekommen können und hatte sie Weihnachten H. Raskop zugesagt. Ich habe Dir nichts davon gesagt, weil ich ein Exemplar für Dich einbinden wollte, doch das ist ja jetzt nicht mehr nötig. Du, August, ich würde mich freuden, wenn Du gelegentlich Herrn Raskop einmal schreiben würdest. Du weißt, ich verdanke ihm sehr viel, denn sein Einfluß ist für mich für die Bildung meiner Haltung und Einstellung entscheidend gewesen. Es wäre schön, wenn Du ihn kennenlernen würdest.Welch ernsthaft glückliches Erfahren spricht aus seinen Zeilen, wie aus dem Brief seiner Frau. Dieses Erfahren läßt sie unserem Erleben so verstehend nahe sein.

Liebster, draußen um das Haus heulen die Stürme der Nacht; man weiß nicht recht, sind es nur die winterlichen oder künden sie schon vom Kommen des Frühlings. Im Augenblick heulen die Sirenen mit ihnen um die Wette. Das gibt Aufregung und Hast im Hause, doch in unser Zimmer dringt sie nicht ein, in mir und um mich ist Ruhe und Stille wie zuvor.

Ich hatte Dir noch so viel sagen wollen heute abend. Aber manchmal sind alle Gedanken und Probleme wie ausgelöscht, sobald ich mit schreiben beginne. Dann möchte ich nichts anderes mehr, als bei Dir sein, ganz einfach und still und ohne Frage; so ganz für Dich dasein möchte ich, mit allem was ich bin. Du, das ist doch das Allerschönste. Ich wage ja kaum zu hoffen, daß Du so bald wieder bei mir sein wirst. Alles ist dafür bereit, denn was gäbe es lieber für micht jetzt zu tun, als Dir die gute Heimkehr zu bereiten! Es hat mir Freude gemacht, zum ersten Mal Deine Sachen in Ordnung zu bringen. Wie oft werde ich es noch für Dich tun müssen in unserem Leben, ach, daß es mir doch immer ein so frohes Dürfen bleibe wie heute.

Liebster, die Schwelle des Herrentages ist nicht mehr ferne. Nun werde ich noch eine Weile ganz still bleiben und dann sollst Du in Deinem Briefe zu mir kommen, so wie ich jetzt zu Dir hingegangen bin. Dann wird unser Hinüber und Herübergehen und Begegnen im Gebet an den Herrn seinen schönsten Abschluß finden.

Gute Nacht, mein Liebster, nimm mit dem wenigen Gesagten auch all das Ungesagte entgegen von

Deiner Marga.