Marga Broil an ihren Mann August, 2. Februar 1944
Am Vorabend des Festes Mariä Lichtmeß.
Mein lieber August,
wieder ist ein harter, bewegter Tag vorüber, aber je stärker mich der Tag mit seiner Arbeit einspannt, umso mehr freue ich mich auf den Abend, auf die stille Stunde mit Dir, in der ich ganz Ich-Selbst sein kann, oder besser gesagt, in der ich ungestört Uns-Selbst, Dir und mir, leben darf.
Heute habe ich vorher schon eine recht gute Stunde erlebt, bei Deiner Mutter zu Hause in Bayenthal. Die Arbeit ließ es nicht zu, daß ich zum Mittag hingehen konnte, so habe ich nach Büroschluß noch ein Plauderstündchen mit Deiner Mutter gehalten. Immer findet sie etwas Besonderes wenn ich kommen, heute hat sie die abgekämpften Nerven mit einem Tässchen guten Kaffee wieder hochgebracht. Wenn ich da bin läßt sie Arbeit Arbeit sein und ich merke, daß ihr das Erzählen Freude macht. Und was sie erzählt, von sich selbst, der Familie, von ihren Sorgen um die Lieben, das sagt sie alles mit einer so selbstverständlichen Offenheit und Ehrlichkeit und wenn sie von Dir spricht leuchtet mir aus den schlichten Worten die Mutterliebe entgegen. Sie dauert fort solange das Mutterhez schlägt und läßt sich auch von der bräutlichen Liebe, von der Gattenliebe der
jungen Frau nicht ablösen. Sie duldet sie neben sich – schmerzhaft zunächst und bitter, und an diesem Schmerz kann sie immer noch selbstloser, gar heroisch werden. Und schließlich freut sich die Mutter über die Liebe, die ihre junge Schwester – meine neue Tochter sagt sie so schön – dem Sohn entgegenbringt und in der gemeinsamen Liebe begegnen sich die Herzen. – Sie hat sich über Deine beiden Päckchen gefreut und als ich ihr von dem Rechnungsführerlehrgang und dem Urlaub des Uffz. erzählte, hatte sie sogar Verständnis dafür, daß Du nicht schreiben kannst.
August, Du hast heute sicher vergebens auf meinen Sonntagsbrief gewartet. Ganz unerwartet habe ich eine Fahrt nach Wuppertal gemacht. Während ich mit Vater um ½ 12 im Dom war – ich wollte P. Donatus mal hören – hatten Lore und Matthias angerufen, ich solle kommen. Für die Ausbildungszeit, die M. in Barmen ist, bleibt Lore auch da. Margret hat ihnen ihre Wohnung zur Verfügung gestellt. War das ein frohes Wiedersehen nach so langer, ereignisreicher Zeit! Der kleine Michael ist ein schönes, gesundes Kind geworden. Er hat ein langes schmales Gesichtchen, hohe Stirn, hellblonde Haare und schaut mit seinen großen blauen Augen fragend in die Welt. Er ist still und geduldig, sodaß Lore nicht viel Arbeit mit ihm hat.
