Marga Broil an ihren Mann August, 6. Februar 1944

Sonntag Septuagesima.

Mein lieber August,

es ist Sonntagabend, ein wunderbar klarer Abend nach einem stillen Sonntag, an dem sich die Sonne zum ersten Mal wieder herausgewagt hat. Heute hat es mich so richtig gepackt, mal wieder aus der Stadt herauszukönnen, für Stunden draußen sein zu dürfen, wo Auge und Herz sich beim Anblick der Natur erholen können. Denn seitdem Du wieder fort bist besteht mein einziges Unterwegssein im Pendelverkehr zwischen zu Hause und den Wänden des Büros, dazu noch per Straßenbahn. Da trieb es mich eben einfach hinaus und die halbe Stunde des ziellosen, ruhigen Daherschreitens in der Kühle des sinkenden Tages hat mir so gut getan. Dann habe ich mit Echen noch ein Plauderstündchen gehalten. Sie liegt seit Tagen wieder mit einer starken Erkältung zu Bett, und mußte mir unbedingt etwas von den schönen Geschichten erzählen, die sie schon alle in der Zeit gelesen hat. Die Eltern sind gestern mittag nach Recklinghausen gefahren, so hatten wir heute das Reich alleine und ich die Verantwortung, daß alles seinen rechten Lauf nahm.

Septuagesima. Heute treten wir mit der Kirche in den zweiten großen Festkreis des Herrenjahres, den Osterfestkreis. Die schönste Bereitung darauf war mir Dein Brief vom Lichtmeßtag, den ich gestern erhielt. Trotz aller Begrenztheit des geschriebenen Wortes – welch tiefe Bereicherung erfahren wir immer wieder durch unsere Briefe als Brücke der Gedanken und Empfindungen von Dir zu mir und von mir zu Dir. Wieder schicken wir uns an, uns gemeinsam auf das Osterfest zu bereiten. Voriges Jahr geschah es in den ersten zagen Versuchen gemeinsamen Tuns vor Gott und nun kann es in einem viel tieferen, umfassenderen Maße geschehen, da unsere Gemeinsamkeit jetzt auch die letzten Tiefen unseres Seins umschließt.

Wie fein schreibst Du von der Gemeinsamkeit unseres Wirkens im Tun des Alltags, in all den kleinen und großen Verrichtungen des Tages, den wichtigen und den oft so unwichtigen Arbeiten, die die Pflicht von uns fordert. Wenn wir all das, was wir jetzt als hartes Muß empfinden, mit unserem Willen aufnehmen, bejahren und so in den Dienst unseres Lebens stellen, das wir einmal in voller Gemeinsamkeit in Familie und Heim zu führen hoffen, dann erfährt unser jetziges Tun einen viel tieferen Sinn und wir vermögen es in Freude zu

gestalten. Freilich gehört dazu ein immer neues Beginnen, ein täglich neues Vergegenwärtigen dieser Gedanken.

Wenn ich abends Rückschau halte über den Tag, dann finde ich oft, sehr oft, manch leere Stelle darin, die vor dem Herrn nicht bestehen kann, wenn ich das Tagewerk vor ihn hintrage. Und auch vor Dir, Liebster, kann sie nicht bestehen, wenn ich meine Pflicht nicht ganz erfüllt habe darin. Denn jede Rechenschaft, die ich vor Gott und mir selbst ablege, muß nun auch eine Rechenschaft vor Dir sein. Dann können wieder andere Tage sein, die mich abends rechtschaffen müde sein lassen, und wenn es mir dann auch schwer ist, daß ich geistig fast zu nichts mehr fähig bin, dieses Müdesein ist doch ein wohliges Gefühl, weil das Bewußtsein dahintersteht, alles getan zu haben, was man tun konnte.

Wie viel bleibt uns noch zu tun an der Erfüllung unseres Alltags, an seiner Heiligung von unserem Christsein her! Denn mit der bloßen „Erledigung“ eines vorgeschriebenen „Pensums“ ist es allein ja noch nicht getan. Das „Wie“ unseres Tuns muß unseren Tag von dem Tag eines pflichtbewußten Nichtchristen wesentlich unterscheiden. Statt dessen müssen wir uns nochmal eingestehen, daß er weit hinter diesem zurücksteht.

Mein lieber August, wir wollen zum Beginn der Vorfastenzeit in gemeinsamem Bemühen darangehen, allen Forderungen, die der Tag an uns stellt, in unserer Arbeit, in der Begegnung mit den Menschen unserer Umgebung, in den vielfältigen Situationen, in die wir hineingestellt werden, gerecht zu werden versuchen; wenigstens unsere ganze Kraft dafür einzusetzen. Denn die Forderungen des Tages sind ja nicht um ihrer selbst willen da, es sind letztliche Forderungen, die Er an uns stellt, wenn wir es in unserer Kurzsichtigkeit auch meist nicht erkennen. Und dieses Treusein in den täglichen kleinen Dingen fällt uns ja viel schwerer als in den großen Entscheidungen, die nur hie und da einmal von uns gefordert werden.

Du, Liebster, es ist doch schön zu wissen, daß wir damit jetzt in der Zeit der Trennung so viel miteinander und füreinander wirken können auf das gemeinsame Ziel hin. Wenn es auch nur ein langsames Vorwärtsschreiten ist, - von heute auf morgen ist noch nie etwas erreicht worden – wenn es stetig geschieht, muß es uns weiterbringen.

Ach August, es ist doch etwas Herrliches, daß unsere Gemeinsamkeit nun alle Gebiete, alle Bezirke unseres Menschseins umfaßt, wie sie sich immer weiter auftun können, um uns gemeinsamer Besitz zu werden.

Auch jetzt in der Zeit der Trennung ist uns dazu noch so manche Möglichkeit gegeben und wir wollen sie recht auszunutzen suchen. Dann werden wir in jedem Beieinandersein, das uns nach der Trennungszeit geschenkt wird, - mit wieviel Sehnsucht und Freude halten wir danach Ausschau – den Schritt näher zueinander und tiefer ineinander vollziehen können, der geistig und seelisch in der Zwischenzeit gewachsen ist.

So soll unsere Zeit jetzt ein dankbares Bewähren aus der Kraft und der Fülle des Glücks unserer Hohen Zeit sein und zugleich ein inneres Rüsten und Bereiten auf das Fest des nächsten Zusammenseins, das wir hoffentlich recht bald schon erwarten dürfen.

Der Sonntag ist wieder vorüber. Allzu rasch fliehen seine Stunden dahin, auf die ich mich doch die ganze Woche über freue. Nun muß ich im Briefe wieder Abschied von Dir nehmen, aber ich kann Dir ja froh auf Wiedersehen sagen, denn Du wirst bald wieder bei mir sein.

Deine Marga.