Marga Broil an ihren Mann August, 17. Februar 1944
Köln, den 17. Februar 44.
Mein lieber August,
gestern kam Deine Karte zu mir, die mir von Deiner guten Ankunft in Bremen erzählt hat. Ich hatte mir doch Gedanken darum gemacht, ob alles klappen würde. Ja, Liebster, es ist so wie Du schreibst, so schön und so schwer wie dieses Mal, war der Abschied noch nie. Das haben wir beide empfunden. Wir konnten in der verschwiegenen Stille und Dämmerung unseres Zimmers die letzten Minuten des Zusammenseins so gestalten, wie es dem Verlangen unserer Herzen entsprach; während wir beim Abschied auf dem Bahnhof alles hätten zurückdämmen müssen, weil wir den Blicken fremder Menschen preisgegeben waren. Du, wir wollen das Heiligtum unserer Liebe hüten als unser Geheimnis, von dem wir den Schleier der Verborgenheit nie ganz heben dürfen.
Nun spannt der Alltag uns wieder ordentlich ein. Herr Fieth hat mir über der Freude, daß ich wieder da war, das Fehlen gern verziehen, aber das Versäumte muß trotzdem nachgeholt werden. – Gleich am ersten Abend nachdem Du fort warst, bin ich zu Deiner Mutter gegangen. Es drängte mich einfach dazu. Ich habe ihr gegenüber immer das Gefühl, als ob ich etwas abzubitten, etwas gutzumachen hätte,
und wenn es nur darin besteht, daß ich die Schwere des Verzichtes auf Dich – und es fällt ihr wahrhaftig nicht leicht – etwas zu mildern versuche.
Else und Gisela waren auch da. Else hat mir gesagt, daß sie und Heinrich von sich aus alles dazu tun wollen, damit der Herrgott ihnen noch ein zweites Kind schenken möge. Es ist doch eine Freude zu sehen, wie die Liebe und das Gottvertrauen schließlich alle Bedenken und Einwände der Vernunft besiegen. Der Schöpfer wird einem guten Willen, der so hart errungen ist wie hier, auch sicher Seinen Segen nicht versagen.
Für Gisela war unsere Hochzeit doch das Erlebnis ihres kleinen Lebens. Die Eltern müssen mit ihr Kutsche fahren, alle Puppen bekommen Schleier, die Mutter soll singen wie wir beide an der Hochzeit, und mich hat sie gleich gefragt, wo denn der Schleier und das weiße Kleid wären. Wie tief sich ein solches Erleben doch in das Kinderherzchen senkt. Mit wieviel Sorge müssen daher die Eltern darüber wachen, daß sie alles negativ beeindruckende Erleben von dem zarten Empfinden fern halten.
Da ich nun so mit Plaudern begonnen habe, will ich Dir auch erzählen, daß gestern noch ein feines Geschenk für uns angekommen ist. Frl. Bolten, die früher bei
uns gewohnt hat, brachte uns einen feinen, glatten Holzteller, den wir als Brotteller zum täglichen Gebrauch benutzen können. Dann kam ein Päckchen von Maria L. Thurmair, auf Veranlassung von Hermann mit einigen praktischen Kleidungsstücken für mich und recht lieben Worten zu unserer Hochzeit. Daß „zwei von uns“ Hochzeit halten war ihr Veranlassung genug mit ihren Wünschen und Grüßen dabei zu sein.
Nun muß ich Dir noch von den amtlichen Dingen mitteilen. Der Familienunterhalt ist festgesetzt. Für Kriegstrauungen ist ein vorgeschriebener Satz von 32,- monatlich festgesetzt, wenn die Frau noch arbeitet und im Haushalt der Eltern wohnt. Das frühere Einkommen des Mannes spielt dabei keine Rolle. Bei eigenem Haushalt wird das Doppelte, also 64,- RM bezahlt und die Miete abz. Kosten für Heizung. Man wollte uns zuerst nur 32,- geben, doch jetzt sind 64,- + 25,- für Miete = RM 89,- pro Monat festgesetzt worden und für Jan. + Febr. habe ich das Geld schon bekommen. Ich zahle den Betrag auf Dein Sparkassenbuch ein, denn jetzt können wir ihn ja gut auf Seite legen.
Heute abend will ich mich bei der Bezirksstelle ummelden und Bezugscheine für Heiratsgut beantragen.
Mit der Wohnung Aachenerstr. wird es wohl nichts geben, denn im August ziehen die Leute selbst ein und für so kurze Zeit lohnt sich der Umzug nicht. Die Sache am Oberländerwall sieht dagegen recht günstig aus, 2 große Zimmer, eins mit fl. Wasser und evtl. Küchen- und Badbenutzung mit einer uns bekannten Arztfamilie zusammen, die die übrigen beiden Räume mieten. Hoffentlich klappt es.
Mein lieber August, das ist aber ein richtiger Plauderbrief geworden, aber das muß ja auch einmal sein, nicht wahr? Nachdem wir auf unserem abendlichen Weg über das Schreiben gesprochen haben, habe ich oft darüber nachgedacht. Weißt Du, wir sind meist bemüht einander im Brief eine festliche Stunde zu bereiten, die uns ganz den Gedanken um unsere Gemeinsamkeit und den Empfindungen unserer Herzen leben läßt. Das hebt uns aber ungewollt so weit über den Alltag hinweg, daß seine kleinen Dinge verblassen und meist vergessen werden. Ich meine, wir könnten recht froh darum sein. Hier und da wollen wir dann auch dem Erzählen in unseren Briefen Raum geben, so frei und gelöst wie wir es auch in den Stunden des Zusammenseins oft getan haben. So wie unsere Liebe immer mehr unser ganzes Menschsein erfaßt, wird es auch in den Worten sein, die wir zueinander senden.
Liebster, ich grüße Dich ganz froh und herzlich. Deine Marga.