Lore fühlt sich wohl und freut sich auf das zweite Kindlein, das sie Anfang April erwartet. M. hofft dann noch hier zu sein, obgleich er nach der Umschulung als Panzergrenadier sofort mit seiner Feldabstellung rechnen muß. Heinens haben die Aussicht in Dortmund ein Schlafzimmer auf Bezugschein zu bekommen. Ich werde ihnen die Scheine schicken und wenn es klappt können wir „unser“ Zimmer behalten. Am Abend kam auch hede noch herüber und wir haben ein paar feine Stunden miteinander zugebracht. Nachts – ich konnte wegen des frühen Alarms abends nicht mehr zurück – haben wir noch lange im Bett geplaudert. Das „Gespräch unter Freunden“ haben sie in der langen Zeit des Alleinseins in Hannover doch sehr entbehrt. Im Gespräch und in der persönlichen Beobachtung konnt ich einen Blick tun in ihr Leben, in ihr Stehen zueinander, in ihre Ehe – die beiden gewähren einen solchen blick sehr leicht. Der Rythmus des Lebens und sein Geschehen, das doch den Menschen in gleichem Maße und in gleicher Weise anvertraut ist, wie stark unterliegt es doch der Färbung, die die Persönlichkeit des Einzelnen ihm verleiht. Was bei den einen den Stempel ernster Erhabenheit trägt, erscheint bei anderen wie ein heiteres Spiel, läßt bei wieder anderen jeden geistigen Zusammenhang vermissen und
während die einen im höchsten Jubel des Glücks ihr Danklied singen, manche im Rausch des Blutes keinen Gedanken fassen und vor dem Erwachen, der Ernüchterung bangen, ist den anderen die fortwährende Wiederkehr des Beschenktwerdens eine solche Selbstverständlichkeit geworden, daß die offenen Hände, des Empfangens gewohnt, sich nimmer zu schließen vermögen. Wir sind leicht versucht die eine Haltung der anderen gegenüberzustellen und einen Wertmaßstab anzulegen; vor allem müssen wir uns hüten ein überhebliches Urteil zu fällen, denn ich glaube die Dinge lassen sich garnicht objektiv beurteilen, bestimmt nicht von uns, und es ist gut so und ich meine wir müßten froh darum sein, daß der Schöpfer unserer Eigenart, unserer persönlichen Einmaligkeit, der Freiheit unseres Willens, dem Drängen unseres Herzens, der Besonderheit unseres Wesens ein so großes Wirkungsfeld in unserem Leben eingeräumt hat. Und wie schön ist es, wenn man bei der Erkenntnis des Andersseins der anderen, das eigene So-Sein als das für uns einzig Mögliche, einzig rechte und allein Beglückende sieht – nicht mit jener pharisäischen Haltung, die da spricht: ich danke dir, daß ich nicht bin wie die anderen, - sondern in der demütigen Haltung des Kindes, das alles Gute dankbar aus der Hand des Vaters entgegennimmt, das jede Gabe als heilige Verpflichtung trägt.
Liebster, wohin eilen meine Gedanken wieder! Ja, Du hast recht, meine Worte können manchmal nicht lange beim Plaudern verweilen, zu stark drängen die Gedanken aus der Tiefe herauf, um offenbar zu werden, und es geschieht meist ohne daß ich es recht weiß und will. Manchmal meine ich dann, wenn ich meinen Brief noch einmal lese, Du müssest vielleicht etwas enttäuscht oder unzufrieden darüber sein. Wenn das so ist, dann mußt Du mir das ganz offen schreiben, bitte, ja? Ach, wir haben ja in unseren Tagen eine so schöne Offenheit und Ehrlichkeit gelernt und ich glaube sie ist es auch, die mich in meinen Briefen Dir so einfach alles sagen läßt, was mir der Augenblick eingibt, was mich innerlich bewegt, was meine Gedanken beschäftigt oder mir irgendwie Anlaß zu einer Auseinandersetzung gewesen ist. Manchmal ist es gut, daß mir der Mangel an zeit von selbst eine Grenze setzt, ich fände sonst nicht so gut ein Ende.
Den Gedanken, die die Begegnung mit den Freunden in mir geweckt hat, konnte ich auf der Heimfahrt in den frühen Morgenstunden des Montag so recht freien Lauf lassen, und ich habe mir vorgestellt wie schön es wäre, wenn Du mir gegenübersäßest und wir unsere Gedanken so unmittelbar miteinander austauschen könnten.
