Marga Broil an ihren Mann August, 15. Februar 1944
Am Abend des 15. Februar 1944.
Mein lieber August,
gestern ließen die Tulpen, die uns in unseren gemeinsamen Stunden so erfreut haben, ein wenig die Köpfe hängen und die Blätter hatten sich tief über das bauchige Rund des braunen Tonkruges hinabgeneigt; heute recken sie sich wieder in sanfter Biegung nach oben und man sieht ihnen an, daß sie die zarten, behutsam ineinandergefalteten Blütenblätter noch ganz weit entfalten wollen.
Das Geschehen in der Natur und den Dingen, die uns umgeben, stehen immer in Beziehung zu uns, und sie sind uns besonders nahe, wenn wir sie als Bild und Ausdruck dessen empfinden, was in uns selbst vor sich geht. So erging es mir auch beim Anblick der Blumen gestern und heute und ich erzähle Dir von dem Bild, daß es Dir das andere künden soll.
Liebster, wenn ich nun wieder zu Dir komme, da die Ferne uns räumlich trennt, kann es nur im Briefe geschehen und in den sehnenden Gedanken, die alle Stunden meines Tages zu Dir gehen. Weißt Du, nach den Tagen, in denen wir uns so ganz nahe sein
konnten, in denen wir wieder die ganze Tiefe und Beglückung unseres Einsseins verkosten durften, ist es nicht leicht im Briefe die Worte zu finden, die wirklich die innersten Regungen des Herzens und seine tiefsten Empfindungen offenbar werden lassen. Welch große, ungeheure Bereicherung haben sie durch unser Zusammensein wieder erfahren; alle Gedanken der nun anhebenden Trennungszeit vermögen sie nicht zu erschöpfen. Du, wenn ich all das feine Erleben unserer gemeinsamen Tage bedenke, möchte ich fast erschauern vor der Selbstverständlichkeit, mit der wir alles hingenommen haben; wie wir nur unsere Seele und unseren Leib wie eine geöffnete Schale bereithielten, uns durch die Gnade des Herrn von unserer Liebe überreich beschenken zu lassen. Und doch, macht das nicht die besondere Schönheit des Erlebens aus, daß wir uns ihm mit solcher Unbekümmertheit, mit solch, ich möchte fast sagen heiliger Selbstverständlichkeit hingeben können, frei von aller skrupelhaften Belastung? Diese Freiheit schenkt uns das Bewußtsein unseres Stehens in der Schöpferordnung Gottes, in die wir uns immer wieder mit all unserem Denken und Tun hineingeben wollen. Wir müssen den Herrn nur immer wieder inständig darum bitten, daß das Gesetz Seiner göttlichen Ordnung
das Gesetz unseres Willens bestimmt, und nicht nur das Gesetz unseres Willens, sondern auch unseres Herzens und seines Sehnens und Verlangens.
Mein lieber August, gestern abend ist es über dem Schreiben recht spät geworden. Die Gedanken an all unser Erleben nahmen mich so in ihren Bann, daß ich einfach nicht mehr weiterschreiben konnte. Nun ist es Mittag und mitten im Getriebe des Tages gehen meine Worte nun zu Dir. Wieder sind wir in den festlichen Stunden einen guten Schritt weitergekommen auf unserem Weg und unser jetziges und zukünftiges Tun hat darin eine feste, gemeinsame Ausrichtung gefunden. Die Festtage innigster Gemeinsamkeit haben uns nun wieder in den Alltag des Getrenntseins entlassen, doch wir spüren beglückt, daß wir nach solchem Erleben nie mehr ganz allein sein können, daß das Wesen des geliebten Menschen, der uns das zweite Ich geworden ist, so innig mit dem eigenen verbunden ist, daß wir es zutiefst in uns tragen. Wenn dieses Gefühl innigsten Verbundenseins uns nicht mit solchem Trost, mit solcher Freude erfüllen würde, wie wäre dann der Schmerz des Scheidenmüssens, den ich wie ein gewaltsames Auseinanderreißen empfunden habe, zu ertragen? Du Liebster, es ist für mich etwas so Neues
unfaßbar Schönes, mich ganz den Empfindungen meines Herzens hingeben zu können, ihnen leben zu können, ohne daß der Wille ihnen Zügel anlegt, ihnen Einhalt gebietet und ihrer Fülle und Köstlichkeit beraubt. Das gilt in gleicher Weise von der Liebe, der Freude, dem Schmerz und der Tränen. Ach, wozu ist das Menschenherz nicht alles fähig, welche Tiefen zeigt es uns auf, wenn es von diesen Kräften ganz erfaßt und durchdrungen ist. Mit Freuden gewähre ich jetzt diesen Kräften das Vorrecht in der Gestaltung meines Lebens gegenüber denen des wägenden Verstandes, obgleich auch jenen ihr rechtes Feld zugeteilt werden muß.
Liebster, spürst Du wie die Freude und das Glück wieder Oberhand in mir gewinnen? Ja, und ich möchte beten, wie ich es am Ende der Opferfeier so oft getan habe, so auch jetzt am Ende unserer glückhaften Tage, die eine einzige große Freude waren:
„Jetzt, o Herr, entläßt Du mich aus Deiner Kraft, aus Deiner Freude in meinen Tag. Ich will tun, was Du willst in Freude, ich will folgen wohin Du willst in Freude, ich will arbeiten und wirken in Freude. Hilf mir dazu in Deiner Liebe, stärke mich dazu mit Deiner Kraft; erhalte in mir Deine Freude!“
Ich grüße Dich Liebster, aus dieser Freude herzlich
Deine Marga.