Marga Broil an ihren Mann August, 22. Februar 1944
Herr, wahrlich ich suche – und finde in mir eine gar große Ungleichheit. Wenn ich stehe in Verlassenheit, so ist meine Seele wie ein siecher Mensch, dem nichts wohlschmeckt, dem alle Dinge unlustig sind; der Leib ist träge, das Gemüt schwer, inwendig Härte und auswendig Traurigkeit. Mich verdrießt dann alles, was ich sehe und höre, ob ich auch weiß, wie gut es ist, denn mir entfällt alle Schicklichkeit. Ich bin dann geneigt zu Fehlern, schwach den Feinden zu widerstehen, kalt und lau zu allen guten Dingen. Wer zu mir kommt, der findet ein ödes Haus, denn der Wirt ist nicht daheim, der da hohen Rat gibt und durch den das ganze Gesinde wohlgemut ist. – Herr, so aber der lichte Morgenstern aufbricht mitten in einer Seele, dann zergeht alles Leid, es verschwindet alle Finsternis und geht auf die lichte Heiterheit, Herr, dann lacht mein Herz, dann ergötzt sich mein Gemüt, dann freut sich meine Seele, dann ist mir so ganz hochzeitlich und alles, was in mir und an mir ist, das verwandelt sich in dein Lob. Was dann schwer, mühsam und unmöglich war, das wird alles leicht und süß: Fasten, Beten, Wachen, Leiden, Meiden und alle Strenge wird gänzlich zum Nichts in deiner Gegenwart. Ich gewinne dann manche große Entschlossenheit, die mir jedoch in Verlassenheit wieder abgeht. Die Seele wird mit Klarheit und mit Wahrheit und Süßigkeit durchgossen, daß sie aller Mühe vergißt. Das Hern kann süßiglich betrachten, die Zunge Hohes sprechen, der Leib alle Dinge mit Leichtigkeit angreifen und wer nur sucht, der findet dann hohen Rat für alles, was er begehrt. Mir ist dann, als hätte ich Raum und Zeit überschritten und stünde im Vorhof der ewigen Seeligkeit.
Köln, den 22. Febr. 1944.
Mein lieber August,
gestern abend – ich hatte mich zuvor noch mit den Gedanken Deines Briefes beschäftigt – fand ich in Dillersberger’s Stundenbuch die Worte von Heinrich Seuse. Er ist Mystiker und sagt in der ihm eigenen Sprache aus, was Du mir in Deinem Brief gesagt hast: Das Auf und Ab, das Steigen und Fallen des Rythmus‘ unseres Lebens vermag uns höchste Beglückung zu schenken, aber auch eine Schwere aufzuerleben, die durchlitten werden muß. Und scheint es nicht oft so, daß der Pendel je mehr er nach der einen Seite ausschlägt nach der anderen hin ausschwingen muß? Je mehr sich ein Leben zwischen beiden Polen vollzieht, nicht auf der mittleren Grenze ruhend, sondern von einem Ende zum anderen geschleudert, umso schwerer ist es zu tragen und zu ertragen, aber welch herrliche Möglichkeiten zu wirklich heroischer Gestaltung, zur Verwirklichung der Gloria Die liegen in ihm!
Es ist mir immer eine trostvolle Einsicht, wenn meine Gedanken sich mit Problemen und Schwierigkeiten
unseres persönlichen Lebens auseinandersetzen, die ganz die Prägung und Färbung unseres eigenen Wesens tragen, und mir kommt plötzlich die Erkenntnis, - durch ein Dichterwort, im Gespräch, in einer Begegnung, durch ein geschriebenes Wort – daß wir mit diesen Schwierigkeiten, so sehr sie den Stempel des Ureigenen tragen mögen, ja garnicht so alleine stehen, wie wir es annahmen; daß Menschen vor uns und neben uns um das gleiche ringen müssen. Und daß es nicht die Geringsten sind, sollte uns ein besondere Genugtuung sein.
Liebster, ich spüre so recht wie es mir immer besser gelingt, mich in die Vorgänge Deines Wesens, die Empfindungen Deines Herzens hineinzufinden. Manches war mir zuerst so fremd, daß es der ganzen Bereitschaft des liebenden Herzens bedurfte, um sich hineintasten zu können. Manches finde ich in Dir ausgeprägt, was ich aus den Andeutungen des eigenen Erlebens nur erahnen konnte. Das ergeht mir besonders bei den Geschehnissen, die uns das Leben schwer machen, die alle natürlichen und übernatürlichen Kräfte unseres Seins zu ihrer Meisterung in Anspruch nehmen. Obgleich auch in mir die Stimmungen des Herzens nicht in einer stets gleichen, ruhigen Unbewegtheit dahinfließen, sondern den Rythmus des Lebens,
der sowohl vom inneren wie vom äußeren Erleben bestimmt wird, unterworfen ist, ist mir doch eine so unmittelbare Folge der Gegensätze, wie Du sie erfahren mußt, völlig fremd. Wie gut ist es darum für uns beide, die wir miteinander auf dem Wege sind zu letzter schönster und erhabenster menschlicher Gemeinsamkeit, daß wir einander teilhaben lassen an den innersten verborgensten Vorgängen unserer Herzen.
Mein lieber August, die Tage sind jetzt manchmal hart und schwer, die Arbeit, die stundenlangen Tagesalarme, der tägliche Umgang mit so vielen gehetzten, abgekämpften Menschen, stellen oft die Heiterkeit des Gemütes auf eine harte Probe. Wie oft will mich die Müdigkeit übermannen, die immer eine Entschuldigung für ihre Existenz mitbringt und doch meist nur ein Mangel an Disziplin und Selbstbeherrschung ist. Wie viel bleibt uns noch zu tun! Täglich müssen wir neu ansetzen, und trotz allem Bemühen können wir am Abend bei der Frage: Was hättest Du noch mehr tun können und hast es nicht getan? nicht vor dem Herrn bestehen. Wenn auch keine großen Erfolge, aber unseren guten Willen wollen und können wir täglich vor Ihn hintragen. Und daß wir es in Gemeinsamkeit tun, läßt mich so froh sein
Deine Marga.