Marga Broil an ihren Mann August, 19. Februar 1944
Samstag, den 19. Febr. 1944.
Mein lieber August,
nun ist der Winter doch noch gekommen, als ich heute morgen das Fenster aufmachte, kam mir die kalte Luft entgegen und draußen war alles weiß. Wenn Du jetzt hier wärest, würden wir sicher eine feine Schneefahrt in unser liebes Bergisches Land machen. Weißt Du noch wie schön das war im vorigen Jahr? – So aber sitze ich ganz still an meinem Schreibtisch, schaue in das Treiben der Schneeflocken hinein und schaue den Kindern zu, die sich im Schnee tummeln. Das trostlose Bild der Stadt und der Trümmer wird durch das weiße Kleid etwas gemildert: wie mit einer großen weißen Decke hat der Schnee alles eingehüllt und man möchte darüber die Zerstörung vergessen, die er verbirgt. Gerade schaut die Sonne ein wenig hinter den Wolken hervor und läßt die weiße Pracht noch schöner erstehen.
Ich bin heute mittag im Büro geblieben um zu arbeiten, doch jetzt habe ich die Zahlen bei seite gelegt und will die letzten Stunden der scheidenden Woche ganz bei Dir sein. Liebster, es ist ganz still in mir geworden seitdem Du wieder fortgegangen bist. Es ist eine so feine, glückhafte
Stille und sie gibt Raum für alle Schwingungen des Herzens, denen des Glückes und der Freude über das neu geschenkte Erleben unserer Gemeinsamkeit und denen des Schmerzes über die wieder vollzogene Trennung. Wie freue ich mich, wenn ich mich dieser Stille ganz hingeben kann, abends, wenn ich die Türe unseres Heimes hinter mir schließe und dann so ganz bei mir zu Hause bin und meine Gedanken zu Dir herübergehen. Ich suche mir dann vorzustellen, was Du zur gleichen Stunde tun magst, in der lauten Soldatenstube oder in Deinem Büro und wo dann Deine Gedanken wohl weilen. Gewiß wirst auch Du vor dem Einschlafen noch einen Gedanken zu mir herübersenden; ach, es tut so gut um das Hinüber und Herüber der Gedanken zu wissen, die aus der Tiefe des liebenden Herzens aufsteigen und uns so täglich einander begegnen lassen, mögen uns äußerlich auch noch so viele Kilometer voneinander trennen. Darum sind mir auch diese Stunden des Samstagnachmittag so lieb, weil meine Gedanken dann so ganz frei und ungestört zu Dir hingehen können, ehe die Woche in der Komplet ihren guten Abschluß findet. Heute möchte ich vorher noch zur Beichte gehen und muß Rückblick halten bis zum letzten Abend des alten Jahres, an dem
wir zuletzt gemeinsam in dem feinen, schlichten Raum von St. Georg das Bußsakrament empfangen haben.
Wieviel Gnaden, wieviel Gaben, welch überreiche Beglückung hat uns die Liebe des Herrn seitdem geschenkt! August, es überkommt mich oft mit aller Gewalt und ich kann es nicht fassen, daß wir eine solche Fülle von Glück und Freude empfangen dürfen, gerade in einer Zeit, da die Not und das Leid so tiefe, unübersehbare Runen in die Herzen und die Gesichter der Menschen gräbt. sie geht auch an uns nicht vorüber und wir wissen noch nicht in welcher Gestalt sie uns noch begegnen wird. Aber wie reich, schier unerschöpflich sind die Kraftquellen, die uns offen stehen, aus denen wir täglich empfangen dürfen. Legt das nicht zugleich eine ungeheure Forderung, eine heilige Verpflichtung auf unsere Schultern? Sieh‘ darum stehen heute all die Nachlässigkeiten, Schwachheiten und Vergehen, deren ich mich anzuklagen habe, angesichts der uns in besonderem Maße erwiesenen Liebe Gottes mit ganzer Wucht vor meiner Seele. Muß nicht der Herr die Frage an mich stellen: Was hättest Du mir darauf erwidern können und hast es nicht getan? Wie oft habe ich aus Trägheit unterlassen, was ich der Liebe Gottes und Seiner Ehre schuldig war.
Liebster, auch mit diesen Dingen, die in den Tiefen des Herzens verborgen sind, Liebe und Schuld vor Gott, kann ich nun nicht mehr alleine stehen, Du sollst darum wissen und ich will Dich daran teilnehmen lassen, so gut ich es kann. – Gleich werde ich wieder in unserer Krypta stehen zum Abendgebet der Woche und mich Dir in ganz besonderer Weise verbunden fühlen. War das schön, als Du vorigen Samstag mit dabei warst und Deine Stimme mitschwang im Chor der Gemeinschaft; wie unsere Seelen einander anriefen und antworteten im Wechselgesang des großen Gotteslobes: Ehre sei dem Vater … Wie es war im Anfang so auch jetzt … Ja, Seiner Ehre zu leben sind wir berufen und es wird uns nur im vollen Zusammenklang Deines und meines Lebens, unter Einsatz unseres ganzen Menschseins mit Seiner Gnade möglich sein.
Komm Liebster, wir wollen usnere Tage und unser Tun immer wieder gemeinsam auf unser großes Ziel ausrichten und uns so dankbar erweisen für all die Beseligung, die uns aus unserer Gemeinsamkeit erwächst, - dessen würdig sein können wir nicht.
Nun muß ich Dir wieder Lebe-wohl sagen. Möge der morgige Sonntag ein rechter Herrentag für Dich werden.
Liebster, ich denke Dein und bin immer mehr und immer inniger
Deine Marga.