Wie fein war das doch auf unserer Fahrt durch die Eifel! Auch diese Strecke haben wir schon öfter zusammen zurückgelegt, in froher Gemeinschaft mit den Freunden, Du und ich als einer von ihnen. Nur die Heimfahrt nach unserem letzten Treffen, an die Du mich einmal in einem Brief erinnert hast, war schon eine andere. Ich spürte das Ungeahnte, Unsagbare in mir aufsteigen und wehrte mich dagegen mit aller Kraft. Zugleich gewahrte ich, daß Dein Verhalten mir gegenüber anders wurde als zu den übrigen der Gemeinschaft und ich wußte nicht ob ich mich darüber freuen oder davor fliehen sollte. Das trat auf dieser Fahrt alles so lebendig in meine Erinnerung, daß mir die Zeit nur so rasch verging.
Mein lieber August, gleich überschreiten wir schon die Schwelle des neuen Tages, des Festes Mariä Lichtmeß. Da Du den Tag äußerlich nicht als Festtag begehen kannst und auch mir tagsüber kaum Gelegenheit gegeben ist ein wenig über das Geheimnis und den Inhalt des Festes nachzusinnen, laßt es uns jetzt noch gemeinsam tun.
Das Evangelium berichtet davon, wie Maria das Jesuskind in den Tempel bringt, um es dem Herrn darzustellen, um das kostbarste Geschenk, das Er ihr anvertraut hat, Ihm als Dank und Gabe aufzuopfern. Und wir hören davon,
wie der greise Simeon das Kindlein auf seine Arme nimmt und es preist als „das Licht zur Erleuchtung der Heiden und zur Herrlichkeit des auserwählten Volkes“. Dadurch ist das Licht in die Mitte des Tages gerückt, Christus, das Licht der Welt, und die hohe heilige Trägerin des Lichtes, die auserwählt war, es in das Dunkel der Welt hineinstrahlen zu lassen. Unter allen geschaffenen Dingen, die die Kirche in den Reichtum ihrer Symbolik aufgenommen hat, ist das Licht am meisten dazu angetan, Geistiges zu verkörpern und darzustellen. Wie herrlich geht das aus der Liturgie des Karsamstages und der Weihe der Ostertage hervor. Und am Ende der Festzeit, die uns das Kommen, die Erscheinung des Lichtes hat begehen lassen, steht der Lichttag.
Das Licht als das Reine, Saubere, Klare u. Helle ist der Feind alles Unreinen, Dunklen und Finstern; als das lebendig Emporlodernde und Flammende, Feind allem Trägen u. Lahmen; als das Brennende und Erwärmende Feind allem Erstarten und Erkalteten. Wie die Sonne mit ihrem Licht allem Geschaffenen Leben gibt im Bereiche der Natur, so kann Christus von sich sagen: Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt wandelt nicht in der Finsternis. Und dieses Wort, das seinem tiefsten Sinn nach nur von Ihm gelten kann, Er selbst wendet es auch auf uns an, die wir
Sein Licht empfangen haben und berufen sind es in uns groß und leuchtend werden zu lassen und dann hinauszutragen in das Dunkel um uns: „Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf dem Berge steht, kann nicht verborgen bleiben. Auch zündet man kein Licht an und stellt es unter den Scheffel. Laßt also Euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater preisen, der im Himmel ist.“ Auch hier wieder: letzter Sinn und tiefste Erfüllung unseres Tuns ist die Verherrlichung des Vaters! Wir wollen den Herrn bitten, daß Er in uns Sein Licht entzünden wolle, daß es unser ganzes Sein durchstrahle, alle hellen und dunklen Stunden unseres Lebens, und wir aus Seiner Kraft gläubig vertrauend das Dunkel unserer Zeit zu überwinden vermögen.
Lichttag, Tag des Herrn, der das Licht der Welt, das Licht schlechthin ist, und Festtag Seiner heiligen Mutter, die uns das Licht gebracht hat. Freudig singen wir es mit der Kirche: Lumen christi – Deo gratias!
Liebster, so wollen wir den Tag begehen und uns in diesen Gedanken und unserem Gebet füreinander ganz eins wissen
Deine Marga.